Narziß, Echo und Karneval

Wir sind vom Schein des Bildes bezaubert, geben uns den Bildern hin, verharren, fixieren uns: „Während den Durst zu löschen er strebt, wird anderer Durst wach; denn im Trinken vom Schein des gesehenen Bildes bezaubert, liebet er nichtigen Wahn: er hält für Körper, was Schatten. […] Was Leichtgläubiger, strebst du vergebens nach flüchtigem Scheinbild? Nirgends ist, was du begehrst; sieh weg und es flieht das Geliebte; Schatten ist, was du gewahrst, vom widergespiegelten Bilde! Nichts ist eigen daran; mit dir nur kam und verbleibt er, weggehn wird er mit dir, wenn wegzugehen du vermöchtest.“ (Ovid, Metamorphosen)

Das Subjekt – ein Gesicht im Sande, Effekt einer Spiegelung und auch: einer Epoche. Und es zeigt sich hierin zugleich, wie das Begehren des Subjekts strukturiert ist: es haftet am Entzug (des Anderen). Begehren vermittelt sich nicht, sondern bleibt negativ, unstillbar, unerfüllbar. Begehren verweist immer auf die Abwesenheit, auf den Ort der Nicht-Präsenz. Geschieht es? Die Darstellung des Nicht-Darstellbaren.

Aber ich will mich nicht bei selbstreferentiellen Narzißten oder gar den Narzissen aufhalten und auch nicht bei den Strukturen von Subjektivität, sondern weiterhin gilt es, den Frohsinn und die Lust am Subjektsein, wenn schon nicht zu preisen, so diese doch im Bilde festzuhalten. Den Augenblick als Präsenz zu bannen. Denn schnell ist alles wieder vorüber.

Den versprochenen zweien Teil der Photographie-Serie zum Karneval in Berlin zeige ich auf Proteus Image.

Totalität des Subjekts?

Im Zusammenhang mit so mancher Debatte zu Sartre und zu der Selbstermächtigung des Subjekts, gerade gelesen, und das darf dann nicht vorenthalten werden, und zwar aus der Sartre-Biographie von Bernard-Henri Lévy:

„Ein Teil von mir versteht es durchaus, wenn Merleau-Ponty (und somit Deleuze) in der pathetisch gegen die Welt gewandten Aufrichtung des Subjekts (Herv. von Bersarin) die Quelle einer großen Gefahr erblickt: Und wenn sich, so sagt er [Sartre], gerade in diesem letzten Subjektivismus die wahre Quelle des Totalitarismus verbirgt? Wenn der große, der ursprüngliche Irrtum darin lag, die Welt des „An-sich“ von der des „Für-sich“ zu trennen und so dem „Für-sich“ alle Macht über ein „An-sich“ zu geben, das heute das Gesicht der Materie trägt, aber morgen schon und mit den gleichen Folgen das Gesicht anderer Gesichter tragen könnte – und somit das der anderen „Für-sich“ oder der anderen Bewußtseine, sofern sie Gesichter tragen? Wenn in diesem letzten Wahn, das cogito, in diesem Duell zwischen einem wieder souverän gewordenen Bewußtsein und einer durch diese Souveränität selbst amorph gemachten Welt – wenn gerade in dieser radikalen Trennung zweier Ordnungen, die dazu verdammt sind, nur in der Form des Schocks oder der Katastrophe aufeinanderzutreffen, Fanatismus, Intoleranz und die Versuchung „die Partei“ zum Absoluten zu erklären, wurzelten? Kurzum: Wenn Sartre somit ein Wegbereiter eines künftigen Totalitarismus wäre?“ (S. 255)