Ingeborg Bachmann-Preis 2015. Oder „der Aufstand der Anständigen“ und was das mit Literatur zu tun hat

Der diesjährige Bachmannlesemarathon bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ (kurz: TDDL, was ein wenig wie GNTM oder DSDS klingt) dürfte interessant sich gestalten. Am 28.5. wurden die Autorinnen und Autoren genannt, die zu den Lesungen eingeladen werden. Zum Beispiel Teresa Präauer aus Wien, die bereits für den Leipziger Buchpreis nominiert war. Ihr Roman harrt noch, um von mir gelesen zu werden. Ansonsten, wenn ich mir die Liste anschaue, bemerke ich, daß dort ein hoher Frauenanteil herrscht. Für diejenigen, die Literatur primär nach Quotierungen bemessen, dürfte dies ein Grund zur Freude darstellen. Auch mich freut die Auswahl, wenngleich mir ansonsten das Geschlecht von Autorinnen und Autoren prinzipiell egal ist, solange ich sie lese und ich es nicht über oder unter mir habe. Da interessiert es mich dann schon. Und wie es im Leben so ist: Auswahlen und Literaturpreise sind selektiv. Alle zufriedenzustellen, wird niemals gelingen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ deklamiert der Theaterdirektor im Vorspiel des „Faust“: „Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,//Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.//Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;//Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ In der Literatur ist dies nicht so, da gelten andere Regeln und Gesetze.

Manchmal jedoch zählen nicht nur binnenliterarische Kriterien, sondern es kommt die Gesinnung bzw. die politisch unliebsame Haltung von Autoren ins Spiel. Vor zwei Tagen gab es einen Aufschrei bzw. Protest gegen eine der Kandidatinnen: Zur Lesung geladen wurde nämlich auch Ronja von Rönne. Diese veröffentlichte in der „Welt“ mehrere kontrovers diskutierte Artikel, unter anderem ein Manifest gegen den Feminismus: „Warum mich der Feminismus anekelt“.

Der Artikel ist dumm und oberflächlich, er blendet vielfach aus, vereinfacht, reduziert und ist vom begrenzten Blickwinkel einer eher hilflosen Subjektivität geschrieben, die der Spätadoleszenz geschuldet sein mag. Was von Rönne jedoch zum Netzfeminismus schreibt, tut weh. Und trifft zuweilen und in der Übersteigerung doch genau. Wie es immer so bei Texten ist, auch bei schlechteren, es findet sich einen Quäntchen Wahrheit darin:

„Die Alternative zum senilen Birkenstock-Feminismus findet sich im Internet, der sogenannte Netzfeminismus, die etwas gestörte Tochter des traditionellen Feminismus. Sie leidet unter der Übermutter und kämpft verstörend inhaltsleer um Klicks und Unterstriche in der deutschen Sprache. ‚Das stimmt überhaupt nicht!‘, mischt sich der Netzfeminismus ein. ‚Im Gegensatz zu meiner uncoolen Waldorfmutter bin ich total trendy und nerdy. Hashtag nerdy!‘ Die Sternchen am deutschen Netzfeminismushimmel sind junge Menschen, die Katzen-Memes, politische Korrektheit und ‚niedliche Dinge stricken‘ zu ihren Interessen zählen. ‚Hihi‘, kichert der Netzfeminismus, ‚wir sind voll ironisch!‘ Ich möchte lieber keine Feministin sein. Inhalte hat der neue Feminismus abgeschüttelt, die Latzhosen in den Altkleidercontainer geworfen, sich einen Twitteraccount angeschafft. Frauenrechte sind zur Performance geworden, Entrüstung zu Hashtags. Deutsche Ableger der Femen zeigen Brüste, der Kampf um Aufmerksamkeit ist hart, wenn die Dringlichkeit nicht für sich spricht.“

 Die Inferiorität des Infantilen, der sich in diesem Feminismus oft äußert, ist leider nicht ganz zu leugnen. Und die Absurdität des Gender-Gaps nicht ganz von der Hand zu weisen. Dennoch: Die Vermutung, daß Feminismus notwendig war und immer noch notwendig ist, scheint mir ebensowenig abwegig. (Die Frage ist nur, wie das ausschaut.) Es nimmt aber die Gemeinde schnell übel und vergißt nicht. Fein war es nicht, was Rönne schrieb. Lustig aber doch, wenngleich naiv-provokant. Man kann über solche Texte lachen, streiten, sich ärgern, sofern man sie für relevant hält. Das ganze nennt sich öffentlicher Diskurs. Man muß Rönnes Meinung zum Feminismus nicht teilen, man kann darüber debattieren. Das ist Aufgabe der Öffentlichkeit. Man darf und soll das sogar in einer polemischen Weisen schreiben wie Andreas Kemper im „Freitag“. Der Artikel ist ad hominem gemacht und böse, aber das wird Rönne aushalten, denn auch sie schrieb böse, provokant und ad hominem.

Als Rönne dann sechs Wochen später zum Lesewettbewerb der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt eingeladen wurde, kamen die Reaktion und die Bösartigkeit prompt. Ein wenig wartete man noch, im Frontkampf der Lager, dann kam das da, um jemandem, der unliebsam ist, per Andeutung die faschistische Gesinnung zur Seite zu stellen:

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Don Alphonso machte zunächst auf Twitter, dann über seinen FAZ-Blog auf diesen Vorgang aufmerksam. (Er mag eigene Gründe haben, und es wird dies nicht nur dem Altruismus des Don geschuldet sein. Dafür daß er solche Phänomene wie Rufschädigung, Denunziation sowie mediale Hetzjagden benennt, muß man ihm danken.) Die Methode Krauses jedoch ist, egal wie man es nimmt, traurig und beschämend: Klar, NPD und „Ring nationaler Frauen“ geht immer gut. Da braucht man nicht selber Faschistenschwein zu sagen. Anne-Mareike Krause, die diese Zeilen twitterte, ist Journalistin. Sie sollte eigentlich, wenn sie ihr Handwerk denn beherrschte, wissen, wie Medien funktionieren. Wenn Krause für irgendeine These Zustimmung von der DKP oder vom „Traditionsverband Nationale Volksarmee“ erhielte, dann wäre es genauso unredlich, hier eine Nähe und einen Bezug herzustellen, sie gar für die Mauertoten und für die Diktatur der DDR verantwortlich zu machen oder dies zumindest anzudeuten. Eine Autorin wie auch die Veranstalter des Wettbewerbs in die Nähe von Rechtsradikalen und Faschisten zu stellen oder zumindest Kausalitäten zu insinuieren, weil Frau Krause die politische Haltung Rönnes nicht behagt, ist schlicht bösartig zu nennen. Ob es nun Zufall ist oder nicht, von wem Rönne gefeiert wird, die Mechanismen, die dann einsetzen, sind immer wieder die gleichen. Es werden daraus Bezüge abgeleitet und Analogieschlüsse getätigt, die in polemischer Absicht erfolgen, um jemanden schwer zu beschädigen.

Medialer Zirkus geht so: Gerhard Schröder inszenierte im Jahre 2000 den „Aufstand der Anständigen“, um dann im Schatten des gemütlich zelebrierten SPD-Antifaschismus um so ungemütlicher Hartz I–IV durchzubringen. Hinter solchen Aufschrei-Aktionen stecken leider allzu häufig bloß die eigenen Interessen, und es wird auf den Feuern ein je eigenes Süppchen gekocht. Es wäre irgendwann einmal nachzudenken über die Inszenierungen von medialen Ereignissen und was eigentlich Medien wie Twitter mit und aus Subjekten machen. Dummheit geht schnell, ist stracks ins Netz gestellt.

Ist von Rönne Mitglied der NPD? Schreibt sie für die NPD oder die Junge Freiheit? Solidarisiert sie sich an irgendeiner Stelle mit diesen Positionen? Nein.

Diese Art und Weise der Denunziation jedoch, eine scheinbar rechtsradikale Haltung durch erzeugte Korrespondenzen zwar nicht direkt auszudrücken, aber denn doch qua Verdacht nahezulegen, wie dies Anne-Mareike Krause betreibt, scheint mittlerweile, in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner Methode zu haben. Ob das nun der Umgang mit jene Ratgeberin beim Westphalenblatt ist, die dort inzwischen entlassen wurde, über die Rönne ebenfalls schrieb – einen guten Artikel zudem – oder andere Fälle, in denen per Andeutung jemandem etwas zugedichtet und in Äußerungen hineininterpretiert wird.

Anna-Mareike Krause arbeitet auch für den NDR. Über Diskussionen im Netz, wo es um „zensieren oder zulassen“ geht, heißt es auf der Website des NDR:

„Er [Redaktionsleiter Marcus Bensemann] hat die Meinung vertreten: ‚Der User ist unser Gesprächspartner‘ und forderte größtmögliche Freiheit beim Kommentieren. Anders sah das die Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de Anna-Mareike Krause. Sie sagte: ‚Kommentarbereiche brauchen Regeln.‘“

Tja, da sollte man vielleicht Anne-Mareike Krauses Twitter-Profil abschalten? Polemisch gesagt: diejenigen, die immer dann für die Freiheit des Wortes plädieren, wenn es um ihr eigenes geht, sind schnell mit der Keule zur Hand und schreien „Verbot, Verbot“, wenn die Meinung konträr wird.

All diese Aspekte des Politischen und des öffentlichen Diskurses zu diesem oder zu jenem Thema sind aber gar nicht das Thema. Es geht in diesem Zusammenhang und bei Ronja von Rönne vielmehr um Literatur, um einen von Rönne eingereichten literarischen Text, der von der Jury des Bachmann-Lesewettbewerbs angenommen wurde. Und so lud man Rönne ein. Aus genau diesem Grund: weil da ein Text ist, der von der Jury für würdig befunden wurde, vorgetragen zu werden. Nicht wegen ihrer kruden Thesen in der Welt oder in ihrem Blog. Frau Krause scheint den Unterschied zwischen einem literarischen und einem journalistischen Text nicht zu kennen. Textgattungen auseinanderzuhalten ist auch nicht leicht. Für eine Frau, die für die ARD und die Tagesschau arbeitet, ist dies jedoch ein trauriges Zeugnis. Vielleicht sollte die ARD einmal überdenken, mit wem sie so zusammenarbeitet.

Wenn mich die NPD oder die „Junge Freiheit“ oder sonst welche, mit denen ich nichts zu tun habe, von der falschen Seite her loben, so kann ich dagegen nichts ausrichten. Davor ist niemand gefeit. Die Unabhängigkeit des Denkens jedoch, und zwar jenseits jeglicher Kollektivierung und jeglichen Gruppenzwanges, werde ich mir weiterhin bewahren. Das zumindest könnten auch die Netzfeministinnen und andere von der Philosophie des Theodor W. Adorno lernen. Dieser wußte gut, weshalb er sich nicht von der sogenannten Studentenbewegung vereinnahmen ließ.

Ronja von Rönne hat inzwischen ihren Blog „Sudelhefte“ geschlossen. Über Twitter erhielt sie eine Morddrohungen.

Ich muß Ronja von Rönnes Thesen und Texte nicht mögen und nicht schätzen. Aufgabe einer kritischen und linken Öffentlichkeit soll und muß es jedoch sein, solche Vorgänge sichtbar zu machen und als das zu bezeichnen was sie sind: Schäbig und widerlich.