#tddl2020, #Team Philipp Tingler. Otoo, Schubert, Krusche, Haider und die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden

Das Bachmannlesen begann mit einer Eröffnungsrede vom Typus pastoralöde Predigt an die Gemeinde, abgehalten von Sharon Dodua Otoo. Ein Gerede, das an die evangelikale Rhetorik der Erbauung zur Wende vom Jahr 1899 auf 1900 erinnerte, als seinerzeit weiße Pastoren im Negergral den armen Schwarzen Moralpredigten vortrugen und sie damit zu Zucht, Reinheit und deutscher, grunddeutscher Ordnung anhielten – so sieht dann eben, weiße Brüder und alte, als Mann gelesene Männer!, die Rache für unseren Kolonialismus aus: Gewäsch, das zu uns als Gespensterrede heimkehrt, bei dem man mit Tränen der Rührung in den Augen verfolgen durfte, wie alle sich fest umarmen, und die antirassistische Gemeinde der Kulturschaffenden so: „Yeah wir sind gegen Rassismus!“ jubiliert, manche waren gar von Tränen gerührt, so las ich auf Twitter. Twitterstimmung wie auf einem evangelischen Kirchentag. Kostet auch nichts. I feel good. Ich nicht. Mich nervt solches Salbadern. Eine Moral- und Gardinenpredigt mit Regelwerk, die ästhetisch in etwa so ansprechend war wie Tante Prusselieses Monologe an Pipi Langstrumpf. Auch aus diesem Grunde beschwiegen die meisten Feuilletons diese Art von Gesinnungskitsch geflissentlich.

Mich interessiert nicht, ob schwarze Blumen malen – davon ab, daß Blumen nicht malen, allenfalls als Metapher, wofür die Blume wiederum als Bild und eben damit als Metapher steht. Mich interessieren böse Blumen, böse Buben, die die Blusen der Böhmin aus Lust zerreißen und die Böhmin, die mit der Axt dann nicht das gefrorene Meer, sondern den Niederstrecker niederstreckt und zerhackt oder daß sie sich in Wildheit, Schönheit und Lust vereinen oder sie mit luxe, calme et volupté sich ergibt, was auch immer, wenn es heiß hergeht – Sex als Text, Text als Sex, oder auch – nicht und wir hier eine Baiser-moi-Rache-Szenario haben – das alles als Literatur. L’invitation au voyage. Diese Rede aber war alles andere als eine Einladung. Höchstens eine ins Herz der gutmeinenden Finsternis. Mich interessiert all das, was in einer Rede zur Literatur, mithin in einem Modus der Ästhetik als Rede über Kunst, mit intellektueller Schärfe oder mit Saft und Kraft daherkommt und was vor allem als Analyse von Prosa überrascht. Das Thema ist nicht schlecht, die Umsetzung des Themas grauenhaft und betulich.

Mich interessiert nicht, ob Schwarze Blumen malen, sondern mich interessiert ihre Kunst, mich interessieren die Bilder, wenn Schwarze Blumen malten. Und diese Bilder bitte ohne belehrende Botschaften. Ich habe dies schon beim weißen Mittelstandsmilieu gehaßt, ich hasse dies also genauso bei dunkel- oder schwarzhäutigen Künstlern. Seid politisch wie James Baldwin, aber macht was Gutes draus! Die meisten der kulturschaffenden und literaturkritisierenden Zuhörer werden ebenso denken, daß diese Rede von Sharon Dodua Otoo öde und belanglos war. Sie sagen es nur nicht. Ich möchte nicht die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden.

„Verwendet eine weiße deutsche Autorin rassistisches Vokabular in ihrer Kurzgeschichte, weil sie die Lesenden ausschließlich als weiß imaginiert?“

So schreibt Otoo. Davon dürfte kaum auszugehen sein, sofern es sich um Literatur handelt, und insofern Sharon Dodua Otoo auf Astrid Sozios Beitrag zum Bachmannlesen 2016 anspielt, wo auch Otoo las und zu unrecht einen Preis für eine schlechte Prosa erhielt, so ist diese rhetorisch-niederträchtige Frage eindeutig mit Nein zu beantworten. Jene alte, weiße Frau, die in Sozios wunderbarem Roman „Das einzige Paradies“ da in ihrem verbarrikadierten und lange schon leerstehenden Hotel in einer Kleinstadt mehr haust als lebt und darin sich plötzlich eine schwarze Flüchtlingsfrau einquartierte, sagt das Wort „Neger“, weil sie es nicht anders weiß, weil eine solche Person aus einer solchen Zeit kaum PoC oder N*wort (bei dem jeder Hörer natürlich den Neger mitdenkt) sagen würde. Und gerade in diesem Szenario ist dieser Roman eine explizite Kritik am Rassismus. Er muß dabei eben nur nicht mit dem Zeigefinger von Moral- und Belehrungskunst fuchteln. Das wissen diese Kritiker natürlich ganz genau: daß solche Begriffe wie der „Neger“ in diesem Falle ein ästhetisches Mittel sind – außer sie sind derart amusisch, daß ihnen noch der geringste Sinn für Rollenprosa abgeht. Doch hier geht es um die Diskursherrschaft über Sprache. Das ist das Problem, und wir sollten dieses Spiel gar nicht erst mitspielen, zumindest nicht in dieser Form. Nachlesen kann man all das in Astrid Sozios gelungenem Roman „Das einzige Paradies“. Es ist ein Dokument des Antirassismus, und zwar auf eine ästhetisch ansprechende Weise und nicht mit dem Dodua Otoo-Belehrungsfinger.

Der biedere Ekkehard Knörer schreibt in der taz:

„Auf Twitter fiel irgendwann auf, dass ganz anders als im Vorjahr bei Clemens Setz, in den Diskussionen der Jury kein einziges Mal auf den Eröffnungsvortrag von Sharon Dodua Otoo Bezug genommen wurde. Sie hatte darin als Schwarze Autorin über inklusive Sprache nachgedacht.“

Nein, es fiel nicht allgemein bei Twitter auf, sondern einer gewissen Blase um Stokowski und der Literatur“wisssenschaftler“-Sabbel-Bubble, und daß etwas nicht genannt wird, muß nicht unbedingt etwas mit dem Thema zu tun haben, sondern es kann genauso daran liegen, wie und in welcher Art ein Thema vorgetragen wurde, so daß man es aus lauter Scham verschweigt. Auch diese Möglichkeit ist gut denkbar und in diesem Falle auch wahrscheinlich.

Wie aber war das Bachmann-Lesen, wie war die Jury? Neu hinzu kamen Brigitte Schwens-Harrant, die in den Beiträgen, wo ich sie sah, nicht recht zu Wort kam und sich auch selten nur meldete, und Philipp Tingler, der auf Twitter und auch auf Facebook überwiegend negativ aufgenommen wurde. Doch was die Juroren betrifft, bin ich #TeamTingler. Der Mann brachte Schwung in eine Versammlung teils von Schnarchnasen – Klaus Kastberger mal ausgenommen und Michael Wiederstein auch, den ich mag, ich kann gar nicht so genau sagen, weshalb. Was all jene Tingler-Kritiker vergessen, die das Bachmannlesen und die salbungsvollen Worte eines Hubert Winkels oder das Musterschülerinnengerede einer Insa Wilke für Literaturkritik halten: mit Literaturkritik hat eine solche Veranstaltung in dieser Form in etwa soviel zu tun hat, wie „Deutschland sucht den Superstar“ mit Musikkritik.

Zwar ist das ganze nicht nur Show und es gab zuweilen Sternstunden in den Debatten, nämlich dann, wenn gestritten und dabei auch die Kriterien für Kritik in Anschlag gebracht wurden. Daß aber seit Anbeginn des Lesens genauso die Performance zählt, kann man gut nicht nur an den Lesungen einer Autorin wie Lydia Haider und damals auch Nora Gomringer sehen, deren Text ich 2015 ästhetisch wenig überzeugend fand: er lebte allein vom Vortrag, aber nicht vom Vorgetragenen, was einer der Kritiker auch anmerkte – ausgezeichnet wurde Gomringer dennoch. Und dieses kulturindustrielle Moment von Unterhaltung in Koppelung mit Kunst fand sich auch damals schon, als der selige MRR noch mit dabei war. Gerade dort: eine hyperbolische Sichtung von Literatur als privates Geschmacksurteil – nicht mal mehr im Kantischen Sinne.

Über all das kann und muß man debattieren, auch über das Moment der Unterhaltung in einer solchen Veranstaltung und deshalb eben mein Plädoyer für den immer chique gekleideten Philipp Tingler, der ja eben nicht nur provokativ war, sondern dabei gleichzeitig Kriterien ins Spiel brachte, die das Binnenästhetische eines Texte, seine Machart, seine Form in bezug zum Inhalt betonten. Und er tat das in konsequenter und hartnäckiger Weise. Ich nenne sowas eine Haltung. Und die gefiel mir allemal besser als das, was Wilke tat. Über allem thronend ein in die Himmel der Literaturpäpste entschlafender unvermeidlicher Hubert Winkels, wo er sich selbst gerne sähe, und der sich nur einmal nach allen Regeln der Kunst echauffierte, als Tingler in direkter Ansprache die Autorin Lydia Haider nach dem Sinn dieser Geschichte befragen wollte. Winkels so, in hoher Wut und Erregung: es ist doch nicht die Aufgabe, der Autorin, uns Kritikern ihre Geschichte zu erklären: das ist unsere Arbeit. Einerseits ja. Andererseits muß man Zwänge zuweilen brechen. Aber so recht antworten konnte Lydia Haider dann auch nicht. Implizit gab sie Winkels recht und reichte die Frage an die Kritiker weiter – was ihr gutes Recht ist. Und es ist ja in der Tat so, wie es Adorno bereits in seinem Kafka-Essay schrieb: Der Autor ist nicht gehalten sein eigenes Werk zu verstehen.

Dennoch ist Tingler ein erfrischender Gegenpart. Seine Einschätzung des Textes von Lisa Krusche etwa teile ich. Die Dystopie sowie eine postapokalyptische Computerspielwelt, in der sich die Protagonistin des Textes bewegt, ist ein spannendes Thema, doch der Text hat mich in seiner Konstruktion nicht überzeugt. Schon vom Anfang nicht, sprachlich nicht und auch nicht in der Art der Bilder. Krusche präsentierte ein spannendes Thema, aber in der Umsetzung hat, so war mein erster Eindruck, etwas nicht funktioniert. Sicherlich: die Sprache mußte so sein, wenn dann Begriffe wie „nice“ auftauchen: es sind da zwei junge Frauen, junge Menschen einer Generation, die mir in etwa so fremd sind, wie ich der Generation meiner Urgroßmutter, sofern die noch leben würde. Zur Ästhetik und Philosophie des Computerspiels gibt es ja inzwischen auch schon Schriften und Sammelbände – man denke an Daniel M. Feige. Den Textauszug werde ich wohl nochmal als Roman lesen, wenn er dann erschienen ist, um zu schauen, wieviel daran Masche mit Cyborg, Cyberspace und Lebewesenverwandlung ist oder wieweit diese Dystopie aus schrecklicher Zeit doch trägt. Auch das Zum-Tier-werden war ja eine Zeit lang Thema der Literatur, seinen Ausdruck in Theorie fand es in Deleuzes/Gutattaris „Kafka. Für eine kleine Literatur“.

Ebenso kritisch-analysierend verhielt Tingler sich bei Leonhard Hieronymi und bei der gelungenen Erzählung von Helga Schubert, die sie zum Auftakt des zweiten Tages las. Wer sich über Tingler mokiert und zu Insa Wilke schweigt, den nehme ich nicht ernst: zu häufig meldete sie sich, immer gleich zu Anfang, beflissen wie eine Musterschülerin zu Wort. Tingler brachte Pfiff und Pfeffer in die Sache, und was er zur Notwendigkeit der Fiktionalität sagte, bringt Literatur auf den Punkt bzw. nennt einen ihrer wesentlichen Aspekte – im Gegensatz eben zur Geschichtsschreibung oder zur Biographie, deren Wahrheitsmoment nicht primär in der Art des Erzählens liegt, sondern zunächst mal in der Korrektheit der Fakten – diese interessieren in der Literatur nicht. Wenn, wie in Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ zum Anfang der 1990er Jahre ein Handy auftaucht, dann ist das auf der Faktenebene zwar falsch, weil es damals keine Handys gab, aber in der Erzählung mag dieser Umstand gerade deshalb eine Funktion besitzen, die man in nichtfiktionalen Texten kritisieren würde. Es mag in der Dichtung immer ein Kern Wahrheit stecken, aber am Ende erhalten wir, noch bei der autobiographischsten Geschichte, eine erzählte Fiktion. Selbst da, wo man es wie Max Frisch in „Montauk“ tat, nämlich die reine Wahrheit eines einzigen Tages mit der Geliebten zu erzählen: sagen, was ist.

Und sonst zu den Lesungen? Bei Freudenthaler habe ich dann den Ton ausgemacht. Es gibt Texte, denke ich mir, zumindest ist dies beim ersten Eindruck so, beim weiteren Lesen mag es anders sein, da ist die Kritikerdiskussion spannender als die Prosa. Das ist ungerecht, ganz sicher, aber weder Ton noch Text haben mich überzeugt. Das katastrophische Thema klang zwar interessant, aber irgendetwas sprang mich bei diesem Text nicht an, war zu glatt im Erzählen. Vielleicht passiert es dann beim zweiten Lesen. Laura Freudenthalers Text müßte ich mir nochmal anhören. Aber bitte von jemand anderem vorgelesen.

Lydia Haiders Wut- und Haß-Text in der Tradition von Werner Schwab, Thomas Bernhard, aber auch mit einem eigenen dialektgefärbten Ton der Wutprosa gefiel mir gut. Auch durch den Furor der Sprache: Gewalt als Ausdruck, eine sympathische Gewalt. Und durch die Performance, von der ein Text lebte. Aber diese Ausdrucksqualität von Dichtung ist immer der Fall und im Grunde etwas Selbstverständliches. Texte haben neben ihrem Textcharakter auch eine inszenatorische Qualität: wir sind es gewohnt, still zu lesen, aber Prosa oder überhaupt Dichtung muß man sich immer als vorgetragene auch vorstellen. Evident wird dies bei der dramatischen Dichtung. Und oft ist es so, daß bei vermeintlich schwierigen Texten durch das Vorlesen sich eine Ebene öffnet, die der Leser oder die Leserin bisher nicht sahen.

Kastbergers Schlußwort vom eigenen Jubel, in dem dieser Haider-Text untergeht, war allerdings richtig. Die Schlußszene auf dem Sofa der Autorin, wo eine mitgebrachte Fangruppe in den Fernseher jubelte und trötete, war überflüssig und peinlich. Haß sollte konsequent sein.

Von der Geschichte her und der Art, wie sie erzählt wurde, gefiel mir Helga Schubert gut – wenn auch in einer eher konventionellen Weise, so daß ich mir vorab schon dachte, daß sich auf diese Prosa die meisten Zuhörer irgendwie werden einigen können. Klar, kann man sagen, Schubert vermag solch gekonntes Erzählen, denn sie ist eine gestandene Schriftstellerin. Aber: es war dies ein Text, der hatte etwas zu erzählen und er machte das in einer fesselnden Art: unaufdringlich und doch eine Spannung haltend, bei einem eher konventionellen Thema und in einer konventionellen Art des Erzählens: unaufgeregt, aber nicht langweilig im Ton. Eine vermutlich autobiographische Geschichte, wie es beim Erzählen der letzten fünf Jahre im Trend liegt.

Leonhard Hieronymi hätte vom Thema interessant sein können, auch in bezug auf die Frage eines literarischen Europas: eine Reise an den östlichen Rand Europas, nach Bukarest und dann nach Konstanza, die Spuren Ovids. Das beste an dieser Geschichte war noch, daß ich mich daran erinnerte, wieder Christoph Ransmayrs großartigen Ovid- und Verwandlungsroman „Die letzte Welt“ zu lesen und auf diesen Roman wies auch einer der Kritiker hin. Aber hier bei Hieronymi hat nicht nur die Art der Konstruktion, sondern auch die Pose den Text kaputt gemacht.

Hanna Herbsts Ironisierung vom Dasein einer Schriftstellerin im Autorenvideo, dargeboten als Song, kam zwar unaufgeregt und witzig-nett daher, hat aber das Problem, daß diese Ironisierung eben auch auf die Geschichte überfärbt: ist dieses Abschiednehmen von einem Vater nun ironisch gemeint, wie Kastberger mutmaßte, oder ernst oder spielt es mit beiden Registern? Das müßte man sich noch einmal genauer ansehen. Ich fand den Text stellenweise bewegend in der Art des Erinnerns und wie eine Krankheit einen Menschen versehren kann und wie eine Tochter auf die wunderschöne Zeit zurückblickt: das melancholische Erinnern hatte einen eigenen Wert und das brachte Herbst in eine gute Form. Allerdings und wie Kastberger zu recht anmerkte hat auch mich diese Yoda-Sprache nicht überzeugt.

Lydia Haider würde ich wohl den Publikumspreis gönnen, dachte ich mir bei ihrem Vortrag, das würde eh gut passen. Und den hat sie dann folgerichtig erhalten. Verdient, weil das Bachmann-Lesen auch von der Performance und vom Vortrag lebt. Daß am Ende alle auf Helga Schubert sich einigten, war eine erwartbare und freundliche, wenn auch für die Literatur eher konventionelle Entscheidung. Es war aber auch ein handwerklich und erzählerisch im ganzen guter Text, bei dem man auf den dann folgenden Roman gespannt sein kann.

Fürs nächste Lesen bleibt vor allem zu hoffen, daß wieder einmal ein Eröffnungsredner eingeladen wird, der etwas zur Kunst zu sagen hat und nicht zu identitärer Schreibarbeit. Schwarze oder weiße oder gelbe oder gute Prosa entsteht durchs Machen und nicht durchs Reden darüber und durchs Vorschriften-Machen.

 

tddl (6) – Die Preisträger des 40. Bachmannwettbewerbs

Bereits in den letzten Jahren überzeugte mich die Wahl der Jury nicht. Weshalb sollte es diesmal anders sein? Dachte ich mir, und so kam es. Ich halte Sharon Dodua Otoos vorgelesenen Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ für eine mißglückte Satire. Der Witz erschließt sich mir nicht, das Ei erinnert mich an Loriot – und das meine ich nicht als Lob. Oder an Humpty Dumpty. Auch das meine ich nicht als Lob. Ich kann solchen Klischees weder im Ironiemodus noch als Satire den Witz abgewinnen:

„Gleich nach der Kirche kutschierte er gerne, samt Frau und Wackeldackel, stundenlang die Hauptstraßen entlang, „Im Frühtau zu Berge“ singend, während ihre Hand auf seinem Oberschenkel lag. Er freute sich über die Pünktlichkeit der Regionalbahn, die schattigen Stellen in seinem Schrebergarten während des Hochsommers und die kleine, verlässliche Flasche Underberg am Ende des Tages.“

Das bleibt simpel, und diese Reihung von Klischees beruhigt sich auch in der weiteren Lektüre nicht:

„Das. Ei. War. Noch. Weich.

Wie konnte das nur sein? Er ließ das Ei augenblicklich auf seinen Teller fallen und befreite seine Krawatte von dem gelben klebrigen Chaos mit seiner frisch gebügelten Baumwollserviette. Verärgert schaute Herr Gröttrup hoch. Frau Gröttrup aß ihr Ei in Ruhe. Es war ihr allerdings anzusehen, dass sie sich anstrengte, nicht loszuprusten. Die Anzeichen dafür waren nicht an ihrer Körperhaltung festzumachen, denn ihre Hände waren immer noch ruhig . Sie tupfte zwar vorsichtig ihren Mund mit ihrer Serviette ab, dabei waren ihre Lippen still. Doch Herr Gröttrup konnte genau sehen, wie Schadenfreude über ihr Gesicht huschte und einen Ort zum Ausruhen in ihren Augen fand.“

Bereits daß der erste Satz deklamatorisch durch diese vier Punkte zerhackt wird, ist ein aufdringliches Stilmittel. Ansonsten wird mir hier eine eher banale Szenerie geschildert. Das rettet auch der sozialkritische Schluß nicht, wo Herr Gröttrup die Reinmachefrau Ada jovial duzt, diese zurückduzt und dieses Duzen Gröttrup irritiert, worauf Ada nonchalant entgegnet: „Sie haben damit angefangen.“ Als Szene freilich amüsant.

Das persönliche Interesse ist sicherlich kein ausreichendes ästhetisches Kriterium für einen Text, dennoch frage ich mich, was mich an dem Text fesseln sollte und aus welchem Grunde ich mich für den Raktenforscher Gröttrup interessieren sollte, der aus der Perspektive eines Eies betrachtet wird. Zumal dieser Trick stilistisch und sprachlich nicht sonders elegant gelöst wird. Vielleicht erschließt es sich beim zweiten oder dritten Lesen oder wenn dieser Auszug als Teil eines Romans erscheint, was an dieser Prosa preisverdächtig ist. Hubert Winkels bezeichnete diesen Text als „realistisches Stück Geschichte“. Und genau da liegt das Problem dieser Prosa. Man möchte rufen: Die Phantasie an die Macht und die Phantastik der Literatur. Aber nicht die gutgemeinte Gesinnung. Der Prosa ist ihre Absicht anzusehen. Das macht sie blaß.

„Als deutsches Ei nicht hart zu werden ist keine so große Leistung. Deutlich schwieriger ist es für mich, auszuhalten, dass ihr Lebenden ausschließlich mittels dieses Gefängnisses namens Sprache kommuniziert.“

Das bleibt alles sehr dicht am Wörterbuch der Allgemeinplätze gebaut. Zuviel Intention, die mir in diese Geschichte hineingeblasen wurde. Weshalb ist es keine große Leistung, als deutsches Ei nicht zu hart zu werden? Wie sonst als mit Sprache läßt sich kommunizieren? Selbst Gesten und Mimik sind eine Sprache, und das nicht nur aus dem Grunde, weil sie im Denken in eine solche übersetzt werden. Ich spüre Zuneigung, ich zeige sie in der Mimik, ich verbalisiere sie. Aber das ist eine andere Sache. Sprachphilosophie, um die es in diesem Text nur bedingt geht. Eher schon um Kategorisierungen, wie der Absatz danach anzeigt. Und genau da funktioniert der Text nicht und kommt übers Klischee nicht hinaus. Für die Literatur, wie schon letztes Jahr, keine gute Wahl.

Wenn zudem eine Twitterin namens Charlotte, die sich als Literaturwissenschaftlerin ausgibt, solches in die Tasten tippt: „Und nochmal zum #tddl16: Es hat der Text einer Schwarzen Autorin gewonnen, die weiße und cis Positionen benannte. So gut.“ Dann sind wir mit der Literatur wieder auf dem Bitterfelder Weg. Nein, das ist falsch, schlimmer noch, Literatur als Politpose und -posse. Hier wird Gesinnung bewertet und nicht Literatur, Sprache, der Bau einer Geschichte betrachtet. Gleiches Motiv vermute ich bei der in Literaturdingen doch ebenfalls eher unkundigen Carolin Emcke: Gesinnungstwittern. Solchen billigen Reduktionismus aufs unmittelbar Politische hat selbst dieser Text von Sharon Dodua Otoo nicht verdient, und man muß sie vor ihren Liebhaber_Innen in Schutz nehmen. (Was sind eigentlich cis-Positionen? Eine besonders versaute Sexstellung? Was aus der Musiktheorie? So cis-dur?)

Literatur nach Gesinnung zu bewerten, schreckt mich ab. Und damit wird weder der Literatur noch der Gesinnung ein Gefallen getan.

Ich will nicht verhehlen, daß ich Isabell Lehns Text „Binde zwei Vögel zusammen“ lieber in der ersten Runde als Preisträgerin gesehen hätte. Zunächst war sie in der Shortlist drinnen – vom Ablauf in Klagenfurt heute fast ein wenig, wie das gestrige Fußballspiel: Wer kriegt ihn, den Preis. Nur zum Glück erwies sich das Prozedere am Ende doch nicht ganz so langwierig und spannend wie der Abend gestern in Bordeaux.

Lehn schreibt über ein aktuelles Thema, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Auf den Roman bin ich insofern gespannt. Vom Klang des Titels her erinnert es mich stilistisch zwar an den zweiten Roman von Helene Hegemann, und ich hoffe, diese Imperativ-Titel werden irgendwann nicht literarische Mode: „Schreibe zwei Romane“ „Sotte den Tafelspitz“, „Höre den Hasen“, „Koche das Ei hart“. Aber das, was man das Erzählte, den Plot, die Geschichte nennt, hat mich überzeugt. Ein Ausbildungslager für die US-Army in Franken, das Menschenmaterial für den Einsatz im Mittleren Osten trainiert, und Menschen, die vom Arbeitsamt dorthin als Vermittlungsmaßnahme geschickt werden. Ich hoffe, es ist das bloß eine dichterische Freiheit und Erfindung. Vermute aber, dies wird nicht der Fall sein.

Immerhin bin ich mit der Wahl von Dieter Zwickys Text „Los Alamos ist winzig“ zufrieden, der den Kelag-Preis erhielt. Zwicky schrieb einen wuchtigen, ausufernden, sprachlich anspruchsvollen und doch politischen Text. Voll Humor und vor allem mit Gespür für Sprache. Locker und frech imTon.

„Das kurze frenetische Licht über Fourth Junction befähigt einen zu hübschen, leichtfertigen Spielchen. Man handelt, in einem sozialen Sinn, sonderbar draufgängerisch, leistet sich subtile Dreistigkeiten. So bemerkte ich neulich zu der wahrhaft greisen Frau, die neben mir auf der erwärmten Bank sichtlich schwitzte:

Löse dich auf –  ja, ich habe sie wirklich geduzt – , löse dich auf, und du hast endlich ausgeschwitzt, alter Waran!

Die Dame trug ein auffälliges, jedenfalls auffällig breites Uhrenband aus Echsenleder. Sie verdrehte keck die Augen, hüstelte, weitete unter Zuhilfenahme ihrer Wangenmuskeln theatralisch den Nasenraum und flüsterte mir zu, dass ihr Sohn endlich, endlich der Hölle Englands entkommen sei.“

„Subtile Dreistigkeiten “  und der alte Waran: fein gesagt. (Und wieder das Duzen. Ha!) Auf diese Art des Schimpfens muß man kommen. Ein Text übrigens, der noch mehr gewinnt, wenn er mit guter Betonung gelesen wird. Wie das Dieter Zwicky tat.

Ebenfalls interessiert mich der Text von Astrid Sozio. Rassismus im Denken, im Kopf, im inneren Monolog eines (rätselhaften) Zimmermädchens, einer Reinmachefrau, die im Hotel ihrer Tante die Zimmer säubert. Flüchtlinge aus Afrika schienen dort untergebracht, nun sind sie woanders. Dieser Monolog geschieht allerdings an einigen wenigen Stellen in einer elaborierten Sprache, die eigentlich vom Stil und der Art der inneren Rede nicht zur Sprechrolle paßt. Da sehe ich ein stilistisches Problem. Ihre Angst vor dem Anderen, dem schwarzen Mann, der schwarzen Frau. Vielleicht in einer Weise, bei der das Ergebnis nicht von vornherein feststeht und die gutgemeinte Intention am Schluß den Text doch wieder verdirbt. Insofern paßt es in diesem literarischen Kontext natürlich, wenn jemand „Negerin“ oder „Zigeunerin“ denkt und dann auch schreibt. Der Vorschlag „PoC“ wie jemand twitterte, ist sicherlich als Scherz gemeint. Keine Reinmachefrau und keiner, der sich ernsthaft mit Afrika befaßt, sagt: PoC.

Nein, nach dem im TV geschauten Prozedere dieser Bachmann-Wahl glaube ich eher, daß da in der Hektik, Eile, Schnelle ein Zufallskandidat gewählt wurde. Die Qualität des Textes von Odoo kann ich nicht entdecken.

Interessant in diesen Jury-Debatten war vor allem die Frage danach, wem die deutsche Sprache eigentlich gehört, was insbesondere an dem eigenwilligen babylonischen Text von Tomer Gardi aus Israel diskutiert wurde. Mir nicht ganz klar, weshalb dies bei einigen für Unmut sorgte, denn in der Literatur scheint mir die Frage nach Sprache, Stil, Rhythmus, Ton des Textes nicht ganz unwesentlich. Die Qualität des Farbauftrags kann man an einem Text ja eher weniger diskutieren.