Unter dem Pflaster, über dem Pflaster, auf dem Pflaster: Reeperbahn (St. Pauli): und kein Strand in Sicht vor halb vier.

Kräuter Fürth gegen Erster FC St. Pauli. Beide Mannschaften spielten Freitag am Millerntor gegeneinander. Ich habe im Grunde so viel Ahnung von Fußball wie ein Ochse von der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes. Ich kenne nicht einmal die Vereinsnamen richtig. Für die Spielvereinigung ging das Spiel nicht gut aus, weil der Schiedsrichter in einer Tour für St. Pauli pfiff, doch die Fans der Mannschaft aus Fürth sind fröhliche Menschen, die das Leben trotz allem von seiner guten Seite nehmen. Spielstand: unentschieden. Zwei dieser Fans – eine Frau, ein Mann: beide Freunde einer Freundin – waren am Samstag in Hamburg zu Besuch und der Betreiber dieses Blogs ebenfalls, weshalb es hier und heute eine Photo-Serie von der Reeperbahn, bzw. aus dem Stadtteil St. Pauli gibt.

Dort spazierte der Blogbetreiber allerdings alleine, denn Photographieren funktioniert nicht mit mehreren Menschen – allenfalls zu zweit geht es. Auf dem Kiez ist zudem eine gewisse Vorsicht geboten.

Die beiden Fans aus Fürth waren insbesondere über die Polizeipferde im Einsatz sehr beeindruckt. Mein Reden: Zehn Polizeipferde samt zehn Reitern ersetzen eine halbe Hundertschaft. Wenn sich eine Pferdestaffel in den Trab setzt, heißt es laufen. Und wer mag schon Steine auf die armen Pferde schmeißen? Nietzsche in Hamburg. Leider habe ich den beiden Franken nicht meinen Lieblingswitz erzählt:

Welches Tier trägt sein Arschloch auf dem Rücken?
Das Polizeipferd.

(Ist zugegeben ein dummer Witz, sehr pubertär.)

Nach einem feinen, fröhlichen Abend in einer Kneipe in der Clemens-Schultz-Straße, wo ich dem Alkohol sehr zusprach, gingen die Freundin und ich zum Abschluß ein wenig über den Kiez. Die Atmosphäre war die von Ballermann: Partymeile mit Hang zum Junggesellenabschied. Wenige Etablissements laden dazu ein, dort zu verweilen, geschweige denn, sie zu betreten. Die Freundin meinte, wir sollten einfach mal beim „Sorgenbrecher“ vorbeisehen. Die gute alte Zeit. Dort war es wie früher. Als noch die Lassie Singers dieses Lokal in ihrem Hamburg-Hit erwähnten. Aber wie überall auch: die Zeit, sie nagt, sie vergeht, sie hinterläßt Spuren. Immerhin steht der Flipper mit der Adams Family noch dort. Zwei DJs ließen feine Elektro-Beats hören. Eine angenehme, entspannte Atmosphäre, in der ich gerne mein Bier trinke.

Später dann trennten sich unsere Wege, ich schlenderte weiter über die Reeperbahn und durch ihre Seitenstraßen. Immer noch herrscht dort viel Armut, aber die bleibt in der Nacht meist verborgen, wenn die Spaßhorden durch die Straßen ziehen. Die Häusereingänge und unscheinbare Türen. Bars und Clubs und der Körper wird als eine unter vielen Waren verkauft. In jeder Form und in jeder Weise. „Im Stein“, es flimmern die Lichter, grell und aufreizend. Die Stimmen, die Sätze. Herzlichkeit oder Härte gibt es für Geld, jeder wie er es mag, und für manche warme Worte. Ich ging auf eines der Zimmer. Einen Bleistift oder gar einen Crayon konnte ich als Metapher nicht einsetzen. Nur den Photoapparat. Die Photographien jener Nacht, im Bann des Augenblicks, gibt es an der oben erwähnten Stelle zu betrachten.

Hamburg – Kapitalistischer Realismus (Part 1)

Das letzte Wochenende verbrachte ich in Hamburg, und es werden auf „Proteus Image“ einige Impressionen dieser Stadt rund um das Schanzenviertel und St. Pauli geboten, die ich am 4.2.2012 fertigte. Das mache ich in zwei Teilen, weil es sehr viele Photographien sind. Ich ordne diese Photos nicht an, sondern zeige sie in der Reihenfolge, wie die Bilder entstanden. Ich ändere ebenfalls nicht die Zählung der Bilder, so daß sich die Lücken, die Leerstellen, die fehlenden Räume und die Orte im Intervall der Zahlen zwar nicht visuell ausmachen, aber doch evozieren lassen. Irgend etwas fehlt immer in jenem Dazwischen, in dem Dinge und Menschen zu versinken vermögen. Zuweilen tauchen sie daraus niemals mehr auf. „Lost in Translation“ – es ist dies einer der intelligentesten Filmtitel. In solchen Photographien müßte im Grunde die Zeit ihrer Aufnahme, ihrer Entstehung mit eingeschrieben werden. Das exakte Datum, auf die Sekunde gerechnet. Diese Datierung, gepaart mit der konzeptionellen Abstraktion eines On Kawara, wie er sie in den Date Paintings seiner Today-Serie fertigte, gäbe ein interessantes Projekt ab, um jene Augenblicke und das Datum, jenen einen Moment, jenen versäumten oder entschwundenen Moment zu bannen. Auch ein Immaterielles wie die Zeit vermag zum Fetisch sich zu transformieren, an dem ein Photograph sich festbeißt. Und jene versäumte eine Sekunde, die kein Bild und keine Sprache festzuhalten vermag.

Ich wollte eigentlich auf der Veddel Bilder machen, aber da ich Freitagabend während einer Party so schlimm dem Alkohol verfiel, daß die Rekonvaleszenz nur einen Ausflug ins Naherholungsgebiet zuließ, blieb mir nichts weiter übrig, als in solch einem Nahgebiet Photos zu schießen. Und daß ich am Samstagabend in einer Bar zwei alkoholfreie Biere trank und das Glas Rotwein bei einer Freundin nur halb leerte: ja, das zeigt, wie schlimm es um mich bestellt war.

Ich hätte heute ebenfalls etwas zu Charles Dickens 200. Geburtstag schreiben müssen und gestern einen Text zur Würdigung des großartigen François Truffaut, der 80 Jahre geworden wäre und viel zu früh verstarb. Allein, es fehlt die Zeit. Aber die Filme Truffauts laufen nicht weg. Ja, das Bloggen bildet eine zeitintensive Tätigkeit. Bereits die Filme über Antoine Doinel sind einen eigenen Beitrag wert. Filmisch, von der Bildästhetik und der Art der Narration. „Baisers volés“: was für ein Filmtitel.