Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert

Über diese Sätze wäre einmal nachzudenken, um sie, in Vermittlung mit der Literatur, der Ästhetik, in eine philosophische Theorie des Bürgers zu überführen: 

„Flaubert ist dagegen voll von Widersprüchen, und seine widerspruchsvolle Beziehung zur Romantik entspricht einem ebenso widerspruchsvollen Verhältnis zum Bürgertum. Sein Haß gegen den Bourgeois ist, wie oft bemerkt wurde, die Quelle seiner Inspiration und der Ursprung seines Naturalismus. Er läßt das bürgerliche Prinzip in seinem Verfolgungswahn zu einer metaphysischen Substanz werden, zu einer Art von ‚Ding an sich‘, das unergründlich, unerschöpflich ist. ‚Der Bourgeois ist für mich etwas Undefinierbares‘, schreibt er an einen Freund – ein Wort, in dem neben dem Begriff des Unbestimmten auch der des Unendlichen mitklingt. Die Entdeckung, daß die Bourgeoisie selber romantisch, ja gewissermaßen das romantische Element schlechthin geworden ist, daß die Verse der Romantiker von niemandem mit so viel Gefühl deklamiert werden wie von ihr, und daß die Emma Bovarys die letzten Repräsentanten des romantischen Lebensideals sind, hat viel dazu beigetragen, Flaubert von seinem Romantizismus abzubringen. Flaubert ist aber im tiefsten Wesen selber ein Bourgeois, und er weiß es.“ (Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, S. 829 f.) 

Bohrer hat ja ein seinem Buch zur Romantik ganz zu recht die These formuliert, daß mit der Romantik der eigentliche Beginn der (literarischen) Moderne ansetzt, nicht unbedingt manifest, aber doch in Latenz. Auch gesellschaftlich, in der fortschreitenden Emanzipation des Bürgertums als treibende geschichtliche Kraft, kann die Moderne im 19. Jahrhundert beginnen. Die technischen Einschnitte, welche ja auch für die Kunst außerordentliche Bedeutung haben, man denke an die Bilder Blechens und Turners, stellen etwas Ungeheures dar und erzeugen Potenzierungen.  

Das bürgerliche Prinzip als metaphysische Substanz: dies ist wirklich gut gedacht und gut formuliert. Aber dieses Ding an sich läßt sich, ganz anders als das Kantische (1), durchaus in sich selbst bestimmen; im 20. Jahrhundert betreibt dies dezidiert Benjamin in seinem Passagenwerk und damit zusammenhängend in seinen Studien zu Baudelaire und dem Paris des Second Empire (2). Ein Paris der Moderne, ein Paris des Bürgers, aber auch eines mit seinem menschlichen Kehricht wird aufgetan als (nicht nur höllischer) Ursprungsort und mit Verlängerungen in das Jetzt hinein. Adorno kritisierte diesen Materialismus Benjamins in seinen Briefen an Benjamin scharf. Er sah diese Zusammenschlüsse von Gesellschaftlichem und Ästhetischem, die Benjamin in seinem Baudelaire-Buch tätigte, als zu kurz gegriffen an; gewissermaßen ein (brechtscher) Vulgärmaterialismus. (Davon wäre jedoch ein andermal zu handeln.)

Spannend zum Schluß bleibt zu lesen, ob es der Verfolgungswahn Flauberts oder der des bürgerlichen Prinzips selber ist. Die letztere Lesart bleibt mir die sympathischere. 

Und so möchten wir abschließend, gleichsam in einer Übersprungshandlung (Behaviour out of context), aber doch geprägt von der ersten Lesart, zu Sartre überleiten und mit ihm und seinen Ausführungen zu Flaubert beschließen: 

„… was kann man heute von einem Menschen wissen? Eine Antwort auf diese Frage schien mir nur durch die Untersuchung eines konkreten Falles möglich: Was wissen wir – zum Beispiel – von Gustave Flaubert? Diese Frage beantworten heißt, die Informationen, die wir über ihn haben, zu totalisieren. Nichts beweist zunächst, ob eine solche Totalisierung möglich und ob die Wahrheit einer Person nicht plural ist; (…) Laufen wir nicht Gefahr, auf Schichten heterogener und unreduzierbarer Bedeutungen zu stoßen? Dieses Buch versucht zu beweisen, daß die Unreduzierbarkeit nur scheinbar ist und daß jede Information in ihrem Kontext zum Teil eines Ganzen wird, das nicht aufhört, sich hervorzubringen, und zugleich seine eigentliche Homogenität mit allen andern Teilen offenbart. 

Ein Mensch ist nämlich niemals ein Individuum; man sollte ihn besser ein einzelnes Allgemeines nennen: von seiner Epoche totalisiert und eben dadurch allgemein geworden, retotalisiert er sie, indem er sich in ihr als Einzelheit wiederhervorbringt. Da er durch die einzelne Allgemeinheit der menschlichen Geschichte allgemein und durch die allgemeinmachende Einzelheit seiner Entwürfe einzeln ist, muß er zugleich von beiden Enden her untersucht werden.“ (Jean-Paul Sartre, Der Idiot der Familie, S. 7)

Flaubert ist sicherlich eine schillernde Figur in bezug auf das Bürgertum, und wer es hierzu dann ein wenig gallig-heiter möchte, der lese als Quintessenz „Bouvard und Pécuchet“. Sehr dicht sind wir hier schon an Beckett dran. Dieser Roman begibt sich in die Abgründe nicht nur der Gelehrsamkeit: einen Bildungsroman mit umgekehrten Vorzeichen schrieb Flaubert und konzipierte einen gedoppelten Odysseus, der von seiner Reise an (fast) genau dieselbe Stelle zurückkehrt – erfahrungslos, angereichert mit Ballast und Scheitern. Zudem fragmentiert und mitten im Geschehen interruptierend. Zum schöner Scheitern, zum gelingenden Scheitern eines Beckett ist es da wie gesagt nicht mehr weit, Scheitern als Chance, um mit Schlingensief zu sprechen, Scheitern als ästhetische-moralische Kategorie, Scheitern als Aufgabe des Bürgertums:

 „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ (Samuel Beckett, Worstward Ho)
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(1) Die Dialektik von der Grenze, die unüberbrückbar gesetzt wird, und der These, daß eine Grenze zu setzten bereits deren Überschreitung intendiert, soll beiseite gestellt werden. Auch die Gedanken Adornos in seinen „Meditationen zur Metaphysik“, daß, gegen Hegel gewendet, dieses Ding an sich als rettender Block in bestimmtem Sinne aufrechtzuerhalten sei. Obwohl allerdings diese Angelegenheit sehr gut in den philosophischen Teil einer Theorie der Bürgerlichkeit hineinpaßte.

(2) Ich möchte hier der Gerechtigkeit halber auch noch Siegfried Kracauers soziologisch-biographisches Buch „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“ nennen. Die Biographie als bürgerliche Kunstform des 20. Jahrhunderts.

Totalität des Subjekts?

Im Zusammenhang mit so mancher Debatte zu Sartre und zu der Selbstermächtigung des Subjekts, gerade gelesen, und das darf dann nicht vorenthalten werden, und zwar aus der Sartre-Biographie von Bernard-Henri Lévy:

„Ein Teil von mir versteht es durchaus, wenn Merleau-Ponty (und somit Deleuze) in der pathetisch gegen die Welt gewandten Aufrichtung des Subjekts (Herv. von Bersarin) die Quelle einer großen Gefahr erblickt: Und wenn sich, so sagt er [Sartre], gerade in diesem letzten Subjektivismus die wahre Quelle des Totalitarismus verbirgt? Wenn der große, der ursprüngliche Irrtum darin lag, die Welt des „An-sich“ von der des „Für-sich“ zu trennen und so dem „Für-sich“ alle Macht über ein „An-sich“ zu geben, das heute das Gesicht der Materie trägt, aber morgen schon und mit den gleichen Folgen das Gesicht anderer Gesichter tragen könnte – und somit das der anderen „Für-sich“ oder der anderen Bewußtseine, sofern sie Gesichter tragen? Wenn in diesem letzten Wahn, das cogito, in diesem Duell zwischen einem wieder souverän gewordenen Bewußtsein und einer durch diese Souveränität selbst amorph gemachten Welt – wenn gerade in dieser radikalen Trennung zweier Ordnungen, die dazu verdammt sind, nur in der Form des Schocks oder der Katastrophe aufeinanderzutreffen, Fanatismus, Intoleranz und die Versuchung „die Partei“ zum Absoluten zu erklären, wurzelten? Kurzum: Wenn Sartre somit ein Wegbereiter eines künftigen Totalitarismus wäre?“ (S. 255)

Zum 50. Todestag von Boris Vian

Il n’y a plus d’après …“

 Da hat also einer Todestag, und keiner merkt es so richtig (na ja, doch, wir Eingeweihten, wir Adepten und scheuen Liebhaber schon. Mal sehen, welche Zeitung heute etwas bringt). Dieses Vergessenwerden hätte ihn vielleicht sogar ein wenig amüsiert, daß keiner mehr weiß; nein, und er hätte gewiß nichts dagegen gehabt, wenn ein wenig gefeiert und dem Alkohol sowie den Zigaretten zugesprochen würde (aber nur von den Eingeweihten), so wie es vielleicht auf einer der wilden Surprise-Partys, die er grandios-witzig in „Drehwurm, Swing und Plankton“ beschrieb, ohne größere Umstände und Hemmungen betrieben wurde und wie es zu Boris Vians Zeiten im Pariser Quartier Latin, am Saint- Germain-des-Près (und nicht nur dort) in den Vierzigern üblich war zu feiern. All die Tricks, wie man auf Partys die besten Frauen abgreift.

Wer aber war Boris Vian?, werden einige fragen, denn die Informationen über ihn sind nicht sehr breit gestreut. In Deutschland existiert lediglich ein einzige Biographie, und zwar die von Klaus Völker bei Wagenbach. Sie ist zu empfehlen, wenngleich die Art der Darstellung nicht so ganz mein Stil ist.

Geboren wurde Boris Vian am 10. März 1920 in Ville d‘Avray, einem Vorort westlich von Paris. (keine Angst, ich gebe hier nur einen kurzen Abriß seines Lebens; nein, es wird kein Referat; ja, ich fasse mich kurz) als eines von drei Kindern, in (groß-)bürgerlichen behüteten Verhältnissen aufwachsend. Er arbeitete als Ingenieur und war mit Haut und Haaren begeisterter Jazz-Musiker und -Trompeter in einem Orchester, seine Vorliebe galt dem New Orleans-Stil, dem Swing, Duke Ellington und später dem Bebop. „Erlernen Sie die Sprache des Jazz; das ist wesentlich leichter als Chinesisch, und es wird Ihnen ungeahnte Wonnen bereiten.“, so Boris Vian. 1935/36 erkrankte er an einer Herzmuskellähmung als Folge eines typhusartigen Fiebers, was 1948 dazu führte, daß er sein über alles geliebtes Spielen der Trompete in Claude Abadies Jazzorchester aufgeben mußte. „‚Jeder Puster in meine Trompete verkürzt mein Leben‘, antwortete Boris Vian lakonisch, wenn ihn Journalisten bei Jazzkonzerten fragten, warum er nicht mehr in Abadies Orchester mitspiele.“ (K. Völker, S. 86)

Seine Musikurteile bezüglich des Jazz waren streng und gefürchtet. Wenn er ein Stück nicht mochte, so konnte es durchaus vorkommen, daß er sich während einer der Partys, auf der er mit seiner Band für Getränke und Speisen als Lohn spielte, schlicht weigerte, etwas derart Schlechtes zu spielen. Und auch später noch, als Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips, servierte er das eine oder andere Stück, das er für schlecht befand, ganz einfach ab. Musik mußte für ihn gut tanzbar sein und die Zuhörer packen. Als Musiker und Komponist von Texten dürfte er den meisten wohl durch sein Stück „Le déserteur“ bekannt geworden sein. (Ich muß allerdings sagen, daß mich Vians eigene Musik nicht so sehr überzeugt.) Zahlreiche Romane hat er verfaßt, er übersetzte, interessierte sich (ganz Ingenieur, der er war) für Science Fiction, schrieb Erzählungen, Glossen, Kritiken, Liedtexte, Gedichte und Theaterstücke. Hiervon war gewiß nicht alles gut. Die Gedichte sind dem anarchistischen Impuls und dem Witz, oft auch dem Augenblick geschuldet. Sie  stehen eher in der Tradition des satirischen Gedichts oder des Spottverses. Es wird dies nicht jedermans Sache sein. Meine ist es auch nur bedingt. Von seinen Schriften haben mich am meisten die Prosa und die Theaterstücke beeindruckt.

Ja, Boris Vian machte vieles in seinem kurzen Leben, tanzte auf zahlreichen Hochzeiten, er ließ das Leben wild überborden, denn bereits früh wußte er, daß es für ihn nur von kurzer Dauer sein würde. Aber anders als sein Freund, der „Major“ Jacques Loustalot, welcher in vielen seiner Romane als „der Major“ auftrat, konnte er die Spannung eines Exzeß mitsamt der vollständiger Verausgabung und der Bewahrung des Selbst aushalten. Der Major stürzte sich 1948 bei einer Party vom Balkon in den Tod; „ein vorzeitiger Agent jener ‚lost generation‘, deren Symbolgestalt James Dean wurde“, wie Völker in seiner Biographie schreibt. Dies mag aus dem Zusammenhang gerissen womöglich etwas pathetisch klingen, spiegelt aber ganz gut das Bild jener jungen und lebenshungrigen französischen Nachkriegsgeneration wider.

Boris Vian lag das Exzentrische und Extravagante, und dies beeindruckte ihn an seinem Freund, dem Major schwer; sie wurden in den jungen Jahren bereits ein unzertrennliches Gespann, Jazzfans und berüchtigte Partygänger. Ja, es war eine wilde Zeit, und so ist jeder irgendwie schon zu bedauern, dessen Jugend keine solche Zeit kannte. Als beide sich 1940 in dem Badeort Capbreton an der südfranzösischen Atlantikküste kennenlernten „war (der Major) erst fünfzehn Jahre alt, obwohl er wie zwanzig wirkte, trank sehr viel, war ein Liebhaber des Jazz und ein furioser Tänzer. Eine durchtriebene Höflichkeit zeichnete ihn ebenso aus wie verschwenderische Nonchalance. Er gab einer Dame Feuer und warf das kostbare Feuerzeug nach Gebrauch weg.“ (Völker, S. 38) Exzentrik als Lebensform dieser Jugendbewegung, die zwischen Krieg, deutscher Besatzung und Nachkriegszeit diese manchmal vielleicht wunderbaren, meist aber entbehrungsreichen, harten Jahre mit Jazz und Kellerpartys sowie viel viel Alkohol verbrachte. Schwer muß Vian der Tod seines Freundes getroffen haben.

Es waren dies insbesondere die wilden (Nachkriegs-)Jahre des Pariser Existenzialismus als Mode, aber auch als tonangebende französische Philosophie der 40er und 50er Jahre, deren aktiver Teilnehmer, (zumindest was Literatur, Jazz und das Ausgehen in alles seinen Ausprägungen betraf) Boris Vian war. In den Kellern von Paris spielte sich das Leben ab, und auf einem beschränkten Raume im Viertel Saint-Germain-des-Prés, um die gleichnamige Kirche herum, zwischen dem Café Deux Magot, dem Flore, dem Lipp und dem Kellerclub „Tabou“ (das es lange nicht mehr gibt) und vieler anderer Lokalitäten. Wenn man heute diese Straßen entlanggeht, erahnt man nicht einmal mehr die Spuren dieser vergangenen Zeit. Man müßte seine Phantasie schon sehr anstrengen. Die große, damals noch unbekannte Juliette Greco sang im „Tabou“. Philosophischer Star dieser Szene war naturgemäß Sartre (der auch die Greco entdeckte und ihren Aufstieg beschleunigte), um ihn herum sein Hofstaat, wenngleich man vermuten darf, daß die wenigsten Sartre gelesen hatten, sondern seine Philosophie vielmehr als Versatzstück einer Mode gebrauchten und sich den einen oder anderen Begriff dort herausbrachen. Aber es waren auch die anderen Großen mit dabei: Ob dies nun Raymond Queneau, Camus, Prévert, Picasso, Michel Leiris, Jacques Lacan, Bataille und natürlich Simone de Beauvoir waren. In diesem Reich regierte Boris Vian mit seiner Trompete als ausgefallener Prinz von Saint-Germain-des-Prés. Es wurde in jenen glücklichen Kellernächten Musik gehört, Gedichte vorgetragen, man rezitierte, deklamierte, tanzte, trank, rauchte, es wurde unendlich diskutiert, manches Mal auch dick aufgetragen um der Frauen willen, wie das so ist, in jenen schönen wunderbaren jungen Jahren.

Ab 1946 wurde Vian nicht mehr nur als Jazztrompeter und Bohemien wahrgenommen, sondern auch als Schriftsteller, und zwar durch seinen Skandalroman „Ich werde auf eure Gräber spucken“, mit dem er als ungeheure Provokation die literarische Bühne Frankreichs betrat. Zwar war sein bereits 1945 beim Verlag Gallimard von Raymond Queneau angenommener Roman „Drehwurm, Swing und Plankton“ schon geschrieben; doch die Nachfrage nach der durch die deutsche Besatzung entbehrten amerikanischen Literatur war in Frankreich zu groß, so daß Gallimard es vorzog, erst einmal diesen Bedarf zu decken. „Drehwurm …“ mußte warten.

Also beschloß Vian, das zu schreiben, was die Leuten wollten; allerdings parodierend und im Ton vollkommen überzogen. Das ganze, als Wette abgefaßt, ob er das innerhalb von 14 Tagen schaffen würde, im Stil von Chandler und Henry Miller geschrieben (obwohl Vian den Bezug zu Henry Miller im Vorwort bestritt), eine klassische hard-boiled-story eben, voll von Sex and Crime. Damit der Spaß nicht auffiel, wurde als Autor ein fiktiver Vernon Sullivan genannt. Boris Vian schrieb ein böses Vorwort zu diesem Buch, das den Verfasser als Schwarzen von weißer Hautfarbe ausgab. Es war zugleich ein Buch gegen den damals nicht nur latent vorhandenen Rassismus. So folgten, an diesem amerikanischen Erfolgsmodell orientiert, eine Reihe von weiteren düsteren Krimis; in der Spielart aber ganz anders als die seines surrealistischen und sehr viel mehr explizit politischen Landsmanns Léo Malet. Der Skandal schlug Wellen, und dem Verbot entging der Roman Vians  nicht. 1949 war es dann durch eine ministerielle Verfügung so weit.

Aber Vian hat nicht nur den harten Stoff geschrieben wie jene schwarze Krimiserie oder Bücher über wilde Surprise-Partys wie „Drehwurm, Swing und Plankton“. Es gab in seinem Œuevre sogar einen ganz wunderbaren Liebesroman, nämlich „Der Schaum der Tage“; zärtlich und poetisch geschrieben, lustig, lustvoll, melancholisch und doch mit bösem Witz versehen; eine im wahrsten Sinne des Wortes todtraurige Liebesgeschichte, die Welt dieser Menschen, die sich zum Beginn weit und schön ausnahm, voller Genuß und Erlesenheit, gerät zum Ende hin eng und trostlos. Am Schluß des Romans steht eine traurige Tierparabel, die kafkasche Dimensionen erreicht, aber in ihrer Traurigkeit zugleich den Witz in sich trägt, der allerdings, anders als bei Kafka, wo er zart versteckt auftritt, drastisch und deutlich daherkommt. Was mich am meisten an diesem Roman faszinierte, war zum einen dieses Piano, welches mit einem Mechanismus ausgestattet war, daß es beim Spielen gleichzeitig Cocktails mixen konnte. Darauf muß man erst einmal kommen. Jeder Note ist ein hochprozentiges Getränk, ein Likör oder ein Gewürz zugeordnet, dem Pianopedal entspricht Eis, Sahne kann auch zugesteuert werden, und so beeinflußen das Spiel sowie der Takt die Mischung des Getränkes.

Die andere grandiose Szene ist die von Chick, jenes jungen Mannes, der sein gesamtes Geld für erlesene und besonders ausgestattete (Erst-)Ausgaben der Bücher von Jean-Sol Partre ausgibt. Höhepunkt dieser Partre-Begeisterung ist ein Vortrag Partres, den Sartre tatsächlich am 29.10.1945 in der „Salle des Centraux“ in der Rue Jean-Goujon hielt, und zwar zu dem Thema „Der Existentialismus ist ein Humanismus“. (Wer die „Gegenrede“ zu Sartres Position hören will, der lese Heideggers interessanten und bedeutenden Humanismusbrief, welcher sich massiv von der Sartreschen Existentialphilosophie absetzte.) Es war ein Andrang ohnegleichen, die Menschen strömten von überall herbei. Tout Paris wollte Sartre sprechen hören, ihn sehen und wissen, was es mit diesem Existentialismus nun auf sich habe. Stühle gingen zu Bruch, es herrschte Gedränge ohnegleichen. Die Menge war enthusiastisch, sie war gereizt und wild. Die Hälfte solcher Leidenschaft würde man sich bei dem Vortrag eines Philosophen in der heutigen Zeit nur wünschen. Die genaue Darstellung der Geschehnisse kann man in der Sartre-Biographie von Annie Cohen-Solal nachlesen (die allerdings vergriffen ist.) Boris Vian übertrumpft sämtliche Schilderungen, die dem Vortrag bereits den Charakter eines Mythos verliehen, in grandioser Übertreibung. Um an das Podest zu gelangen, kämpft Partre sich den Weg mit Axthieben frei; am Ende des Vortrages liegt der Saal in Trümmern.

„Der Schaum der Tage“ enthält viele teils kapriziöse, ein anderes Mal verspielt-phantasievolle Details. Nein, es ist keine allzu ernste Literatur, wenngleich man sie nicht nur als Erheiterung auffassen sollte, trägt sie doch durchaus einen Wahrheitskern in sich; und so ist Vian mit diesem Roman, der bereits in die Richtung einer Parabel geht, neben seinen Theaterstücken und „Der Herzausreißer“ eines seiner besten Werke gelungen.

Die Literatur von Boris Vian ist vielschichtig und vielstimmig angelegt: Einerseits enthält sie Elemente, die diese Texte geradezu prädestiniert für die Umsetzung im Comic (oder graphischer Literatur, wie einige lieber sagen) erscheinen läßt. So gibt es solche comic-haften Elemente innerhalb einiger sprachlicher Bilder beim „Schaum der Tage“ (etwa die Partre-Lesung) oder aber überdeutlich beim Schluß von „Drehwurm …“, nachdem auf einer wilden Verlobungs-Surprise-Party das Gebäude durch eine Explosion zum Einsturz kam, bleiben nur noch die beiden Protagonisten am Leben, nämlich der Major und Antioche Tambrétambre, eine in verschiedenen Romanen auftauchende Figur, die Vians Züge trägt. Ein solches den Realismus übersteigendes Geschehen ruft geradezu nach seiner graphischen Umsetzung. Es ist eben wie im Comic: alles explodiert, und auf den Trümmern sitzt eine Ente mit verbrannten Federn, klopft sich den Staub ab und trollt sich von dannen.

Andererseits aber schrieb er mit „Der Herzausreißer“ einen düsteren Romane von absurder Komik und bitterem Humor. Insofern sollte man Vian nicht bloß als den Pausenclown des Existenzialismus wahrnehmen, der „nur“ surreale, anarchische, dadaistische Scherze trieb. Mit seinem Theaterstück „Die Reichsgründer“ hat er einen Text geschaffen, der es mit den besten Stücken Ionescos aufnehmen kann. Eine Parabel auf Schuld und Verfall. Gerade die Bildlichkeit dieser Stücke ruft nach einer Inszenierung auf der Bühne. Es ist sehr schade, daß Boris Vian für das deutsche Theater überhaupt nicht entdeckt ist. Ich weiß nicht, warum dies so ist. Seine Stücke bieten sich doch sehr an. Ein Lustspiel wie „Abdeckerei für alle“ trägt alles in sich, was man für eine gute, witzige, schnelle Inszenierung braucht. Es handelt von der Landung in der Normandie im Juni 1944 und nimmt als radikalpazifistisches Stück den Krieg ins Visier mit einer teils absurden Komik. Amerikanische Soldaten tauschen die Uniformen mit deutschen und begeben sich dann in das jeweilige Lager, dessen Uniform sie gerade tragen. Mittendrin in der Invasion soll zudem eine Heirat stattfinden. Im ganzen ereignet sich hier eine Komödie der Irrungen und Wirrungen. (Andererseits ist es aber auch wieder gut, daß unbelesene Jung-Regisseure, die meinen, sich mit schlechtem Regietheater da austoben zu müssen, wo es nichts kostet, mir Boris Vian nicht kaputtinszenieren; so als Seitenhieb gesprochen.)

Es herrscht bei Vian ein eigenwilliger Realismus mit speziellem Eigenleben, der vom Surrealen und Dadaistischen, aber auch von einer gleichsam existentialen Dimensionen (wie es die Zeit damals eben hergab) durchdrungen ist. So manche Figur ist ein vollendeter Dandy und Teil der Bohème. Der Beginn von „Der Schaum der Tage“ ist eine schöne Parodie dieses Dandytums und des Erlesenen; zugleich aber wird auch die Faszination deutlich, die dieses Oscar-Wilde-mäßige ausübt. Denn so war ja auch der Lebensstil eines Teils dieser jungen und wilden Generation. Es war ganz klar das Privileg dieser Jugend, die Jazzkeller mit ihrem Narzißmus und ihrer Politik zu füllen. (Wie sang es einst Tocotronic: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“) Bedenkt man, daß auch Vian und seine Clique zu dieser Zeit zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig waren, so ist der Aspekt einer Generation, die partout nicht erwachsen werden möchte, womöglich so neu nicht.

Ach ja, dies sei zum Schluß des Essays gesagt: Auch in Boris Vians Leben tauchte die garstige Goll-Witwe Claire auf und behauptete, Vian hätte unzulässigerweise die Übersetzung Iwan Golls bearbeitet. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Zum Glück hat wenigstens nicht diesen Mann der Vorwurf dieses bösen Weibes zu Tode getroffen.

Am 23. Juni 1959 nahm Vian an der Probevorführung des Filmes „Ich werde auf Eure Gräber spucken“ teil. Um Protest anzumelden und um sich aus dem Vorspann des Films streichen zu lassen, begab er sich zu dieser ihm unliebsamen Verfilmung. Vian starb am 23. Juni 1959 mit nur 39 Jahren an Herzversagen, und zwar gleich zu Beginn der Preview in seinem Kinosessel.

Nun, dies eine müssen wir natürlich zum Ende hin durchaus erwähnen: Vian wurde 1952 in das „Collège de Pataphysique“ als „Abdecker 1. Klasse“ aufgenommen, jener Wissenschaft die 1949 zu Ehren des großen Alfred Jarry gegründet wurde.

So wünschen wir Boris Vian zu seinem Todestag alles erdenklich Gute. Und ich bedanke mich bei ihm dafür, daß er mir die Schul-, Jugend- und Studienzeit mit seinem Humor, seiner Drastik und seinem Antiklerikalismus so sehr versüßte. Fast hätte ich bei meinem ersten Paris-Aufenthalt im Jahre 1985 mein halbes Erspartes für eine Jazzkollektion mit ihm und dem Orchester Claude Abadie ausgegeben, die ich damals bei FNAC im unterirdischen Einkaufszentrum von Les Halles sah. Ich tat es nicht, und dies sicherte mir einen langen und wunderbaren Aufenthalt in dieser Stadt, die in Worten kaum zu beschreiben ist. (Und nur einmal sah ich Menschen, die arroganter als ich sein konnten: die Pariser Kellner.)

Die Romane Vians gibt es (jedoch leider nicht mehr alle) beim Wagenbach-Verlag und bei 2001 in einem Band (was ich mir nicht so schön vorstelle). Ich selber empfehle die einstmals bei 2001 erschienene Ausgabe, bei der die Cover von Art Spiegelman illustriert sind. Es gibt hier meines Wissens noch Bände antiquarisch.