Urbane Räume (10) – Das Maß der Zeit

Ich machte Photographien von jener Szene. Ich bewegte mich, prüfte, suchte Ausschnitte. Neben mir feudelte eine szenig sich dünkende junge Barfrau, die aber doch nur die kleine Servicekraft eines Touristencafés ist und insofern zum Personal gehört, mit ihrem Lappen über die Tische und besah mich beim Photographieren dieser Dinge mit bösen, feindseligen Augen. Ich blickte zurück, sie schaute noch finsterer als bisher, verzog die Mundwinkel. Bei solcher Art von Frauen habe ich mir angewöhnt, zunächst fest in das Auge der anderen zu sehen, dann lasse ich meinen Blick auf ihr Brüste schweifen, taxiere mit meinen kalten Augen den Ort der Wölbung, verharre dort für vier oder fünf Sekunden, gleite wieder zu ihren Augen hin, und die Stimmung wird noch frostiger. Ich mag das Eis, ich warte auf den Winter.
 
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Prenzlauer Berg, Kastanienallee, 3. September, 13:00 Uhr

 
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Prenzlauer Berg, Kastanienallee, 3. September, 15:00 Uhr

 

Von Prenzlauer Berg nach Mitte (3)

Es geht der Weg die Torstraße entlang zum Rosenthaler Platz. Die Photographien zeigen Wegmarken und Szenen der Straße. Unspektakuläres. Wenn ich den Namen dieses Platzes höre, muß ich jedesmal an den schrecklichen Wein Rosenthaler Kadarka denken, den wir in unserer Jugend tranken – Flasche auf ex. Schreckliches und grausames Ritual. So etwas prägt und da war ich dann für die schöne Zukunft hin gefeit, vor lauter Übermut billigen Wein zu kaufen. Als ich irgendwann mit 16 oder 17 Jahren einmal in einem Supermarkt einen billigen Fuselwein namens Maitre Simon erstand – Ein-Literflasche zu punkrockmäßigem Spottpreis, Karlsquell mochte ich nun einmal nicht –, da zischte ein Clochard, der hinter mir in der Kassenschlage wartete, empört: „Das trinken ja nicht einmal wir!“ Aber das sind Geschichten aus einem anderen Leben, das sind Geschichte, die sind lange her. Heute hält mir meine Geliebte und Liebste immer noch das geteilte 1 cl Glas Rieslingsekt auf Schloß Wackerbarth vor. Anstatt für jeden eine große Lage zu spendieren, orderte ich die kleinste verfügbare Menge. Dabei ging es mir nur darum, keiner Verkehrskontrolle aufzufallen. Ich habe in solchen Sachen einschlägige Erfahrungen. Doch einmal die Bestellung aufgegeben,  läßt diese sich niemals wieder gut- und rückgängig machen.

Am Ende dieses Photographie-Ganges wartete auf den erschöpften Flaneur, auf den blicksatten Schriftsteller in der Invalidenstraße ein ausgezeichnetes kleines Café bzw. eine Bäckerei mit Bewirtschaftung, die den schönen Namen „Les Pâtisseries de Sebastien“ trägt. Wer Kuchen, Törtchen oder Croissants wie in Paris verspeisen möchte, ist hier genau richtig und gut aufgehoben. Der Gastraum ist klein, aber gemütlich, die Birnen-Tarte und der Café Americano schmeckten vorzüglich. Ich gebe selten Empfehlungen, aber hier lohnt es sich einzukehren. Invalidenstraße 157, kurz vorm Weinbergpark. Wer an schönen Sommertagen auf der Parkwiese gerne lagert, der mache anschließend einen Abstecher zu diesem Café.

 

Die Tonspur zum Sonntag

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Das Polizeiorchester zu Hamburg

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Die zweitgrößte Stadt Deutschlands – die größte ist ja bekanntlich Berlin mit seinem herrlichen Flair und der Berliner Luft, Luft, Luft – besteht darauf, sich weiterhin ein Polizeiorchester zu halten, jedoch ein bedeutendes Museum für regionale Kunst und Kultur wie das Altonaer Museum zu schließen. Dem Heidelberger Fettklößchen, jener von den Bürgern der Freien und Hansestadt Hamburg nicht gewählte Bürgermeister, ist ein Polizeiorchester wichtiger. Allerdings verwundert dies nicht weiter, erscheint doch Menschen wie Fettklößchen und dem amusischen Senator für Sport und Medien Stuth der Begriff von Kultur bzw. das, was davon heute noch übrig blieb, synonym mit dem Begriff des Investors und des Events. Auch dies sicherlich nicht neu. Und wer ist immer mittenmang? Richtig geraten: Die Grünen, die sich in Hamburg GAL nennen. Herr Ober, bitte drei Joghurttorten!

Freilich gibt es zum Zorn viele und weitaus größere Anlässe, der Bereich von Kunst und Kultur ist womöglich marginal, wenn jeden Tag an den Grenzen Europas Migranten abgewiesen werden, wenn täglich Menschen durch das Wesen des Kapitalismus zu Tode kommen und ihrer Existenz, die sowieso schon unter den minimalen Bedingungen stattfindet, beraubt werden. Doch dieser Blog ist einer für Ästhetik samt Aisthetik und damit in seinem bescheidenen Rahmen eben für Kunst sowie Kultur zuständig. Ich habe das schon öfter geschrieben: es gibt für das Wesen des Politischen und für die Kritik am Kapitalismus andere Blogs, die das besser sagen und schreiben können, als ich es vermag.

Deshalb erlaube ich es mir, hier an Ort und Stelle, mich angesichts dieses einmaligen Vorganges in einer Großstadt zu ärgern. Im übrigen: so einmalig, wie es sich darstellt, sind solche Aktionen gar nicht mal: die Zerstörung von Städten samt den darin gewachsenen Strukturen geht scheibchenweise, nämlich in der Salamitaktik vonstatten. Was in Hamburg durchgezogen wird, kann demnächst genauso Berlin drohen, wenn sich hier nach den Wahlen 2011 wie in Hamburg eine schwarz-grüne Koalition bildet. Und es geschieht ja gerade, wenn man nach Kreuzberg, Kreuz- und Neukölln schaut. Und passierte bereits in Prenzlauer Berg: Ho-, Ho- Holzspielzeug. Es ist diese Koalition in Berlin zwar unwahrscheinlich, weil die CDU hier schwach ist. Aber die Grünen würden mit jedem, wirklich jedem paktieren, kein Preis ist ihnen zu niedrig. Schafft ein, zwei, viele Joghurttorten.

Die Hamburger Grünen hätten die einmalige Chance gehabt, den Senat zu kippen und Neuwahlen anzuberaumen. Aber die Pensionen von Hejduk, Steffen, Goetsch und einiger Staatsräte, die es nach vier Jahren gibt, wiegen schwerer. Zu den Futtertrögen zieht es sie. Doch um die schmierigen Details und um die korrupten Verstrickungen mögen sich kompetentere Blogger kümmern. Ich sage ja nichts Neues: Es ist das widerlichstes Pack, was da herumläuft; wer Mitglied dieser Partei ist, kann im Grunde nur noch austreten. Es ist mir sogar Philipp Rösler und seine Mövenpick-Partei lieber, weil die zumindest (halb-)offen sagen, was sie vorhaben.

Daß die Prozentwerte der Grünen allerdings bundesweit in den Umfragen steigen, ist symptomatisch. Mit Dank an den Blog Exportabel, der mich auf dieses Stück brachte, gibt es noch dies hier: Prenzlauer Berg (Schöner Bezirk – schöner Bezirk):
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„Schau mal da oben, Biofeuerwerk!“