Öde Orte – Berlin

„Wir werden die besten einsamen Menschen aller Zeiten sein.“
So singt es Wanda auf ihrer neuen Platte: Lascia mi fare.

„Niente
Amore lascia mi fare
Non lascia mi fare
Niente“

Was für eine schöne Musik! Ich will wieder weg aus diesem Berlin und will endlich wieder in mein geliebtes Wien, lascia mi fare!

Blick und Begehren – Schöneberg (2)

Photographien zu fertigen, die radikal das Sichtbare auslöschen, die eine Welt verfinstern, die eine Welt und ihre Szenen so zeigen, wie diese Welt und diese Szenen sich darstellen. Wie sie sind. Photographien erzeugen, die vom Verschwinden zeugen, wäre die Aufgabe. Photographien als radikale Destruktion. Bilder, die von der Grundfarbe schwarz gestochen sind, Bilder, die ins Lichtlose weisen. Weltecho aus Todesräumen und die als Bilder die Kälte als solche zeigen. Nicht mehr Archive, sondern deren Gegenteil. Das ist nicht mehr die Kälte einer Gesellschaft, sondern eine Kälte grundsätzlicher, metaphysischer Natur. Das Eis in den sogenannten Herzen soll nicht mittels Buch oder Kunst zerhackt und geschmolzen werden, wie es jenem tschechischen Dichter vorschwebte, sondern mittels Apparaten weit weit tiefer heruntergekühlt werden. Noch ohne den schönen Schein der flirrenden, in die Nachthimmel zuckenden Polarlichter sollen diese Photographien pur auftreten. Kalt. Schwärze, ohne Licht-Blitz. Nicht mehr dieses: Ein Blitz und dann die Nacht, was Baudelaire in jenem Gedicht an die, die vorüberging, in der Menge der Großstadt von Paris, beschwor. Als Imperativ des begehrenden, imaginierenden Ästhetikers, des echolalierenden Selbstbetrachters im Spiegelspiel des Flusses. Lautlos und ohne Ton, es gibt keine Stimmen, es gibt nur Bilder. Schwärze im Blick. Verliert nicht andererseits eine Photographie, die in die reine Abstraktion stößt, die diese Abstraktion ist als reines Sein (nicht gleitet, nicht hinübergeht, nicht: langsam die Grenzen auswischt oder neu bestimmt – das alles wäre etwas ganz und gar anderes) ihren Sinn? Die Photographie dokumentiert und inszeniert uns eine Welt, die mit unserer in irgend einer Weise korrespondiert. Im besten Falle laden sich Photographien mit Philosophie und Text auf, sind Zündungspunkte für die nie dagewesene Schwärze, fürs Licht, fürs grelle Weiß, die Farben und die Graustufen. Auch als jene Ascheszene, die der Maler in Becketts „Endspiel“ am Ende seines Betrachtens im Irrenhaus oder an einem dieser abgezirkelten Orte nur noch sah. Nichts als Asche und Grau. Er hatte es, so Hamm, als erster wahrgenommen. Justinesche Melancholia-Szenen. Dance macabre, Totentanz. Es müßten die letzten Szenen dieser Welt, kurz vor dem Einschlagpunkt des kalten Steins aus dem toten weiten Raum, den wir Weltenraum, All oder Kosmos nennen, abphotographiert werden. Dies wären Bilder, die noch schnell aufgenommen, dann aber von keinem Menschen mehr betrachtet werden können. Sie schlummern in den Datenspeichern oder zurrten als Polaroids in jenen letzten Sekunden aus der Kamera heraus, (denken Sie nur an die wunderbaren Rolleiflex-Mittelformatkameras mit hinten aufsetzbarem Polaroidteil), ohne daß es für dieses Bild noch einen Zuschauer gäbe, denn gleich darauf erfolgt der Einschlag. Es bleiben als Reste nicht einmal die Photographen, denn auch diese verbrennen in Hitze und Glut. Energie des Einschlags. Lars von Trier setzte diesen Treffer ins Bild. Den meisten ist diese Vorstellung unerträglich, und so setzt Verneinung und Verleugnung ein. Lieber preisen sie die Ringelblume. Bekanntlich ist das Schöne jedoch nichts als des Schrecklichen Anfang. Und wie der Pfeil die Sehne besteht, denn Bleiben ist nirgends. Das ist der Lockruf.

„Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist.“ So schreibt der französische Filmkritiker André Bazin, und Godard stellte dieses Zitat an den Anfang seines Films „Die Verachtung“. „Die Verachtung“ zeigt uns den Verlust einer bestimmten Welt. In gewissem Sinne konterkariert er also das Eingangszitat, schreibt es um. Denn der Blick der Liebenden ist am Ende nicht mehr aufs Begehren zugeschnitten.

Dieser Satz Bazins ist rätselhaft und schillernd in einem. Er läßt sich durchaus auch auf die Photographie übertragen und muß doch zugleich immer wieder unterlaufen, unterschritten, hintergangen und übertreten werden. Transgressionsanordnungen.

HAMM: Die Natur hat uns vergessen.
CLOV: Es gibt keine Natur mehr.
HAMM: Keine Natur mehr! Du übertreibst.

 Welch wunderbare Lakonie! Und welch subtiler Humor, für den leider nur die wenigsten empfänglich sind.

Schockphotos. Schöneberg (1)

Die Natur der Photographie ist, daß sie nicht spricht, sondern zeigt. Gleichzeitig inszeniert sie jedoch und nötigt zum Sprechen.

Über die Inszenierung des Grauens, auch in guter Absicht der Parteinahme für Opfer, und über Schockphotos, die Roland Barthes in Paris in einer Ausstellung sah, schreibt er in den „Mythen des Alltags“:

„Die meisten Photographien, die hier versammelt wurden, um uns zu erschüttern, bleiben wirkungslos, gerade weil der Photograph sich beim Aufbau seines Sujets allzugroßzügig an unsere Stelle versetzt hat: Fast immer hat er das Schreckliche, das er uns vorführt, überkonstruiert und durch Kontraste und Nebeneinanderstellungen dem Faktum die effektheischende Sprache des Grauens hinzugefügt: Einer stellt eine Menge Soldaten unmittelbar neben ein Feld von Totenköpfen; ein anderer zeigt uns einen jungen Soldaten bei der Betrachtung eines Skeletts; wieder ein anderer nimmt eine Kolonne von Verurteilten oder Gefangenen in dem Moment auf, indem sie einer Schafherde begegnen. Doch keines der dieser allzu geschickt aufgenommenen Photos erschüttert uns. Das liegt daran, da wir ihnen gegenüber jedesmal unserer Urteilskraft beraubt sind: Man hat für uns gezittert, für uns nachgedacht; der Photograph hat uns außer unserem Recht auf intellektuelle Zustimmung nichts übriggelassen. Was uns mit diesen Bildern verbindet, ist ein technisches Interesse; vom Künstler selbst mit grellen Hinweisen überladen, haben sie für uns keine Geschichte, wir können nicht mehr selbst herausfinden, wie wir diese künstliche Nahrung vertragen, weil sie von ihrem Erzeuger bereits vollkommen vorgekaut wurde.“

 Aber gilt dies nicht für jede Photographie? Bei den Schockphotos mag es drastischer ins Bewußtsein treten. Was zeigen uns Kriegsphotographien? Zumindest nicht den Krieg, wie er vor Ort sich abspielt. Jedoch ist jedes Bild mit seinem Sujets, seinen Objekten und Szenen in irgend einer Weise gruppiert. Es gibt keine Ontologie der Dinge. Sondern nur das Kreisen, immerwährendes Kreisen um ein Ding, ein Objekt. Tentativ, hilflos, vorübergehend.