Luthers Reformation

Ein offizieller Feiertag also – heute –, ausnahmsweise auch in den westlichen Bundesländern. Umso besser, denn da dürfte sich auch die taz- und Missy-Klöps*In Hengameh Yaghoobifarah am Deutschsein freuen – ob Mann oder ob Frau, man weiß es nicht genau, was da zwischen den dicken Stampferln baumelt. Es kann verreisen und dabei sogar singen: „Eine kleine Dickmadame fuhr mal mit der Eisenbahn, Eisenbahn die krachte, …“ Sofern die DB ihren Fahrplan nach stürmischen Nächten wieder aufgenommen hat. Aber Ernst beiseite.

Was wäre Europa, was wären die deutschen Fürstentümer sowie das österreichische Habsburgerreich, das also, was man heute als Deutschland und Österreich bezeichnet (Ungarn, Tschechien und die Slowakei mal beiseite), ohne Luther? Kleines Gedankenspiel: wie sähe Geschichte anders aus? (Wien übrigens war einmal eine Stadt mit ungeheuer hohem Anteil an Protestanten, bis der Habsburger Kaiser sich zum Säubern anschickte, indem er Protestanten arge Nachteile zufügte, was manchen zur Konversion bewegte.)

Bekamen wir vom sauberen Luther – der Saubär Luther wie der Schriftsteller und Prediger Abraham a Sancta Clara spottete, wenn er vom sauberen Luther sprach – jenen nötigen Schritt in die Moderne? Brachte der Reformator eine Revolution des Denkens? „Des Teufels Sau, der Bapst“, so wetterte Luther gegen Rom und trat eine Lawine los, die sich nicht mehr bändigen lies, insbesondere durch die Härte beider Seiten in diesem Konflikt. Für Luther war jener Papst Leo X. der Antichrist schlechthin. Aber auch kirchenimmanent, in den zentralen Fragen der Heilslehre ging es ums ganze. Von der Theologie her genommen polte Luther also ganz sicher die Welt um. Die Heilsgewissheit lag nicht mehr in den Werken, sondern in der Gnade Gottes. All dies, von theologisch-immanenten Fragen bis hin zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Reformation, zeichnen zahlreiche Bücher nach, die passend zum Lutherjahr in Kohortenstärke auf den Markt kamen.

Im Rahmen der Frage, wie Ideen sich in der Welt verbreiten, ist von Andrew Pettegree lesenswert Die Marke Luther: Wie ein unbekannter Mönch eine deutsche Kleinstadt zum Zentrum der Druckindustrie und sich selbst zum berühmtesten Mann Europas machte – und die protestantische Reformation lostrat  (Insel Verlag, EUR 26,00). Bereits vom Titel her vielsagend, und so zeigt Pettegree wie mittels eines Mediums wie dem Buchdruck, der Malerei und den Stichen sich ein Bild, eine Idee unters Volk verbreiten konnte. Sich zu einer Marke machen – dieser Gedanke allerdings, an Luther herangetragen, ist doch sehr ex post facto, also vom Denken der Gegenwart her bestimmt, als ob es lediglich um werbetechnisches Branding ankäme. Die beste Werbung nützt nichts, wenn die Zeit für eine Sache nicht reif ist. Und dieses leicht Reißerische des Titels verstimmt dann ein wenig.

Wer es ganz genau wissen will und in die Tiefen der Biographie einsteigt, der greife unbedingt zu Heinz Schilling: Martin Luther, Rebell in einer Zeit des Umbruchs (Beck Verlag, 19,95 EUR) Keine Hagiographie, sondern auch auf die Schwächen Luthers leuchtet das Buch. Ebenfalls direkt im Kontext zu Luther und insbesondere zum Aspekt des Neuerungen, des Umbruchs im Denken steht Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation (Verlag C. H. Beck, EUR 26,95) und ebenfalls Volker Leppin: Die fremde Reformation. Luthers mysthische Wurzeln. (Verlag C.H. Beck, EUR 21,95)

Den Blick von Rom aus wagt hingegen Volker Reinhardt mit Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation (Verlag C. H. Beck, EUR 24,95). Eine nicht ganz selbstverständliche Perspektive, so Reinhardt, weil die meisten Darstellungen der Reformation eher aus protestantischer Sicht bzw. mit einem wohlwollenden Blick erfolgen. In dieser Auseinandersetzung jedoch spiegelt sich nach Reinhardt ein Kampf der Mentalitäten wider. Vom päpstlichen Rom, von Italien aus nahm man das, was sich in den deutschen Landen im Norden, jenseits der Alpen abspielte, als barbarisches Stück aus dem Tollhaus wahr. Gegen die Kultiviertheit der Italiener stand der Teutone:

„Für Rom und das Papsttum war Luther der hässliche Deutsche schlechthin: trunksüchtig, jähzornig, ungebildet, von Hochmut gebläht, ein Liebhaber der Fäkalsprache, der sich durch seine irrsinnigen Angriffe gegen die segensreiche Führung der Kirche durch die Päpste bei den Mächtigen Deutschlands lieb Kind machen und so Ruhm und Reichtum ergattern wollte.“

Feindbilder sind nötig, um den anderen zu markieren, und sie erweisen sich zunächst als brauchbare Gesellen. Nur funktionieren sie nicht immer und auf Dauer. Was für damals galt, das gilt auch heute (besonders für den Journalismus). Betreutes Denken und Lesen lassen sich die meisten nur begrenzt gefallen. Sie greifen zu anderen Medien und bilden sich ihre Meinung.

Trotzdem ist es interessant, im Falle der Reformation die Blickrichtung umzukehren und aus der Sicht der heiligen Mutter Kirche in Rom zu schauen, wie sich die Ereignisse in deren Augen ausnehmen. Dennoch, trotz aller anregenden Perspektivierung, denn manchmal führt es durchaus weiter, den Blick des anderen einzunehmen: jenes Ausbreiten der frohen Botschaft in deutschen Landen hat das Papsttum grandios verkannt. Was für eine Fehldeutung, der der kultivierte und klimatisch so feine Süden erlag. Rom ging ein zweites Mal an seinem Hochmut zugrunde oder wurde zumindest arg zurechtgestutzt. Europa brachte das einhundet Jahre später einen der verheerendsten Kriege.

Ins Detail hingegen, auf die dornichten Pfade der Ebene begibt sich Martin Heckel mit seinem Buch Martin Luthers Reformation und das Recht. Die Entwicklung der Theologie Luthers und ihre Auswirkung auf das Recht unter den Rahmenbedingungen der Reichsreform und der Territorialstaatsbildung im Kampf mit Rom und den ‚Schwärmern‘. (Mohr Siebeck, EUR 29,90, als Broschur) Das klingt nach einem Brocken Theorie und das ist es auch. Trotzdem ist das Buch interdisziplinär ausgerichtet und damit auch für die Kulturgeschichtler lesbar. Im Vorwort heißt es:

„Die Entwicklung des evangelischen Kirchenrechts und des Staatskirchenrechts in Deutschland seit Beginn der Reformation ist nur aus der steten Wechselwirkung der juristischen Probleme und Dynamik mit ihren theologischen und politischen Ursachen und Folgen zu erfassen. Erst durch ihre Umsetzung in Rechtsformen führen die geistigen und gesellschaftlichen Kräfte und Bewegungen zur umwälzenden Veränderung oder beharrlichen Verfestigung ihrer Epoche.

Durch seine rechtshistorischen Aspekte und Analysen will dieses Werk auch den theologischen und historischen Nachbardisziplinen dienen, auf deren Vorarbeiten es fußt. Es ist problemgeschichtlich ausgerichtet. Es sucht die Entstehung und Wandlung der rechtlichen Institutionen aus den geistlichen und weltlichen Ursprüngen, die dem modernen Empfinden fremd geworden sind, verständlich zu machen und zugleich das Bewußtsein der Kontinuität zu stärken, die unsere pluralistische Geisteswelt und Rechtsordnung mit ihren geschichtlichen Wurzeln verbindet und bis heute prägt und bedingt.“

Einen Schwung um 180 Grad machen wir mit Bruno Preisendörfer Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit (Verlag Galiani, EUR 24,99) Schon in Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit begab sich Preisendörfer in eine ganz andere Welt und schilderte hochanschaulich, wie es sich in jenen uns heute so fern und manchmal auch wieder heimelig dünkenden Epochen lebte. Nach der Lektüre dieser Bücher bin ich als Leser ganz angetan, daß ich diese Reisen im bequemen Sessel nur anzutreten brauchte. Aus der Reihe der Luther-Bücher dürfte Preisendörfer wohl das heiterste und unterhaltsamste Buch geliefert haben. Was nicht heißt, daß das nicht lesenwert sei – ganz im Gegenteil, denn alles hat seine Zeit. Und ein bißchen Abenteuerspielplatz ist zuweilen eine feine Sache – sowohl für Jungs, die nicht bloß als Junges gelesen werden wollen, sondern die es sind, als auch für manches wilde Mädchen. Drastik macht bekanntlich anschaulich und Preisendörfer kann anschaulich schildern. Eine kurzweilige Lektüre also, vielleicht gerade an einem Tag wie heute.

Wer es freilich unorthodox mag und auf jenen Reformator blicken möchte, der im Schatten Luthers stand und doch ganz revolutionär auf der Seite der Bauern sich schlug und im Kampf für die Freiheit fiel, der greife zu Siegfried Bräuer und Günther Vogler: Thomas Münzer. Neue Ordnung machen in der Welt (Gütersloher Verlagshaus, EUR 58,00) Zeit wird es, diesen Mann  aus dem Schatten Luthers zu bugsieren, und wer es anschaulich mag, fährt an jenen Ort, wo Thomas Münzer nach der aussichtslosen Schlacht bei Frankenhausen gefangengenommen und dann auf der Festung Heldrungen getötet wurde. Dabei versäume er oder veräume sie auf keinen Fall Werner Tübkes grandioses  Gemälde dieser Schlacht, ein Geschichtspanorama aus bosch-breughelschen Höllenvisionen und aus kruder Wirklichkeit. (Eine detailveresessene, wunderbare Kunst und ein ganz anderer Weg der Moderne.) Dazu und auch zum Buch von Bräuer und Vogler als Ergänzung kann man von Ernst Bloch das bekannte oder inzwischen vermutlich wieder in Vergessenheit geratene Buch Thomas Münzer als Theologe der Revolution lesen (Suhrkamp Verlag, EUR 16,00).

Was aber wäre, wenn diese Reformation niemals stattgefunden hätten, im Keim erstickt oder durch Reformen und sanftes Abwiegeln umgeleitet in die einzig wahre Lehre der katholischen Kirche? Ein gedehntes Habsburgerreich unter dem Zepter Wiens? In Budweis, Prag, Tschernowitz, Triest, Karlsbad und Neukölln spräche man heute noch die deutsche Sprache? Die Judenemanzipation schritte voran, es gäbe kein Deutsches Reich unter Bismarck. Vielleicht ein Blüte europäischer bzw. deutscher Kulturen im Zeichen Habsburgs, ein prosperierendes Judentum, keine Shoah, sondern ein Europa der Völker? Der ebenfalls katholische König von Frankreich – wie hätte er es machtpolitisch aufgenommen? Gedankenspiele im Sinne Habsburgs und im Wiener Zuckerbäckerstil. All die schönen Mehlspeisen und ein kräftiger Zug Grüner Veltliner oder Gemischter Satz im Caféhaus. Das Habsburger Reich – ein Versuchslabor für den Weltuntergang, wie Karl Kraus ahnte und spottete. Doch mit dem, was nach dessen Fall zutage trat, war er ebensowenig glücklich.

Wer übrigens von den Verwerfungen im Protestantismus, im Dürer-Deutschland der Mittellage gerne lesen will, was bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts ragt und von viel Kunst, spezieller noch von der Musik, von Schönberg, Mahler und Nietzsche ebenso getragen wird,  und wer es dazu literarisch mag, der greife immer noch und unbedingt zu Doktor Faustus von Thomas Mann. Die exakt richtige Literatur zum Lutherjahr. Insbesondere in diesem großen Roman steckt ungemein viel Luther, doch genauso die Ästhetik samt der Politik. Kalt und scharf blitzend wie all die Marmorklippen dieser europäischen, dieser deutschen Moderne, die nahe von Los Angeles unter Mitwirkung eines bekannten Musikästhetikers ihr Entstehen im Text fand.

Worum ich freilich die östlichen protestantischen Bundesländer, besonders Sachsen beneide: das sind diese leckeren Reformationsbrötchen, die es im gräßlich-grauen Berlin ganz einfach nicht gibt. Davon hätte ich heute auch gerne eines auf dem Frühstückstisch. Aber dieser Dienstag ist nun einmal ein Arbeitstag wie jeder andere, ich schreibe also flink noch diesen Blogtext zuende. Morgen begehen wir dann das Hochfest Allerheiligen und einen Tag darauf Allerseelen. Zum Gedächtnis der Verstorbenen.