Geleistete Kunst und geschuldete Arbeit

Misreading Nietzsche (3)

Dieses Zitat Nietzsches aus seinem Text „Der griechische Staat“ sei kurz vorgestellt:

„Die Bildung, die vornehmlich wahrhaftes Kunstbedürniß ist, ruht auf einem erschrecklichen Grunde: dieser aber giebt sich in der dämmernden Empfindung der Scham zu erkennen. Damit es einem breiten, tiefen und ergiebigen Erdboden für eine Kunstentwicklung gebe, muß die ungeheure Mehrzahl im Dienste einer Minderzahl, über das Maß ihrer individuellen Bedürftigkeit hinaus, der Lebensnoth sklavisch unterworfen sein. Auf ihre Unkosten, durch ihre Mehrarbeit soll jene bevorzugte Klasse dem Existenzkampf entrückt werden, um nun eine neue Welt des Bedürfnisses zu erzeugen und zu befriedigen.

Demgemäß müssen wir uns dazu verstehen, als grausam klingende Wahrheit hinzustellen, daß zum Wesen einer Kultur das Sklaventum gehöre: eine Wahrheit freilich, die über den absoluten Wert des Daseins keinen Zweifel übrig läßt. Sie ist der Geier, der dem prometheischen Förderer der Kultur an der Leber nagt. Das Elend der mühsam lebenden Menschen muß noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen. Hier liegt der Quell jenes Ingrimms, den die Kommunisten und Socialisten und auch ihre blasseren Abkömmlinge, die weiße Race der ‚Liberalen‘, jeder Zeit gegen die Künste, aber auch gegen das klassische Altertum genährt haben.“ (KSA 1, S. 767 f.)

Dieser Sachverhalt ist als „erschrecklicher Grund“ (diesen zumindest sieht Nietzsche, insofern ist er reflektiert genug, die Brutalität einer solchen Konzeption zu durchschauen) eben die unaufhebbare Tragödie, derer sich die griechische Gesellschaft zwar voll bewußt war, ohne dieses Faktum aber aufheben zu können und zu wollen. Nietzsche ontologisiert hier das geschichtlich Gewordene, das schlechte Gesellschaftliche als Unaufhebbares und Movens von Kultur. Zugleich wäre jedoch zu fragen, inwieweit hier nicht ein Grundmotiv sowie eine basale (arbeitsteilige) Funktionsweise bürgerlicher Gesellschaft von Nietzsche einfach nur in die Antike projiziert wird. Insofern stellt auch Nietzsches Lesart der Griechen lediglich einen weiteren, sozusagen diesmal mit negativen Vorzeichen versehenen Versuch des Denkens dar, die Griechen von der eigenen Zeit aus, im Sinne des „Eigenen“  zu interpretieren und festzuschreiben. Mit positiven Vorzeichen geschah dies ja von Winckelmann über Schiller und Hölderlin, wo das Griechische als das humanistische Idealbild im Raume stand, bis hin zu Heidegger, hier jedoch in einer noch etwas anderen Lektüre, die zugleich diese klassizistische Winckelmannsche Sicht auf die Griechen problematisierte und in Frage stellte. Andererseits: Schon bei Goethe, folgt man der Adorno-Deutung in seinem Iphigenie-Aufsatz, stellt sich ein gebrochenes Bild ein: Humanität geht nicht etwa von den listigen Griechen aus, sondern sie liegt am Ende in der Handlung Thoas, Iphigenie ohne Bedingung freizulassen, was Adorno unter dem Begriff des Taktes faßt. „Er (Thoas) darf, eine Sprachfigur Goethes anzuwenden, an der höchsten Humanität nicht teilhaben, verurteilt, deren Objekt zu bleiben, während er als ihr Subjekt handelte. Das Unzulängliche der Beschwichtigung, die Versöhung nur erschleicht, manifestiert sich ästhetisch.“ (Das heißt immanent im Stück selbst, Anm. Bersarin.). (Adorno, Noten zur Literatur, S. 509)

Nein, es soll vermittels dieses einleitenden Nietzsche-Zitats keineswegs Nietzsches Philosophie im ganzen schlechtgeredet werden. Aber es muß zumindest der (politische und gesellschaftliche) Boden einer solchen Philosophie genannt werden und im Bewußtsein bleiben. Bei aller Genialität der Gedanken Nietzsches und bei aller (oft jugendlich-pubertären) Verzückung, die sich bei der Lektüre Nietzsches bei manchem einstellen mag, bei aller (unkritischen) Affirmation, die in der Rezeption oft zu beobachten ist, sind diese Töne in seinen Texten, die ich ja bereits im zweiten Misreading-Text beschrieb, immer wieder einmal in das Gedächtnis des Enthusiasten zu rufen, um hier die Bruchstellen dieser Philosophie zu sehen.

Die politischen Konsequenzen solcher Texte Nietzsches sind nicht gering anzusetzen. Und nicht erst seit kurzer Zeit erschallt in den Feuilletons dieser neuerdings erhobene vornehme Ton immer lauter, auf den „Kritik und Kunst“ immer wieder aufmerksam macht und ihn entlarvt.

Natürlich, wir kommen in Laufe der Nietzsche-Lektüren auch zu einem nicht ganz so schlimmen, ja sogar hoch interessanten Nietzsche. Aber als Vorspiel muß solches zunächst einmal genannt werden, um die Ambivalenz dieses Denkens herauszustellen. Und darin besteht ja auch der Verdienst des Taureck-Buches „Nietzsche und der Faschismus“, daß er, ohne pauschal zu verdammen, doch sehr gute Linien der Differenzierung und Abgrenzung gezogen hat.

Doch die Differenz, diese Kluft, die sich in dem Text Nietzsches zeigt und eben auch der Ausdruck der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft ist, wird so einfach nicht aus der Welt zu schaffen sein. Man darf den Antagonismus nicht ontologisieren, doch auch die Aufhebung desselben geht nicht so einfach vonstatten, wie man es sich vielleicht wünschen möchte; ihn utopistisch fortlügen mittels überspannter Begrifflichkeiten von Kreativität, die ein jeder (potentiell) in sich trägt, um Zustände bzw. Antagonismen zu überwinden, sollte man schon gar nicht. Wie gesagt: im Proletarier, der heute allerdings keiner mehr sein will, und auch im Angestellten steckt nicht das bessere Bewußtsein, schon gar nicht das vom Ästhetischen. Denn es ist, gegen die Beuyssche Utopie gesprochen, nicht jeder Mensch ein Künstler. Solche Position bedeutet zwar eine Entgrenzung, aber damit zugleich auch die Entleerung des Begriffes von Kunst.

Auf diese Dinge bzw. die Verfehltheit solcher Argumentationsfiguren hat im Zusammenhang mit der Literarisierung der Philosophie Arthur C. Danto in seiner Kritik an der Dekonstruktion, aber auch nach der Frage, was ein Kunstwerk eigentlich zu einem Kunstwerk macht, ganz gut hingewiesen. (Siehe hierzu: „Die Verklärung des Gewöhnlichen“, aber auch der Aufsatzband „Die philosophische Entmündigung der Kunst“.) Wenn alles Kunst ist, ist eben zugleich nichts mehr Kunst, weil die Perspektive der Differenz fehlt. (Wie weit Danto die Dekonstruktion, zumindest die der Derridaschen Prägung, hier richtig im Blick hatte, steht auf einem anderen Blatt.)

Auch wäre darüber nachzudenken, inwieweit eigentlich eine Wendung wie „Sein Leben zum Kunstwerk machen“ überhaupt noch mit rein ästhetischen Kategorien kompatibel ist. Sieht man einmal von (ästhetischen) Ausnahmeerscheinungen wie dem gerade verstorbenen Dash Snow (als einem Überbleibsel von Pop-Art) ab, bei dem Leben und Kunst auf eine eigenwillige und traurige Weise konvergierten, so ist diese „Ästhetik der Existenz“ zunächst einmal in einem sehr allgemeinen Sinne von Aisthesis (auch als wahrnehmbare Stilisierung, etwa um Zeichen und damit Abgrenzungen sowie soziale Distinktionen zu setzten) zu verstehen. Aber ich schweife hier vom politischen Nietzsche ab; wenngleich diese Dinge durchaus einiges mit seiner Philosophie zu schaffen haben.

Es ist also dieser von Nietzsche zunächst einmal ganz affirmativ festgestellte Sachverhalt der arbeitsteiligen Gesellschaft so festzuhalten als das, was es ist. Insofern gehörte Nietzsche, wie Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ zu recht schrieben, zu den schwarzen Schriftstellern des Bürgertums, der diesem einen Spiegel vorhielt, indem er das, was er vorfand, sozusagen übersteigernd und überspannt ins antike Griechenland projizierte und dort wiederzufinden glaubte. Für den privilegierten Individualisten Nietzsche war es in dieser Phase seines Denkens eine Notwendigkeit, daß es welche gab, die dazu da waren, die Bordrunden zu bezahlen, wie es mein Blog-Kollege Hartmut so schön formuliert.

Schließen wir also mit einem Zitat und lassen hier Rüdiger Safranksi sprechen:

„Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht überflüssig darauf hinzuweisen, daß Nietzsche seine tragische Weltanschauung auch tagespolitisch bekundete: Er ist gegen eine Arbeitszeitverkürzung – in Basel von 12 auf 11 Stunden pro Tag; er ist für Kinderarbeit, in Basel waren ab 12 Jahren 10–11 Stunden am Tag erlaubt; er ist gegen Bildungsvereine für Arbeiter. Allerdings soll man, so meinte er, die Grausamkeiten nicht zu weit treiben: dem Arbeiter muß es immerhin erträglich gehen ‚damit er und seine Nachkommen gut auch für unsere Nachkommen arbeiten‘ (2, 682; WS)“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, S. 148)

Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie – eine Empfehlung

Da ich in meinem Posting vom Samstag auch einen Literaturtip für den oder die versprach, die eine Lösung für die Videofrage brächten, und den Tip noch gar nicht gegeben habe, so folgt hier der Nachtrag: Im Rausch all der Theorien und Texte sowie der vergangenen Zeiten und wunderbaren Jahre sei ein etwas älteres Buch aus den späten 80er Jahren anempfohlen, das ganz vorzüglich geschrieben und gar nicht veraltet ist, gibt dieses Buch doch einen spannend erzählten, instruktiven Einblick in eine philosophische Epoche, der auch den in der Philosophie nicht ganz so kundigen zufriedenstellen wird.

Es handelt sich um Rüdiger Safranskis Buch „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie“. Ja, diese Epoche war in der Tat eine wilde, gedankengeladene, brausende Zeit: Die letzten Regungen der Kantischen Philosophie, auf die all die nachfolgenden Szenarien aufbauten: die Jenaer Romantik mit Novalis und den Schlegels, der Deutsche Idealismus, die Goethezeit, Hegel natürlich, den Schopenhauer als seinen großen Gegenspieler betrachtete. Einen Scharlatan, einen geistigen Caliban schimpfte er ihn. Während Schopenhauer in leeren Räumen der Berliner Universität und vor leeren Bänken sprach, wollte dort, nur einige Räume getrennt, alle Welt Hegel sehen und hören, um dadurch zumindest ein bißchen an den Bewegungen des Weltgeistes und des absoluten Wissens teilhaben zu dürfen. Doch Schopenhauers Zeit sollte erst ein wenig später, nach seinem Tode kommen. Ja, es ereignete sich in diesen Jahren historisch, politisch und literarisch sehr viel. Und in gewissem Sinne sogar brachte diese Epoche mit dem Ende der Goethezeit und dem Tod Hegels philosophiegeschichtlich auch das Ende der großen Systemphilosophien.

Safranksi entfaltet in diesem Buch in einer anschaulichen Weise und ungemein spannend geschrieben sowohl die biographischen Aspekte als auch die philosophischen Landschaften dieser Epoche samt den philosophischen Hintergründen, die für das Schopenhauerschen Denken bestimmend waren. Teils liest sich dieses Buch wie ein Krimi. Vor allem aber macht es durch eine starke sprachliche Bildlichkeit Philosophie erfahrbar, und zwar in genau dem Sinne des Wortes, daß Philosophie nicht nur von Theorie, sondern auch von Erfahrungen und eigenen Problemlagen handelt, die an einen Körper, an biographische, teils auch zufällige Momente geknüpft sind.

Gerade wer der Philosophie nicht so kundig ist und, wenn er Kant, Hegel und Deutscher Idealismus hört, den Buchdeckel aus Angst und vorauseilendem Gehorsam zuklappt, der ist hier gut bedient und aufgehoben. Und vor allem eines sollte man bei diesem Buch nicht gering veranschlagen: Safranski kann schreiben, er ist ein brillanter Essayist.

Nein, man darf es nie so ganz leugnen und sollte es nicht verschweigen: Die Philosophie ist auf die lange Sicht und will man sie intensiv betreiben, ein mühsames Geschäft, und auch solche Bücher wie das von Safranski entbinden natürlich nicht von der Lektüre der Originaltexte, die teils schwierig sind und eine gewisse Hermetik ihr eigen nennen. Philosophie hat etwas von der Zuhältersprache, schrieb Walter Benjamin. Sie ist nicht exoterisch; der Uneingeweihte und Nicht-Initalisierte versteht sie erst einmal nicht gut. Doch Bücher wie das von Safranski helfen, sich dem Komplexen zu nähern, einen Horizont zu gewinnen und die Scheu vor Übermächtigem zu verlieren. Zumal, dies soll zum Ende hin nicht zurückbehalten werden, Schopenhauer selber ein großer Stilist und ein durchaus gut lesbarer Philosoph war. Schopenhauer schrieb, dies teilte er etwas mit Freud, sehr verständlich. Das ist jedoch nicht immer und grundsätzlich ein Kriterium für gute Philosophie, denn auch sein großer Gegenpol brachte eine der größten Philosophien hervor. Nur schrieb der – für manche zumindest – nicht so verständlich, und auch die Gedankengänge waren um einiges verschlungener. Doch die Philosophie Schopenhauers ist, insbesondere im Hinblick auf die Kunst als „eigentlich metaphysische Tätigkeit“, nach wie vor aktuell. Insofern sei dieses Buch als Einstieg nicht nur zu Schopenhauer wärmstens empfohlen.

Rüdiger Safranski, Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Eine Biographie, Carl Hanser Verlag, München 1987, ISBN: 978-3-446-14490-3, Leinen, 560 S. 29,90 EUR oder als Taschenbuch bei Fischer: ISBN: 978-3-596-14299-6, 14,95 EUR

Misreading Nietzsche (Teil 2)

Von einem nicht erst neuerdings erhobenen
anschwellenden elitären Ton in den Diskursen

Rüdiger Safranski hat in seinem Buch über Nietzsche einen (zentralen) Aspekt seines philosophischen Ansatzes vollkommen klar und ohne es schön- oder kleinzureden herausgehoben: nämlichen den des Antidemokraten Nietzsche und des Befürworters einer Sklavenhaltergesellschaft nach antikem Vorbild. Nun, gewiß: Nietzsche hatte dafür seine Gründe, und seine Konzeption von Kultur konnte kaum eine andere Auffassung zulassen. Auch muß man ein Denken immer aus seiner Zeit heraus begreifen: So ist es müßig, Aristoteles oder Platon vorzuwerfen, daß sie die Sklaverei als legitime Gesellschaftsform betrachteten, denn sie kannten weder die Bill of Rights noch das Grundgesetz. Zudem sollten wir uns schon deshalb vor intellektuellem Hochmut hüten, weil auch wir dereinst von unseren Nachfahren nach Aspekten beurteilt werden könnten, die uns heute kaum oder gar nicht geläufig sind. Da käme dann keine große Freude bei uns auf, wenn wir dieses Urteil miterleben dürften.

Fassen wir aber kurz die Darstellung Safranskis zusammen, um zu sehen worum es Nietzsche eigentlich geht: Gesellschaftspolitische Folie für Nietzsche ist der Deutsch-Französische Krieg und die sich daran anschließenden Mai-Unruhen der Pariser Commune von 1871. Zeitungen berichteten vom Brand des Louvre, was sich aber als stark übertrieben herausstellte. Diese (vermeintliche) Zerstörung von Kultur war für Nietzsche, so Safranski, ein Fanal für die kommenden sozialen Kämpfe. Intuitiv hellsichtig wie Nietzsche so oft war, deutete er den Brand von Paris „als Wetterleuchten der künftigen großen Krisen“ (Safranski S. 65). Darin sollte Nietzsche gar nicht einmal so daneben liegen. Jedoch hatte er mit seiner Philosophie auf die großen, kommenden „sozialen Fragen“ kaum eine passende und angemessene Antwort zu bieten, wenngleich er in seiner genealogisch-ideologiekritischen Analyse der Kultur nicht ganz falsch liegt: ortet Nietzsche doch Begriffe wie „Würde der Arbeit“und „Würde des Menschen“ als soziale Konstrukte, die eine bestimmte soziale Funktion erfüllen. Diese Begriffe erzeugen einen gesellschaftlichen Schein. Damit liegt Nietzsche richtig.

Die Ableitungen und Bewertungen, die Nietzsche daraus vornimmt, sind jedoch mehr als fragwürdig. Denn so wird nach Nietzsche vermittels dieser Begriffe eine durch nichts gerechtfertigte Gleichmacherei betrieben und der kulturell Höherstehenden, der Erlesene bzw. der Kulturschaffenden auf die Stufe der Vielen herabgezogen; er wird dadurch seiner Einzigartigkeit beraubt. Die soziale Distinktion, welche in der sklavenhaltenden Antike unhinterfragt und absolut notwendig war, um die großen Kulturleistungen hervorzubringen, funktioniert nicht mehr. Kultur wird nun zur Massenware. In Adornos Kulturkritik der „Dialektik der Aufklärung“ steckt insofern auch ein gutes Stück Nietzsche, allerdings mit vollständig anderen Ableitungen als dort. Mit Nietzsche jedoch teilt er die Ablehnung jener Massenkultur, die Adorno als Produkt der Kulturindustrie benennt.

Es erzeugen diese einmal in den gesellschaftlichen Diskurs gebrachten Begriffe „Würde der Arbeit“ und „Würde des Menschen“ ein Bewußtsein für das schreiende Unrecht, da die gesellschaftlichen Gegensätze nun in den Blick treten, und sie implizieren Forderungen nach Gerechtigkeit. Die peinvolle Situation des Arbeiters wird mit dem Glanz der höheren Kultur verglichen, die Kulturleistungen einer Gesellschaft werden nun vor der Folie der Bedingungen, unter denen sie möglich sind, gesehen und kontrastiert. Und so stellt sich damit die gute alte Brecht-Frage: „Wer baute das siebentorige Theben?“ in den „Fragen eines lesenden Arbeiters“:

„Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon –

Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
die Maurer? Das große Rom

Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch, bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte.
So viele Fragen.“

Lakonisch, lyrisch, und einige Fragen, die auch heute und immer noch und immer wieder gestellt werden sollten, da einige geneigt sind, diese Dinge ein wenig zu vergessen oder genüßlich zu verdrängen. Mein Blog-Kollege Hartmut setzte sich auf „Kritik und Kunst“ mit diesem einseitig gelesenen Nietzsche intensiv auseinander. Die Dinge sind dort bestens nachzulesen.

Wie nun begründet Nietzsche diese Ungleichheit? Safranski nimmt seinen Ausgang von Nietzsches Tragödienbuch („Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“) und dem daraus vielzitierten Satz, daß nämlich das Dasein und die Welt nur als ästhetisches Phänomen ewig gerechtfertigt sind. Lassen wir einmal die Ableitung dieses Satzes und die Hintergründe, insbesondere die in dieser Periode bei Nietzsche noch tief wirkende Schopenhauersche Willens- und Kunstmetaphysik beiseite, und wenden uns dem von Safranski konstatierten impliziten politischen Sinn dieser Formel zu. Im Tragödienbuch ist dieser politische Sinn, so Safranski, bereits gemildert, erst in den nachgelassenen Fragmenten, wo sich Nietzsche mit den sozialen Massenbewegungen und seiner Furcht vor der Pariser Commune auseinander setzt, tritt das Politische dieses Satzes klar hervor. So schreibt Safranski:

„In seinen Aufzeichnungen nämlich spitzt Nietzsche das Problem des Zusammenhangs von Kultur und sozialer Gerechtigkeit auf die These zu, daß man bezüglich der Kultur entscheiden muß, ob das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl oder das Gelingen des Lebens in einzelnen Fällen der Sinn der Kultur ist. Wer das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl im Auge hat, denkt moralisch; wer die Aufgipfelung in gelungenen Gestalten, die Verzückungsspitze, zum Sinn von Kultur erklärt, denkt ästhetisch. Nietzsche entscheidet sich für die ästhetische Denkweise.“ (Safranski, S. 66)

Mit dem „Wohlergehen der größtmöglichen Zahl“ ist hier vor allem eine Kritik des Utilitarismus in seinen verschiedenen Ausprägungen gemeint; durch sein ganzes Werk hindurch wird Nietzsche den Utilitarismus – teils mit guten Grund – verschiedentlich kritisieren, handelt es sich bei dieser Form der Moralphilosophie doch um die Philosophie der Masse. Für Nietzsche jedoch ist es der Wert des Einzelnen, der zählt, insbesondere der schöpferische Mensch, Safranski schreibt:

„Sie bringen auf der Basis der ausgebeuteten Arbeit die großen Kulturleistungen hervor, in der Kunst, der Philosophie, in den Wissenschaften; und beisweilen machen sie sich selbst zu einem Kunstwerk, das es wert ist angeschaut zu werden. Diese Heroen des Schöpferischen sind gerechtfertigt nicht durch ihre soziale Nützlichkeit, sondern durch ihr besseres Sein. Sie verbessern nicht die Menschheit, sondern verkörpern ihre besseren Möglichkeiten und bringen sie zur Anschauung.“ (Safranski, S. 66 f.)

So gibt es bei Nietzsche ein klar akzentuiertes Oben sowie ein Unten. Und die jeweils Herrschenden sind durchaus geneigt, diesen Zustand auf Dauer zu stellen oder dieses Fundament immer wieder aufs neue festzuzementieren, oft im Deckmantel der Philosophie daherkommend. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang etwa auf das neue Buch von Norbert Bolz: Diskurs über die Ungleichheit. Ein Anti-Rousseau, erschienen im Wilhelm Fink Verlag)

Ja, verlockend ist diese Perspektive der ästhetischen Verzückungsspitze durchaus: Sein Leben als Kunstwerk zu gestalten, die Produktion von Kunst über alles zu stellen, für die Kunst zu leben und nichts als die Kunst, oder wie es in Bayreuth steht: Hier gilt‘s der Kunst. Diese ästhetische Selbstbezüglichkeit und Selbstgenügsamkeit ist auch heute noch allenthalben anzutreffen; sie geriert sich szenig und bewegt sich im Rahmen einer falsch verstandenen von Nietzsche inspirierten Postmoderne. Nur: Wer diese Perspektive einnehmen möchte, der muß sich zugleich fragen lassen, zu welchem Preis er dies tut. Und man sollte zudem diesen schillernd-ambivalenten Aspekt des Ästhetischen im Denken Nietzsches nicht eskamotieren oder ihn schönreden. Auch ist es zu empfehlen, bei dem immer wieder einmal neu aufgewärmten und von Nietzsche inspirierten Elitediskurs, wenn nämlich die Bessergestellten anfangen zu schwadronieren, das Radar anzustellen: Oder wie es der Blog-Kollege Hartmut so schön schreibt: Irgendjemand wird am Ende diese Bordlage bezahlen müssen.

Mag Nietzsche in der Analyse teilweise durchaus richtig liegen und ein Vorläufer des Adornoschen und Foucaultschen ideologiekritischen bzw. genealogischen Verfahrens sein, um Gesellschaft kritisch in den Blick zu bekommen und die Dinge nicht ungefragt zu übernehmen, so sind die Bewertungen, die Nietzsche vornimmt, nicht akzeptabel. Safranskis Verdienst ist es, diesen mehr als fragwürdigen, eigentlich üblen Aspekt der Philosophie Nietzsches gleich zu Beginn des Buches herausgestellt zu haben. Man sollte diesen unangenehmen Ton seiner Philosophie, der ins 20. Jahrhundert vielfältig nachwirkte, insbesondere der frühe Thomas Mann war mehr als anfällig für diesen Sound, bei der Lektüre nie ganz aus dem Auge verlieren. Man sollte aber zugleich versuchen, diesem ambivalenten, schillernden Denken Nietzsches, insbesondere den ästhetisierenden Positionen, eine, wenn man es so sagen möchte, dialektische Wendung zu geben. Nietzsche zu dekonstruieren, ist ein lohnendes Projekt.

Rüdiger Safranski, Nietzsche. Biographie seines Denkens, Hanser Verlag