Fragen eines lesenden Arbeiters – die Tilgung des Namens, des Bildes und der Photographie

Heute gibt es das Bilderrätsel des Tages! Preisfrage an Leserin und Leser: ein Name wurde seinerzeit Ende der fünfziger Jahre in dieser Reihung an dieser Statue, die Bestandteil des Kultur- und Wissenschaftspalastes (Pałac Kultury i Nauki) ist, entfernt. Welcher Name war‘s?

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Einfach so wie früher ist es nicht mehr, wenn ich in einem urbanen Terrain, sprich: in einer Stadt als Photograph arbeiten möchte. Denn es geschehen, während ich photographiere, zuweilen unliebsame Dinge. Als ich das folgende Gebäude ablichtete,

trat unvermittelt ein Mann im militärischen Kampfanzug und mit einer umgehängten Maschinenpistole aus einem fast verborgenen Torbogen hervor und schaute mich mit strengem Musterungsblick an, sagte aber nichts weiter. Gut daß hartes Schweigen nicht unmittelbar töten kann, dachte ich bei mir. Anders als im Film.

Beim Abphotographieren dieses Gebäudes hingegen stürmte ein uniformierter Wachmann heraus, an dessen Gürtel eine Pistole in ihrem Holster hin und her wippte, rede aufgeregt in sein Funkgerät und sprach mich, als er meiner habhaft wurde, sehr erregt auf Polnisch an.

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Meine Antwort blieb naturgemäß etwas vage und für den Mann der Sicherheit auch unverständlich. Ältere und mittelalte Polen können meist kein Englisch. Da ich aber mit einem breiten amerikanischen Akzent Englisch spreche und da ich weiß, daß der Mann eine möglicherweise falsche Aussprache und eine nicht ganz korrekte Intonation in seinem ganzen langen polnischen Leben niemals wird verstehen und erfassen können, amerikanisierte ich weiter und fabulierte, denn die Polen mögen die Amerikaner, sie räumen ihnen auf ihrem Territorium sogar Landrechte für ihre Spezialflugzeuge mit besonderer Fracht ein. Ich machte also in breitem Englisch: „I only take pictures of this building.“ Sofort änderte sich das Verhalten des Mannes und es switchte der Ton des Wachmannes in eine Unverbindlichkeit über, denn auch von meiner Optik her gehe ich gut für einen Amerikaner durch: eine lässige weiße oder beigefarbene Hose von Levi’s, hellblaue oder schwarze Hemden. Manchmal auch kurzärmelig. Wenn es kälter ist als in Polen im Sommer, darf eine schwarze Lederjacke, die in Taillenhöhe abschließt und die ohne jede Verzierung oder Schnallen auskommt, nicht fehlen. Ich bin der Brad Pitt der Photographie. Dazu eine klassische Ray Ban-Sonnenbrille. Kurze Haare, aber nicht so rappelkurz, wie sie polnische Männer aus der Hooliganszene tragen, die ich übrigens einige Tage später auch traf und die mich von einer Brücke nahe des Fußballstadions schmeißen wollten. Hier rettete mich jedoch nicht mein Akzent, sondern nur das schnelle Laufen. Ich danke insofern meinen weißen Converse All Star Chucks herzlich. Zum Glück trug ich nicht meine schwarzen, vorne spitz zulaufenden Abends-Ausgehschuhe von Boss, die zwar schick ausschauen, aber sich als schwerschnelläufig erweisen. Es handelt sich bei diesen Schuhen nicht gerade um jene Pantoffeln des kleinen Mucks.

Der Wachmann winkte mich heran. Ein zweiter trat aus der Tür des Gebäudes heraus. Sie sprachen zu mir in Polnisch, ich hörte aufmerksam zu, und ich habe ein einnehmendes, freundliches Wesen, wenn ich nicht durch Menschendummheit gereizt werde. In diesem Falle schien mir jedoch die Phronesis angebracht – eine zuweilen angenehme Tugend, die nicht jedem gegeben ist.

Sollte „Narodowa“ auf Deutsch vielleicht Geheimgefängnis heißen und es handelte sich hier um die Bibliothek dieses Gefängnisses, damit islamistische Fundamentalisten im Geiste unseres Herrn Jesum Christum und im rechten Glauben, gleichsam bona fides, umerzogen (und vielleicht auch ein wenig ausgezogen) werden? Man weiß es nicht genau.

Das Elend des gebeutelten Photographen jedoch hat noch lange kein Ende. Als ich in jenem Stadtteil Praga Południe, der östlich der Weichsel gelegen ist, dieses Gebäude

ins photographische Bild setzte, um es für ewig zu bannen, mir nichts Böses denkend, hielt neben mir ein riesiger SUV mit verspiegelten Scheiben und es stieg ein junger Mann heraus, der Oberarme sein eigen nannte, die Oberschenkel hätten sein können. Ich will nicht in ethnische Stereotypen verfallen, aber dieser Mann besaß ausgesprochen russische oder ukrainische Züge, einen ausrasierten Schädel und einige Tätowierungen auf den Oberarmen, die ebenso Oberschenkel sein könnten. Ich war froh, daß aus dem Wagen nicht auch noch der entsprechende und zugehörige Hund heraussprang. Zum Glück sprach der Mann Englisch, so daß wir uns verständigen konnten. Er fragte, weshalb ich seine Bar photographiere. Als ich ihm in meinem amerikanisierten Englisch erzählte, wer ich sei, wirkte der Mann gleich viel freundlicher. Wir haben später einige gute Geschäfte abgeschlossen.