Gesamtkunstwerk Stalin, Gesamtkunstwerk Hitler, ein oder zwei Bekenntnisse und wie ich zum Rationalsozialisten wurde (Erste Lesung)

Auf dem Blog Exportabel wurde versucht, das Verhältnis der Linken zu den Massenmorden unter Stalin, resp. ihr Verhältnis zum real existierenden Sozialismus samt seinem Terror zu diskutieren bzw. es zum Thema zu machen, inwieweit die Linke diese ihre Vergangenheit in den Blick bekommen und aufgearbeitet habe. Über den Gang und die Art der Diskussion wird sich der Leser selber ein Bild machen können, wenn er mag. Insofern kommentiere ich die Dinge auf dem Blog nicht groß. Die Perspektiven sind sehr unterschiedlich; die Frage Genovas aber, jenseits der Polemik mancher Kombattanten, ist berechtigt. Ich empfehle natürlich auf der Ebene der Literatur als Lektüre Heiner Müller und Brechts „Maßnahme“. (Weitere Bücher kommen dann weiter unten.)

Ganz analytisch wird man zunächst folgende Aussagen treffen können:

a) Die Aufarbeitung des Terrors unter dem Zeichen des Sozialismus/Kommunismus sowjetischer Ausprägung ist zunächst einmal Sache der Staaten, die einst das Gebiet der damaligen Sowjetunion bildeten. Wieweit das geschehen ist, ob es in den Schulen ein ähnliches Aufarbeitungscurriculum gibt/gab wie in der damaligen BRD in den 70er/80er Jahren meiner Schulzeit in bezug auf den NS-Staat, vermag ich nicht zu beurteilen. Wenn heute noch in einigen Städten Stalin-Imitatoren herumstehen, meine ich, daß dieses Projekt noch in der Anfangsphase steckt. Zumindest ist ein Hitler-Imitator in Berlin schwer vorstellbar, wenngleich Anselm Kiefer einst in verschiedenen Städten ein solches Projekt durchzog.

b) Der Teil der (West-)Linken, welcher eine ausgeprägte Affinität zur Sowjetunion hatte – in der BRD war das die DKP sowie anhängende Organe –, sollten einiges nachholen, sofern er dies nicht bereits tat.

c) Der Teil der Linken, welcher sich indifferent zur Sowjetunion verhielt, könnte ein paar Gedanken verschwenden, damit bei der nächsten Utopieumsetzung sich nicht ähnliches ereignete. (Aber beim zweiten Mal wiederholt sich Geschichte ja bekanntlich als Komödie, da wird‘s dann nicht so schlimm.)

d) Die Linke, welche kritisch zum System der Sowjetunion stand (damit meine ich jetzt nicht die Maoisten, die haben ein ähnliches Problem) und dies seinerzeit deutlich kundtat, hat eher wenig Bedarf und sich insofern nichts vorzuwerfen.

e) Der öffentliche Diskurs: Ihn hat bis in die 70er, bis zur Serie Holocaust schon der Faschismus kaum interessiert. Ob ihn die Verbrechen Stalins/der Sowjetführung berühren, denke ich eher nicht.

Damit dürfte einiges klarer im Blick liegen.

Aufgrund der Heftigkeit der Diskussion möchte ich jedoch darum bitten, diese Dinge hier nicht zu kommentieren. Lassen Sie diesen Text einfach auf sich wirken und folgen sie ihm. Es ist dies ein unpolitischer Blog, und hier regiert mit großbürgerlicher Geste eine Thomas-Mann-ähnliche Figur, die auf eigentümliche Weise, als abenteuerliches Herz, an den Namen eines sowjetischen Generaloberst geraten ist.

Da ich zudem sowohl Stalin als auch Hitler in ästhetischer Hinsicht einiges abgewinnen kann, wäre hier sowieso nicht der richtige Ort für eine politische Debatte. Deshalb ein paar intime Bekenntnisse: Die schauspielerischen Auftritte, die Art, sich aufzuführen, die geniale Sprechweise und die großen Gesten dieses Mannes, mit dem man rosa Kaninchen stehlen konnte, pflegten ein Freund und ich im Geschichtsleistungskurs, ach an allen möglichen und unmöglichen Orten in der Unter- und Oberprima, sozusagen als Störfeuer, intensiv zu imitieren. Auch trugen wir an unseren Jacketts einen Badge aus jener Zeit (Es muß wohl ein „Kraft durch Freude“-Abzeichen oder etwas ähnliches gewesen sein.)

Natürlich waren das unreflektierte Pennälerspäße. Es gab auch engagierte Schüler, die uns zur Ordnung riefen, etwa als wir während der Vorführung von „Die weiße Rose“ Witze rissen. Wir hatten Lehrer, die absolut links waren, siebzigerjahrelinks, das Klischee des cordhosen- und fleckigbraune Umhängeledertasche tragenden Gemeinschaftskundelehrers stimmte exakt: Wildledermantelmann. Dank dieser Lehrer hatte ich jedoch eine Freiheit, die mir an jeder anderen Schule einen Verweis oder aber ein Verstummen eingebracht hätte. Insofern will ich darüber nicht lästern.

Das Ende beider Führer ist eines Theaterstückes würdig. Wir haben ein solches in unserer Jugend geschrieben. Der Film „Schtonk“ hat, unwissender Weise uns plagiierend, seine großartige Anfangsszene (fast) von uns geborgt. Die wunderbare Zarah Leander singt zum Beginn, „Davon geht die Welt nicht unter“, dazu sieht man ein zertrümmertes Berlin, und dann dieser Satz, draußen vor dem Führerbunker, fast schon im Wonnemonat Mai: „Der Führer brennt nicht!“. Von der herrlichen Nazi-Klamotte „Sein oder Nichtsein“ mal ganz zu schweigen. Natürlich sollte man das in der Fassung von Lubitsch sehen, das Remake ist nicht erwähnenswert. Es wäre insofern das Thema Humor und Faschismus eine eigenständige Erörterung wert.

x

x

Stalins Sterben, der stundenlang dahinröchelte, in Kotze und Kot, weil keiner der anwesenden Lakaien es wagte, sich zu regen, aus der Angst heraus, etwas Falsches zu machen. In manchen Betrieben wird noch heute so gearbeitet. Ich halte diese Arbeitsweise aber für besser als die kommunikativen Kicker und die Orangensaftmaschinen, da der Angestellte und der Arbeiter ruhig wissen sollen, daß sie Arbeiter resp. Angestellter sind.

Als den dritten großen Schlächter und Völkermörder des letzten Jahrhunderts muß man der Diskussion freilich Mao hinzufügen, der, linksseits, von seiner Fraktion innig-heiß geliebt wurde: Greiser, weiser Führer. Und diese Liebe ereignete sich auf einer breiteren Basis als bei dem bereits abgehalfterten Stalin. Warhol hat den Mann aus Rotchina unendlich reproduziert: Mao goes pop. Spaßig anzusehen dann die Raufereien der Linken untereinander und die Suche nach dem roten Stein der Weisen. Und wer in seiner Studienzeit noch die Jünger von der MG (Marxistische Gruppe), dialektisch-trinitätisch auftretend, betrachten und vor allem hören konnte, der darf sich für sein Leben glücklich schätzen. Mir haben diese Fragen und Reden in Vorlesungen und Seminaren immer viel Freunde bereitet. Ernsthaft und ohne ironisches Zwinkern muß ich sagen, daß diese Damen und Herren textlich und rhetorisch sehr gut vorbereitet waren, was man von den Studenten oft und manchmal auch von dem einen oder anderen Professor nicht sagen konnte. Ein wenig mehr Karl Kraus hätte doch ausgereicht, um der MG parieren zu können: denn warum sachlich bleiben, wenn es auch persönlich geht? Sie waren zumindest ein Stachel im Fleisch, und ich selber fand manches an dem Betrieb farblos, als sie plötzlich nicht mehr da waren.

Einmal sogar haben ich sowie eine Studienfreundin (es müßte korrekt sicher heißen: eine Studienfreundin und ich) ein Seminar boykottiert und unter Protest verlassen, weil dort den MGlern vom Professor Sprechverbot erteilt worden war. Gute Menschen waren wir. (Hat ja auch nüscht jekostet.)

Vieles wurde zum Genossen Stalin („Er grüßte im Wald mild ein scheues Reh“ oder so ähnlich dichtete einst ein Dichter aus dem ersten Arbeiter und Bauernstaat auf deutschem Boden) und seinem System von manchem geschrieben. Brecht wußte sehr sehr gut, warum er nicht in die UdSSR, sondern in die USA immigrierte. In Koestlers „Sonnenfinsternis“ konnte man die Mechanismen der Macht und die Bedingungen der Haft nachlesen, und früh durfte man es wissen, falls man Bedarf danach hatte und überhaupt wissen wollte: Gides und Malraux‘ Bekenntnisse nach dem Besuch der sogenannten Sowjetunion oder Manès Sperbers großer Wurf „Wie eine Träne im Ozean“. So ganz unbefangen ließ sich danach das Wort „Kommunismus“ nicht mehr in den Mund nehmen. Für mich hatte die Lektüre zur Folge, Kollektive zu meiden wie die Pest. Politische Kundgebungen waren für mich fortan Orte, an denen es galt, gute Photographien zu fertigen. Studentische Vollversammlungen wg. Streik und nebenheriger Verbesserung der Welt habe ich nach einem Besuch wieder verlassen, weil das Gefasel unerträglich war; gemütlich gerieten allenfalls die Abende in Kleingruppen, weil da vielfältig Alkohol gereicht wurde, sowieso keiner zuhörte und man der einen oder anderen Frau näher kam. Trotzdem bleibt: Wo mehr als drei lungern, ist eh scheiße.

Später dann gab es natürlich Alexander Solschenizyn sowie Warlam Schalamow, der das Straflager (Tod durch Arbeit) in einer beklemmenden Brutalität und Nüchternheit schilderte. In der BRD interessierte sich für die Bücher Walter Kempowskis Ende der 60er zunächst kaum einer. Die im kleineren Teil Deutschlands lebten, wurden erst mit der Ausbürgerung Biermanns im allgemeinen Diskurs der Linken ein wenig interessanter. Bei den undogmatischen gab es freilich genug, die Biermann während der 60er, 70er Jahre in der DDR besuchten. Meine halbe Lehrerschaft zumindest hatte ihn, nach Selbstzeugnissen, besucht, irgend etwas hinein und wieder herausgeschmuggelt.

Sartre entblödete sich nicht, den Laden dort im Osten noch in den 50ern hochzuhalten, später machte er dann rüber zu Mao: Im Osten geht die Sonne auf, im Westen geht sie unter. Die Mandarine können manchmal sehr groß irren, sei‘s Sartre, sei‘s Heidegger.

Adorno und Horkheimer wußten sofort, was da ostwärts gespielt wurde und nannten das Land der Arbeiter das, was es war: ein gigantisches Arbeitslager. Nicht anders als das sogenannte Dritte Reich: Beides Auswüchse eines sich zunehmend entfesselnden Kapitalismus. Ihre Kritik in der „Dialektik der Aufklärung“ ist ja eine dezidierte Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus der braunen und der roten Farbe sowie dem der Waren. Interessant wäre es gewiß, hier die Bezüge zu Hannah Arendt herzustellen, dieses ceterum censeo ein wenig in andere Richtung hin gesprochen, wo es sich schon nicht mehr zu Schuld, sondern zu einem gigantischen Schuldzusammenhang und Textschuldenzusammenhang auftürmt, der die Ausmaße von Kafkas Werk besitzt.

(Ende der ersten Lesung)

Stalinstadt

 20 Jahre keine DDR (Teil 2)

Der sozialistische Führer baute den Arbeitern
eine schöne neue Stadt und ein Stahlwerk:
(„Wir loben die guten Sozialisten“)
(Heute: Eisenhüttenstadt)

Vom chic des Totalitären?
Nein, nein, (eine Fortschreibung der „Wolokolamsker Chaussee“.)
Die Spur der Russischen Panzer durch die Geschichte verfolgend, Heiner Müller
jener Mann, ganz in schwarz mit der Zigarre und dem Whisky
Der Mann mit der monotonen Stimme,
auf seinem Balkon in Berlin-Friedrichsfelde, „Fickzellen mit Fernwärme“

„VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
Das Thälmannlied Die Partisanen vom
Armur und Völker hört die Signale
Das roten Halstuch naß vom Stalinopfer
Und das zerrissene Blauhemd für den Toten
Gefallen an der Mauer Stalins Denkmal
Für Rosa Luxemburg Die Geisterstädte
VERGESSEN Kronstandt Budapest und Prag
Wo das Gespenst des Kommunismus umgeht
Klopfzeichen in der Kanalisation
VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
Begraben immer wieder von der Scheiße
Und aus der Scheiße steht es wieder auf
VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN
Dreht seine Runden und geht seinen Gang“

(Wolokolamsker Chaussee V)

 

e_001

e_002

e_003

e_004

e_005

e_006

e_007

e_008

e_009

e-010

e_011

e_012

e_013

e-014

e_015

e_016

e_017

e_018