Silvester 2020 – wilde verwegene Jagd der Raunächte

Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein doch etwas besseres 2021. Ich will hier keinen Rückblick halten, Silvester ist überbewertet. Man kann an diesem Tag für sich selbst noch einmal Revue passieren lassen, was war. Zudem haben wir die herrlichen Raunächte, die zum Phantasieren und zum Deuten der Träume einladen, was allemal spannender ist als all die Rückblenden und das Aufzählen der bedeutenden Ereignisse. Und da es im hohen Norden an jenen Tagen um Weihnachten stürmte, an der Nordsee war es am 26.12. extrem und herrlich orkanartig, gehe ich davon aus, daß die Wilde Jagd einmal wieder unterwegs war: die Wotansreiter, Åsgårdsrei, zwischen der Wintersonnenwende und den orientalen und afrikanischen Dreikönigen. Vermutlich wird es wieder dumme Debatten geben, weil Kinder sich schwarz schminken; und die freudlose Zeit wird sich perpetuieren. In Helmut Lethens Autobiographie „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“ las ich im Blick auf Lethens Schulzeit und die Lehrer, die da nach dem Krieg in Deutschland unterrichteten, folgenden Satz:

„Es muss so etwas wie eine Selbstreinigung des Kollegiums gegeben haben. Die aber traf womöglich auch einen dunkelhaarigen Assessor, der uns unvorsichtigerweise Brechts „Der Jasager“ und „Der Neinsager“ nahelegen wollte und prompt verschwand. Der Kalte Krieg ließ die Gymnasien nicht unberührt.“

Nichts Neues unter der Sonne also, nur eben daß in den 2010er Jahren das Internet bei solchen Jagden etwa auf Joanne K. Rowling, Monika Maron bis hin zu Lisa Eckhart als unheilvoller Verstärker und als eine Art Tribunal der anonymen Masse fungiert: und schwupp ist man in der Zeitung, und schwupp ist man Nazi, homophob oder wird sonst irgendwie bezichtigt, und solche Denunzianten wissen ganz genau: Semper aliquid haeret, igendwas wird schon hängenbleiben. Ich fürchte, auch diese Tendenz des Bezichtigens und Denunzierens wird uns 2021 erhalten bleiben und noch viele andere schlechte Angewohnheiten. Es wird also alles wie immer und Leben geht weiter wie bisher. Irgendwie.

Lieber also jene mythologischen Jagden und die Phantasie-Geschichten, die wilden Geschichten: Literatur und Essay. Apropos böse Geschichten: versäumt habe ich dieses Jahr eine Würdigung von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“, das vor einhundert Jahren erschien. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Vielleicht ja dafür nächstes Jahr ein Blick in Houellebecqs kürzlich erschienenen Essay-Band, um das Böse zu goutieren und jener Dialektik der Aufklärung zu frönen. Und eben dem Verhältnis von Denken und Mythos sich zu widmen, auch dazu liefern die Raunächte Anlaß, und dazu habe ich heute und hier aus meiner Buchhandlung von Klaus Heinrich abgeholt: „Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie“ aus dem ça ira Verlag, wo auch das gesammte Werke von Heinrich erscheint – übernommen vom Stroemfeld Verlag, wo Heinrichs Werk teils erschien. Passendes Buch. Ich bin gespannt. Auch eine kleine Überraschung. Klaus Heinrich starb am 23. November in Berlin. Was ich – neben dem plötzlichen Tod – an diesem aus dem „Tagesspiegel“-Nachruf zu Klaus Heinrich am erschreckendsten finde, ist in einem Nebensatz verpackt:

„Er hatte sich geradezu obsessiv gegen Corona gewappnet, nannte sich „einen Gefangenen ohne Hofgang“. Obwohl es ihn beschwerte, dass er sein geliebtes Restaurant „La Marianna“ nicht mehr besuchen und nicht mehr vom Cousin oder Neffen in die brandenburgische Umgebung gefahren werden konnte, hielt er den vom Virus auferlegten Knast entschlossen durch – weil er leben wollte. Ein Sturz brachte ihn ins Krankenhaus, gegen dessen Keimgefahren war er machtlos.“

Ich hoffe, wir reden hier in der BRD nach Corona über die Situation in deutschen Krankenhäusern, über Krankenhauskeime und über das Weggespare im Gesundheitswesen. Öffentliche Daseinsvorsorge gehört nicht auf den Marktplatz und sie ist nicht verhökerbar an den Meistbietenden, der dann mit der Gesundheit Profit erwirtschaften muß. Ein Sturz und die Einlieferung ins Krankenhaus setzten dem Leben von Klaus Heinrich ein Ende.

Wie Silvester verbringen? Es wird dieses Jahr zum Glück ruhig werden. Keine Knallereien. Das ist gut so. Leider aber blitzt und funkelt in den herrlichen roten, gelben und grünen Farben auch kein Feuerwerk am Himmel. Keine Apparition. Seine Verwandtschaft hat das Feuerwerk als einmalig und flüchtig in der Zeit Erscheinendes mit dem Kunstwerk. Adorno schreibt von Kunstwerk:

„Es ist apparition κατ‘ ἐξοχήν: empirisch Erscheinendes, befreit von der Last der Empirie als einer der Dauer, Himmelszeichen und hergestellt in eins, Menetekel, aufblitzende und vergehende Schrift, die doch nicht ihrer Bedeutung nach sich lesen läßt. Die Absonderung des ästhetischen Bereichs in der vollendeten Zweckferne eines durch und durch Ephemeren bleibt nicht dessen formale Bestimmung. Nicht durch höhere Vollkommenheit scheiden sich die Kunstwerke vom fehlbaren Seienden, sondern gleich dem Feuerwerk dadurch, daß sie aufstrahlend zur ausdrückenden Erscheinung sich aktualisieren. Sie sind nicht allein das Andere der Empirie: alles in ihnen wird ein Anderes. Darauf spricht das vorkünstlerische Bewußtsein an den Kunstwerken am stärksten an. Es willfahrt der Lockung, welche zur Kunst überhaupt erst verführt, vermittelnd zwischen ihr und der Empirie.“

Zu diesem Jahresende also eine gewisse Stille und keine nächtlichen Himmelszeichen aus Pyrotechnik. Die Geister können nicht vertrieben werden. Herrlich etwa war es, den Chinesen aus dem China-Restaurant neben dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zuzusehen. Kein dummes Geböllere, niemand wirft auf Menschen oder will Rabatz machen, wie hier in Berlin-Schöneberg jene dummen Jugendlichen an der Pallasstraße, die noch auf Notarzt, Feuerwehr und Polizei Raketen schießen und Böller werfen. Sondern es werden Geister vertrieben. Wir brauchen zuweilen auch solche Mythen und die schönen oder die grausamen Geschichten.

Das gute freilich: kein Lärm bis tief in die Nacht. Dort, in dem sowieso schon stillen Stadtteil Berlins, wo ich lebe, ist es heute fast wie auf einem Dorf. Ich mag das. Stille und der letzte Tag des alten Jahres. Dazu ein leicht milchiges Licht, zuweilen mit Sonne gemischt. Eine schöne Stimmung zum Ausklang. Zu Silvester gibt es traditionell die Berliner, wobei man in Berlin eben Pfannkuchen dazu sagt, während im Norden die Pfannkuchen, wie der Name es bedeutet, aus der Pfanne kommen und mit Eierteig zubereitet werden. Überall in Berlin heute lange Schlangen vor den Bäckereien. Vor meinem Lieblingsbäcker Mälzer und der Konditorei Rabien ebenso. Also schlendere ich weiter und schaue, bis ich sehe, daß es beim Bäcker der „Bio Company“ relativ leer ist. Ich blicke in die Auslage. Dort gibt es auch das Glücksschwein Ebert, aber das wähle ich nicht, sondern ich erstehe einen Berliner mit Eierlikör und einen mit Himbeerfüllung. Der erste Berliner ist bereits verputzt. Er schmeckt so lala. Rabien ist deutlich besser und in dem Augenblick als ich diesen Satz schreibe, fällt mir ein, daß die Berliner von Mälzer gar nicht so gut sind, wie ich dachte. Ich hatte sie letztens probiert. Sonst ist Mälzer ein hervorragender Bäcker: guter Kuchen, gute Brötchen, aber die Pfannkuchen schmeckten alt und schal. Gute Berliner zu finden, ist schwierig, die besten hat halt die Konditorei Rabien. Ich esse die Berliner grundsätzlich nachmittags. Ich sehe den Sinn nicht, um 24 Uhr süßes Gebäck zu verzehren. Es gibt zu dieser Uhrzeit Wunderkerzen, einen italienischen Rotwein und vielleicht gegen 24 Uhr einen schönen Rieslingsekt.

Nun kann man aber jetze schonmal anfangen, ein gutes neues Jahr zu wünschen und einen netten Silvesterabend mit höchstens fünf Personen aus zwei Haushalten. Bei mir ist es in der Regel ein Silvester mit einer Person aus einem Haushalt. Denn ich hasse Silvester, und ich feiere es nicht gerne. Früher, als ich noch am Theater Kartenabreißer war, habe ich vorgezogen, am Silvester zu arbeiten. So wie ich Weihnachten liebe, mag ich Silvester und diese Fröhlichkeit nicht. Die Nachbarin saugt ihre Wohnung, wie ich gerade höre. Brav am letzten Tag noch Ordnung zu machen. Vielleicht sollte ich sie zu mir in mein Grandhotel Abgrund bitten. Es ist auf den 90 qm einiges zu säubern. Ich sitze hier ansonsten schon in den Startlöchern zur imaginierten Bunga-Bunga-Party mit Italien-Rotwein und Rimini-Schlagern. Der erste Berliner ist bereits verspeist. Wo ich ihn kaufte, schrieb ich in diesem kleinen Blog-Text. Und auch wie er schmeckte. Empfindungsprosa und Beschreibungspotenz. Die es freilich auf AISTHESIS auch nächstes Jahr wieder geben wird – sofern die Zeit es zuläßt. In diesem Sinne: Allet Jute für 2021, wie der Berliner so sagt. Guten Rutsch allen, die es verdienen. Und die, die es nicht verdienen, sollen mich am Arsch lecken.

Clash of Civilisation oder was sind Nafris?

Mag sein, jene Idee vom Clash of Civilisation wurde nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von konservativen US-Thinktanks erfunden, um ein neues Freund/Feind-Schema zu installieren. Auf diese Weise sollte nach der Ausschaltung des ehemaligen Gegners eine neue Politik ins Spiel gebracht werden. Doch keineswegs ist diese Idee vom Kampf der Kulturen neu. Dieser Kampf herrschte zu archaischen Zeiten, und er ist uns schriftlich übermittelt, spätestens mit dem Beginn der Geschichtsschreibung unter Herodot und Thukydides. Perser und Helenen. Zwei Welten, die sich dennoch durchdrangen. Orient und Okzident. Geschichte denkt immer auch im Schema der Gegnerschaft, wenn die Völker aufeinander einschlagen.

Richtig sind solche Befunde, wenn sie die unterschiedlichen Regionen, die Differenz, die Dissonanzen der Kulturen und die unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten kennzeichnen. Solche Markierungen und Differenzieren fallen uns in der BRD inzwischen vermehrt auf. Lebten wir in der alten BRD noch unser beschauliches Inseldasein, von den „Eingeborenen von Trizonesien“ bis hin zum Wirtschaftswunder, „hier kommt das Wirtschaftswunder“,  mit einigen „Gastarbeitern“ aus anderen Ländern, die wir lediglich deshalb beachteten, weil sie für uns meist Personal waren, das putzte, kochte, servierte oder andere wenig geschätzte Tätigkeiten verrichtete, so hat sich die Situation inzwischen geändert. Die, von denen wir dachten, sie seien Gäste, blieben. Sie brachten ihre Kultur mit, und wie es bei Kulturen so ist, traten nicht nur die schönsten Seiten zutage. Die Gesellschaft – und das sind mithin wir – hat es schleifen lassen. In mehrfacher Hinsicht. In Berlin und auch in anderen Städten, z.B. im Ruhrgebiet, haben wir arabische Clans, die Kieze kontrollieren. Die Polizei rückt dort nicht mit Streifenwagen, sondern in Mannschaftsstärke an.

Wir finden in bestimmten Stadtteilen einen Islam vor, den wir in dieser Weise nicht haben wollen. Der Kampf gegen Kirche, Religion und Einschränkung durch Religion wurde von der Europäischen Aufklärung nicht deshalb geführt, damit solche Religion durch die Hintertür wieder hineinschlüpft. Und da gibt es eben Menschen, die das stört und die nicht in einer solchen Gesellschaft leben wollen. Wer kein Geld hat, muß in diesen Vierteln wohnen bleiben. Das erzeugt Unmut. Oft wird er heruntergeschluckt. Und er äußert sich auf unterschiedliche Arten. Das reicht hin bis tief in die sogenannten bürgerliche Mitte.

Ebenso gibt es den anderen Fall: Menschen lassen ihrem Haß auf solche, die anders aussehen, freien Lauf, stecken Menschen in Brand, schlagen den Schwarzen tot, obwohl sie eigentlich ganz gut biodeutsch unter sich leben und die Probleme in Kreuzberg, Neukölln, Marxloh oder Veddel nur am Rande und meist aus den Medien kennen. Nein, Clash of Civilisation als Begrifflichkeit trifft solche und andere Probleme nicht korrekt. Hier handelt es sich lediglich um Fragen des Zusammenlebens, um Fragen des wehrhaften Rechtsstaates und nach einer Justiz, die ggf. migrantische Straftäter konsequent in ihre Heimat zurückschickt, sofern sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. (Aus diesem Grunde war ich übrigens immer für den Doppelpaß.) Abschiebung, das klingt nicht schön. Jedoch, Meister Hegel formuliert es in seiner „Logik“ so:

„Die gewöhnliche Zärtlichkeit für die Dinge aber, die nur dafür sorgt, daß diese sich nicht widersprechen, vergißt hier wie sonst, daß damit der Widerspruch nicht aufgelöst, sondern nur anderswohin, in die Subjektive oder äußere Reflexion überhaupt geschoben wird, und daß diese in der That die beiden Momente, welche durch diese Entfernung und Versetzung als bloßes Gesetztseyn ausgesprochen werden, als aufgehobene und auf einander bezogene in Einer Einheit enthält.“

Und genau das geschieht in solchen unendlichen Disputen ohne Handeln. Die Widersprüche gehen nicht zu Grunde, sondern werden in die unendlichen Diskurse, in die sogenannte Kommunikationsgemeinschaft, ins Twitter- und Facebookgemenge vertagt, mithin in die äußere Reflexion verschoben. Andererseits bleibt, geschichtsphilosophisch gedacht, die antagonistische Gesellschaft antagonistisch, da kann ein Staat – korrekterweise – abschieben wie er mag. Nach Hegels Logik ist womöglich seine Rechtsphilosophie der bessere Stil. Nicht Moralität, sondern die Sittlichkeit einer Gemeinschaft dient als Vorlage, eine Variante kommunitaristischer Vergesellschaftung. Obgleich reiner Kommunitarismus mit Hegel gerade nicht machbar ist. Sondern zentral steht ein starker und wehrhafter Staat. In Hegels Falle der Preußens. Zu Silvester 2015 war von diesem Staat, von seiner Exekutive nichts zu spüren. Unter den Augen der Polizei fanden hunderte von Sexübergriffen statt und ein arabischer Mob tobte sich über Stunden vor dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof aus – da helfen auch die Ausnahmen einzelner Syrier nichts, die beschützend eingriffen. Wahrlich ein geschichtsträchtiger Ort und symbolisch zudem hoch aufgeladen.

Diese Diskursgemeinschaft als eine des Widerstreits samt ihrer unseligen Dispute – sie wird uns auch 2017 in Atem halten. Das Jahr ist noch jung und bereits jetzt bringen uns die jüngsten Ereignisse zu Silvester auf Trab: der gelungene Polizeieinsatz am Kölner Hauptbahnhof und die völlig unverhältnismäßige Kritik daran. In Köln wurde diesmal gehandelt, und zwar in diesem Falle richtig. Es gab, anders als im letzten Jahr, keine massenhaften Sexübergriffe, die in rund 450 Anzeigen zu Sexualdelikten und in knapp 700 angezeigten Diebstählen kulminierten. Statt aber sich darüber zu freuen, daß es diesmal besser lief und an diesem öffentlichen Ort verhältnismäßig wenige Frauen Opfer von sexueller Gewalt wurden, traten Simone Peter (Grüne) und Christoph Lauer (SPD), um nur zwei Namen programmatisch zu nennen, eine absurde Sprachdebatte los, stießen sich an dem Begriff Nafri und an vermeintlichem racial profiling; diesen Begriff undifferenziert einfach lancierend.

Da reisen hunderte Nafris und Araber nach Köln und wollen das fortsetzen, was sie Silvester 2015 begannen, und es regen sich Dauerempörte nicht über die Täter, über die Sexgewalt jener Araber auf, sondern über Begriffe und Polizeimaßnahmen. Eine absurde Szenerie. Postfaktisch at its best. Maßnahmen übrigens, die letztlich zum Erfolg führten, eine hochaggressive Gruppe junger Nordafrikaner und Araber einzudämmen. Nicht die Taten wildgewordener jugendlicher Migranten auf der Domplatte sind inzwischen das Thema, sondern ein Begriff aus der Polizeisprache für 140 Zeichen. Und angebliches racial profiling. (Das es in vielen Zusammenhängen durchaus geben mag, nur eben nicht in der Causa Köln, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet.) In Hamburg und auch in Köln hat es zu Silvester 2016 hochexplosive Lagen gegeben, im wahrsten Sinne des Wortes, und nun kommen Polizei-Dilettanten wie Simone Peter, Christoph Lauer oder Julia Schramm, klauben in Worten und wollen der Polizei erzählen, wie sie zu arbeiten hat.

Anlaßbezogene Personenkontrollen sind natürlich kein Rassismus, wenn von diesen kontrollierten Gruppen – in diesem Falle Nordafrikaner (Nafri) und Araber – eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht und diese sich bereits bei der Anreise und in Kontrollsituationen aggressiv verhalten. (Was als solches schon eine Eselei ist.) Es haben in Köln keine grauhaarigen, heterosexuellen, alten, weißen Männer gewütet, die ansonsten gerne als Pauschalbild herhalten müssen, und auch keine Vietnamesen. Insofern werden sowohl diese wie auch jene eben nicht vermehrt kontrolliert.

Ein paar gute Fragen an jene reisefreudigen Nafris, die es auch dieses Jahr wieder nach Köln zog, sogar von Frankreich und der Schweiz her, stellte Don Alphonso:

„Herzlich willkommen in meinem Heimatland. Warum bist Du dieses Jahr ausgerechnet nach Köln gefahren?

Gefällt es Dir in Dortmund, Bonn und Düsseldorf nicht?

Habt Ihr Euch etwa hier verabredet? Es sind so viele. Irgendwie glaube ich nicht ganz an einen Zufall.

Bist Du Dir ganz sicher, dass der Kölner Hauptbahnhof der ideale Ort ist, um an diesem Tag mit dieser Vorgeschichte dort aufzulaufen?

Warum geht von Dir und Deinen Freunden ‚Grundaggressivität‘ aus?

Warum habe ich als Begründung bislang nicht gehört, dass Du mit Deinen jugendlichen Freunden dort für ein paar Minuten eine spontanes Zeichen gegen Gewalt an Frauen und gegen Kriminalität setzen willst, obwohl das doch sicher eine gute Gelegenheit zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Einheimischen und Zuwanderern wäre?

Habt Ihr nicht auch ein wenig den Eindruck, dass Euer diesjähriges Kommen den Einheimischen, wie soll ich sagen, in gewisser Weise etwas renitent und unbelehrbar erscheint?

Wunderst Du Dich ernsthaft, dass die Polizei dann mit Personenkontrollen überprüfen will, wer da in Köln feiern möchte?

Was würde eigentlich die Polizei in Deiner Heimat bei so einer Gelegenheit tun, und würde sie Deine Rechte ähnlich wahren wie die Polizei bei uns?“

Fragen an jene Nordafrikaner, auf die viele gerne eine Antwort hätten. Populismus ist manchmal eine gute Sache, denn er bringt drängende Fragen auf den Punkt und spitzt die Widersprüche zu.

Simone Peter empfindet die Debatte um ihre Person inzwischen als „diffamierend und verletzend“ (SpON). Nun ja, erst denken, dann schreiben, möchte ich raten, wenn man zu Silvester mit seinem Hintern auf dem Sofa im Warmen hockt, statt als Politikerin vor Ort sich aufzuhalten und mal zu schauen, was in Köln sich zuträgt. Ein wenig die aggressive Grundstimmung dieser jungen Männer einfangen: Weshalb war Simone Peter Silvester nicht auf der Domplatte und am Hauptbahnhof und hat mit jenen zu hunderten angereisten Nafris gesprochen, vor allem um die ungehemmte Aggression dieser Leute zu beruhigen?

Und nun kritisieren zudem jene den Umgang mit Peter, denen es ansonsten eiskalt egal war, als Rainer Brüderles politische Existenz vernichtet wurde – allerdings nicht sofort, sondern strategisch kalkuliert, ein Jahr nach seiner flapsigen Äußerung. Im Gegensatz zu den 454 Sexübergriffen in Köln, wo über Stunden hinweg Finger in alle möglichen Körperöffnungen gesteckt wurden, handelt es sich bei Brüderles Äußerung, das muß man immer wieder festhalten, um eine – zudem noch unter vier Augen gesagte – Flapsigkeit. So hoch die Wellen bei Brüderles Verbalsalat schlugen, so verhalten die Reaktionen der Brüderle-Hetzer nach Köln 2016. Abwiegeln, kleinreden, schönfärben heißt die neue Diskurssport der Postfaktischen.

Die richtigen Fragen an Simone Peter stellt im „stern“ Tilman Gerwien.

1. Finden Sie es richtig und angemessen, dass eine grüne Parteivorsitzende in ihrer ersten Reaktion nach einem solchen Mammut-Einsatz vor allem Sprachwächterin spielt – anstatt sich vielleicht mal ein Wort des Dankes abzuquetschen für die vielen Tausend beteiligten Polizistinnen und Polizisten, die Silvester sicher auch lieber zu Hause gewesen wären (wie Sie es vermutlich waren)?
(…)
3. Waren Sie schon einmal bei einem Bundesligaspiel? Haben Sie dort gesehen, dass Fans der beiden Mannschaften, soweit sie als solche an ihren bunten Trikots und Schals erkennbar sind, von der Polizei zum Stadion eskortiert werden, was eine erhebliche Einschränkung der individuellen Bewegungsfreiheit bedeutet, obwohl nicht jeder Fan ein gewaltbereiter Hooligan ist? Finden Sie diese Praxis auch diskriminierend? Wo kann ich eine entsprechende Meinungsäußerung von Ihnen nachlesen?
(…)
5. Finden Sie zumindest Zugang zu dem Gedanken, dass die Kölner Polizei am Hauptbahnhof und auf der Domplatte vor allem Werte verteidigt hat, für die Ihre grüne Partei eintritt? Zum Beispiel das Recht von Frauen, zu feiern, wann und wo sie es wollen, bekleidet, wie sie es für richtig halten, in einer (männlichen) Gesellschaft, die sie sich selber ausgesucht haben – und das alles auch noch ohne betatscht, begrapscht, vergewaltigt und beklaut zu werden?
6. Ist es nicht ein wenig albern, dass Ihre Partei immer noch reflexartig bei jedem, aber auch wirklich jedem Vorschlag zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit die „Bürgerrechte“ in Gefahr sieht – wo es doch das vornehmste aller Bürgerrechte ist, von seinem Staat vor Kriminalität und Terror geschützt zu werden? Ist es nicht auch ein Bürgerrecht, als junge Frau abends im Park joggen zu können, ohne Angst haben zu müssen? Ist es nicht auch ein Bürgerrecht, auf einem Weihnachtsmarkt nicht von einem durchgeknallten Islamisten mit schwerem Lkw wie ein Insekt plattgewalzt zu werden? Ist die Freiheit, keine Angst haben zu müssen, nicht die wahre Freiheit? Und wer sollte diese Freiheit garantieren – wenn es nicht ein starker Staat tut? Selbst ernannte „Bürgerwehren“ etwa?
(…)
11. Können Sie ungefähr den Zeitraum veranschlagen, den Sie brauchen, um sich zu der Erkenntnis durchzuringen, dass eine multikulturelle Gesellschaft (wie Ihre Partei sie will, genau wie ich), einen starken Staat zu Bedingung hat? Einen starken Staat, der es durchsetzt, dass Nazis keine Flüchtlinge attackieren? Aber auch einen Staat, der durchsetzt, dass Frauen Frauen küssen und lieben können, auch in Berlin-Neukölln, ohne von jungen Arabern angespuckt zu werden, einen Staat, der es durchsetzt, dass junge Mädchen aus Migrantenfamilien selber entscheiden können, wann und wen sie heiraten, einen Staat, der durchsetzt, dass es nur einen Ort gibt, an dem in unserem Land Recht gesprochen wird – an deutschen Gerichten. Halten Sie mich auf dem Laufenden, was diesen, ihren Erkenntnisfortschritt betrifft?“

Dieses Jahr wird ein hartes Jahr, weltweit, europaweit und auch in der BRD. In der sozialen Frage wird zudem von einer gespaltenen Gesellschaft gesprochen. Das muß nichts Schlechtes sein. Die Frage ist vielmehr, wie sich die Widersprüche entäußern. Der CSU wäre zu raten, bei der Wahl im Herbst bundesweit anzutreten.

Für Europa wird die größte Herausforderung sein, wie sich ein aufgeklärter europäischer Islam etablieren kann und wie wir mit dessen totalitären Tendenzen umgehen. Sie zeigen sich zudem nicht schlagartig, sondern sie sickern Stück für Stück ein. Der Holocaust-Überlebende Imre Kertész ist skeptisch und hegt Mißtrauen:

„Europa wird bald wegen seines bisherigen Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht; und nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleichzeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle ausländischen Rassen und Religionen kennt. Ich würde darüber reden, wie Muslime Europa überfluten, besetzen und unmissverständlich vernichten; darüber, wie Europa sich damit identifiziert, über den selbstmörderischen Liberalismus und die dumme Demokratie. Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise seinen eigenen Feind anbetet.“ (Imre Kertész, The last Refugee)

Clash of Civilisation, in einen harten Dualismus gepreßt. Nur wird dieser nötige Kampf von Europa inzwischen gemieden. Eher wird gegenüber dem Feind an die eigene Integrationskraft geglaubt, an die einhegende Wirksamkeit der Demokratie, der Grundrechte, der Menschenrechte. Das, was  Kertész formuliert, liest sich extrem und ohne Ausweg. Aber zugleich sollten wir die Propheterien des Untergangs, jenes geschichtsphilosophische Menetekel, das Kertész uns mahnend an die Wand zeichnet, nicht im Modus eins-zu-eins lesen, sondern als ein Bild, das uns warnt, als eine Metapher für das, was noch nicht ist, was aber droht. Nicht anders als Walter Benjamins letztes Werk, das er kurz vor seinem Tode notierte, seine Geschichtsphilosophische Thesen, die angesichts des nicht mehr nur heraufziehenden Faschismus Zeichen setzten.

Wieweit sich geschichtsphilosophischer Pessimismus freilich in den Optimismus überführen läßt, bleibt weiterhin fragwürdig. Wieweit auf die sich auskristallisierenden neuen Totalitarismen eine „Dialektik der Aufklärung“ noch zutrifft, stellt sich jedoch als Frage weiterhin und perennierend: ein umfassender, entfesselter transnationaler Kapitalismus, das Erstarken nationaler Bewegungen und ein totalitärer, rückständiger Islam, der Jahrhunderte vor der sexuellen und geistigen Aufklärung Position bezieht und im Archaischen verharrt. Immerhin aber vermag er den Menschen das Gefühl von Gemeinschaft zu bieten und den Männern das von Stärke. Das Jahr 2017 wird zugegeben spannend. Wie jedes neue Jahr.

Zum Abschluß des Jahres

Früher, in jenen ganz jungen Jahren der Jugend, da es sich noch gut und leichtfüßig alliterierte und die Zeit so träge und langsam dahinfloß wie sonst nur die Seine unter dem Pont Mirabeau, da pflegten wir nicht erst zu Silvester kräftig zu feiern und zu trinken, wie es die Iren (nicht nur) zu Finnegans Wake betreiben – ein schöner Brauch, nebenbei: Man schluckte solange Whisky zur Totenwacht und goß inmitten des wüsten Gelages denselben über den Toten, so daß dieser schließlich wiedererwachte, um an dem fröhlichen Umtrunk teilzuhaben. Wir pflegten also nicht erst an Silvester zu trinken, sondern schon einen Tag davor, und zwar noch viel heftiger als zum Jahreswechsel. Dies wirkte sich auf den nächsten Tag keineswegs mildernd aus. Doch so etwas macht man im Alter nicht mehr, weil nun die Vernunft waltet. Auch greifen wir zu gepflegteren Getränken als dem Bier und dem Southern Comfort.

Also: in diesem Sinne, werte Leserin, werter Leser, passen Sie auf sich auf, treiben Sie es nicht zu wüst, doch lassen Sie den Jahreswechsel auch nicht wie im Kloster zugehen. Das rechte Maß ist entscheidend; dort liegt auch die Tugend. Denn ein wenig Minimal-Moral möchte ich meinen Leserinnen und Lesern zum Ende des Jahres doch auf den Weg geben, damit es nicht nur bei der Ästhetik bleibt.

Und damit zum Schluß des Jahres auch ausschweifend gefeiert werde, sei zur Aufhellung der Stimmung ein Liedchen aus alten Zeiten präsentiert. Kommen Sie gut rüber ins Jahr 2010.

Das wahre Subjekt gibt es nur im unschuldigen Mittun. Dort kommt es ganz zu sich selbst.