Die Weisen der Wirklichkeitserzeugung: die Kunst als das Medusenhaupt? Kleiner Exkurs zu Georg Büchner

Was ist die „Aufgabe“ der Literatur? Worin besteht die Arbeit der Literatur? Eine der aberwitzigsten Szenen in der deutschsprachigen Literatur liefert uns Georg Büchner in seiner Novelle „Lenz“, um diese Frage in den Blick zu nehmen. Es ist ein Dialog, gesprochen zwischen dem Reisenden Kaufmann (nomen est omen) und jenem halb im Wahnsinn delirierenden Lenz, der in seltenen Augenblicken dann wieder (sprachlich) zu höchster Klarheit findet. Die Details, der Stoff, die Motive und das Geschehen dieser Novelle mögen in diesem Zusammenhang bloß am Rande interessieren; wesentlich ist mir hier jenes Gespräch zwischen Kaufmann und Lenz – sozusagen auch ein „Gespräch im Gebirg“, das sich zwischen der idealistischen und einer auf den Realismus gehenden Ästhetik-Konzeption bewegt. Wobei nicht übersehen werden sollte, daß an dieser Stelle nicht ein Gespräch stattfindet, das sich eins-zu-eins in eine Ästhetikvorlesung oder gar eine Poetik übersetzen läßt, sondern vielmehr handelt es sich um eine Weise des Rollensprechens. Es ist dieses Gespräch insofern fiktionaler Natur und in den Handlungsstrang dieser Novelle, die den Wahnsinn samt dem (Ent-)Gleiten der Sprache exemplifiziert, eingebettet.

Dieser Dialog führt etwas (in Bildern) vor, das die nachidealistische Ästhetik bis hin zu den Positionen von Lukács und Adorno bestimmen sollte. Ästhetische Autonomie des Kunstwerkes sowie das Engagement der Kunst, Realismus und l’art pour l‘art. Die Dichter, die behaupten, sie gäben die Wirklichkeit wieder, so Lenz, seien immer noch erträglicher als die, welche die Wirklichkeit verklären wollen und dabei am Ende in ihren idealistischen Gestalten die Holzpuppen (und Marionetten) lieferten. (Gemeint ist damit sicherlich Schiller, Lenz schildert dazu als Gegenbilder Shakespeare, die Volksmärchen sowie teilweise auch die Texte Goethes.) Dieser Idealismus sei, so Lenz, die schmähliche Verachtung der menschlichen Natur, vielmehr müsse es andersherum gehen: „Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel; …“ Es steht in dieser Diktion die Kunst auf einer Grenze. Die Details und Feinzeichnungen können ein Bild der Welt geben, aber sie können im Sinne eines sozialistischen Realismus ebenso wie in positivistischer Nachzeichnung genauso gut die Welt im Protokollsatz des „So-ist-es“ diese Welt bloß verdoppeln. Kriterium der Kunst sei, ob ein Artefakt Leben in sich trage, so Lenz.

„Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist, das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden, und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“
(G. Büchner, Lenz)

Der Realismus als eine Weise von Widerspiegelung ist in Büchners Text insofern nicht umstandslos als Kriterium zu setzen. (Und gerade bei der Prosa Kafkas oder Becketts handelt es sich im Grunde um eine Form von Extrem-Realismus. Dies durfte auch Georg Lukács erfahren, als er 1956 von seinen ehemaligen Genossen verhaftet wurde. Kafka, so Lukács, sei wohl doch Realist gewesen.) Nicht der Realismus oder eine idealistische Überhöhung bilden insofern das Zentrum, sondern vielmehr tritt in dieser Passage des Lenz-Textes das Verhältnis von Leben und Leblosem in den Vordergrund und bestimmt das Kunstwerk. Diese Opposition zwischen Leben und Erstarrung entfaltet Büchners Text dann in einem der wirkungsmächtigsten Bilder der Literatur:

„Wie ich gestern neben am Tal hinaufging, sah ich auf einem Steine zwei Mädchen sitzen, die eine band ihre Haare auf, die andre half ihr; und das goldne Haar hing herab, und ein ernstes bleiches Gesicht, und doch so jung, und die schwarze Tracht und die andre so sorgsam bemüht. Die schönsten, innigsten Bilder der altdeutschen Schule geben kaum eine Ahnung davon. Man möchte manchmal ein Medusenhaupt sein, um so eine Gruppe in Stein verwandeln zu können, und den Leuten zurufen. Sie standen auf, die schöne Gruppe war zerstört; aber wie sie so hinabstiegen, zwischen den Felsen war es wieder ein anderes Bild.

Die schönsten Bilder, die schwellendsten Töne, gruppieren, lösen sich auf. Nur eins bleibt, eine unendliche Schönheit, die aus einer Form in die andre tritt, ewig aufgeblättert, verändert, man kann sie aber freilich nicht immer festhalten und in Museen stellen und auf Noten ziehen und dann Alt und Jung herbeirufen, und die Buben und Alten darüber radotieren und sich entzücken lassen.“
(G. Büchner, Lenz)

Es produzieren sich in der Kunst – denn auch diese in Büchners Text entworfene Szene ist ja Dichtung und damit: Kunstwerk – die (Text-)Bilder als eine Weise von Fixierung im jeweiligen Ausdrucksmedium, und gleichzeitig lösen sie sich in dieser Fixierung wieder auf, es bricht sich in der Kunst ein Strom an Bildern, der aber zugleich dem Leben entnommen ist. [Wäre die Fotografie, so muß man fragen, ein solches Medusenhaupt, um das Bild festzufrieren und es erstarren zu lassen?] So steht hier das rein in der Optik mit den Augen in jenem Augenblick aufgefaßte Bild als bloßes Leben gegen das der Kunst, das in einer fiktionalisierenden, festschreibenden, fixierenden und formenden Weise dieses Leben in die (medusenhafte) Erstarrung zwingt. Der Blick der Medusa gebiert die Kunst. Die Frage wäre, ob die Künstlerin oder der Künstler jenes Medusenhaupt zwangsweise und das heißt dann, mit Notwendigkeit sein müssen. Was diesen Akt der Gewalt angelangt, den Kunst notwendig ausüben muß, so spricht Adorno in der „Ästhetischen Theorie“ vom Prokrustesbett:

„Kunst gerät in die Schuld des Lebendigen, nicht nur, weil sie durch ihre Distanz die eigene Schuld des Lebendigen gewähren läßt, sondern mehr noch, weil sie Schnitte durchs Lebendige legt, um ihm zur Sprache zu helfen, es verstümmelt. Im Mythos vom Prokrustes wird etwas von der philosophischen Urgeschichte der Kunst erzählt. (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Potenzierte Reflexion bedeutet, dieser Gewalt auch dort einzugedenken, wo sie nicht statthaben sollte und wo sie dennoch wirkt. [Gerade in diesen Passagen ist, nebenbei geschrieben, die Ästhetik aufs äußerste politisch und auch heute noch relevant für den Blick auf Gesellschaft. Auch wenn’s die Dummnöhler:innen und die Depp:inn:en der Unmittelbarkeit nicht begreifen.] Der formende Akt der Kunst und die Frage der ästhetischen Form, die sich wandelt und im Gang der Geschichte sich bestimmt und ausdifferenziert, sind dieser Textpassage im „Lenz“ wesentlich. Solche Reflexion auf die Kunst selbst innerhalb eines Kunstwerkes macht das Moderne in der Dichtung Büchners aus. (Dazu in einem zweiten Teil mehr. Der „ungeheure Riß“, der durch die Welt geht, wie es im „Lenz“ heißt, ist ein Riß, der bereits der Prosa Kleist eingeschrieben ist: Signum der Moderne, wie es Hegel in seiner „Phänomenologie“ als das unglückliche und entzweite Bewußtsein zwischen Sinnlichkeit und Verstand festhält. Aber Dualismus und Bruch, all die Risse sind nicht mehr umstandslos zu kitten.)

Diesen Reigen an Bildern sowie das Verhältnis von Einmaligkeit und Nachahmung begegnete uns schon in Kleist „Marionettentheater“ im Bild des anmutigen Jünglings, der sich einen Stachel aus dem Fuße zieht und dabei seiner selbst gewahr wird. In der narzißtischen Verzückung verschwindet die Anmut. Was bleibt ist das ästhetische Bild, mithin jene Kunst, die das Leben transformiert und zugleich die Fixierungen ausbildet.

Es sei am Rande darauf hingewiesen, daß sich Paul Celans Büchnerpreisrede „Der Meridian“ – unter anderem – auf diesen Dualismus von Leben und Erstarrung bezieht, er ordnet diesem Begriffspaar die Dichtung als Medium des Ausdrucks und des einzigen Wortes, als „Atemwende“ eben, und die Kunst als das Marionettenhafte, das Wiederholbare zu. Aber dieser Bezug zu einer Poetik nach Auschwitz (als eine Weise post-realistischer Darstellung) wäre wohl noch einmal ein anderes Thema. Es handelt sich in dieser Text-Anordnung um die Motive von Einmaligkeit und Wiederholung: Dichtung als das eine Wort, als jene Atemwende, die die Umkehr und die Gegenbewegung, das Gegenwort bewirkt (wie in Büchners „Danton“: „Es lebe der König …“): der Augenblick, aber nicht mehr als jene Verzückungsspitze, sondern es durchdringen sich in ihm Vernichtung und Leben, Erstarrung, Kunst und Dichtung. Sprache gerät an ihre Grenze: Tübingen Jänner: („Pallaksch. Pallaksch.“), wenn die Sprache versagt und wegbricht, wenn sich Dichtung, Schweigen und Musik einander durchdringen. Der Dichtung Büchners, insbesondere dem „Lenz“ ist der Wahnsinn eingeschrieben. Sprache, die an ihrer Grenze taumelt und sich an den Rand des Ausdrucks bringt. Das Motiv der Aphasie – inmitten des Bilderstroms – wäre anhand des „Lenz“ noch genauer zu betrachten.

„Lenz starrte ruhig hinaus, keine Ahnung, kein Drang; nur wuchs eine dumpfe Angst in ihm, je mehr die Gegenstände sich in der Finsternis verloren. Sie mußten einkehren; da machte er wieder mehre Versuche, Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht. Am folgenden Morgen bei trübem regnerischem Wetter traf er in Straßburg ein. Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er tat Alles wie es die Andern taten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er hin.“

Lakonischer findet sich kein Ende als dieses „So lebte er hin“, das den Zustand in einem Kurzsatz auf die Dauer sistiert und in der Zeit dehnt. Es wird auf diese Passage sicherlich noch zurückzukommen sein, insbesondere im Hinblick darauf, wie jedem (gelungenem) literarischen Text sein 20. Jänner eingeschrieben bleibt. Texte sind (auch) auf Daten bezogen.

Wer im 20. oder 21. Jahrhundert noch die Unschuld des Ausdrucks und seine unmittelbare Lebendigkeit einfordert, verhält sich – zumindest in der Reflexion der Ästhetik – nicht nur unterkomplex, sondern steht bereits mit beiden Beinen in der Regression. Die Prosa Kleists, Büchners oder Kafkas ist auch heute noch näher an der Gewalt der Sprache als das popliterale Geplaudere auf den deutschen Lesebühnen.

Von Indianern und Schwarzen, von Fiktionsgestalten und Hexen. Oder: Scheiden wir Rassismus aus der Gesellschaft aus, indem wir Bücher von bestimmten Begriffen freihalten?

Wer sich beim Lesen der „Kleinen Hexe“, bei „Pippi Langstrumpf“ oder anderen Büchern diskriminiert, ausgeschlossen oder herabgewürdigt fühlte, der oder dem kann keine/r diese Empfindung absprechen, weil Empfindungen meist prä-rational und auf der Ebene unmittelbarer Wahrnehmung eines Subjekts ablaufen; sie beruhen auf bereits gemachten Erfahrungen, auf einem Bündel an Mechanismen, wo Ausgrenzung erfahren wurde. Und die, welche diese Empfindungen äußern, werden das Geäußerte in der Regel so meinen, wie sie sie äußern. Über diese Empfindungen zu diskutieren, geht insofern am Kern des Problems vorbei, weil eine Empfindung nicht in dem Sinne diskutierbar ist, daß sie zur Disposition stünde. Empfindungen sind nicht einmal wahr oder falsch, sondern sie sind expressiv. „Ich liebe Dich“ oder „Das tut weh“ sind direkte Bekundungen eines Zustands, eines Gefühls. Wenn ich sage „Mir ist kalt!“, dann nützt die Antwort darauf, daß in diesem Raum aber eine Temperatur von 23 Grad herrsche, nichts. Mag sein. Mir ist trotzdem kalt.

Dasselbe gilt für das, was Begriffe in Texten an Assoziationen hervorrufen. Wem die Wendung „Neger“ weh tut, dem tut sie weh, und wer merkt, daß er in bestimmten Kinderbüchern als Kind nicht mitgemeint ist und darin als Kinderwesen nicht vorkommt, dem kann man dieses Gefühl nicht einfach absprechen. (Die seltenen Fälle, in denen Gefühle zugunsten von bestimmten Machtdiskursen instrumentalisiert werden, lasse ich weg, weil das Spezialfälle sind, und zudem werden diese Spezialfälle in einem anderen Diskurs– wiederum ideologisch motiviert – als die Regel ausgegeben, die sie nicht sind, um der anderen Seite, Empfindungen und Mit-Sprache abzusprechen.)

Worüber man allerding sprechen kann und auch muß, das sind die Umstände, die Kontexte, der Zusammenhang, in dem ein Gefühl, eine Empfindung geäußert wurde. Der expressive Satz und der Sachverhalt müssen in eine Konstellation treten. Und diese Verbindung wiederum steht im Zusammenhang mit den in Büchern verwendeten Begriffen wie „Neger“ oder überhaupt mit einem rassistischen Kontext. Das gilt es zum Thema zu machen, sich diesen Erfahrungen zu öffnen, und zwar nicht irgendwie und abstrakt, sondern anhand konkreter Fälle. Diese Erkenntnis wiederum setzt voraus, daß diese Texte gelesen werden. Es ist bspw. unsinnig Christian Krachts Roman „Imperium“ Kolonialismus oder Rassismus vorzuwerfen, ohne das Buch überhaupt zur Kenntnis genommen zu haben. Gerade die Aufregung um Kracht zeigt, wie eindimensionales und reflexhaft zuschnappendes Denken funktionieren. Zumal es in der Literatur eigentliches und uneigentliches Sprechen bzw. Figurensprechen gibt, was von manchen nicht einmal mehr mitgedacht wird.

Wenn es um die Forderung geht, daß bestimmte Begriffe aus Büchern getilgt werden, so scheint es mir zunächst einmal durchaus berechtigt, ein gehöriges Maß an Skepsis an den Tag zu legen. Zumal dann, wenn dieser Eingriff nicht von der Autorin oder dem Autor selber vorgenommen wird. (Und dies widerspricht – nebenbei – auch nicht meiner Theorie zum Textbegriff, sondern ein solcher Eingriff hat – unter anderem – mit der bestehenden Rechtsordnung, also mit Fragen des Urheberrechts zu tun. Jeder kann einen Text von mir fortschreiben und ihn zum Anlaß eines eigenen Textes nehmen, nicht jedoch geht es an, jenen Text abzuschreiben und darin einzelne Begriffe auszutauschen.)

Ob es sich bei einem solchen Eingriff, wo Texte umgeschrieben werden, nun um Zensur oder um einen (schlimmen) Eingriff handelt, entscheiden die Umstände. Vielfach wird in diesem Kontext des Eingriffs auch die Bibel, insbesondere die Lutherbibel genannt, die vielfach überarbeitet und umgeschrieben wurde. (Auch den Koran kann man anführen. Müssen Frauen sich wirklich verschleiert zeigen oder sollen sie bloß ihre Reize bedecken? Dann reichte ein Badeanzug aus. Gilt dies auch für Männer?) Was diese Umschrift und Übersetzung betrifft, so fußen hier verschiedene Probleme: einmal das der geeigneten Übersetzung, denn die Bibel ist ursprünglich in Hebräisch, Aramäisch und in Griechisch verfaßt. Dort überhaupt von einem „Originaltext“ zu sprechen, dürfte schwierig sein, und insofern greift der Analogieschluß zur Bibel eher schlecht als recht. Und wer einzelne Begriffe oder Sätze prüfen will, der muß sowieso auf verschiedene Quellen zurückgreifen und diese im Original lesen können.

Fragen des Urheberrechts werden bei den Bibelumschriften oder -überstzung übrigens nicht mehr berührt, da Gott bekanntlich tot ist.

Aber bleiben wir bei den Kinderbüchern. (Wenngleich der Tugendwächterrat es nicht bei den Kinderbüchern bewenden läßt. Wir können darauf wetten, denn es geht ja um die gute und gerechte Sache – egal ob Hemingway, Twain oder Céline.)

Richtig ist es allerdings, daß sich (rassistische) Stereotypen im Denken erzeugen und darin hängen bleiben, wenn bestimmte Begriffe oder Weisen der Darstellung einer Gruppe X oder Y in einem bestimmten Kontext und andauernd verwendet werden. Diese Stereotypen schreiben sich nicht nur ins Bewußtsein ein, sondern sie determiniert Gesellschaft ebenso sehr. Diesen Aspekt übersehen Schöngeister wie Greiner mit schöner Regelmäßigkeit. Das Bild, welches wir von den Indianern haben, beziehen wir wesentlich aus Hollywood-Western, die eine völlig falsche Ansicht über diese Völker vermitteln. (Ich bleibe nach langer Überlegung übrigens bei der Schreibweise „Indianer“, weil sich an allen anderen Begriffen ebenfalls Kritik üben ließe. Ureinwohner bspw. ist rassistisch konnotiert, da auch diese „Ureinwohner“ nicht ursprünglich da waren, People of Color ist zu allgemein. Indigene Völker mag noch angehen. Aber der Begriff besitzt keinen Klang.) Insofern prägen in der Tat die Formen der medialen Darstellung unser Bewußtsein. Der Filmemacher Neil Diamond zeigt in seiner eindrucksvollen und zugleich äußerst witzigen Dokumentation „Hollywood-Indianer“, wie Bilder und Stereotypen von Indianern sich im Wandel der Zeit und innerhalb der Filmgeschichte entwickelten. (Ich werde diesen Film hier und hoffentlich demnächst besprechen.)

Was nun die „Kleine Hexe“ betrifft, so wird dieses Buch (zumeist) nicht von drei- oder vierjährigen Kindern gelesen, die sich noch kein eigenes Bild machen können und die auf elterlichen oder sonstigen Input angewiesen sind, ohne Fragen stellen zu können, sondern der Thienemann-Verlag empfiehlt: „ab 6Jahren“. Wer in seinem Zuhause immer schon die Begriffe „Bimbo“ oder „Pollacke“ hört, der wird auch beim Schwarzen in der „Kleinen Hexe“ nicht geläutert werden. Und ich denke zudem, daß man einem 6-Jährigen durchaus den Kontext einer bestimmten Formulierung klarmachen kann, die heute einen abwertenden Charakter hat und eine koloniale Vergangenheit mit sich führt. Wo das Eltern nicht vermögen, da sollte in der Tat auch die Schule ihren Teil dazu beitragen.

Wer allerdings ein Buch wie „Die kleine Hexe“ (oder auch „Jim Knopf und der Lokomotivführer Lukas“) gelesen hat und darin nicht die antidiskriminierende Struktur sieht, trotz des mißlichen Begriffes, und wer nach dem Lesen eines solchen Buches nicht bemerkt, daß Ausgrenzung – um es in Kindersprache zu sagen – blöde ist, der hat nichts begriffen, und dem wird auch durch die Tilgung des Negers, der Türken und Chinesen nicht mehr zu helfen sein. Ja, man kann auch als Zebra oder als Frosch zum Fasching gehen. Nur schrieb Preußler eben nicht: Zebra oder Frosch.

Daß übrigens die beste Absicht aufklärerischer Betätigung mißlingen kann, zeigen die Fernsehserien „Holocaust“ und „Roots“: Soweit ich es als Kind in Erinnerung habe, wurden vom Beginn der Ausstrahlung an in der Schule von den Mitschülern und wahrscheinlich auch von mir beständig Witze über Untermenschen und Kunta Kintes gerissen. In solche Strukturen gälte es einzugreifen und nachzuhaken, wenn Kinder solche Wörter benutzen. Wo eine Gesellschaft insgesamt rassistisch ist oder einer rassistischen Struktur aufsitzt, ohne das irgendwie zu bemerken und wenn sich diese Gesellschaft qua Schule, qua medialer Vermittlung seiner Geschichte, der Kolonialgeschichte nicht gestellt hat, da handelt es sich um Spiegelfechtereien, ob in der Kleinen Hexe sich nun Kinder als Neger oder als Schwarze verkleiden. Ich mutmaße vielmehr, daß es sich bei dem gegenwärtigen Streit um eine Diskussion handelt, die eher akademischer Natur ist.

Aber weiter im Text: Greiner schildert in jenem Artikel in der Zeit vom 17. Januar eine Passage aus der „Pippi Langstrumpf“, wo es um die Lüge geht, weil Pippi behauptet, daß es ein Land gebe, wo alle Menschen rückwärts gehen, nämlich Ägypten und in Hinterindien liefen die Menschen auf Händen:

„‚Jetzt lügst du‘ sagte Thomas. Pippi überlegte einen Augenblick. ‚Ja, du hast recht, ich lüge‘ sagte sie traurig. ‚Lügen ist häßlich‘, sagte Annika. ‚Ja, Lügen ist sehr häßlich‘, sagte Pippi noch trauriger. ‚Aber ich vergesse es hin und wieder, weißt du. Und übrigens‘, fuhr sie fort, und sie strahlte über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht, ‚ich will euch heute sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen  Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als die Sonne untergegangen ist.‘“

Man kann von Ulrich Greiner und insbesondere von diesem Text nun halten was man will; er schrieb vieles, das ich inhaltlich nicht teile, nicht nur in diesem Artikel, sondern auch in anderen. Es geht, wie Greiner das inauguriert, im Falle dieses Eingriffs in Bücher sicherlich nicht um eine Hexenjagd, und es werden auch nicht solche Grundwerte wie die Meinungsfreiheit angegriffen. Wer das glaubt, schießt ebenso mit Kanonen auf Spatzen wie die, welche Bücher umschreiben möchten. Dennoch: die Beispiele, die Greiner nennt, sind nicht von der Hand zu weisen. Was wollen wir mit solchen Passagen machen? Sie herausnehmen, sie umschreiben? Wohl kaum, zumal diese Textstelle ja die Paradoxien des Lügens aufzeigen. Wenn Pippi lügt, dann lügt sie vielleicht auch in bezug auf die Menschen im Kongo? Ich fand in den vielfältigen Kommentaren zu dieser Diskussion samt dem unsäglichen Wort bereits einen Kommentator, der genau diese Stelle als Beleg für Lindgrens Rassismus anführt, ohne daß die Betreiberin des Blogs „shehadistan“ irgendwie widersprach und diese Deutung in den korrekten Zusammenhang, in dem diese Stelle geäußert wurde, brachte. Soviel zum Zitat, das aus dem Kontext herausgerissen wird, und zur Seriosität dieser Debatte.

Was machen wir eigentlich mit einem Buchtitel wie „Die dumme Augustine“ (auch von Preußler)? Es wird, darauf wette ich, irgendwann jemand, nein: jemenschd, kommen, die/der hier eine Diskriminierung von Frauen herausliest. Vielleicht sollten wir ein Institut zur Umschreibung von (Kinder-)Büchern ins Leben rufen.

Wie gesagt: man schlägt bei solchen Umschreibungen den Sack und meint den Esel. Und am Bewußtsein ändert sich gar nichts. Jedoch beschneidet man Texte, die in einem bestimmten historischen Kontext geschrieben wurden. Diesen gilt es beim Vorlesen oder in Schulen zum Thema zu machen. Und dafür mag auch diese Diskussion einen Anlaß bieten.

Wie ernst das Thema Rassismus ist wird übrigens durch solche Debatten geradezu konterkariert. Wir haben in der BRD nicht Rassismus, weil Kinder die „Kleine Hexe“ lasen! Und sie werden dadurch auch nicht zu Rassisten. Sehr wohl aber kann man Kindern anhand eines solchen Begriffes wie „Neger“ etwas über Sprache und ihre Auswirkungen klarmachen. Auch Sechsjährigen. Bücher – auch Kinderbücher – stehen in einem historischen Kontext. Den kann man Kindern erklären. Und das geschieht nicht durch Sprachbeschneidungen, sondern indem man sich mit seinen Kindern beschäftigt und sie nicht vor der Glotze oder woanders parkt.

Ich sträube mich übrigens nicht prinzipiell dagegen, daß Autorinnen oder Lektoren und Lektorinnen in einem Kinderbuch Begriffe ersetzen, man kann das in Einzelfällen machen: Wo „Neger“ war, möge „Schwarzer“ stehen, wenn es paßt. Aber damit solche Tilgungen nicht sinnentstellend geraten, geht das nur an vereinzelten Stellen, an denen diese Begriffe auch austauschbar sind. Ich würde da nicht dogmatisch sagen: Nein, geht gar nicht! Aber wer hier Wörter und Begrifflichkeiten verändert, der sollte es sich gut überlegen, welche Türen sie oder er dann öffnen. Wie gesagt: Es bleibt nicht bei diesen Eingriffen: irgendwann werden Pippi Langstrumpf nämlich ihre Strapsen ausgezogen (wg. Sexismus bei Kindern und Lolita-Syndrom) und der Umgang Pippis mit karikaturhaft dargestellten Dorfpolizisten und Erzieherinnen  wird von den Law-and-Order-Fans sicherlich ebenfalls zur Disposition gestellt.