Ausblick auf das Jahr 2013. Sowie ein kleiner Seitenblick auf Rainald Grebes Dada-Performance

Es stöhnt der Kaiser zur Kaiserin: „Madame, bin ich schon tiefer drin?“
Drauf haucht die Sissi zum Kaiser: „Ich komme meistens leiser!“

Doch es hat nicht sollen sein. Elisabeth Amalie Eugenie oder kosenamlich Sisi gerufen, geschrieben freilich wie in jenem legendären Film-Dreiteiler mit zwei s, gebar vier Kinder. Aber keines ihrer Kinder lebte lange, keines wurde Thronfolger oder gar Thronfolgerin. Statt dessen war ein Neffe von Franz-Josef I. für den Thron der kakanischen Monarchie vorgesehen, der seinen Namen nach einer Schottischen Musikkapelle erhielt. Der Regent in spe wurde 1914 erschossen. Die Folgen dieses Ereignisses sind bekannt. Das Lied vom Lindenbaum … 1913: Ein Jahr vor Krieg. Der Zauberberg erwies als Illusion sich.

Insofern steht dieser Blog teils im Zeichen des letzten Jahres, bevor die Welt ins 20. Jahrhundert gelangte. 1913/2013 – einhundert Jahre. 1913 – Das Jahr vor der Zeitenwende, ein durchaus reizvolles Jahr. Und es begeht auch „Aisthesis“ dieses Datum, feiert, jubelt, würdigt, zerreißt, zerfetzt und zerstört. Als einen der ersten Texte wird es zum Auftakt eine Besprechung von Florian Illies „1913“ geben. Weiterhin nimmt der Blogbetreiber die Kunst in die Kritik und wird seine Serie zum Ende der Kunst fortsetzen. Die Avantgarden der Klassischen Moderne liefen in diesem Jahren zum Höhepunkt auf. Und 1916 nähern sich 100 Jahre Dada: Das legendäre „Cabaret Voltaire“ in Zürich, Spiegelgasse 1.

Im Rahmen dessen sei zudem auf eine (gelungene und witzige) Dada-Performance in Berlin hingewiesen, die Rainald Grebe im Maxim Gorki-Theater gibt. Diese Dada-Show ist unterhaltsam, es macht Spaß, sie sich anzusehen, ich spreche da gerne eine Empfehlung aus, denn Kabarett und Intelligenz paaren sich in dieser Inszenierung. Der Zuschauer lacht nicht bloß über die dargebotenen Späße und Absurditäten, sondern es stellt sich zugleich die Frage nach dem Status von Kunst, wenn es in der Kunst alles schon einmal gab, „in der Kunst alles schon einmal gemacht wurde. Aber eben nicht von allen“, wie Grebe es formuliert. Was ist dann eigentlich noch Avantgarde? Im Grunde handelt es sich hierbei genau um mein Thema. Insofern ist dieses Stück kein bloß homagehafter, historisierender Rückblick auf den Beginn von Dada: en avant Dada, sondern dieser Abend erweitert das Feld und zieht das Absurde, das Sinnlose in die Jetztzeit hinein. So wie wir es von Rainald Grebe gewöhnt sind und es lieben, mögen und schätzen. Das, was wir heute TV-Shows nennen, ist im Grunde eine Variante von Dada. Nur bemerken dies die Betreiber und die Zuschauer nicht. Oder wollen das Absurde, was ihnen medial untergejubelt wird, nicht sehen.

Sehr gelungen zeigt sich in dieser Show die Parodie des großartigen (Fernseh-)Malers Bob Ross. Denn das, was einst als Avantgarde und – souverän oder autonom – als Kunst (der Überbietung) antrat, erweist sich auf genau dieses Level heruntergebrochen: Kunst und Kitsch fusionieren. Und die einst ernsthaft gemeinten Phrasen vom reinen Ausdruck (freilich schwingt bereits in den Schriften Kandinskys der arge Kitsch samt des Abgedroschenen schon mit), das Gerede von der Korrespondenz zwischen innen und außen, der inneren Stimme der Kreativität ihren Lauf zu lassen und ihr Raum zu geben und was der Sätze mehr sind, läuft im Reich der Ästhetik und der Kunst mittlerweile auf die Parodie hinaus. Kunst dient bloß noch als Ausdrucksmedium für die Gefühligkeit und als Simulation von Erfahrung: Die Phrasen der Kreativitätsindustrie, die an der Markt- und Arbeitsoptimierung des Subjekts mitarbeitet: „Lassen Sie sich treiben, seien Sie sie selbst, denken Sie nicht groß nach, sondern tun sie einfach! Der Weg ist das Ziel! In der Reduktion erfahren Sie sich selbst! Erfinden Sie sich selbst! Füllen Sie die freien Flächen des Bildes aus! Alles in der Welt ist im Fluß und ebenso auch im Gleichgewicht.“ Biopolitik in großem Maßstab, es wird in die Köpfe und in die Körper der Subjekte eingegriffen, ohne daß diese es groß noch bemerken. Work hard – play hard. Von der Disziplinargesellschaft geht es hin zur Kontrollgesellschaft, wie es Deleuze in Anlehnung an Foucault in jenem Aufsatz formulierte.

Bob Ross ist der wahre Künstler des 21. Jahrhunderts. Aber ich schweife ab. Was wird es bei „Aisthesis“ im Jahre 2013 sonst noch geben?

Vielleicht folgt eine halb-ernste, halb-satirische Besprechung der drei Sissi-Teile, in denen Romy Schneider als die Lieblingsschauspielerin der 50er Jahre avancierte. Im Diskurs des Friedvollen und Rührseligen könnte ich des weiteren eine Analyse von „Ich denke oft an Piroschka“ geben.

Vielleicht auch fällt, sozusagen als Kontrastprogramm, ein Blick auf Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, welcher an einem Augusttag des Jahres 1913 seinen Lauf nahm, als ein barometrisches Minimum sich über dem Atlantik befand, das ostwärts wanderte, auf ein über Rußland lagerndes Maximum zu: ein schöner Augusttag im Jahre 1913. Alles ist wie immer, die Welt geht ihren Gang.

Was gibt es noch? Die Verlobung-Entlobung Franz Kafkas, diese Literatur-Leben-Konstellation, die sich in den Briefen an Felice Bauer niederschlägt. Kafkas Heiratsantrag im Juni 1913 ist im Grunde keine Liebeserklärung, sondern ein Bankrott oder aber: ein großangelegter Versuch der Distanzierung. Wie kann man eine Frau in einen Text überführen?

Im Referenzbereich der Liebe wird es, weil ich es jemand ganz bestimmtem versprach, einen oder mehrere Texte zu Luhmanns „Liebe als Passion“ geben, möglicherweise mit einem Ausflug hin zu Eva Illouz‘ sehr lesenswertem Buch „Warum Liebe weh tut“ – eine der anregendsten Gegenwartssoziologinnen. Es lohnt sich, mit Illouz sich kritisch auseinanderzusetzen, insbesondere im Hinblick darauf, wie unsere Liebes- und Romantikdiskurse (Romantik auch im umgangssprachlichen Sinne genommen) von der Logik des Kapitalismus gesteuert werden.

Auch die Hegellektüren sollen hier im Blog (naturgemäß) nicht zu kurz kommen. Und wie immer erfolgen auch im Jahre 2013 Besprechungen von Ausstellungen zur Photographie und zur Bildenden Kunst. Weiterhin plane ich einen Text zur Ästhetik Leni Riefenstahls.

Alles wie immer und in bewährter Weise also auf Ihrem Service- und Qualitätsblog „Aisthesis“. Freilich mit dem Fokus auf das Jahr 1913.

Die Tonspur zum Sonntag

X

Das Polizeiorchester zu Hamburg

X

X

X
Die zweitgrößte Stadt Deutschlands – die größte ist ja bekanntlich Berlin mit seinem herrlichen Flair und der Berliner Luft, Luft, Luft – besteht darauf, sich weiterhin ein Polizeiorchester zu halten, jedoch ein bedeutendes Museum für regionale Kunst und Kultur wie das Altonaer Museum zu schließen. Dem Heidelberger Fettklößchen, jener von den Bürgern der Freien und Hansestadt Hamburg nicht gewählte Bürgermeister, ist ein Polizeiorchester wichtiger. Allerdings verwundert dies nicht weiter, erscheint doch Menschen wie Fettklößchen und dem amusischen Senator für Sport und Medien Stuth der Begriff von Kultur bzw. das, was davon heute noch übrig blieb, synonym mit dem Begriff des Investors und des Events. Auch dies sicherlich nicht neu. Und wer ist immer mittenmang? Richtig geraten: Die Grünen, die sich in Hamburg GAL nennen. Herr Ober, bitte drei Joghurttorten!

Freilich gibt es zum Zorn viele und weitaus größere Anlässe, der Bereich von Kunst und Kultur ist womöglich marginal, wenn jeden Tag an den Grenzen Europas Migranten abgewiesen werden, wenn täglich Menschen durch das Wesen des Kapitalismus zu Tode kommen und ihrer Existenz, die sowieso schon unter den minimalen Bedingungen stattfindet, beraubt werden. Doch dieser Blog ist einer für Ästhetik samt Aisthetik und damit in seinem bescheidenen Rahmen eben für Kunst sowie Kultur zuständig. Ich habe das schon öfter geschrieben: es gibt für das Wesen des Politischen und für die Kritik am Kapitalismus andere Blogs, die das besser sagen und schreiben können, als ich es vermag.

Deshalb erlaube ich es mir, hier an Ort und Stelle, mich angesichts dieses einmaligen Vorganges in einer Großstadt zu ärgern. Im übrigen: so einmalig, wie es sich darstellt, sind solche Aktionen gar nicht mal: die Zerstörung von Städten samt den darin gewachsenen Strukturen geht scheibchenweise, nämlich in der Salamitaktik vonstatten. Was in Hamburg durchgezogen wird, kann demnächst genauso Berlin drohen, wenn sich hier nach den Wahlen 2011 wie in Hamburg eine schwarz-grüne Koalition bildet. Und es geschieht ja gerade, wenn man nach Kreuzberg, Kreuz- und Neukölln schaut. Und passierte bereits in Prenzlauer Berg: Ho-, Ho- Holzspielzeug. Es ist diese Koalition in Berlin zwar unwahrscheinlich, weil die CDU hier schwach ist. Aber die Grünen würden mit jedem, wirklich jedem paktieren, kein Preis ist ihnen zu niedrig. Schafft ein, zwei, viele Joghurttorten.

Die Hamburger Grünen hätten die einmalige Chance gehabt, den Senat zu kippen und Neuwahlen anzuberaumen. Aber die Pensionen von Hejduk, Steffen, Goetsch und einiger Staatsräte, die es nach vier Jahren gibt, wiegen schwerer. Zu den Futtertrögen zieht es sie. Doch um die schmierigen Details und um die korrupten Verstrickungen mögen sich kompetentere Blogger kümmern. Ich sage ja nichts Neues: Es ist das widerlichstes Pack, was da herumläuft; wer Mitglied dieser Partei ist, kann im Grunde nur noch austreten. Es ist mir sogar Philipp Rösler und seine Mövenpick-Partei lieber, weil die zumindest (halb-)offen sagen, was sie vorhaben.

Daß die Prozentwerte der Grünen allerdings bundesweit in den Umfragen steigen, ist symptomatisch. Mit Dank an den Blog Exportabel, der mich auf dieses Stück brachte, gibt es noch dies hier: Prenzlauer Berg (Schöner Bezirk – schöner Bezirk):
X


X

„Schau mal da oben, Biofeuerwerk!“