Tabus. Eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten Phänomens

Fürs Betrachten von Photographien existiert in dieser Stadt ein schöner Ort namens c/o Berlin. Die Institution ist im ehemaligen Amerika-Haus am Bahnhof Zoo untergebracht. Dorthin spazierte ich Anfang des Jahres und traf mich mit einer Begleiterin. Von Joel Meyerowitz, einem US-Amerikanischen Künstler der Streetphotography, sahen wir uns die Retrospektive Why Color? an. Wir schlenderten durch die Räume, schauten, erzählten: ohne Frage beeindruckende Photos, teils mit viel Witz aufgenommen, ungewöhnliche Perspektiven, alles das also, was ich an Photographien schätze. In einem der letzten Räume dann waren Portraits zu sehen – darunter ein nacktes Mädchen. Das Bild stammte aus den 70er Jahren. Meine Begleitung stutze, hielt inne, runzelte die Stirn.

Das Photo portraitierte eine etwa 14-Jährige, ihre Scham noch nicht behaart, die Spalte deutlich sichtbar. Kann man solche Photographien in der heutigen Zeit öffentlich noch zeigen? Der Bekannten bereitete das Bild Unbehagen. Mir eigentlich nicht, und ich fand es richtig, auch solche Photographien auszustellen, zumal von einem Künstler. Heute könne man aber solche Bilder nicht mehr in dieser Art zur Schau stellen, gab die Bekannte zu bedenken. Ich war skeptisch und denke, daß Päderasten oder Menschen, die nicht geschlechtsreife Mädchen lieben, selten ins Museum gehen und daß, selbst wenn solche Bilder nicht im Museum zu sehen sind, die Kunden solcher Photos durchaus an ihre Ware zu gelangen wissen.

Schnell waren wir in unserem Gespräch bei den aktuellen Museumsdebatten. Was dürfen Museen zeigen, was nicht? Wir kamen auf Dana Schutzʼ Open Casket, einem Bild, dem man cultural approbiation vorwarf: Weiße malen das Leid von Schwarzen. Das Museum in Manchester mit Hylas und die Nymphen von John Williams Waterhouse, ein feinschwülstiges Badesujet, in dem – ausgerechnet – der Mann das Opfer weiblicher Beutesehnsucht wird und ins Wasser muß. Das Bild wurde probeweise abgehängt, um eine Debatte zu inszenieren. Und vor allem erinnerte ich mich auf dem Heimweg an die Gemälde des Balthasar Kłossowski de Rola, genannt Balthus: Unterhosenmädchen. Eigentlich erotisch, weil es die Grenze zwischen der Geschlechtsreife einer Frau und der Unschuld des Mädchens uns zeigt. Kindfrauen, die in versonnener Pose daliegen, ihre Beine gespreizt, die Schenkel geöffnet.

Das mag heute womöglich noch mehr den Skandal auslösen, als solche Spreizungen es damals schon tat. Aber all diese Skandalisierungen in Sachen Kunst verkennen ein entscheidendes Kriterium: Betrachten und ästhetisch darstellen ist etwas anderes als anfassen. Diese basale Differenz in Sachen Kunst leuchtet manchen Ikonoklasten inzwischen nicht mehr ein.

Noch Anfang der 90er Jahre wurden die Balthus-Gemälde in Hamburg beim Sommertheater auf Kampnagel von einer Ballett-Truppe nachgetanz und szenisch umgesetzt. Schöne Posen, schöne Körper, aber auch der Akt von Gewalt, der zur Erotik dazugehört – was unser windelweiches Zeitalter gerne ausklammert. Mir gefiel, was ich da sah, und ich glaube, ich ging nicht einfach nur zu diesem Tanzstück, weil ich Frauen in weißen Höschen mag. Zumindest gab es Anfang er 1990er Jahre keine Debatte, ob solche Motive dargestellt werden dürfen. Aber die Zeiten – sie sind ein Wechsel. Das wußte mit dem Tabubruchsystem Pop bereits Bob Dylan zu besingen. Als Dylan 1965 auf dem Newport Folk-Festival das erste Mal eine E-Gitarre anschlug, schallte es „Judas!“ aus dem Publikum. Es gab einen Tumult. Doch wurden die Zeiten härter, und wer Tabus übertreten wollte, hat es inzwischen nach den lockeren 90ern relativ leicht, den Biedersinn zu provozieren.

Was ist Tabu? Signifikant tauchte der Begriff in der deutschen Sprache um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert auf, man kann sich die Kurve zur Häufigkeit schön beim Wortauskunftssystem der deutschen Sprache anzeigen lassen. Tabu stammt aus dem ethnologischen Kontext. Mit Freuds Buch Totem und Tabu gelangte der Begriff endgültig ins Vokabular der Geisteswissenschaften und ward daraus nicht mehr getilgt, wurde irgendwann um die nächste Jahrhundertwende, die eine Jahrtausendwende war, zur moralpolitischen Waffe eines Teils der Linken: was man sagen, was man malen, was man schreiben dürfe.

Wurde früher ein Tabu gebrochen, so verstieß der Waghalsige gegen die Konventionen der noch halbwegs intakten bürgerlichen Gesellschaft – wobei auch diese Gesellschaft im Unterfutter von Widersprüchen und Aporien getragen war, doch kamen die nicht explizit zum Bewußtsein, die Sphäre war noch halbwegs in der Ordnung, zumindest im Glauben an sich selbst, was ja bereits viel Wert ist. Solcher Bruch, als ein partiales und damit eben singuläres Ereignis, funktionierte auf verschiedenen Feldern recht gut: im bürgerlichen Eheleben des 19. Jahrhunderts, bei der Sexualität und der Partnerwahl bis weit ins 20. Jahrhunderts hinein, im Politischen und vor allem in der Kunst. Allerdings – es durfte punktuell nur die Regel verletzt werden. Wer permanent Regeln übertritt, erzeugt am Ende Gewohnheit und das Tabu wird zur Norm. Fatale Dialektik des Begriffs. Heute sind die Dinge komplexer, die Gesellschaft offener, die Tabus sind inzwischen andere.

Damals reichte schon Bretons Diktum vom Revolver und der Menge, um einen Skandal auszulösen. Oder die Aufführung eines Schönberg- oder Strawinsky-Stückes, wie in Wien und Paris, wo es zu erheblichen Tumulten kam.

Wo gibt es heute Tabus, und zwar in dem Sinne, daß man überschreiten kann, ohne die Grenze restlos zu zerstören? – Tabus, die nicht Rechtsbruch meinen. Kinder in obszöne Posen zu zwingen oder Frauen zu vergewaltigen, ist kein Tabubruch, sondern schlicht ein Rechtsbruch. Um solche basalen Aspekte geht es mir nicht, sondern vielmehr stehen beim Tabubruch gesellschaftliche Konventionen – Moralvorstellungen also und soziale Normen – im Vordergrund, die so oder aber auch anders ausfallen können. Etwa die politische Rede, der Umgang mit Nacktheit in der Gesellschaft, die Frage, ob es schicklich ist, ein Mädchen in der Weise auf einer Photographie zu präsentieren wie Meyerowitz. Wobei ich diese Photographie andererseits als harmlos betrachte, wenn ich an die Bilder von David Hamilton denke oder die eindeutig erotischen Mädchenphotos von Jock Sturges. Bei Meyerowitz bleibt es an der Grenze. Man kann solche Pose problematisch finden, aber sie sind von der Bildaussage und durch den Aufbau des Bildes eigentlich neutral. (Und solches Problematisieren führt zudem am ästhetischen Eigensinn des Kunstwerkes, an den Fragen der Form, der Gestaltung, der Erweiterung der Grenzen von Kunst regelmäßig vorbei.)

Es gibt Tabus, da kann es die sozialen Grenzen erweitern, wenn man sie verletzt, etwa die Ehe für Gleichgeschlechtliche, das Küssen in der Öffentlichkeit, Sex vor der Ehe und mit wechselnden Partnern. Ebenfalls lassen sich durch den Tabubruch soziale Normen testen. Diese Art von Bruch ist überhaupt erst philosophisch, soziologisch und in Debatten interessant. Ebenso existieren nicht nur bei Linken wie Rechten Tabus, die regressiv sind und freies Denken, Sprechen und die Freiheit der Kunst in eine Grenze pressen wollen. Wer meint politisch korrekt alles regeln zu können und verletzungsfreie Kommunikation zu installieren, errichtet lediglich ein Orwellsches Neusprech und verletzt damit genauso und schränkt ein: nämlich die Freiheit des Wortes. Was nicht bedeutet, alle sagen und jeden beleidigen zu dürfen. Näheres regeln die Strafgesetze eines Landes.

Einst traten die künstlerischen Avantgarden an, um Tabus der Kunst zu brechen, wenngleich in der Geschichte der Kunst schon immer Regeln transzendiert und die Grenzen künstlerischen Ausdrucks erweitert wurden: Was anderes als ein Tabubruch ist der Einzug der Zentralperspektive in die Malerei? Daß die unterschiedlichen Größen von abgebildeten Personen nicht mehr deren Wichtigkeit bedeuteten, sondern räumliche Nähe und Ferne zeigen. Rangunterschiedliche Menschen wurden nicht mehr über die Größe differenziert, sondern andere Merkmale taten ihren Zweck – etwa die Farben von Gewändern. Das kostbare Blau aus dem Lapislazuli-Stein und das Gold waren nur wenigen Personen vorbehalten: Maria, Jesus, Königen. Was wir wie und in welcher Art sehen wollen und können, der andere Blick und die Erweiterung der Gattung wie auch des Sehens stellt sich erst durch den Bruch von Konventionen ein: Künstlerische Tabus eben. Nichts Neues eigentlich – das reicht von El Greco bis zu Beuys und Castorfs Theater der 90er Jahre oder zum Einzug des Kitschs in die Kunst. Die Fortschrittspirale der Kunst dreht sich. (Ob sie sich freilich auch höher schraubt, steht inzwischen auf einem anderen Blatt.)

Heute scheint es allerdings vielfach umgekehrt: fast alle Tabus der Kunst sind ausgereizt, selbst wer seinen eigenen Körper malträtiert, wie der österreichische Aktionskünstler Flatz oder wer wie Marina Abramovic und Ulay in Rest Energy mit dem Tod spielt, indem etwa der Pfeil eines Bogens auf einen zielt und dessen Sehne allein durch die Kraft von Ulays Arm gehalten wird, bricht damit kein wirkliches Tabu mehr.

Heute ist es vielmehr umgekehrt: Die Grenzen der Kunst sind dicht, Tabubruch in der Kunst wirkt häufig kalkuliert. Und es scheint sich eine umgekehrte Tendenz zu etablieren: Nicht mehr verletzt der Künstler ein Tabu, sondern eine kulturalistischen Linke trägt immer neue Tabus ins Feld der Kunst hinein und schreibt vor, was geht und was nicht geht. Ein Gedichte an einer Wand einer Hochschule, wie just das von Eugen Gomringer in Berlin: angeblich ein männlicher sexualisierter Blick. Bücher werden auf Reizwörter abgeklopft, wie jüngst 2016 beim Bachmann-Lesen der Text aus Astrid Sozios Debütroman Das einzige Paradies. Es kam darin mehrmals das Wort „Neger“ vor. Ja, in der Tat, Rollenprosa, was man als literarisch gebildeter Zuhörer wissen sollte: die Differenz zwischen Autor und Romanfigur und daß es tatsächlich Menschen gibt, die so sprechen, weil nämlich solche wie Frieda Trost – die Protagonistin dieses klugen Romans – weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt hat. Daß eine wie Frieda PoC sagt, dürfte kaum vorstellbar sein und hätte unbedingt die Rüge des Lektors zur Folge haben müssen. Politische Hilflosigkeit einer identitären Linken: Auf zum letzten Rückzugsgefecht! Wo sie gesellschaftlich nur noch wenige Stiche sieht, kapriziert sie sich auf die Sprache und auf die Kunst – sozusagen eine hilflose symbolische Ersatzhandlung am symbolischen Objekt, das den Mangel an eigener Bedeutung kompensiert.

Nichts bleibt verschont: Solche Exzesse des Rechtschaffenen als Pose ohne Politik reichen bis zum Jugendbuch: Der Kinderfasching in Ottfried Preußlers Die kleine Hexe: er ist Cultural approbiation. Muß weg. Der Willkür, weshalb Kunstwerke verbannt werden, sind keine Grenzen gesetzt, denn schon lange nicht mehr zählen binnenästhetische Kriterien oder gar komplexe Denkgebäude ästhetischer Theorien, sondern bloßer Verdacht oder einfach nur ein Unbehagen reichen aus. Am besten noch, im Sinne auch des Hashtag-Denkens, verbunden mit einer provokanten These. So bleibt man politisch im Gespräch, und es lassen sich prinzipiell immer neue Vorwürfe erfinden: Gerauchte Zigaretten in Die Abenteuer des Huckleberry Finn – am besten rausstreichen, denn Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit und für Kinder ist Rauchen eh tabu.

Man könnte dann auch gleich den zauberhaft-harten Jugendfilm Nordsee ist Mordsee miterledigen. Nicht nur Rauchen, sondern auch Gewalt, Prügeleien und da wird dann ein Vietnamesen-Junge und auch seine Mutter „Schlitzaugen“ genannt. Und dann kann der Junge noch Kung Fu oder gibt es vor: Typische Klischeebilder und Zuschreibungen: Ja, man findet, wann man finden will. Was einmal als echter und tatsächlich notwendiger Schutz von Minderheiten antrat, ist zur identitätspolitischen Farce geworden.

Sexuelle Gewalt in Apollinaires Die elftausend Ruten: Verbieten am besten oder per Gesetz eine Triggerwarnung im Buch erzwingen. In den USA wird, so las ich, inzwischen bei literaturwissenschaftlichen Seminaren vor bestimmten Inhalten von Texten gewarnt.

Was nützt es aber, alles das, was Widerspruch erregt, aus der Öffentlichkeit zu verbannen oder mit Triggerwarnungen zu versehen? Zumal in Museen und Seminaren, die sowieso bereits geschützte Orte sind. Mündige Bürger entscheiden selbst, was sie sich zumuten. Diese Mündigkeit als Form der Aufklärung, auch im Kantischen und Hegelschen Sinne, wird den Menschen inzwischen von einer bestimmten identitären Linken nicht mehr zugetraut. Insbesondere an Universitäten immer häufiger zu beobachten. Allerdings: Studenten sollten einen Grad an Reife erreicht haben, daß sie auch unangenehmere Szenen aushalten können. Wer das nicht will, sollte keine Universität besuchen, sondern eine Therapie.

Andererseits hat,  das ist die Ironie der Sache, wer sich von Kunstwerken getriggert fühlt, alles richtig gemacht. Böse könnte man sagen, er ist dem Wesen der Kunst deutlich näher als der abgeklärte Ästhetiker oder der kluge Kunstkritiker, den kein Werk mehr aus der Bahn werfen kann. Nur eben: Man muß den Getriggerten zum Bewußtsein der Sache wieder zurückbringen, daß sich aus seiner Erregung nicht das Verbot folgern läßt, sondern daß Kunstwerke auch gesellschaftliche Widersprüche (explizit oder implizit) zum Thema machen können und qua Inhalt oder über die Form aufgreifen. Daß Kunstwerke in der Tat im Modus des Scheins auch Intensität erzeugen können, daß sie die Affekte bedienen. Die Aristotelische Poetik dürfte vielen heute nicht mehr gut bekannt sein.

Interessant an diesen von außen an die Kunst herangetragenen Konflikten ist allerdings, daß hier zwei Tabus kollidieren. Die moralisch einwandfreie, korrekte Kunst, in der niemand verletzt werden darf, Gewalt, Sex, Rassismus also als Tabuthemen, beißt sich mit der Forderung, daß Kunstwerke unversehrt bleiben müssen, mithin dem Tabu, die Autonomie der Kunst und die des Künstlers nicht anzutasten. Man kann darüber nachdenken, was dieser Konflikt bedeutet. Gerade dort, wo neue Tabus errichtet werden und wo die Kunst wieder in Grenzen gezwungen wird, zeigt sich nämlich, wie fragil die Autonomie der Kunst ist. Zumal es sich um eine Errungenschaft jüngeren Datums handelt. Ähnliches gilt für die liberale Gesellschaft. Insofern ist dieser Text als eine kleine ästhetische Phänomenologie eines vertrackten und nicht nur bloß ästhetischen Phänomens gedacht, das weit ins Politische hineinreicht. Wie schnell sich die Grenzen unserer Wahrnehmung verschieben können und wie plötzlich neue Tabus entstehen, zeigte der Bekannten und mir dieser Museumsbesuch in Berlin. Wir sprachen über eine Sache, die früher keiner Rede wert gewesen wäre, die aber inzwischen auch den ästhetischen Diskurs erreichten. Früher hätten wir über die Komposition der Photographien gesprochen, über das neue Sehen und die so andere Perspektive der Kamera, die unser Sehen und damit auch unser Wahrnehmen erweitert.

Der Bruch von Tabus ist insofern nötig, weil er Debatten anregt. Das gilt selbst für jene neue Tugendgarde. Sie erst zeigt uns, wie wichtig die Freiheit des Denkens und die Freiheit der Kunst ist und weshalb es unabdingbar ist, diese Freiheit zu verteidigen.

(Dieser Text erschien ursprünglich im CulturMag, Spezialheft Tabu)