Endstation Reeperbahn

Es gibt einen legendären Song von Gottfried & Lonzo, der heißt „Hamburg ʼ75“ – den Text schrieb der Satiriker Hans Scheibner, wunderbar gecovert 2005 von „Element of Crime“. Dieses ragtimeartige Stück handelt, wen wundert’s, von Hamburg, genauer gesagt von der Hamburger Szene jener Jahre rund um den Musikclub „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ in Eppendorf. Berühmt durch sich selbst. Über Hamburg hinaus bekannt durch eine prägnante Zeile aus Lindenbergs „Andrea Dorea“: „Im Onkel Pö’s spielt ʼne Rentnerband, seit 20 Jahren Dixieland …“

Wer diesen Song von Gottfried & Lonzo (dem Teufelsgeiger von Eppendorf) kennt, weiß, was ich meine und der weiß um die Atmosphäre einer Stadt, die wir damals als Kinder erlebten: von Honka bis HSV, zwischen Billstedt, Jenfeld und Horn. Wer Song und Sound dieser Zeit nicht kennt, dem ist nicht zu helfen und dem kann man es auch nicht beschreiben: jenes Hamburg der 1970er Jahre. [Ich mache es vielleicht ein andermal, wenn wir eine „Sentimental Journey“ in jene wunderbaren Jahre unternehmen.] Wie dem auch sei: Dies waren die gemütlichen Zeiten. Es gab jedoch andere, häßlichere Zeiten, häßlichere Orte, weniger buntscheckig (wobei Billstedt und Horn auch nicht zu den schönsten zählen). Wild aber dennoch. Da waren nicht nur die feine Binnen- und Außenalster, die Flaniermeile Jungfernstieg, das politisch linke Eimsbüttel, wo all die Lehrer wohnten, das teils elegante, teile linke Eppendorf, verträumtes, ländliches Blankenese mit Elbhügelblick und jene herrliche Mutter Elbe, die breit strömte, sondern es war da auch die höchst seltsame Reeperbahn mit ihren Buden, Bordellen und Spelunken, der Hafen in der Nähe, der Fischmarkt, der Geruch von Pisse, Fisch, Hafen und Bier. Und was in den 1970er Jahren noch „normales“ Nuttengeschäft und Geschäft mit Bars und Bums war, das entwickelte sich in den 1980er Jahren ins organisierte Verbrechen: Kiez-Kriege wurden nicht mehr nur intern und mit Fäusten ausgetragen – sehr schön zu sehen in Klaus Lembkes „Rocker“ (1972), wenn sich Loden und Leder prügelten.

Die ARD-True-Crime-Dokumentation zur „Reeperbahn Spezialeinheit FD65“ nimmt diese Zeit unter die Lupe: Eine speziell gebildete Ermittlergruppe der Hamburger Polizei gegen die sich herausbildende organisierte Kriminalität wird portraitiert, der Hamburger Kiez, seine Zuhälter und Prostituierten, das St. Pauli der späten 1970er und dann vor allem der 1980er Jahre. Fünf Teile mit Interviews, Archivbildern und nachgestellten Szenen. Die Doku-Bilder und die Doku-Szenerien aus NDR-Archivfilm sind insofern interessant, weil sie gute Einblicke in jene Zeit und in die Probleme liefern, sie lassen die Atmosphäre jener Jahre noch einmal an uns vorbeiziehen, dazu erzählen Zeitzeugen, wenn auch zuweilen in der Aufmachung überdramatisiert. Weniger schafft in manchen Fällen mehr. In diesem Sinne ist jene vor einem Jahr im NDR gelaufene mehrteilige Doku zum Kiez, von den 1950er bis zu den 1990er Jahren, besser geraten, nämlich ohne jene Effekte, bei denen man sich durch die nachgespielten Szenen in „Reeperbahn Spezialeinheit FD65“ zuweilen bei ZDF-History oder Terra-X wähnte. Aber man muß es vielleicht so sehen: Suspense will inszeniert sein. Und weil diese Serie mit Photographien und Filmen eine Menge an Doku-Material aus dieser Zeit bietet, funktioniert das Prinzip dennoch an einigen Stellen leidlich, auch weil dort Menschen sprechen, die dabei waren und diese Zeit kommentieren und von ihrem Blick her analysieren: Polizisten, Staatsanwälte, ehemalige Prostituierte, die MoPo Reporter Thomas Hirschbiegel und Thomas Osterkorn, Kiez-Größen wie der damals „Neger-Kalle“ genannte Geldeintreiber Karl Heinz Schwensen. Und es sprechen auch, was für die 1980er Jahre etwas Besonderes ist, ehemalige Polizistinnen über ihre Arbeit inmitten einer harten und harschen Männerwelt: eine der Polizistinnen von der Schutzpolizei herstammend, sie diente auf der Davidwache mitten auf St. Pauli; und eine Polizistin als Teil des Teams vom FD65. Damals waren Frauen in der Polizei eine Seltenheit, so wie auch in der Bereitschaftspolizei bei Demos Anfang der 1980er keine oder kaum Frauen dabei waren, sondern junge Männer mit Oberlippenbärten, wie sie heute wieder modern sind. Manche hätte man für den jungen Lee Hazlewood halten können, trügen sie keine Schlagstöcke, Schilder und schwere Uniformen.

Die Serie streift teils auch die politischen Bezüge jener 1980er Jahre, von der „Stoppt-Strauß“-Demo 1980; dazu 1981, 1982 dann die Hausbesetzerszene der Hafenstraße, die Brokdorf-Demos, der Hamburger Kessel Mitte der 1980er Jahre, wo mehrere hundert Anti-AKW-Demonstranten rechtwidrig über Stunden auf der Straße festgehalten und eingekesselt wurden (gezeigt in den letzten Teilen), aber auch das Rockermilieu der Hells Angels, die das Schanzenviertel einschüchterten und von den Wirten Schutzgeld erpreßten. Niemand sprach darüber, alle wußten es.

Zentrale Figur in dieser Doku ist der Leiter des FD65, Wolfgang Sielaff, damaliger Chef der frisch gegründeten Abteilung „Organisierte Kriminalität“, der von seiner Arbeit berichtet. Ein bis heute hin eindrucksvoller Mann, der eloquent, überzeugend und mit klarer Stimme die Lage benennt, Probleme beschreiben und eine Situation analysieren kann, um daraus gezielte Vorgehensweisen zu entwickeln. Solche Macher braucht es, vor allem auch heute, um solcher Organisierten Kriminalität das Leben schwerzumachen. Wenn man diese Polizisten bei ihrer Arbeit sieht, so leben wir keineswegs nur in einem postheroischen Zeitalter. Ganz im Gegenteil sind Menschen gefordert und gewünscht, die für eine gute Sache mit ihrem Mut, ihren Überzeugungen und ihrer Tatkraft einstehen. Das nur nebenbei gesagt – denn das Problem OK ist ja keineswegs vom Tisch, und auch sonst erweist es sich im Politischen, daß solche Eigenschaften gefragt sind. Polizisten wie Wolfgang Sielaff zeigen, wie man mit Entschlossenheit eine Sache angehen kann.

Die fünf Teile umfassen das Kiezleben der ausgehenden 1970er Jahre bis hin zum Amok des Auftragskillers Werner Pinzner am 29. Juli 1986 mitten im Hamburger Polizeipräsidium. Im ersten Teil geht es um den „Paten von St. Pauli“ genannten Wilfried „Frieda“ Schulz und seinem Handlanger Dakota-Uwe. Schulz betrieb auf dem Kiez Bars, Bordelle und Spielcasinos im großen Stil und es ging Anfang der 1980er Jahre jenes Gerücht um, daß über den Hamburger Kiezgrößen irgendwer in der Polizeibehörde seine schützende Hand hielt, insbesondere der Kriminaldirektor Hans Zühlsdorf geriet in Verdacht. Nachweisen konnte man ihm nichts. Aber der Verdacht blieb. Soziologisch aufschlußreich ist auch der Blick in Schulz‘ Anwesen in Blankenese und wie dieses Haus im inneren und im Garten eingerichtet ist: Plüsch und Protz: jene Mischung aus Emporkömmling und Kleinbürgergeist und wie sich solch ein Kleinbürger vom Interieur her die großbürgerliche Welt vorstellt, die er zu imitieren und an der er teilzuhaben versucht, um zu zeigen, daß er in der Gesellschaft oben angekommen ist. Aber Schulz war, folgt man den Zeugenaussagen, zugleich auch eine Persönlichkeit, die Menschen für sich einnehmen konnte. Nur setzte er dieses Wesen in die Manipulation von Roulette-Tischen und Spielkarten sowie in die Förderung von Prostitution.

Im zweiten Teil geht es um die Verbindungen von Schulz zur US-Mafia und wie die Hamburger Polizei in ihrer Arbeit von den US-Behörden und vom FBI lernte, um eine der effektivsten Abteilungen zur Bekämpfung von Organisierter Kriminalität in der Bundesrepublik aufzubauen. Sielaff berichtet von seinen Reisen in die USA und auch US-Polizei kommt zu Wort. Die Polizei mußte angesichts dieser neuen Art von Kriminalität auf neue Methoden zurückgreifen und so wurde auch das FD65 gegründet. 1982 wurde Schulz in einer großangelegten und bis auf die letzte Minute vor allen Dienststellen der Polizei geheimgehaltenen Aktion verhaftet und verschiedene Objekte auf dem Kiez und an anderen Orten Hamburgs wurden zeitgleich durchsucht.

Der dritte Teil handelt unter anderem von den Prostituierten und ihrer Ausbeutung durch die Zuhälter, es wird erzählt, was mit sogenannten Lampen-Bräuten passiert: Frauen, die der Polizei erzählen, was mit ihnen gemacht wurde, wenn sie nicht genug anschafften und dann von ihren Zuhältern verprügelt wurden oder wenn sie ganz einfach den Zuhältern nicht den nötigen Respekt erwiesen – so wie „Respekt“ auf der Reeperbahn sowieso ein Zauberwort war. Vor den großen Gestalten hatte man zu gehorchen und zu parieren. Ihr Wort war Gesetz. Schlecht nur, wenn die Alphatiere aneinandergerieten, so wie es in den 1980er Jahren geschah und als auf dem Kiez die Zuhälterkriege ausbrachen. Denn in die Leerstelle, die Schulz nach seiner Verhaftung hinterließ, strömten neue Kiezgrößen wie die Nutella Bande, Sunny-Boy- Zuhälter, die wegen ihres jugendlichen Aussehens derart genannt wurden, sowie die GMBH, die wegen der Vornamen ihrer vier Mitglieder diese Bezeichnung trug. Und plötzlich galt auch nicht mehr das Gesetz der Faust, welches auf dem Kiez Konflikte regelte: „Keine Schußwaffen!“, so hieß es, soll das Motto von Schulz gewesen sein; man traf sich und eine Art von Feme- und Privatgericht regelte die Sache, sprach Kiezverbote aus oder verteilte einen „Denkzettel“, der meist ein blutiges Andenken war. Nun aber kamen nicht nur Schlagringe, sondern auch Knarren ins Spiel.

In den letzten beiden Teilen geht es um die erheblichen Veränderungen, die nach der Verhaftung von Schulz das Leben auf dem Kiez mit sich brachte. Leider reißen insbesondere die beiden letzten Teile, darin auch die politischen Aspekte von St. Pauli qua linksautonomer Szene in den Blick kommen, vieles nur noch an. Auch die Straßengang-Szene, die Anfang oder Mitte der 1980er Jahre auf dem Kiez mitmischte, kam zu kurz: die Streetboys, die sich mit den Zuhältern der GmbH und der Nutella-Bande prügelten, der Kampf der Gangs wie der Champs und der Streetboys, die zu einem Teil aus Türken-Jungs, aber auch aus deutschen Kids bestanden, gegen die in Hamburg hart vertretene Nazi-Skinhead-Szene werden genannt, aber auch ihr Kampf gegen Punks und Hafenstraßenlinke. Im Blick auf den Polit-Kiez kommt auch Schorch Kamerun (Sänger der Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“ und Mitbetreiber des Golden Pudel Club zwischen Hafenstraße und Fischmarkt) zu Wort. Was diese Verquickungen und Kämpfe angeht, hätte ich mir pro Folge mindesten eine ¾ Stunde mehr gewünscht statt der üblichen 42 Minuten, die jeder der Teile umfaßt. Diese Szenarien und Hintergründe wären mindestens zwei Extrafolgen wert gewesen. Und auch die sich auf dem Kiez tummelnden und seit Mitte der 1980er Jahre ins rechtsextremistische Milieu abgeglittene Szene des HSV-Fanclubs die Löwen hätte eine Erwähnung finden können. Ich hätte mir an manchen Stellen dieser Serie einen vertiefenden Einblick gewünscht – auch über die Prostitution und das Schicksal der Prostituierten. Andererseits war der Fokus der Serie die Organisierte Kriminalität und dafür spielen die soziologischen und politischen Aspekte jener wilden wie kriminellen Kiez-Jahre nun einmal nur eine Nebenrolle.

Dennoch: Es ist dies eine Serie, die man über das Thema OK hinaus auf mindestens 20 Folgen ansetzen könnte, mit Themenfäden wie: Der Kiez, die Zuhälter, die Huren, die Freier, das Alltagsleben, die Polizei, Organisierte Kriminalität, das politische St. Pauli, die Hafenstraße, der Wandel von St. Pauli, das Nacht- und Musiknachtleben, die Drogen, der Hafen, die Schanze, die S-Bahnlinie 3. Freilich mit einigen Verränderungen in der Machart und der Inszenierung. Eigentlich gäben solche Folgen ein schönes Sittenbild jener wilden 1980er Jahre, die auf dem Kiez eben auch so derart viel Trauriges hervorbrachten: Armut, Drogen, Erpressung, derbe Gewalt. Der MoPo-Reporter Thomas Hirschbiegel beschreibt es am Ende der Serie treffend und es ging auch mir meist so, wenn ich dort zum Ausgehen mich aufhielt: Der Reporter war jedesmal wieder froh, wenn er von seinen nächtlichen Photo-Einsätzen mit Toten, mit Drogen, mit Nutten, mit Zuhältern und mit all dem Versifften dort wieder nach Hause in seinen (klein)bürgerlichen Bezirk kam und er weg von jenem ranzigen, räudigen Kiez war.

Jene romantisierende Kiez-Schwärmerei mancher Szenegänger, die zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn und ihren Seitenstraßen in den 1980ern lustwandelten und ihre Ausgehabende organisierten, habe ich nie verstanden, und als da eine junge Frau verzückt ausrief: „Oh, wie geil ist es hier auf der Reeperbahn!“ erboste es mich dann doch: als ob die Nutten, die Schläger, die Junkies und die Zuhälter dort herumstanden, um der jungen Frau ein Privatvergnügen zu bereiten und als ob es ein wilder Spielfilm nach Manier von New Hollywood sei. Ich muß vielleicht zur Entschuldigung sagen, daß sie im Grunde mit ihren 15 Jahren noch ein Mädchen war. Aber der Heroin-Schick und die große weiße Dame namens Koks sind am Ende kein Spaß und kein Spiel. Und auch über Prostitution kann man sich streiten, wenngleich ich kein grundsätzlicher Gegner derselben bin, solange sie nicht unter Zwang geschieht. Hier waren dann auch die kurzen Sequenzen der Huren interessant, die eben nicht wirkten, als wären sie gezwungen worden, wenngleich ihr Leben sicherlich nur bedingt schön zu nennen ist – aber auch das sind nur Ausschnitte, anderen geht es anders, und es war nicht jede eine Domenica Niehoff.

Diese Serie ist durchaus spannend, aber sie zeigt vielfach auch, wie man es besser machen kann. Ehemalige Polizistinnen, die auf der Davidwache wirkten, muß man nicht unbedingt mehr in Uniform zeigen, wenn sie lange schon außer Dienst sind. Ähnliches gilt für die Kameraführung bei Kalle Schwensen: Das Objektiv von unten, so daß es bedrohlich und mächtig wirkt, gefilmt in irgendeiner edel wirkenden Nachtbar, damit Milieuatmosphäre entsteht: solches Setting zielt auf Effekte und nicht auf Wissen. Als ein Stück visueller Sozialgeschichte von Hamburg ist diese Serie interessant – auch im Blick auf solche inzwischen vergessenen Orte wie das „Cleopatra“ in Hamburg-Bramfeld. Aber es hätte der Geschichte als Forschungsdisziplin, als Oral History wie auch einfach nur im Sinne eines seriösen Dokumentarfilms gutgetan, auf manchen reißerischen Effekt zu verzichten – auch bei den Interviews. Warum muß man ehemalige Streetboys in Bomberjacken stecken? Warum müssen Staatsanwälte in einem Interieur sitzen, das wie eine hochelegante Hotellobby ausschaut oder einer großbürgerlichen Villa ähnelt? Solche Settings sind überflüssig. Und so hinterläßt diese Serie leider immer wieder den Eindruck, daß es sich am Ende mehr um eine voyeuristische Schlüssellochperspektive handelt und nicht um einen gutgemachten Dokumentarfilm über ein Stück Hamburger Leben und Geschichte. Das ist schade.

Photographie: Homepage ARD zur Doku-Serie.

Lisa Eckhart und der Hohe Spatz von St. Pauli: Oder vom weltanschaulichen Wachschutz

Was in der legendären HBO-Serie „Game of Thrones“ durch die Figur des Hohen Spatz gezeichnet ist, hat sein Vorbild in der Realität: Es stehen dafür Begriffe wie Cancel Culture und Political Correctness, die von den US-amerikanischen Universitäten aus nach Deutschland gelangten, um das Vorgehen einer repressiven bzw. identitätspolitischen Linken zu bezeichnen, die abweichende und nicht genehme Sichtweisen mundtot macht. Und wie so häufig der Fall, gehen sie aus einer Bewegung hervor, die einst etwas Gutes wollte, nämlich reale Diskriminierungen abzubauen und auch solchen Leuten eine Stimme zu geben, die sie bisher nicht hatten. Zwar ist die Situation an US-amerikanischen Universitäten zum Glück nicht mit der an deutschen Universitäten vergleichbar, und insofern sind die Diskriminierungsszenarien nicht übertragbar, aber dennoch zieht mehr und mehr ein unheilvolles Klima der Verdächtigungen auf. Manchmal reicht ein vermeintlich falscher Satz aus, um eine Person zu bezichtigen, gesellschaftlich unmöglich zu machen, ins Abseits zu  bugsieren oder ein Narrativ zu erzeugen, so daß mit dem Namen dieser Person nichts Gutes verbunden ist. Und dies ohne hinreichende Argumente in der Sache, sondern einfach auf Verdacht hin: sei es ein Gedicht an der Wand, wo bereits der Eindruck ausreicht, es könne irgendwie sexistisch sein, ein Kinderbuchautor, wo ein schwarzer Junge und ein Lokführer vorkommen, oder eine Kabarettistin, deren komplexes Programm man nicht recht zu erfassen vermag, und so nimmt man eine Rede eben eins-zu-eins und unmittelbar.

Inzwischen ist aus diesem einmal sinnvollen Ansatz, Diskriminierung zu bekämpfen, ein Hobby geworden, um unliebsame Ansichten loszuwerden: es nennt sich Denunziation oder wenn man es ein wenig akademischer einkleiden will: Hermeneutik des Verdachts. Ohne hinreichendes Argument, auf ein bloßes Insinuieren hin, wird nicht etwa eine andere Sicht kritisiert, sondern von vornherein ausgeschlossen. Immer schön mit dem Hinweis, daß Rassismus keine Meinung sei. Manche möchten Cancel Culture und Political Correctness als irreal abtun, ausgedacht und als Kampfbegriff einer Rechten eingesetzt – was schon aus dem Grunde falsch ist, weil nicht nur Neurechte, sondern ganz unterschiedliche Schichten der Gesellschaft diesen Begriff verwenden, um eine bestimmte intolerante Form des Denkens auf den Begriff zu bringen. Andere wiederum tun so, als wären da ein paar wenige Beispiele, auf denen sich diese Annahme von Cancel Culture gründete: aber auch das stimmt nicht. Die Beispiele im Feld von Kunst und Kultur, wo Auftritte abgesagt, Bücher am besten umgeschrieben oder vom Ladentisch sollen, Denkmäler zerstört, Straßennamen gestrichen, Lesungen unterbunden und Vorlesungen von Identitätslinken niedergeschrien werden, sind inzwischen Usus und könnten einen Blogartikel ausfüllen: all die Orte, wo in Museen Bilder blockiert, freies Reden und Denken behindert und wo selbst im kleinsten Bereich an Kunsthochschulen zu Abschlußausstellungen eine unliebsame Künstlerin angegangen und ihr Bild beschädigt wird, ohne daß die Rektorin dieser Hochschule in Berlin irgend etwas unternimmt, um das zu unterbinden. Am Ende ist es die Künstlerin, die keinen Lehrauftrag erhält, nicht aber werden jene Studentinnen und Studenten der Universität verwiesen, die solche Denunziationen inszenieren. Das Narrativ „Einzelfall“, das von einer bestimmten Literaturwissenschaftler-Bubble auf Twitter und auch sonst von den Identitätslinken im Internet bemüht wird, um solche Tendenz herunterzuspielen, ist schlicht eine Lüge oder aber es soll die Öffentlichkeit täuschen.

Solches Vorgehen des Bezichtigens gab es in Deutschland (und nicht nur dort) allerdings bereits lange schon: mit dem Beginn linker Bewegungen. Es nennt sich Ideologiekritik. Davon existieren zwei Varianten – Zwischentöne seien außen vor gelassen. Einmal eine kluge Form, die jene hinter den Dingen, den Diskursen und den sozialen Szenarien verborgenen Mechanismen zutage fördert, frei nach Marx, daß das, was uns in der Gesellschaft als eine Naturform erscheint, ein gesellschaftlich Gemachtes ist: Diskursanalyse sagen manche auch dazu oder eben Kritik – auch vom griechischen Wortstamm genommen: unterscheiden. Und wie es mit klugen Sachen ist, die in die Hände von Dummköpfen und Tölpeln fallen, wird aus dem guten Sinn schlechter Sinn. Und es entsteht jene vulgäre Dummvariante der Ideologiekritik, die hinter einer Aussage einen tieferen und verborgenen Sinn wittert, der auf Rassismus, Misogynie oder überhaupt einer reaktionären Gesinnung beruht, die man dem Sprecher dann unterjubelt. Und so kann man bequem mögliche Konkurrenten, anderen Gesinnungen, anderen Meinungen das Wort abwürgen und man kann das praktisch genommen bis zum kulturrevolutionären Furor treiben, indem man mit der bürgerlichen Gesellschaft mal grundsätzlich aufräumt. Man selbst ist schließlich im Begriff der Wahrheit, der andere ist es nicht, denn Rassismus  ist keine Meinung und Bourgeois eine klassenverderbliche Haltung.

Jene Linke wird ihre alten Onkel Stalin und Mao nicht los – zum Glück freilich geschieht all das in einer abgeminderten Form. Niemand muß ins Lager: es reicht der Verdacht, um sozial zu ächten, und treffen kann es jeden – auch das gehört zum Spiel dazu: „Auch du kannst der nächste sein. Paß also auf, was du sagst!“ Im Sinne der Psychoanalyse und der Lesart von Paul Ricoeur in seinem Buch zu Freud entsteht jene „Hermeneutik des Verdachts“: man sucht eine Sache so lange nach Symptomen ab, bis der Rechercheur einen entsprechenden Umstand findet. Der Verdacht bestätigt sich post festum. Der Ankläger hat immer recht. Foucault beschrieb in seinem Aufsatz „Nietzsche, Freud, Marx“ in den Dits et Ecrits I dieses Phänomen derart:

„dass die Sprache nicht genau das sagt, was sie sagt. Der erfasste, manifeste Sinn ist möglicherweise nur ein Sinn minderer Art, der einen anderen Sinn schützt, zurückhält und dennoch übermittelt, wobei dieser Sinn der stärkere und ‚darunter‘liegende Sinn ist.“

Und solche ursprünglich einmal sinnvolle Genealogie und Analyse (im Sinne einer Aufklärung und als Kritik, um Strukturen freizulegen, freilich immer unter der Maßgabe der Sache bzw. des Textes) wird dann in seiner pervertierten und herabgedämmerten Form dazu in den Dienst genommen, um nicht nur Irrlehren ausfindig zu machen, sondern zugleich auch bestimmte unliebsame Personen gesellschaftlich zu isolieren. Und wer gibt sich schon gerne mit Rassisten, Antisemiten, Misogynen ab? Politische Sauberkeitserziehung und ein neuer autoritärer Charakter identitätslinker Provenienz.

In „Game of Thrones“ sind die Spatzen eine religiöse Bewegung mit fanatischen Zügen. Teils aggressiv und teils mit Gewalt gehen ihre Jünger gegen Andersdenkende oder ganz einfach nur gegen politisch Unliebsame vor. Angeführt werden sie von Septon, der als Hoher Spatz bezeichnet wird. Sie predigen die Armut, sie sind Bilderstürmer, sie überwachen die reine Lehre. Heute heißen sie identitätspolitische oder aber auch neocalvinistische Linke. Und wie auch die Spatzen, die die Armut in Westeros bekämpfen wollten, die nach dem endlosen Krieg dort herrschte, gingen sie aus einem eigentlich guten Ansatz hervor. Aus Weltrettung oder Revolution aber wird Tugendterror, und eines dieser Erpressungswörter heute heißt Antifaschismus. Wir kennen diesen Tugendterror von Robbespieres Rede „Über die Prinzipien der politischen Moral“, gehalten am 5. Februar 1794 vor dem Konvent:

„Wenn die Triebkraft der Volksregierung in Friedenszeiten die Tugend ist, so ist die Triebkraft der Volksregierung in Zeiten der Revolution zugleich Tugend und Terror: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist. Der Terror ist nichts anderes als die schlagfertige, unerbittliche, unbeugsame Gerechtigkeit, er ist somit eine Emanation der Tugend; er ist weniger ein besonderes Prinzip, als ein Postulat des allgemeinen Prinzips der Demokratie, das auf die dringlichsten Anliegen des Vaterlandes angewendet wird.“ (Maximilian Robespierre)

Für die vermeintlich gute Sache ist die böse Tat dann gerade recht und billig. Das Manko eben jeder Revolution, auch der vermeintlich gerechten. Philosophisch genommen impliziert das die Frage nach der Gewalt.

Aber so weit will ich im Rahmen der politischen Philosophie und in diesem Kontext der Cancel Culture nicht ausgreifen, und zum Glück haben die Gesinnungswächter der besseren Welt heute noch nicht hinreichend reale Macht, auch wenn sie gesellschaftlich in Medien wie Zeit-Online, taz oder teils in Deutschlandfunk Kultur bereits hinreichend vertreten sind und den sozialen Support von dort erhalten. Manche Journalisten wollen keine Journalisten mehr sein, sondern gute Allys. Oder wie der Leiter und Moderator des Monitor-Magazins Georg Restle es einmal schrieb: Ein Journalist müsse Haltung haben. Leider meinte er damit nicht die Haltung, eine Sache angemessen darzustellen, auch in ihrem Diffizilen, sondern eine politische Haltung: fürs sogenannte Gute einzutreten. Auch hier wieder instrumentalisiert man den Kampf gegen rechts als Antifaschismus und als Eintreten für die eigene politische Agenda.

In Hamburg nun sollte die Satirikerin und Kabarettistin Lisa Eckhart im Nochtspeicher auf St. Pauli lesen. Es ging um den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael Kühne-Preis, der für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres vergeben wird. Eckhart macht nicht nur ein bitterböses Kabarett, das sich politisch in kein Schwarz/weiß-Schema des Volker-Pispers-Humors zwingen läßt, sondern sie ist mit ihrem Debüt Roman „Omama“ (am 17. August bei Zsolnay erscheinend) zugleich Autorin. Eine berechtigte Einladung also, unabhängig von ihrem Kabarett, und sie wurde immerhin für dieses Debüt von einer Jury ausgewählt, um zu lesen.

Zunächst lautete die Nachricht, Lisa Eckharts Auftritt wäre abgesagt worden, weil es Drohungen aus der Linksautonomen St. Pauli-Szene gebe, die Veranstaltung zu stören, dann hieß es, daß einige der Autoren nicht zusammen mit Lisa Eckhart lesen wollten. Auch eine Weise, sich eine lästigen Konkurrentin vom Hals zu schaffen. Es geht immerhin um 10.000 Euro Preisgeld, da fallen die Hemmungen. Um mal das Spiel dieser Leute ein wenig zurückzuspiegeln und mit der Hermeneutik des Verdachts und einer sozusagen monetären Psychoanalyse aufzuwarten. Wenigsten offen immerhin hetzt auf Twitter die Autorin Olga Grjasnowa gegen Lisa Eckhart.

In der Presserklärung des Nochtspeichers heißt es dann:

„Seit 2016 ist das „Deplatforming“ bekanntlich fortgeschritten und die Atmosphäre aggressiver geworden. Angesichts der Erfahrung mit der Martenstein-Lesung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, „Drohungen“) waren wir uns sicher, daß die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum.“

Das ganze macht die Sache freilich nur noch viel schlimmer, wie in vorauseilendem Gehorsam bereits auf den bloßen Verdacht hin gecancelt wird. Ganz unbegründet ist der Verdacht freilich nicht wenn man an die Martensteinlesung dort im Nochtspeicher denkt, wo es genau diesen Linkskrawall der Gesinnungswächter gab. Auch diese Gewaltdrohkulisse zeigt, wo die Probleme liegen: schon die Möglichkeit, daß Linksextremisten Rabatz machen, führt dazu, daß Lesungen nicht stattfinden. Berichte von Anwohnern sind nun schon der Maßstab, um eine Lesung abzusagen. Darin liegt der Skandal und eben in der Informationspolitik der Betreiber des Nochtspeichers – wobei man da freilich noch genauer die Hintergründe recherchieren und wissen muß, und es stellt sich mir zugleich die Frage, inwieweit vielleicht auch einige der nominierten Autoren Druck machten, um die Lesung mit Eckhart zu verhindern. Man ist gerne unter sich und Pluralität und „Gegen den Haß“ gilt lediglich für die eigene Sichtweise. Aus schönbunt wird dann freilich farblosgrau.

Manche machten nun die Journalisten verantwortlich und taten all das als ein Problem der Darstellung ab, die sich vorauseilend ereifere, um einen Skandal zu erzeugen, dazu mit dem malizösen Hinweis, bzw. der Täter-Opfer-Umkehr, daß ja nun Lisa Eckhart genug Publicity hätte. Aber diese Journalistenschelte ist falsch. Denn Journalisten können nur das berichten, was sie wissen, und wenn dies das Statement ist, so muß es eine Zeitung auch so berichten, und bei der Relevanz solcher Nachrichten und der Mittelknappheit im Journalismus schickt man ob solcher Tickermeldung in der Regel kein Rechercheteam vor Ort. Diese Angelegenheit als Problem des Journalismus zu sehen, greift insofern zu kurz, weil hier Ursache und Wirkung vertauscht werden sollen. Der Skandal liegt immer noch in der Ausladung von Lisa Eckhart und das Goutieren desselben durch die, wie Götz Aly es heute in der „Berliner Zeitung“ zu Recht nennt „politisch korrekt beschränkte Schwarmdummheit“ des „weltanschaulichen Wachschutzes“.

Und damit sind auch jene Autoren im Spiel, die feige, anonym und aus der Deckung heraus ohne ihren Namen zu nennen, nicht mit Eckhart zusammen auftreten wollen. Was für harte antifaschistische Helden! Es geht nichts über eine Haltung und über Menschen, die für eine Sichtweise auch mit ihrem Namen einstehen können.

Nicht einmal dieses Minimum an Tugend ist da noch vorhanden. Erbärmliche Waschlappen! Vor allem hätten diese Autoren-Denunzianten Haltung zeigen und dann mit einer Protestnote namentlich absagen können. Aber das mögliche Preisgeld nimmt man gerne mit und Haltung ist genau dann gut, wenn sie nichts kostet, für lau, nicht einmal den Namen mehr. Wem aber bei einem Wettbewerb ein Teilnehmer oder ein Konkurrent nicht gefällt, der sagt ab und verzichtet auf den Preis und seine Teilnahme. so einfach ist das. Zwar ist dies ein wenig lächerlich, andere Sichtweisen nicht aushalten zu können, aber das muß jeder selbst wissen. Haltung erfordert eine gewisse Konsequenz und auch einen Arsch der Hose. Aber man man hat es gerne bequem. Statt dessen schwärzt und scheißt man Lisa Eckhart an. Haben sich eigentlich die anderen Autoren des Habour- Literaturfestivals mit Lisa Eckhart irgendwie solidarisiert, hat sich irgendeiner der Autoren – Christian Baron, Dominik Barta, Verena Keßler, Daniel Mellem, Benjamin Quaderer, Janna Steenfatt, Sebastian Stuertz – die ebenfalls für den Literaturpreis nominiert sind, solidarisiert? Ein einziger ist mir bisher bekannt, der seine Teilnahme bei diesem Harbour-Festival abgesagt hat, und der stammt nicht aus der Riege der Nominierten: Sascha Reh nämlich. Er schreibt auf Facebook einen offenen Brief:

Sehr geehrte/r Petra Bamberger, Nikolaus Hansen und Heinz Lehmann,
ich ziehe hiermit meine Zusage für meine Lesung beim diesjährigen Harbourfront-Festival zurück. Ich sehe mich außerstande, bei einer Veranstaltung zu lesen, die sich nicht unmissverständlich hinter das Recht auf Freiheit in Kunst und Rede stellt – auch dann, wenn mit Krawall zu rechnen ist.
Frau Eckhardt hat vor zwei Jahren ein Kabarettprogramm aufgeführt, über das man verschiedener Meinung sein kann, aber so ist das eben mit Kabarettprogrammen. Dass Ihre linke Nachbarschaft aus irrigen Gründen daran Anstoß nimmt, zeugt nur von ihrer angestrengten Suche nach Feindbildern und ihrer bisweilen arg verengten Weltsicht; so groß meine Sympathien für viele ihrer Anliegen ist, so sehr missfällt mir diese Kurzsichtigkeit in diesem Fall. Doppelt unrecht hat die Linke, weil es bei Eckhardts geplantem Auftritt nicht einmal um ihr in keiner Weise antisemitisches Programm von vor zwei Jahren, sondern um ihren Debütroman geht, den die betreffenden ProtestlerInnen ebensowenig kennen dürften wie ich. Die Ankündigung, die Veranstaltung zu sprengen, entbehrt also jeder Rechtfertigung.
Ebensowenig finde ich es nun gerechtfertigt, vor dieser Androhung einzuknicken und als Veranstalter damit zu signalisieren, irgendetwas an der Kritik der Linken sei legitim. Dies diskreditiert die Künstlerin, und man muss in diesen hypersensiblen Zeiten wohl auch sagen: die Kunst.
Da auch ich mit meinem neuen Text ebenfalls an der polical correctness kratze, fühle ich mich von Ihrer Hasenfüßigkeit mitbetroffen. Ich bedaure, mich für eine Absage entscheiden zu müssen, denn ich hatte mich sehr auf die Lesung bei Ihnen gefreut. Schade, dass Sie nicht mehr Mut gehabt haben.
Herzliche Grüße
Sascha Reh

Chapeau und Respekt! Solches ist heute selten. Man kann es auch derart wie der Politologe Claus Leggewie auf den Punkt bringen:

„Vieles was jetzt passiert, passiert auf der Basis blanker Gerüchte. Das ist die Entmündigung eines mitdenkenden und womöglich kritischen Publikums – und zwar im Schutz der Anonymität“.

Randalieren auf Verdacht nennt Leggewie dies, und diese Beschreibung trifft es ziemlich genau.

Gerne wird gegen Lisa Eckhart der Satz gebracht „Kabarett sollte nach oben treten, nicht nach unten, …“ Und genau das tut Lisa Eckhart. Sie greift jenen selbstgefälligen linken Mainstream an: jene Denkfaulen und Einsortierer, jenen Oliver Welke-Humor. Und sie weist auf eine Linke, deren Humor inzwischen auf dem Niveau von Leo Fischer liegt. Vor allem aber läßt ihr Kabarett auch die neue Rechte und ihre Denkmuster nicht ungeschoren. Daß Satire drastisch sein kann und daß sie nicht schont, zeigte damals die Crew der Titanic in den frühen 1980er Jahren bis hin zu den frühen 1990ern. Und auch Martin Sonneborn als Chefredakteur von Titanic machte genau das. Heute gibt es dafür einen Kreischalarm. Sonneborn in einem Interview der BLZ vom 8./9. August:

„Aber auch bei mir melden sich unbedarfte 17-Jährige, die sich über alte Aktionen beschweren. Vor zehn Jahren hatten wir ein Wahlplakat. Ich hatte mich schwarz angemalt und plakatiert: ‚Ich bin ein Obama‘. Das war kurz nach Obamas Besuch und der hysterischen Verehrung, die die Berliner diesem – zumindest nicht unproblematischen – Politiker entgegengebracht haben. Ich wollte das persiflieren. Ein US-Journalist hat mich danach nachts angerufen und gefragt, ob das nicht rassistisch sei. Ich sagte: „Das ist kein Rassismus, das ist Schuhcreme.
[…]
Wenn man jeder möglichen Kritik Rechnung trägt, dann dürfte man frei nach Robert Gernhardt nur noch Witze machen über Wüsten und unentdeckte Planeten. In jedem anderen Fall könnte man Betroffene kränken.“

Man kann gar nicht genug diese Arschkriecherlinke auslachen. Synonym für Wokeness? Arschkriecher. Eine Identitätslinke, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Zum Glück aber gibt es das Kabarett von Lisa Eckhart, um diese Saturiertheit – auch in die andere Richtung übrigens – zu destruieren. Und zusammenstehen sollten heute alle jene demokratischen Kräfte, die für eine liberale Gesellschaft einstehen, die die Freiheit des Wortes sichert.

Es gab einmal eine Zeit, da traten Linke für Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinungen ein, auch die Freiheit unliebsamer Meinungen. Heute hat ein Großteil der Linken das Niveau des Bayernkurier erreicht. Inzwischen hoffe ich, daß auf St. Pauli die Gentrifizierung diese Sache regelt.

 

Hamburg – Kapitalistischer Realismus (Part 1)

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Hamburg, und es werden auf „Proteus Image“ einige Impressionen dieser Stadt rund um das Schanzenviertel und St. Pauli geboten, die ich am 4.2.2012 fertigte. Das mache ich in zwei Teilen, weil es sehr viele Photographien sind. Ich ordne diese Photos nicht an, sondern zeige sie in der Reihenfolge, wie die Bilder entstanden. Ich ändere ebenfalls nicht die Zählung der Bilder, so daß sich die Lücken, die Leerstellen, die fehlenden Räume und die Orte im Intervall der Zahlen zwar nicht visuell ausmachen, aber doch evozieren lassen. Irgend etwas fehlt immer in jenem Dazwischen, in dem Dinge und Menschen zu versinken vermögen. Zuweilen tauchen sie daraus niemals mehr auf. „Lost in Translation“ – es ist dies einer der intelligentesten Filmtitel. In solchen Photographien müßte im Grunde die Zeit ihrer Aufnahme, ihrer Entstehung mit eingeschrieben werden. Das exakte Datum, auf die Sekunde gerechnet. Diese Datierung, gepaart mit der konzeptionellen Abstraktion eines On Kawara, wie er sie in den Date Paintings seiner Today-Serie fertigte, gäbe ein interessantes Projekt ab, um jene Augenblicke und das Datum, jenen einen Moment, jenen versäumten oder entschwundenen Moment zu bannen. Auch ein Immaterielles wie die Zeit vermag zum Fetisch sich zu transformieren, an dem ein Photograph sich festbeißt. Und jene versäumte eine Sekunde, die kein Bild und keine Sprache festzuhalten vermag.

Ich wollte eigentlich auf der Veddel Bilder machen, aber da ich Freitagabend während einer Party so schlimm dem Alkohol verfiel, daß die Rekonvaleszenz nur einen Ausflug ins Naherholungsgebiet zuließ, blieb mir nichts weiter übrig, als in solch einem Nahgebiet Photos zu schießen. Und daß ich am Samstagabend in einer Bar zwei alkoholfreie Biere trank und das Glas Rotwein bei einer Freundin nur halb leerte: ja, das zeigt, wie schlimm es um mich bestellt war.

Ich hätte heute ebenfalls etwas zu Charles Dickens 200. Geburtstag schreiben müssen und gestern einen Text zur Würdigung des großartigen François Truffaut, der 80 Jahre geworden wäre und viel zu früh verstarb. Allein, es fehlt die Zeit. Aber die Filme Truffauts laufen nicht weg. Ja, das Bloggen bildet eine zeitintensive Tätigkeit. Bereits die Filme über Antoine Doinel sind einen eigenen Beitrag wert. Filmisch, von der Bildästhetik und der Art der Narration. „Baisers volés“: was für ein Filmtitel.