Unpäßlichkeit – Photographien aus Stendal

Krank, leicht kränkelnd. Kann ich derart derangiert heute alkoholische Drogen zu mir nehmen? Nein. Sollte ich zur Genesung abends einen Riesling trinken? Nein. Oder einen italienischen Rotwein aus meinem Lager? Sagt man den Rotweinen doch heilsame Wirkung nach. Besser nicht. Also gibt es nichts als Tee. Sowieso ist die Konzentration den Tag über geschwächt. Insofern liefere ich den Text zur Ausstellung „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“ in dem wunderbaren Ausstellungsort c/o Berlin erst am Montag. Heute zeige ich lediglich Bilder aus Stendal. Das kann frei von Anstrengungen getan werden und liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Stendal ist, kommt man von westwärts, der nächste Halt für ICEs auf dem Weg nach Berlin, wenn der ICE, wie gerade letzte Woche  und auch zuvor schon geschehen, wieder einmal verpaßte, in Wolfsburg zu halten. Von Stendal kann man dann nach Wolfsburg zurückfahren.

2012 muß das c/o Berlin aus diesen herrlichen Räumen des ehemaligen kaiserlichen Postfuhramts in der Oranienburger Straße ausziehen, weil ein Investor in die Räumlichkeiten ein Hotel hineinsetzen will. Berlin hat sehr wenige Hotels, da braucht es auch eines in dieser Gegend der Spandauer Vorstadt. Schade um dieses Gebäude, welches an der Kreuzung Oranienburger-/Tucholskystraße als Raum für Photos so imposant aufthronte, teils ranzig, verfallen, morbide. Ach, wie ich diese Ecken liebte. Aber es ist um Grunde egal, denn die letzten Reste von Urbanität sind aus diesem Viertel längst getilgt, es ist dies ein Zoogebiet für die Touristen geworden, ebenso wie die Oranienstraße. Hier wohnt nicht mehr der Koran und da drüben fängt schon lange nicht mehr die Mauer an.

Zumindest aber gibt es einen im ganzen doch sehr guten Platz für das c/o Berlin, nämlich das Atelierhaus im Monbijoupark, wo im Sommer die Ausstellung „Based in Berlin“ stattfand. Immerhin. Und sich in den Darkrooms des Bunkers Photos anzusehen: Na, das hat doch etwas.

Aber all das ändert nichts an meiner Übellaunigkeit, weil ich die Dinge, welche ich tun wollte, nicht recht tun kann. Hauptsache ich werde heute von allen in Ruhe gelassen. Es gleicht sich die mäßige Laune aber dadurch aus, daß ich mir am Sonntag vielleicht Lars von Triers „Melancholia“ ansehen werden. Im fiebernden Wahn schleppe ich mich ins Kino: the show must go on, denke ich. Ich denke, „Melancholia“ ist ein Film ganz nach meinem Sinne. Kalte Sterne, das Tristan und Isolde-Vorspiel. Und wie von Trier, so kürzlich im Interview, habe auch ich wohl manches mit der Protagonistin, gespielt von Kirsten Dunst, gemeinsam. Ein Szenario, das ich oft imaginierte.

Nun seien aber die Bilder aus dem mittelöden Stendal gegeben.

„Show you are not afraid. Go to restaurants. Go shopping.“
(Rudolph W. Giuliani)

Kurvenstar

Die für den letzten Samstag geplante Fahrt in den Osten des Ostens wurde zu einer Fahrt in den Westen des Ostens, weil ich bei meinen Vorbereitungen des Ausfluges befand, daß es nicht gut ist, in der ersten frühmorgendlichen Angriffswelle direkt in die aufgehende Sonne hineinzureiten, denn die Sonne steht momentan tief und sie blendet. Auf der abendlichen Rückkehr ereignete sich dann diese Blendung zum zweiten Mal. Ich sehe nichts und das ist beim Autofahren anstrengend. Ist das auf der Autobahn ein Igel, ein Apfel, der Teil eines Reifens, eines Unfallopfers, eines Kopfes? Bremste da jemand vor mir? „I see the light.“  Solcher Unbill muß nicht sein. Bei jedem Angriff der Sioux auf das Fort reiten die Sioux aus der Sonne heraus gegen das Fort, während die Soldaten der Kavallerie in den Laufgängen der Fortbrüstung in die Sonne blicken. So lernte ich es zumindest im sogenannten Western von Hollywood, der unser Bild von den Ureinwohnern prägte. Ob diese tatsächlich auf Pferden angriffen? Ich weiß es nicht. Also fuhr ich am Samstagmorgen westlich, über die Autobahn, Berliner Ring, auf die A 2, dann via Umgehungsstraßen an der Stadt Brandenburg vorbei, schöne Nebellandschaften in den Senken und an den Gewässern, über die Dörfer, über die Landstraße, die Elbe querend nach Stendal, was mich daran erinnert, daß ich demnächst mit der Lektüre Flauberts anfangen muß, um im Dezember einen Essay zu seinem Geburtstag schreiben zu können.

Nach dem Besuch in Stendal ging es in das Jerichower Land – und auch in das Dorf Jerichow. Was mich wiederum daran erinnert, mir den Debütroman von Jan Brandt „Gegen die Welt“ zu besorgen, zu lesen und vielleicht, insofern er bedeutsam ist, hier im Blog zu besprechen.

Die Photo-Serie „Ausgesucht öde Orte“ findet über das Städtchen Stendal mithin ihre Fortsetzung, wobei die Ödigkeit in Frankfurt/Oder größer ausfällt als die in Stendal. Was mich wiederum daran erinnert, daß sich am 21.11. der 200ste Todestag Heinrich von Kleists nähert. Auch dazu muß ein Text geschrieben werden. Die Öde Stendals will gesucht sein. In den Nebenstraßen findet man sie noch. Und es sprach mich beim Photographieren eines verfallenen Hauses eine Frau an: „Ausgerechnet das häßlichste Haus dieser Stadt müssen sie photographieren!“

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In den meisten Städten, in die ich einen Tagesausflug unternehme, mache ich es so, daß ich einfach drauflos spaziere, ich bereite mich nicht vor, ich weiß nicht, wo es hingeht, es kann also geschehen, daß ich das beste möglicherweise verpasse. Demnächst zeige ich – vielleicht – einige Photos aus Stendal, wenngleich ich mit der Ausbeute nicht recht zufrieden bin.

Am Sonntag ging es ins c/o Berlin, um die dort stattfindende Ausstellung „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“ anzusehen. Weiterhin gab es dort Photographien der Kriegsreporterin und Photo-Journalistin Anja Niedringhaus. Der Titel der Ausstellung lautet „At war“. Ich habe selten bessere Photographien gesehen. Nein, das ist nicht ganz richtig: es ist das beste an Photos, was ich seit Jahren betrachten durfte. Robert Capa, Donald Mc Cullin oder Philip Jones Griffiths schossen eindringliche Bilder von den Kriegen dieser Welt. Was Niedringhaus machte, kann man kaum in Worte fassen. Die Photos bilden nicht nur den Schrecken des Krieges ab und dokumentieren ihn, sondern sie schlagen durch eine Art der Komposition und durch die Bildsprache sowie das Formbewußtsein vor den Kopf. Ich bin immer noch wie im Rausch von diesen Photos, und bereue es heute fast ein wenig, 1987 nicht ein Angebot angenommen zu haben, nach Israel zu gehen, um dort Photos zu machen. Ich wäre kurz vor der ersten Intifada in Israel eingetroffen. Ich wäre heute berühmt oder tot. Nach dem Besuch der Ausstellung tat ich etwas, das ich sonst eigentlich nicht mache: ich kaufte mir das Plakat der Niedringhaus-Ausstellung. In der Regel hänge ich mir keine Photographien fremder Photographen in die Wohnung, weil ich an den Wänden meine eigenen Bilder rahme. Hier aber tätigte ich eine Ausnahme.

(Photographie von Anja Niedringhaus)

Ich schreibe über beide Ausstellungen demnächst. Nach dem Besuch im c/o Berlin flanierte ich durch Mitte und begab mich dann als Zielpunkt auf den Alexanderplatz. Der Photograph Harald Hauswald photographierte und photographiert häufig auf dem Alexanderplatz, beobachtete und verharrte dort, bis er das passende Motiv fand, wartete, bis die Anordnung der Menschen und die Konstellation stimmten. Es bilden sich im Vorbeigehen und im Stehenbleiben der Menschen Strukturen und Formen. Der Alexanderplatz eignet sich ganz hervorragend zum Photographieren von Menschen. Still setzt man sich an eine bestimmte Stelle und beobachtet. Es findet auf dem Alexanderplatz momentan ein Event namens „Oktoberfest“ statt. Ich werde dazu vielleicht eine Bildserie zeigen. Allerdings verspürte ich wenig Lust, dort so lange und bis in den Abend zu verweilen: wenn der Alkoholpegel steigt, so daß sich dann vermittels des Suffs von Menschen die richtig guten Photographien fertigen lassen.

Bevor ich meinen Heimweg antrat, blickte ich von der Empore unten am Fuße des Fernsehturms in den Sonnenuntergang der deutschen Herbstsonne – es soll mir keiner nachsagen, daß ich nicht ebenso einen Blick für das Schöne habe. Die intensiven Rötungen des Himmels entstehen durch die Aschepartikel in der Luft, in denen das Licht die Brüche erzeugt, welche sich als Rötungen niederschlagen. Partikelgestöber, wie es in Celans „Engführung“ heißt. Alles übrige war Meinung.

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Weiter ging es, nach Sonnenuntergang, in die Richtung zu meinem Auto, die Karl-Liebknecht-Straße herunter, dann rechts am Uferweg an der Spree entlang auf die Burgstraße und kurz bei Walther König in die Auslage geschaut. Wer gute Kunstbücher und Bücher zur Ästhetik möchte, wer gerne stöbert, der schaut mit Freude in dieser Buchhandlung vorbei. Natürlich nicht am Sonntag, sondern dann, wenn das Geschäft geöffnet ist. Den Hackeschen Markt sowie die Höfe ließ ich für heute rechter Hand liegen, obwohl sich insbesondere dort von Zeit zu Zeit Straßenszenen zutragen, die es lohnen, festgehalten zu werden. Unter den Gleisbögen der Bahn durch die Kleine Präsidentenstraße ging es am ehemaligen „Kurvenstar“ vorbei, wo ich einmal mit einer Frau einkehrte, die diesem Bar-Namen alle Ehre machte. Eine tolle, wunderbare Frau – noch heute: interessant, witzig, geistreich, lebendig und lebhaft und leider schwierig, kompliziert sowie durch und durch chaotisch. Ich hätte sie seinerzeit gerne geheiratet, aber dazu hätte ich ihr wohl einen Antrag machen müssen. Nein, ich heirate nicht. Zumindest nicht heute.

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Über den Monbijouplatz hielt ich auf die Oranienburger Straße zu. Eine interessante, verfallene Straße war dies. Einstmals. Es standen früher die Huren dort, der Straßenstrich spielte sich hier ab. Aber das ist alles ausradiert, sieht nun anders aus.

Denn es stört das Gewerbe der Sexarbeiterinnen den geordneten, verordneten Konsum von Cocktails, Drinks, Latte macchiato, und es nimmt sich die Nahrung beim Blick auf die Haut, auf grelle Jacken und auf Hotpants lange nicht so gut auf. Die Straße wurde glattgebügelt und nichts davon ist mehr zu sehen, wie es hier früher einmal aussah. Ich gehe am Fenster meines Zahnarztes vorbei, der dort schon lange nicht mehr praktiziert, weil das Gebäude grundsaniert wurde.

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Der abgebildetet Mercedes SL gehört mir zu meinem sehr großen Bedauern nicht. Der Reisebus zum Glück ebensowenig. Nicht daß jemand auf die Idee käme,  ich sei Busfahrer und auf dem Wege zu meinem Reisebus. And I’m not the passenger.