Identitätspolitik des Nichtidentischen? – Peter Trawny, „Was ist deutsch?“ (1)

Ich bin kein Fan des Anteaserns von Büchern, aber dieses kleine Zitat zur neueren Kritischen Theorie aus Trawnys Buch ist bedenkenswert. Zumal es darin um die Frage nach der Relevanz von Philosophie fürs Gesellschaftliche geht und inwiefern Wissenschaft gegenüber dem herrschenden Wissenschaftsbetrieb sich überhaupt noch widerständig verhält, in einem Sinne wie es die frühe Kritische Theorie Adornos anstrebte. Selbst in meinem Studium Ende der 80er Jahre habe ich solche kritische Selbstreflexion nicht nur auf die eigenen Methoden des Faches, sondern auf Gesellschaft überhaupt als Impetus des Forschens, eigentlich nur in der Soziologie und dort insbesondere bei der Qualitativen Sozialforschung erlebt. Peter Trawny schreibt in seinem im Dezember 2016 erschienenen Buch „Was ist deutsch?“:

„Habermas‘ Projekt, die aktuelle Frankfurter Schule überhaupt, ist ein Diskurs von Professoren, der sich nur insofern ein besonderes Profil verleihen kann, als er in Exzellenz-Initiativen erfolgreich ist. Theorie um ihrer selbst willen wird ausgestattet mit großzügigen Posten. Damit aber erlangt der Diskurs noch keine gesellschaftspolitische Relevanz. Im Gegenteil. Er wird nicht weniger esoterisch als das von Habermas so häufig abgekanzelte Heideggersche Denken. Was universitätspolitisch äußerst effektiv funktioniert, ist ‚lebensweltlich‘ irrelevant geworden.

Als Rudi Dutsche 1968 in Anspielung auf Mao Zedong vom langen Marsch durch die Institutionen sprach, dachte er an die Überführung des Geistes der Revolution in die entscheidenden Organisationskanäle der BRD. Adorno hat diese Strategie jener Stadt-Guerilla vorgezogen. Doch die Geschichte der deutschen Institutionen zeigt, dass dieser Marsch in die Ämter führte, die schließlich nicht anders ausgeübt wurden als die Ämter von vorher. Adorno mahnte in seiner Frankfurter Vorlesung vom Winter 1963/64: ‚Wir haben es mit der Neutralisierung zu tun. Widerstand gegen den wissenschaftlichen Betrieb ist noch eine Aufgabe, die der Philosophie geblieben ist.‘ Nicht mehr – jene, die den Titel der Frankfurter Schule für sich verwenden, sind die angepasstesten Repräsentanten dieses Betriebs geworden.“ (Peter Trawny, Was ist deutsch?

Über solch Prozedere witzelte die Neue Frankfurter Schule mit jenem verdrehten Spottreim:

„Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Aber eigentlich ist es traurig. Und aus diesem Grunde konnte, so Trawny, Peter Sloterdijk 1999 in der Zeit völlig zu recht den Tod der Kritischen Theorie konstatieren oder böse Zungen würden meinen: ihn bejubeln. Aktuell wäre also diese Frage wieder zu beleben, was eigentlich Kritische Theorie heute uns bedeuten kann. Auch oder gerade, wenn man sich gegen dieses Diktum Sloterdijks sträuben mag, ist die Frage nach der Relevanz und den Möglichkeiten einer Kritischen Theorie, die sich nicht nur in Fragen der Geltungsansprüche und der Argumentationstheorie erschöpft, nicht vom Tisch gewischt.

Peter Trawnys Buch versucht indirekt über die Möglichkeiten Kritischer Theorie Auskunft zu geben. Aber nicht im Sinne einer kruden Identitätspolitik, sondern interessanterweise anhand einer Figur der philosophischen Szene, die der Deutschtümelei unverdächtig ist. Politisch wird sie mittlerweile eher von der antideutschen Liga in Anspruch genommen, sofern man sie nicht sowieso ins Reich des schönen Scheins, will sagen in die Ästhetik expedierte, um dessen gesellschaftskritischen Implikationen abzuschneiden: Theodor Wiesengrund Adorno. Seinerzeit Ende der 80er Jahre, Anfang der 90er machte sich noch die Marxistische Gruppe über die bürgerlich-deutsche Attitüde des Denkers in einem Flugblatt lustig. Ausgehend von jenem Aphorismus in den „Minima Moralia“, konstatierte die MG die sture, politisch Enthaltsamkeit des Großbürgers Wiesengrund. Keine Parteinahme für die marxistische Sache, sondern bocksköpfiger Individualismus. Adorno schrieb im US-Exil, in das ihn die Nazis vertrieben:

„In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“

Daran also zog sich die MG hoch, fein säuberlich, wie Stalin den Trotzki aus der Photographie montierte, den Begriff des Erinnerns überspringend. Ausgerechnet Adorno also für die Frage, was deutsch sei, in Anspruch zu nehmen? Unberechtigt und vor allem unbegründet ist dieses Anliegen Peter Trawnys jedoch nicht, denn es gibt in dem letzten, kurz nach Adornos Tod publizierten Band „Stichworte. Kritische Modelle 2“ einen Beitrag Adornos, der am 9. Mai 1965 im Deutschlandfunk gesendet wurde: „Auf die Frage: Was ist deutsch?“ Und auch sonst finden sich in seinem Werk zahlreiche Belege dafür, daß es Adorno darauf ankam, nicht nur den Begriff der Kultur, sondern speziell den der deutschen Kultur in die Kritik zu bringen, ohne dabei die allgegenwärtige Restauration zu befördern.

Insofern ist Trawnys Unternehmen sinnvoll, mit Adorno im Gepäck die Frage nach dem Deutschen zu stellen. Insbesondere nach Auschwitz einfach zur Tagesordnung überzugehen und im Jargon der Eigentlichkeit zu raunen oder Lippenbekenntnisse von schwerer Schuld auszubringen – wie es jemand wie Karl Jaspers immerhin noch tat, aber schon wieder in einer Art des Weiheberäucherns und im Pathoston: das alles reicht nicht aus, um ans Geschehen heranzureichen, falls das überhaupt möglich ist, und schon gar nicht eröffnet dieses Salbadern so etwas wie kritische Selbstbesinnung. Es läßt sich wenige Jahre nach Auschwitz mit einem Alibi-Eingeständis nicht zur Tagesordnung und zur Positivität übergehen. Adorno schreibt:

„Im Lob der Positivität sind alle des Jargons Kundigen von Jaspers abwärts miteinander einig. Einzig der umsichtige Heidegger vermeidet allzu offenherzige Affirmation um ihrer selbst willen und erfüllt sein Soll indirekt, durch den Ton beflissener Echtheit. Jaspers aber schreibt ungeniert: ‚Wahrhaft kann in der Welt nur bleiben, wer aus einem Positiven lebt, das er in jedem Fall nur durch Bindung hat.‘“ (Adorno,  Jargon der Eigentlichkeit)

Diese Konstellation und die restaurative Stimmung der 50er und noch der 60er Jahre, die in der alten BRD herrschte, muß man zunächst im Blick haben und als Hintergrundfolie mitdenken, um Adornos harsche Kritik und die Polemik im „Jargon der Eigentlichkeit“ zu verstehen. Trawny weist knapp auf diesen Aspekt hin, wenn er schreibt:

„Kritische Selbstbesinnung‘ hatte damals, zwanzig Jahre nach dem Kriegsende, den Charakter der ‚Nestbeschmutzung‘.“

Wer die Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule dieser Jahre vertiefen will, ist mit Rolf Wiggershaus‘ Studie „Die Frankfurter Schule“, mit dem Sammelband „Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule“ sowie mit Müller-Doohms Adorno-Biographie gut bedient. Ergänzend zu lesen vielleicht noch Lorenz Jägers 2004 erschienenes Buch „Adorno. Eine politische Biographie“. (Gerade ist von ihm eine Biographie über Walter Benjamin erschienen. Sie wird auf Aisthesis demnächst ebenfalls Thema sein.) Es läßt sich an diesen Büchern manches kritisieren, ich will diese Lektüre nicht rein affirmativ in den Raum stellen. Aber als Quelle für Information im Blick auf Adorno sind diese Werke nützlich. Wer es im Detail will, lese Adornos „Jargon der Eigentlichkeit“ und um aus erster Hand ins intellektuelle Klima der BRD vom Kampfposten der Kritischen Theorie aus zu blicken, den Briefwechsel zwischen Adorno und Horkheimer, Band IV von 1950-69. Wir finden hier Gründungsdokumente einer intellektuellen Institution.

Um was aber geht es Trawny?

„Was untergeht, was nach einer langen Zeit der Erosion verschwindet, ist eine spezifische Gestaltung der politischen Öffentlichkeit. Es geht um die Lebensleistung Theodor W. Adornos, um das, was dieser Philosoph nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil aufbauen wollte und aufgebaut hat: eine Gesellschaft, in der es sich nach dem Schrecklichsten wieder leben ließe. Adorno – spiritus rector der Bundesrepublik.“

Diese Sätze scheinen zunächst affirmativen Charakters zu sein, als kämes es darauf an, Altes zu restaurieren, und sie sind eine gewagte These dazu. Doch wenn man genauer hinsieht, gibt es gute Gründe für die Annahme,  daß Adorno ein anderes und ein besseres Deutschland im Sinn hatte; aus einem kritischen Geist heraus aufgebaut. Wer sich all die Rundfunkbeiträge anhört, die Adorno in Aufklärungsarbeit leistete, bekommt ein Bild von der intellektuellen Relevanz und es erhält jenes Wort des „spritus rector“ eine konkrete Bedeutung. „Erziehung zur Mündigkeit“ so hieß ein letztes Gespräch mit Adorno. Gesendet wurde es am 13. August 1969, also sieben Tage nach seinem Tod. Sehr schön kann man übrigens diese Wirkung Adornos auf seine Zuhörer in Gisela von Wysockis feinem Roman „Wiesengrund“ nachlesen. Die Erzählerin dieses Coming-of-Age-Romans verfolgt ihren intellektuellen Helden, der jene Protagonistin Hanna Werbezirk geistig erweckt, bis nach Frankfurt. Ins Milieu der sechziger Jahre geht die Reise. Eine Adorno-Homage, ohne zu lobhudeln, die einiges von dem Faszinosum Adornos aufzeigt, aber dabei doch immer in der nötigen Distanz der phänomenologischen Betrachterin bleibt.

Ich werde in einer Art Rezensionsessay versuchen, einige Züge dieses Buches von Trawny aufzugreifen und ggf. auszufahren und weiterführende Aspekte in Adornos Philosophie aufzeigen. Was also ist deutsch? Das impliziert ebenso die Frage, die ein großer Teil der Linken Jahrzehnte aussparte: Die nach dem Begriff der Heimat. In diesem Sinne wird das keine klassische Rezension, sondern ich schreite den Text ab und picke mir Aspekte und Ansätze heraus, die mir gefallen und die ich interessant finde. So wie oben jene Zitate zum Versiegen der Kritischen Theorie – versiegen in einem doppelten Sinne genommen. Da es sich bei der Frage, was deutsch und was Heimat sei, auch um die Ausbildung von Identitäten dreht, erweitert diese Kritik zugleich meine Blog-Serie zur Gemeinschaft.

Peter Trawny: Was ist deutsch? Adornos verratenes Vermächtnis. Matthes & Seitz, 107 Seiten, ISBN: 978-3-95757-376-6, EUR 10,00

 

 

 

 

 

„Klassenkampf von oben“

So hieß die Debatte in der „Zeit“ über die Thesen Sloterdijks, daß die Unteren mit Gaben abgespeist werden sollen, um die „Würde der Armut“ nicht zu gefährden. Wenn die Löhne für Arbeiterinnen und Arbeiter bei solchen wie Schlecker, Back & Frost et al. schon so großzügig ausfallen, da möchte man dann gar nicht mehr wissen, welch reichhaltige soziale Gaben von den Oberen Charaktermasken freiwillig dargeboten werden.

Eigentlich ist zu dieser Debatte in anderen Blogs alles bereits gesagt, und es ist witzlos, hierüber zu diskutieren. Aber ich möchte denen, die es in der Zeit der Ausgabe vom 21.1.2010 noch nicht gelesen haben, diese Sätze von Jens Jessen nahebringen:

„Indes kann man sich nur wundern, mit welcher Sicherheit die neuen Hartherzigen davon ausgehen, ihr Einkommen einzig der eigenen Leistung zu verdanken. Haben sie nicht auch von familiären Privilegien, womöglich über Generationen akkumuliertem Bildungsbesitz profitiert, wenn nicht gleich schnöde von ererbtem Vermögen? Und wenn dies nicht der Fall ist, wenn der Weg, wie Sloterdijk gerne betont, aus ‚bescheidenen Verhältnissen‘ nach oben führte, muss dann nicht erst recht dankbar des emanzipatorischen Flankenschutzes des Sozialstaates gedacht werden? Oder anders herum gefragt: Wie weit wären die Sloterdijks und Bohrers gekommen, wenn statt der sozialdemokratischen Bildungsoffensive private Suppenküchen und Kleiderspenden ihre Jugend begleitet hätten?

Es macht ein wenig misstrauisch, dass die Umverteilungsklage weniger vom wirklichen Establishment als von den intellektuellen Aufsteigern formuliert wird. Will man nicht direkt unterstellen, dass diese von jenem bezahlt werden, bleibt nur die Erinnerung an eine klassische Beobachtung Tocquevilles. Er vermutete, dass Dienstboten in Amerika deswegen schlechter behandelt werden als in Frankreich, weil die amerikanischen Herrschaften ihnen ohne schlechtes Gewissen gegenüberstehen, insofern sie selbst von Dienstboten abstammen.“

Bekenntnisse eines Unpolitischen: Peter Sloterdijk in Berlin – ich war dabei

Nun gebe ich zu, mache coming-out, mache mich unbeliebt, mache confessio, folge dem Beichtzwang, verliere Leser, erhalte zukünftig keine Mailzuschriften mehr von (selbstredend gutaussehenden) blonden Frauen, die wilde Abende mit mir verbringen wollen, bleibe in der Einsamkeit des Gemiedenen: ja, ich habe es getan. Ich bin bei ihm gewesen, habe den Leibhaftigen gesucht und gesehen. Gestern, am Sonntag, einen Tag nach Halloween, zu Allerheiligen im Deutschen Theater zu Berlin: um 11 Uhr morgens, zusammen mit dem an der Humboldt Universität lehrenden Philosophen Thomas Macho:

Peter Sloterdijk

(Also nicht ich, zusammen mit Thomas Macho, sondern Sloterdijk mit Thomas Macho, der allerdings eher soufflierend wirkte bzw. die Rolle des Moderators übernahm. Ein kontroverses Gespräch kam leider nicht auf. Dies wäre an manchen Stellen mehr als nötig gewesen.)

Der Druck in der Magengegend ist fort, denn ich habe es ausgesprochen. Und nun mache ich mich hoffentlich nicht faschismuskompatibel und ausspuckenswert, aber ich fand, auch dies gebe ich nun zu, Sloterdijks Auftritt stellenweise nicht schlecht: Denn immerhin, er ist amüsant, er besitzt Esprit, weiß zu parlieren und zu parieren. Eigenschaften, die ich zunächst einmal schätze, und ich darf das ja als Ästhetiker auch, im Gegensatz zum Gesinnungsethiker. Der Stil, den Bohrer in der FAZ bei Sloterdijk heraushebt, der ist bei ihm durchaus vorhanden. (Wobei Bohrers Beitrag an Ridkülität nicht zu überbieten ist, der Frankfurter Philosophieprofessor Martin Seel hat hierzu in der „Zeit“-Ausgabe dieser Woche  eigentlich alles geschrieben und exakt auf den Punkt gebracht; manchmal ist es besser, wenn Menschen wie Bohrer, welche in Ästhetik machen und deren Ausführungen zu ästhetischen Fragen und Problemen teils sehr instruktiv sind, die Ausflüge in die Politik tunlichst unterlassen sollten, zumindest dann, wenn es derart unreflektiert und eines Philosophen unwürdig geschieht, so daß es blamabel und damit vollkommen stillos ist. Der perfekte Dandy läßt sich nicht hinreißen, schon gar nicht zu so etwas. Er schweigt, trinkt einen guten Rotwein, niemals jedoch Chablis.) Aber die Frage ist natürlich, ob solch ein metapherngesättigtes, rhetorisch ausgefeiltes Sprechen und Schreiben wie bei Sloterdijk ausreicht oder nicht vielmehr ein Oberflächenphänomen ist, das am Ende nur Nebel erzeugt und die Sache verdeckt.

Aber erst einmal der Reihe nach: Sloterdijk stellte im Deutschen Theater sein Buch „Du mußt Dein Leben ändern“ vor. Weniger ging es bei dieser Veranstaltung um die Diskussion in der FAZ und der „Zeit“ sowie Sloterdijks abenteuerliche Thesen im „Cicero“; diese Dinge wurden nicht einmal gestreift. Zumindest aber hat mich der Vortrag Sloterdijks doch ein wenig neugierig gemacht auf sein Buch, in dem es um die Anthropotechniken sowie die (Ein-)Übungen geht, die zu leisten sind. Im Grunde etwas, das sich auch mit Nietzsche und Foucault als Selbstprakitk lesen läßt, die Steigerung des Selbst, aber auch die Überschreitung der (Selbst-)Grenzen. Der Übermensch bei Nietzsche, so Sloterdijk, im Grunde ein Druckfehler, es ist der übende Mensch, der dann ja in der Tat auch in den Nachgelassenen Schriften Nietzsches häufig genannt wird.

Vieles wurde in dem Vortrag gestreift. Die Übungstechniken in den frühmittelalterlichen Klöstern, das Lesen im Buch der Welt, im Buch des Selbst und im Heiligen Buch, der Mensch als Lektor im Buch der Natur, im Buch des Selbst, der dort korrigierend heraus- oder hereinliest, der Mensch als das Wesen, welches in diesem Buch die Druckfehler beseitigt zwecks Optimierung. Dies reicht von der Antike über die besagten Klöstern bis hin zur pädagogischen Ausbildung etwa im Sinne Comenius und den Konzepten der Aufklärer, die bis heute reichen, dort zum Extrem werden und, in der Computersprache gesprochen, so Sloterdijk, als Formatierung des Menschen betrieben werden. Es sind Übungen, Arbeit, die nötig ist, um die unterschiedlichsten Fähigkeiten zu steigern: ob dies nun die antike Athletik ist, die Fingerfertigkeit des Handwerkers und des Pianisten oder das Extrembergsteigen, die Arbeit und Leistung des Denken, die Vervollkommnung der Handlungen: wir betreiben Einübungen und in unseren Lektüren im Buch des Selbst beständig Verbesserungen. Und dabei bemerken wir im Treiben der Selbstvervollkommnung: Wir sind umgeben von Druckfehlern, so Sloterdijk witzelnd.

Es wurde an dieser Stelle nicht so recht klar, was genau er damit meinte. Wie der geneigte Leser und auch die geneigte Leserin bemerkt haben wird: ich bin zunächst ein wohlwollender Lektor und Leser bzw. Zuhörer Sloterdijks, auch beuge ich mich keinem Zeitgeist oder lasse mir Lesarten vorgeben: In solchen Passagen wird es jedoch grenzwertig. Wie gesagt, ich will das Faschismusknüppelchen nicht ziehen, da ich es zunächst mit dem principle of charity halte und ein zuweilen sentimentaler Resthermeneutiker bin. Auch sollte man sich das Ganze des Textes anschauen. Ja, die Lacher waren bei diesem Aperçu auf Sloterdijks Seite, doch hier reichen Stil und Rhetorik nicht aus, und ohne eine weiterführende Erklärung, was eine Druckfehlerbeseitigung wohl bedeuten könnte, begibt sich Sloterdijk auf ein schlimmes Terrain. Erst recht dann, wenn in der Folge des Vortrags der Begriff der Viel-zu- vielen fällt.

Sicherlich: dieser Begriff ist motiviert durch ein Konzept von Biopolitik und Biomacht, jener Macht, die sterben macht und leben läßt: Macht, welche im aufkommenden Gefüge der europäischen Nationalstaaten einzig durch eine hohe Bevölkerungszahl zu erreichen ist. Insofern auch die Schwere der Strafe sowie die gesellschaftliche Ächtung bei Kindstötung, genauso unterlag die „Untertanenhinterziehung im Schlafzimmer“ der sozialen Ächtung. Insbesondere kaprizierte sich Sloterdijk hier auf das 17. Jahrhundert und stellte zugleich einen Bezug zu Foucault her, insbesondere zu „Überwachen und Strafen“ sowie „Wahnsinn und Gesellschaft“, um die Einschließungs- und Ausschließungssysteme einer Gesellschaft aufzuzeigen, die aufgestellt werden, um eben jener Zuvielen, die nicht bereit zum Üben sind, Herr zu werden.

Wie es hierbei um die Verbindungen zu Foucault und natürlich Agamben steht, wird sich wohl erst in der Lektüre von Sloterdijks Buch selbst erweisen. In seinem Vortrag hat er diese Dinge lediglich gestreift, so daß sich die Bezüge lediglich ahnen lassen.

Es mag aufs ganze gesehen eine Petitesse sein. Aber im Zusammenhang der „Entsorgung“ jener Zuvielen in die Kolonien, wobei diese Zuvielen, nach Sloterdijk, zu einer großen Zahl Kriminelle oder aber religiöse Abweichler waren, davon zu sprechen, daß man Amerikaner bloß nicht auf das Thema Kriminalität ansprechen soll, weil drei Generationen vorher immer irgendein Krimineller in der Familie war, das ist nicht nur ein billiger, europäischer Antiamerikanismus, der mit der Geste einer heuchlerischen Überlegenheit daherkommt, sondern es zeugt auch von einer Sichtweise, die auf den schnellen und billig erkauften Witz aus ist. Im Zusammenspiel mit der Rede von den Zuvielen zeigt sich hier eine gefährliche Sicht, die mit geistiger Überlegenheit und sprachlicher Gewandtheit daherkommt, um über die nicht so gut Weggekommenen mit herrischer Geste hinwegzuschreiten. Zudem wäre natürlich die Frage zu stellen, wer die Bestimmungen setzt, was nun zu viel oder zu wenig im Üben ist.

Immerhin hat Sloterdijk allerdings, eben im Anschluß an Foucault, die Ausschließungsmechanismen aufgezeigt, die es einer Gesellschaft ermöglicht, zu funktionieren und zu disziplinieren: eben durch die Abschiebung von Mißliebigen, die Ausgliederung von denen, die nicht genug geübt haben, in Kolonien, Irrenanstalten oder Gefängnisse. Wieweit bei Sloterdijk an solchen Stellen jedoch in kritischer Impuls steckt, der ja bei Foucault und Agamben deutlich vorhanden ist, läßt sich ohne die Lektüre des Buches schwer ausmachen. Im Vortrag zumindest war er nicht herauszuhören. Hier standen eigentlich mehr die Selbstpraktiken im Vordergrund, die das Subjekt steigern. Wieweit seine Rhetorik der Übungen und der Selbststeigerungen einem neoliberalen und damit eben unkritischen Weltbild geschuldet ist, kann man nach diesem Vortrag nur vermuten. Zumindest drängen sich ein wenig Stichworte wie Marktoptimierung des Subjekts und ähnlicher Unsinn auf. Selbststeigerungen für den Arbeitsplatz.

Dennoch werfen solche Dinge am Ende eine Sicht aufs Ganze der Sloterdijkschen Philosophie. Vielleicht mag es übertrieben erscheinen sich an der Druckfehlerbeseitigung, jenem antiamerikanischen Blödsinn oder der Rede von den Vielzuvielen festzubeißen. Denn Sloterdijk ist klug genug: er wird sich hütet, die Karten offen auf den Tisch zu legen oder irgendwelchen Eliminierungsphantasien ihren freien Lauf zu lassen: Im Rausch, Rauch und im Nebel der Metaphern und des Stils hält er sich bedeckt. Ob diese Methode der Metaphorisierung des Sozialen nun Camouflage ist oder einfach nur der unbändigen Lust am ästhetischen Spiel geschuldet ist, vermag ich nicht zu sagen, da meine Sloterdijk-Kenntnisse begrenzt sind. Dennoch: das Buch wird herbeigeschafft.