Sensus Communis – Von der „Freiheit zum Objekt“

Man kann das bei einer Literaturbesprechung in einem Blog anders machen als im klassischen Feuilleton oder im wissenschaftlich gedeckten Essay: Mäandern, wildern, unsystematisch ticken und Zitate vertickern. Notate fertigen, denn ein Blog kann Notziheft sein, sofern diese Einträge denn hinreichend geistreich und gut ausfallen und nicht nur der Laune sich schulden – rein kapriziös also auftreten. Notizen: Nicht gerade über Twitter verbreitet zwar, im schnellebigen Medium unserer Zeit. Sondern hier als Text, als Vorankündigung auf Eduardo Halfons jüngst ins Deutsche übersetzten Roman „Der polnische Boxer“. Ich bin zwar kein Freund der freigestellten Zitate, die dann als Thesenpapier unbezüglich, assoziativ eingebracht und ohne Struktur und tieferen Kontext um Blog-Raum herumlungern. In diesem Falle aber scheint es mir gut zu passen, zumal dieser Satz Aspekte und Teile meines Denkens über das Meinen, das Für-wahr-halten und insbesondere des Geschmacksurteils berührt.

 „Ich erklärte, unser einfaches Geschmacksurteil müssten wir um ein feineres Verständnis erweitern, fast immer gefalle uns etwas bloß deshalb nicht, weil wir es nicht verstünden beziehungsweise weil wir uns nicht genügend bemüht hätten, es zu verstehen, und dann sei es natürlich am bequemsten, zu sagen, es habe uns nicht gefallen, und uns damit aus der Affäre zu ziehen. Wir müssen unsere Kriterien schärfen, sagte ich, etwas analysieren und zusammenfassen, das kann man üben, wir dürfen nicht bloß irgendwelche Meinungen von uns geben. Man muss lernen, über die Wörter hinaus zu lesen.“

 Klassisches Motiv auch innerhalb der Literaturkritik: Von der doxa fort und hin zur episteme. Das emphatisch verstandene Geschmacksurteil arbeitet gleichsam subjektiv-objektiv und unterliegt eben dieser Doppelstruktur, auf der Ebene des Subjekts einen ästhetischen Gegenstand, der im besten Falle ein Kunstwerk ist, in eine Konstellation zu bringen, die mehr über dieses Werk sagt als beliebiges Meinen. Der senus communis als Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes und beim späten Kant im Feld der Urteilskraft behandelt, bezeichnet zunächst eine Reflexionsbewegung, die nicht mehr nur als gesunder Menschenverstand das für alle Wahrnehmbare in die Benennung und Affirmation bringt, sondern weiter und darüber hinaus ein Vermögen der Vernunft umfaßt, dem objektive Geltung zukommt.

Kant schreibt im § 40 der „Kritik der Urteilskraft“:

„Unter dem sensus communis aber muß man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d.i. eines Beurteilungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für objektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen Einfluß haben würde. Dieses geschieht nun dadurch, daß man sein Urteil an anderer, nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche Urteile hält, und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den Beschränkungen, die unserer eigenen Beurteilung zufälligerweise anhängen, abstrahiert: welches wiederum dadurch bewirkt wird, daß man das, was in dem Vorstellungszustande Materie d. i. Empfindung ist, so viel möglich wegläßt, und lediglich auf die formalen Eigentümlichkeiten seiner Vorstellung, oder seines Vorstellungszustandes, acht hat. Nun scheint diese Operation der Reflexion vielleicht allzu künstlich zu sein, um sie dem Vermögen, welches wir den gemeinen Sinn nennen, beizulegen; allein sie sieht auch nur so aus, wenn man sie in abstrakten Formeln ausdrückt; an sich ist nichts natürlicher, als von Reiz und Rührung zu abstrahieren, wenn man ein Urteil sucht, welches zur allgemeinen Regel dienen soll. […] Man könnte den Geschmack durch sensus communis aestheticus, den gemeinen Verstand durch sensus communis logicus bezeichnen.“

 Was wir mit Kant an dieser Stelle vorfinden, ist einerseits eine Weise von (bürgerlicher) Introspektion, gleichsam eine Vorform der modernen Rezeptionsästhetik, die den Inhalt des Urteils an das Subjekt bindet, statt den Gehalt ebenso im Objekt aufzusuchen. Andererseits aber, qua erstarkter Subjektivität, finden wir bei Kant eine Weise des Gemeinsinnes, der die bloßen Beobachtungsdaten übersteigt und – zumindest abstrakt – auf ein Prinzip von ästhetischer Kritik und damit auf Vergesellschaftung und Intersubjektivität verweist, die nur im Raum der Öffentlichkeit ihre Stätte haben kann. Die Möglichkeiten bürgerlicher Öffentlichkeit – zunächst als literarische Salons und Debattierzirkel wie in Weimar und Jena – stehen mit Kant gleichsam an ihrem Beginn, in der kritisch und mit Verve der ästhetische Disput sich eröffnen kann. (Wieweit solche ästhetische Kritik in den Feuilletons mittlerweile verwässert ist, wie dies etwa der Verleger des Verbrecher Verlags Jörg Sundermann  kürzlich in einem Interview feststellte, und was seit langem bereits mein Ceterum censo hier im Blogs ist, steht auf einem anderen Blatt.) In diesem von Kant konzipierten Sinne hat das Moment des Intersubjektiven noch eine aufklärerische Funktion, die es im 20 Jahrhundert weitgehend einbüßte, weil sich lediglich der common sense noch kommunizierte. Das eben, was der gesunde Menschenverstand als für sich begreiflich ausmacht. (Und das ist häufig nicht sehr viel.)

Tückisch freilich bleibt diese Sicht Kants darin, daß in dessen Diktion am Ende dieses Prozesses der ästhetischen Erfahrung ein Rang eingeräumt wird, der das Kunstwerk zur bloßen Akzidenz und zum Reizvermittler herabstuft , wie wir es in manchen Ästhetiken der Spät- und Postmoderne seit den 70er Jahren finden. Denn Anlaß zur subjektiven ästhetischen Erfahrung kann vieles abgeben und bleibt ins (meinende) Belieben des Subjekts gestellt, ohne daß diese Erfahrungen etwas über die Struktur und die Beschaffenheit der Sache verraten. Weshalb aus genau dieser Beliebigkeit des Anlasses heraus in den popkulturellen Diskursen solche Empfindungsästhetiken seit einigen Jahrzehnten Konjunktur haben und gerne gepflegt werden. (Das reicht bis hin zu Lyotards Ästhetik der Intensitäten in den achtziger Jahren. Auf eine interessante Art und mit dialektischen Dreh versucht diese Aporie freilich Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Über Pop-Musik“ zu umschiffen oder zumindest benennbar zu machen.) Das Geschmacksurteil bindet sich bei einer radikal verstandenen und konsequent durchgeführten ästhetischen Erfahrung an seinen rein subjektiven Aspekt – womit wir wieder zu unserem Ausgangspunkt, dem Zitat von Halfon, zurückgekehrt sind – und verliert mehr und mehr seinen Doppelcharakter, der zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven einst zu vermitteln trachtete.

Der Unterschied zwischen schönem Design und gelungener Kunst gerät in solcher Reflexion flüssig. Ästhetischer Erfahrung in ihrer rein subjektiven Komponente ist es im Grunde egal, woran sie sich entzündet. Wenn der ans frei flottierende Subjekt gebundene Modus ästhetischer Erfahrung übertourig fährt und zum Kriterium und Ausweis der Sache wird, ist die Sache bereits voll und ganz im Banne des Subjekts. Willkürliche und zupackende Subjektivität. Gepreßt und damit auf ein der Sache fremdes Maß heruntergebrochen, das im Kunstwerk nicht mehr seinen Bezirk hat, sondern in den Erlebniswelten. Was bei Adorno einst die „Freiheit zum Objekt“ hieß, gerät zum sich perpetuierenden Bannfluch verkapselter Subjektivität, eingeschlossen in deren monologischen Solipsismus. Daß Wahrheitsästhetik, wie Anfang der 70er Jahre von Rüdiger Bubner forciert, zugunsten ästhetischer Erfahrung verabschiedet wurde, schneidet auch am Kunstwerk selber ein und verkürzt es auf Reaktionsweisen. Die Tendenz, ästhetische Erfahrung als Modus der Ästhetik zu setzen, finden wir noch bis in die Gegenwart hinein, etwa bei Martin Seels Kontemplationsästhetik.