Schreibtage wie diese, wenngleich keine Hundstage

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGenau meine Temperatur, genau mein Klima. Heute am 28.7.2015 im schönen Berlin, Datumsgrenzen, weit im Westen der Stadt. So kann es bleiben: Ich, der Mann, der aus der Kälte kommt. Kälte ist mir eine Herzensangelegenheit. In der Hitze des Sommers mag ich nicht vor die Tür treten. Die ersten Tage des Julis mit seiner drückenden Hitze, als ich nach Wien reiste und mich tagelang nur in der klimatisierten Albertina und dem Kunsthistorischen Museum aufhielt, weil ich es woanders nicht ausgehalten hätte, waren mir ein Graus. Einzig hier, in meinem kühlen, geräumigen Altbau läßt es sich wohltemperiert verweilen – noch bei größerer Hitze. Nachts, wenn der Flaneur seine Streifzüge unternimmt, werden die Fenster geöffnet. Dann dringt die Kühle der Nacht, der Bäume und der nahen Wälder in die Wohnung. Zirkulation ist das Prinzip.

Eigentlich wollte ich mich heute an eine Rezension setzen. Entweder Goetzens „Johann Holtrup“ in der Luft zerreißen, denn so etwas Banales und simpel Gestricktes im Modus eins-zu-eins habe ich lange nicht gelesen – Kapitalismuserklärbärmodus für Kinder mit Wutanfall. Nach vier Seiten legte ich das Buch beiseite. Und ich befürchte, es wird im Gesamt und Lauf der Schtory nicht viel besser werden. Aber ich kann mich irren. Bei Lutz Seilers „Kruso“ fand ich es auf den ersten 20 Seiten bemüht, der Text kam nicht in Gang und klemmte, irgend etwas hakte und ging nicht auf. Aber dann, von Seite zu Seite nahm die Angelegenheit Fahrt auf, Sprache und Welt wurden poetisch. Das Gewebe des Textes stimmte. Ich reiste nach Hiddensee, dort, wo ich niemals in meinem Leben war und wo der Sanddorn so hoch steht.

Überhaupt wäre das eine gute neue Kolumne: „Mein Verriß nach vier Seiten“. Vielleicht lese ich vom „Johann Holtrup“ noch den Schluß. Das Problem, das sich für private Blogger ergibt, die nicht ihre Arbeitszeit, sondern ihre Lebenszeit dafür einsetzen – obgleich das bei mir in eins geht –, wenn sie ein Buch lesen und dann einen Text dazu schreiben, ist es, einen eigentlich grauslichen Roman oder einen blödsinnigen Gedichtband weiterlesen zu müssen, um darüber etwas zu berichten. Das kostet Zeit. Zeit, die für etwas aufgebracht werden muß, das schmerzt, ärgert und manchmal sogar wütend macht, weil man die Sache für von Grund auf mißlungen hält.

Nun ist es zwar so, daß Verrisse eigentlich die hohe Kunst der Literaturkritik bedeuten – nichts schöner, als in einer Bernhardschen oder Reich-Ranickischen Kanonade des Schimpfs niederzumähen. (Manchmal zumindest und solange das nicht auf Dauer gestellt wird und als Prinzip fungiert. Dann wird es durchschaubar wie Goetzmeckern. Wegen Meckerns vom Platz gestellt, könnte man dazu sagen. Nun hat er aber gerade ob dieses Tons einen Preis erhalten.  Nun gut.) Aber für die kurzen Wonnen der Lust 350 Seiten lesen? Und was mache ich, wenn ich den auf dem Stapel ungelesener Bücher liegenden Steffano DʼArrigo mit „Horcynus Orca“ für mißlungen halte? Na gut, das wird hoffentlich nicht passieren, ich habe in das Buch schon einmal hineingelinst und bin angetan. Aber dieses „angetan und zugeneigt“ kann eben nicht das Gerüst für eine gelungene Kritik bilden, die sich an der Sache, am Text, an seiner Sprache, an der Kunst, Welt und Wirklichkeiten zu poetisieren und Literatur neu zu erfinden, orientiert.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Genau: auf eine Goetz-Rezension, die ich aber dann  doch aufschob zugunsten eines anderen, noch ausstehenden Textes, der mir wichtiger erscheint: Meinen „Dritten Ratschlag für Wien“, den ich heute oder morgen eigentlich auf „Aisthesis“ posten wollte. [Seien Sie gespannt, wie der Rat lauten wird.] Zudem muß ich das Design des Blogs ändern, denn WordPress hat ungefragt die Vorlage umgewurschtelt. Nun habe ich eine schwarze Titelschrift statt einer roten. Ich möchte jedoch ohne Einschränkung und Kompromiß eine rote Schrift auf einem weißen Grund. Keine schwarze. Denn dies hier ist kein Totenblog, sondern die Seite eines ungemein heiteren, Dekonstrukteurs, eines Nihilisten und Pessimisten. Wenn jemand mir sagt: „Du Pessimist!“ dann bin ich häufig sehr glücklich und zufrieden; ein freundliches, ja gütiges Lächeln umspielt meine Mundwinkel. (Zart und kaum wahrnehmbar freilich, wie das der „Mona Lisa“.)

Wie einem am Vormittag die Zeit durch die Finger rinnt! Und schon ist es eine Stunde später. Lebenszeit, die geht. Und während ich meine Privilegien checke, daß ich ein alter, weißer, heteronormativer, bleicher Mann bin, der tanzt (Tocotronic – hehe) und der in einer immer größer werdenden Bibliothek das Einsame genießt – ich denke gerade mit Genuß an meinen wunderbaren Freund, den Soziopathen Sherlock Holms, insbesondere wie ihn Benedict Cumberbach in jener legendären, ganz und gar großartigen und zu den Romanen kongenial umgesetzten BBC-Serie spielt, über die ich ebenfalls schreiben wollte – während ich also checke, bemerke ich zu meinen Entsetzen, daß ich dem Vorhaben, einen Vortrag, den ich in kleinem Rahmen im schönsten Monat des Jahres, nämlich dem November in Weimar hielt, in Schriftform zu bringen, damit er in der kleinen Zeitschrift „Kunst Spektakel Revolution“ abgedruckt werde, nicht ein Stück näher gekommen bin. Das stimmt mich traurig, während die Sonne östlich am Bibliotheksfenster minutenlang streift, um sich dann wieder zu entziehen und in den Bäumen schräg eine Berliner Krähe knurrt, rabt und lärmt. Abgabetermin soll – zum zweiten Mal herausgeschoben – nun endgültig der 31. Juli sein. Also muß ich den „Dritten Ratschlag für Wien“ zeitlich nach hinten lagern. Denn heute geht es ans Korrekturlesen jenes Textes mit dem Titel „Von der Grundfarbe Schwarz. Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos“.

„Les jours sʼen vont je demeure“ dichtete Guillaume Apollinaire im Refrain und beschließt damit zugleich sein wunderbares Gedicht vom „Pont Mirabeau“. Die Tage vergehen. Ich bleibe. Das freilich ist ein Irrtum.
 
 
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Und der Büchnerpreis geht an …: Rainald Goetz

Irgendwann wird ihn auch Daniel Kehlmann bekommen. Ich bin mir da sicher. Jedes Jahr für jeweils einen Schriftsteller jeweils ein Büchnerpreis: Da fällt für alle im Betrieb etwas ab, und es gibt zudem die vielen kleinen Preise – da muß am Ende kein Dichter mehr in der im Sommer zu heißen, im Winter zu kalten und im Frühjahr sowie Herbst zu feuchten Spitzwegschen Dachkammer hausen und über sein prekäres Dasein jammern. Immerhin: Der Schriftsteller hat – anders als die Vielzahl derer, denen in tatsächlich prekären Verhältnissen der Saft ausgesogen wird – das Privileg, dieses Jammern und Klagen kathartisch für sich selber und (manchmal auch) zum Leseleidwesen der übrigen öffentlich tun zu dürfen. Ich halte nichts von Preisgeldern. Ich bin für die Abschaffung jeglichen Literaturpreisgeldes. Diese Preisungen sollten rein symbolisch erfolgen. Eine Frage der Ehre sozusagen. Andererseits sind 50.000 Euro eine eher klägliche Summe und man kommt damit nicht wirklich weit.

Ansonsten wäre an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang ein weiteres Thema eine Kritik des Literaturbetriebes sowie einer immer mehr marktförmig sich organisierenden Literatur, die rein konventionell ihre Prosa schreibt. Dies zumindest kann man dem frühen und dem mittleren Goetz nicht vorwerfen. Erst Ende der 90er wird die Angelegenheit problematisch. Jedoch geht mir ein bestimmter Typus des Goetz-Bewunderers mehr auf die Nerven als jene Texte von Goetz aus den 90er Jahren, und dieses Genervtsein über die popaffinen Schwadroneure der Beliebigkeiten übertrage ich dann in einem Fehlschluß auf den Text von Goetz – das ist zugegeben ungerecht. Insofern wäre es angebracht, seine Texte gegen seine Bewunderer und vor allem gegen die Liebhaber zu verteidigen.

Bei seinem Büchlein „Rave“ und insbesondere ein wenig später dann bei der Prosa aus jener Zeit, als das Internet in den Kinderschuhen steckte und Blogs etwas Neues waren, mangelte Goetz den „Abfall für alle“ durch den Wolf. Berichte aus der Erlebnis-Zone wurden en vogue. Das reicht bis heute in den Blogwelt hinein.  Von unsäglichen Prosa-Blogs bis hin zu Literaturblogs, die über die simple Subjektivität nicht zu einem Übergreifenden hinausgelangen und ein Mehr entfalten. (Eine der wenigen löblichen Ausnahmen bildet die Dschungelanderswelt von Alban Nikolai Herbst. Ein giganto-manisches und gigantisches Projekt, das sich nicht vor den Niederungen des Banalen scheut, aber ebenso den hohen und geistreichen Ton trifft.) Egal wie: Leider muß man – neben vielem Guten – Goetz ebenso als den Ahnherren einer Assoziationsprosa oder -Lyrik bezeichnen, die ohne Struktur Einfälle, gerade Erblicktes, Gehörtes, Gelesenes und Launen verbindet: eine Art von Capriccio, das jedoch schnell als Schreibsystem kalkulierbar wurde. Solche Prosa seiner Epigonen gemahnt an Computerprogramme und Bots, denen man versucht, das Schreiben beizubringen: Aus der Luft Herbeifabuliertes – ohne Struktur: Vor meinen Füßen das Blütenblatt aus dem Topf, oder Vase, Fallhöhe und Luftzwang, der zu Boden geht. Jedes Blatt ein Manifest. Die Bilder müssen stimmen, rief Peter Hahne und Herr Pawelka lachte schief. Politik ist das Geschäft ohne Eigenschaften. Oh Rose reicher Überschiß. Schnell gemacht, schneller geschossen – solche Textlein.

Bei Goetz bin ich also gespalten. So wie er Gutes schrieb, existiert bei ihm ebenso der „Abfall für alle“, Ranz und Reigen der Beliebigkeiten wie „Rave“ oder „Celebration“. Mit dieser Form des Subjektiven hat er für das Schreiben von Literatur einerseits neue Wege markiert, andererseits ein Pop-Schreib-Maschinen-Assoziations-Sound seiner Epigonen hervorgebracht, der bloß noch nach dem Prinzip Zufall und Assonanz ausfällt und den Text zerfasert, weil sich Einfall an Einfall und gehörte Musik an erlebte Abende reiht. Zwischen Alk und Zigarettendampf: Schreibwut oder Drogenkrampf. Diese Assoziations- und Beziehungswut, die Bedeutungen auflöst oder umpolt oder aber bloß beliebig Namen von öffentlichen Personen aneinander kettet, mag als Einmaliges wie u.a. in „Festung“, „Krieg“ (immerhin Theaterstücke und damit Büchner gerecht werdend) sowie in der Prosa „Hirn“ gut funktionieren.

Aber wie sieht es mit den Halbwertszeiten solcher Texte aus? Leben solche Texte nicht mehr von den Effekten als aus der Komposition heraus? Das macht man einmal, aber dann nicht mehr und es hat etwas Kalkuliertes. Als Absatzbewegung von einer bestimmten Literatur der alten weißen Männer, die man mit bestimmten Namen der 50er, 60er, 70er Jahre verknüpft, mochte dieser Sound frischen Wind in die Küche bringen. Nun aber gehören auch die einstmals hungrigen jungen Männer jener Riege an und wurden im Laufe der Zeit alt und zu Männern mit weiß im Haar. Oder mit F.W. Bernstein und der „Titanic“ in jener absurden Verdrehung geschrieben: „Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.“ Das Altern also auch der Postmoderne und der antiklassische Effekt des Subjektivismus – in diesem Sinne schreibt Goetz eine literarische Tendenz der 70er Jahre fort: die der Neuen Subjektivität, wie Ralf Schnell sie in seiner Literaturgeschichte der BDR beschreibt – er verwandelt sich in den Klassiker.

[In diesem  Spiel von Tradition und Avanciertem, zwischen Stürmen und Drängen sowie der Klassik liegt sicherlich ein gewichtiger Aspekt moderner Ästhetik. Das Innovative kann eben nur einmal innovativ sein, in einer bestimmten Raum/Zeit-Stelle paßt es und steht in seiner Struktur. Kleist, Kafka oder Beckett kann es nicht sehr häufig geben. Sie schufen Bleibendes. Einmaligkeit einer bestimmten Prosa.  Frage der Querelle des Anciens et des Modernes]

In den guten alten 50er, 60er Jahren war es einfach, den Büchner-Preis zu vergeben, denn es standen etwa 20 oder 30 relevante Schriftstellerinnen (wenige freilich, sehr wenige) und Schriftsteller (viele, sehr viele) zur Verfügung. Da fiel Lob und Preis nicht schwer, die Auswahl leicht. Andererseits täuscht der Eindruck des Verknöcherten bei der Preisvergabe und wenn man heute die Namen liest: Thomas Bernhard zählte 39 Lenze, als er den Preis erhielt. Hans Magnus Enzensberger 34 Jahre, Peter Handke 31 Jahre. Man könnte insofern auch behaupten, daß die Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zunehmend konservativer in der Preisvergabe verfährt.

Man kann – unabhängig vom monetären System Literatur – bei einer Preisvergabe immer einmal diese oder jene Auswahl eines Preisträgers kritisieren. Weshalb den Büchnerpreis etwa Friedrich Dürrenmatt sowie Erich Fried, deren Texte man als eher schwach bezeichnen kann, und 1991 Wolf Biermann erhielten, bleibt schleierhaft. Biermann hätte man ihn allenfalls 1973 für seine in den 60ern und in den frühen 70ern zur Gitarre vorgetragenen Lyrik aus der DDR geben müssen. Auch der Name Jelinek wurde kritisiert. Beim Nobelpreis verstehe ich die Gründe gut. Beim Büchnerpreis weniger. Denn wenn man jenen Autor nimmt, in dessen Namen der Preis jährlich vergeben wird, dann geht es um eine besondere, vor allem jedoch um eine innovative Form des Schreibens bzw. des Komponierens von Text. Was Büchner in „Dantons Tod“ oder im Theater-Fragment „Woyzeck“ als eine unerhörte Schreibweise auftat, das sollte auch berücksichtigt werden, wenn in seinem Namen ein Preis vergeben wird: Innovatives und avancierte Prosa, die sich auf der Höhe ihrer Zeit erweist. Aber es gehört zum Büchner ebenso der Aspekt des Politischen. (Dieser Umstand mag dann ebenfalls die Wahl von Fried und Dürrenmatt motivieren.) Diese unerhörte Schreibweise und das Avancierte der Prosa existiert bei Goetz. Seinen Roman „Johann Holtrop“ kenne ich leider nicht. Es gibt Kritiker, die schreiben, er wäre voll von Versatzstücken und huldigt einem eher schlichten, abbildhaften Realismus, der das, was sowieso bereits der Fall ist als das zurückspiegelt, was der Fall ist. Ein (Wider)Spiegelungskabinett also, das nichts sonders kniffelig und tricky auftritt. Das wäre zu prüfen.

Aber man sollte in jedem Falle Goetz gegen seine Liebhaber verteidigen. Er brachte mit seinen Romanen „Irre“ (1985) und „Kontrolliert“ (1988) einen neuen und frischen Ton in die Literatur: „Kontrolliert“ –  ein gigantomanischer RAF-Narzißmus in Textschrei und Baader-Haß und jene Nacht in Stuttgart-Stammheim, die vielen als zentraler Aspekt der BRD-Geschichte heute kaum noch geläufig sein dürfte. Ein Ich, das sich in jenen anderen hineinschreibt. Ein Schriftsteller-Ich ins Raspe-Ich. In den Kopf des anderen blicken, und wenn wir uns auch die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren könnten: Doch dieser Akt gelingt nur mit der Kraft der Prosa und in den imaginativen Verhältnissen. Auch hier also: Büchner. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Und am Ende lag da vor uns ein Kampf, ein Krieg im Kleinen und in den Städten, der auf diese Weise jedoch nicht recht funktionierte. Insofern alles Gute für Rainald Goetz. Trotz manchem Zwiespalt.

In den Digitalgewittern (2): Mit Heidegger ins Internet. Die Banalität des Analen

„So ist denn auch das Wesen der Technik ganz und gar nichts Technisches. Wir erfahren darum niemals unsere Beziehung zum Wesen der Technik, solange wir nur das Technische vorstellen und betreiben, uns damit abfinden oder ihm ausweichen. Überall bleiben wir unfrei an die Technik gekettet, ob wir sie leidenschaftlich bejahen oder verneinen.“ (M. Heidegger, Die Frage nach der Technik)

Texte zum Ende des Novembers hin (Zwischenraum 19.11. bis 24.11. Die Zeit war knapp, denn es kam Besuch ins Grandhotel Abgrund.) Die Weinflasche wurde geöffnet. Geheimnisvoll. Was mag es sein? Die Technik ist ein Mittel zum Zweck und zugleich ist die Technik ein Tun des Menschen.

Macht Wein betrunken? Oder drehe ich nur durch?: Ich gehe an der Packung Marzipan vorbei, lese als Schriftzug „Heidegger“. Dabei steht dort doch bloß „Niederegger“

Scheiße für alle, nein, Abfall für alle, so nannte sich das Internettagebuch von Rainald Goetz. Goetz experimentierte früh mit dieser Form, sich öffentlich zu machen und sich als Person zu inszenieren. Bereits in einem Roman wie „Rave“ stellte er sein Leben bzw. eine bestimmte Lebensform als Literatur- und Lebensexistenzweise aus, Ästhetik der und Ästhetik als Existenz. Die Banalisierung von Ich und Welt in Romanform, so könnte man es ebenfalls nennen. Oder auch die Suche nach dem einzigen Augenblick. Inmitten der Musik, inmitten von Tanz und Ekstase. Distanzlos. Kaum auszumachen, ob Literatur oder authentisches Protokoll. Diese extreme Subjektivierungsweise nun ist seit der literarischen Romantik nichts wirklich Neues. Allerdings wandeln sich unter geänderten technischen Vorzeichen durchaus ihre Inhalte und damit auch die Form selbst.

Internettagebücher sind nur dann von Reiz, wenn mit den Fakten sparsam umgegangen und das übrige der Fakten literarisiert wird. Die Fakten verschwimmen dann zur Inszenierung – ganz gleich ob sie nun ausgedacht oder wahr sind. Andererseits: auch der sich auf die Wahrheit verpflichtende Text simuliert nur diese Wahrheit: Achtuhrfünfzehn: aufgestanden, achtuhrdreißig: Joggen gegangen, neunuhrfünfzehn: Frühstück mit Tiffany. Neunuhrhfünfundvierzig: Hegel lesen, Neunuhrachtundvierzig: von Seite 51 auf Seite 52 geblättert, Dreizehnuhrachtzehn: Küche aufräumen: Werden solche Tätigkeiten aneinandergereiht, scheint mir dieser Exzeß der Aufrichtigkeit kaum spannend, geschweige daß ich gewillt bin, ihn anregend oder irgendwie bedeutsam zu nennen, doch kann er in bestimmten Konstellationen eine unerwartete Wendung nehmen. Ebenso die Aufschichtung von Ereignis und Politik sowie der unendliche Verweis auf Zeitungs- oder Textlinks. Ich beschränke mich mittlerweile wieder auf die Lektüre von gedruckten Zeitungen sowie einer Wochenzeitung. Wenn ich – was selten vorkommt – daraus etwas für erwähnenswert halte, schreibe ich darüber, zitiere, mache einen Text. Das übrige bleibt weißes Rauschen.

Allerdings können sich in solchen Zeit- und Datumsabfolgen eines Blogs oder eines Internet-Tagebuchs, die teils wie eine unfreiwillige Parodie auf On Kawaras Date Paintings oder von Roman Opałkas Zahlenbildern wirken, wo Kunst und Existenz verschmelzen, lustige oder eigenwillige Fügungen finden. Zum Beispiel, wenn einer im Internettagebuch die Konsistenz seines morgendlichen Kloganges beschreibt und diesen in der Bristol-Stuhlformen-Skala auf Stufe 1 einordnet. Hier kommen Kunst, Existenz und Schreiben zu sich selbst. Packte Piero Manzoni Ende der 50er Jahre Künstlerkot in Dosen und stellte ihn als Kunst-Werk-Ware aus, so zerbröselt nun der Text des Alltäglichen in den Klogang. Wie so häufig, wenn die Phänomene des Hier und Jetzt sich thematisiere, trifft es dieser Satz:  „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,//Das ist im Grund der Herren eigner Geist,//In dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Der Descartesche Gegen-Beweisschritt von einem Gott (oder bösen Geist), der womöglich ein Betrüger ist oder von einer Welt im Traume, um sich darüber hinaus und aus dem Reich der Täuschungen hinweg seiner selbst und seiner Erkenntnisfähigkeit zu vergewissern, scheint mir auch für die Welt des Digitalen nicht ganz uninteressant. Wie es das Leben vor dem Bildschirm so mit sich bringt, finden wir unendlich viele Einfälle und Ideen, assoziieren Projekte und Lektüren, verbinden Altes mit den Erscheinungen der Moderne: „Platon im Stripteaselokal“ so lautete ein Buchtitel von Umberto Eco. Zum Schluß aber bleiben in diesem Treiben die Denk- und Assoziations-Fragmente, die Tendenz zum Unvollständigen. Wir können alles. Aber nur halb. Das ist manchmal gut und gelungen, aber nicht immer. Also nehme ich mir die Descartesschen „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“:

„Indessen – mögen uns auch die Sinne zuweilen über kleine und ferner liegende Gegenstände täuschen, so gibt es doch am Ende sehr vieles andere, woran man gar nicht zweifeln kann, wiewohl es auch aus den Sinnen herrührt, so z. B. die Wahrnehmung, daß ich hier bin, am Ofen sitze, meinen Winterrock anhabe, dies Papier hier mit den Händen berühre u. dgl. Wie könnte ich leugnen, daß diese Hände, dieser ganze Körper mein sind? – ich müßte mich denn mit ich weiß nicht welchen Wahnsinnige vergleichen, deren ohnehin kleines Gehirn durch widerliche Dünste aus ihrer schwarzen Galle so geschwächt ist, daß sie hartnäckig behaupten, sie seien Könige, während sie bettelarm sind, oder sie tragen Purpur, während sie nackt sind, oder sie hätten einen Kopf von Thon oder seien ganz Kürbisse oder seien aus Glas geblasen. Allein das sind Wahnsinnige, und ich würde ebenso verrückt erscheinen, wenn ich auf mich anwenden wollte, was von ihnen gilt.“

Interessanter aber als die Nudelweichkocher des Netzes sind die, welche das Internet im Sinne einer Art Schreib/Lese/Lebenskunst nutzen und sich selbst, die Leserinnen und Leser und auch den Raum der Präsenz als neue Form der Literatur fiktionalisieren. Erst an diesem Punkt kommt die Postmoderne zu sich selber. Aber das ist zugleich ohne große Hoffnung geschrieben und mitnichten nur in einem positiven Sinne utopisch gedacht, als ließen sich nun die neuen Möglichkeiten des Digitalen über die Ästhetik umstandslos ins Positive wuchten. Poststrukturalistisch – im Unterschied zum Postmodernen – ist diese Bewegung von Präsenz und Fiktion nur dort, wo sie den Modus durchstreicht, in dem die im Internet Kommunizierenden habhaft gemacht werden können, und ebenso zerstört diese Bewegung von Präsenz, Fiktion, Poetisierung und Literarisierung den Betrug derer, die sich narzißtisch als das inszenieren, was sie nie sind und nie sein werden. Wie sehr die Nutzer von Internetblogs ihrer eigenen Sucht nach Subjekt und Präsenz auf den Leim gingen und etwas projizierten, was so nie da war, sondern nur in der Phantasie der Leserinnen und Leser bestand, zeigte der geniale Blog von Aléa Torik, der nach Abschluß seines Literaturprojektes leider nur auf Sparflamme köchelt. Männer, die auf Frauen stehen und die plötzlich mit der Literatur in Berührung kommen. Oder wie es in Kleists „Die Marquise von O….“ heißt: „Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, …“ Was für eine Sentenz! Immer noch. Man möchte diese Anstrengung und diese Arbeit vielen wünschen.

Ebenfalls nicht im Sound der blinden Affirmation oder der Plattitüde schreibt Alban Nikolai Herbst in seiner „Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens“, die als Buch und als Internetprojekt präsent ist. Ich will darauf aber irgendwann gesondert eingehen.

Flasche Grüner Silvaner vom Weingut Kloster Schulpforta, nach zwei Stunden war der Inhalt der Flasche ausgetrunken. Zustandsbericht gefunkt: Einundzwanzig Uhr fünfzehn: Sendungen in die Vereinigten Staaten. „Du“, sagt der eine Twin Tower zum anderen, „ich bin verliebt!“ „Wieso?“ „Ich habe Flugzeuge im Bauch!“ Nach dem 11. September 2001 ist alles möglich, auch der gespielte Witz, selbst der schlecht gespielte Witz. Und es besteht sogar die Möglichkeit, daß diese Flugzeuge eine feine, von der US-Regierung inszenierte Werbe-Kampagne für umfassendes Post Privacy sind. Cui bono? ist eine Frage, die sich immer wieder gut stellen läßt. [Daß eine Spiegelfläche des Romans Alèas Ich am 11. September 2011 seinen Anfang nimmt, ist in dem Spiel von Inszenierungen, Konstruktion und Dekonstruktion nicht weiter erstaunlich. 9/11 hat einiges auch mit dem Internet und den Formen des Überwachens zu tun. An die Heiligkeit der Ereignisse von 9/11 glaube ich mittlerweile immer weniger. Ohne nun ins Fahrwasser der Verschwörungstheorien geraten zu wollen: Die USA inszenierten ihren Gründungsmythos für eine neue Form von Überwachung und eine ganz neue Weise des Krieges.]

Wir müßten das Internet und diese Winkel und Ecken des Netzes so lesen, wie Karl Kraus das Wien zu seiner Zeit sichtete:

„Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“
(Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

Ja, den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit und sich nicht vom „weißen Rauschen“ zu benebeln. Die, die schreiben, beim Wort zu nehmen, und das Wort auf Schreiberin oder Schreiber wieder zurückzubiegen, um zu schauen, wie sehr Begriff und Wirklichkeit in Übereinstimmung sind.

Kommentarfunktion

Wie mich Alterbolschewik darauf hinwies, war beim Beitrag „Gerhard Richter (2)“ die Kommentarfunktion ausgeschaltet. Dies war nicht beabsichtigt und wurde auch nicht von mir veranlaßt, denn es kann hier jeder Artikel kommentiert werden. Ich habe diesen Fehler jedoch behoben und nun kann zum Richter-Beitrag wieder kommentiert werden.

Vielleicht steckt das LKA oder das BKA dahinter. Ich muß vorsichtiger sein. Sie kommen mir auf die Schliche, die Kreise werden enger und enger.

Ich will nun nicht RAF goes Pop machen, aber zu Stammheim kann man dann Rainald Goetz lesen: „Kontrolliert“ von 1988. Es hat mir seinerzeit gut gefallen.