Phantasierte Orte. Oder: die beste Art des Reisens

Während alle unterwegs sind, variiere ich in fröhlichem Ton den Rilke-Pathos: Denn bleiben ist bestens, und die oft zitierte Frage der Punkkapelle The Clash beantworte ich, was das Reisen betrifft, in eine Richtung hin: I stay. Sommers läßt sich gut darüber schreiben, weshalb es angeraten ist, hierzubleiben. Reisen bildet? Ein Irrtum, wenn man übers Forum Romanum eilt, wo Menschen sich vor Säulen tummeln und als Sichtachsenversteller wirken, um dann weiter zum Trajansforum zu hetzen, wo sich ebenso die Menschen drängeln. Sie schauen, ohne zu begreifen. Es ist heiß, viel zu heiß, die Stimmung kippt ins Ungnädige, verschwitzte Körper kleben aneinander. Während Paris in den Grand Vacances ausgestorben daliegt und wie die Seine träge dahinfließt wie in Apollinaires schönem Gedicht vom Pont Mirabeau und die meisten Geschäfte geschlossen bleiben, weil die Franzosen an den kühlen Atlantik fahren, tummeln sich im Louvre die Menschen vor den Bildern. Ins Gemälde sich zu versenken oder es zumindest still zu betrachten, stellt ein aussichtsloses Unterfangen dar. (Jedoch funktionierte der Wunsch nach Für-sich-sein erstaunlich gut, als ich mich im April in Courbets „Der Ursprung der Welt“ hineinkontemplierte. Kaum Menschen vor dem Bild. Manchmal macht es das Leben Voyeuren wie mir leicht.)

Soviel steht fest: Reisen birgt Gefahren! Diebische Italiener, hinterlistige Händler. Sich in die Pariser Banlieu zu begeben, um zu schauen, wie andere Menschen leben, sollte nur ein Reisender tun, der Kenntnisse des Ortes besitzt. Und wer aufs Land will, steckt unweigerlich auf der Autobahn im Stau. Trefflicher als Pierre Bayard kann auch ich es nicht ausdrücken:

„Der menschliche Körper, den wilden Tieren, Unbilden des Wetters und Krankheiten schutzlos ausgeliefert, ist ganz offenkundig in keiner Weise dafür geschaffen, seine vertraute Umgebung zu verlassen und sich in ferne Gefilde zu begeben, weit weg von dem Ort, an den Gott ihn gestellt hat.“

9783888978449In seinem Buch „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ beschreibt Bayard einen Typus, den er als seßhaften Reisenden bezeichnen – Armchair Traveller, die sich keinen Zentimeter fortbewegen. Allerdings täuscht der Titel des Buches. Wer ihn unbefangen liest, mag denken, es handele sich um ein Werk, das den Leser zum Hochstapeln anweist. „Noch nie nach Tokio geflogen? Wir sagen, wie man eloquent über Japan redet, ohne dort gewesen zu sein.“ Nein, das ist es nicht. Kein Buch für Dampfplauderer. Bayard reflektiert als Literaturwissenschaftlers und teils auch mit den Mitteln der Psychoanalyse die Kunst des Nichtreisens. Das macht er auf eine unterhaltsame Art, und insofern ist das Buch eine gute Ferienlektüre – egal ob im Strandkorb oder im heimischen Ohrensessel. Wie schreibt man über Orte, an denen man nie war?

„Die Frage ist also nicht, was uns das Wissen über fremde Orte bringt, die zu besuchen für jeden aufgeschlossenen Menschen nur ein Gewinn sein kann. Die Frage ist, ob man sie tatsächlich aufsuchen muss oder ob es nicht weiser wäre, für die Begegnung andere Formen als die des physischen Ortswechsels zu wählen.“

Denn insbesondere die Literatur ist ein Medium, in fremde Räume zu gelangen, ohne sich beim  Entdecken fortbewegen zu müssen. In der Literatur können wir imaginieren, wir lassen die Phantasie schweifen, und es tut sich dort eine Topologie ganz eigener Art auf: wir sind in unseren Gedanken am fremden Ort, reiten mit Karl May durch den Llano Estacado – ein öder Ort, aber das wissen wir noch nicht. Vielleicht sind wir sogar im Akt des Lesens dem Llano Estacado  näher, als wenn wir direkt dorthin reisten.

Was für den Leser gilt, kann ebenso für den Autor zutreffen. Er muß niemals an jenen Orten gewesen sein, von denen er schreibt. Die bekanntesten Beispiele, die Bayard nennt, sind der Westmann und Orientreisende Karl May sowie Immanuel Kant, der aus Königsberg nicht hinauskam und doch Berichte von fremden Ländern zu Papier brachte, die sich lasen, als wäre er dorthin gereist. Kant legte verblüffende Ortskenntnisse an den Tag. Kant reiste im Sessel, las Fremdes mit Phantasie und schrieb. Im Grunde eine sehr viel höhere Kunst, als irgendwo hinzugondeln, sich die Tower Bridge anzuschauen und über Eindrücke zu berichten. Denn das kann jeder. Aber nie in London gewesen zu sein und derart viel Lektüre aufzusaugen, um dann zu schreiben, als ginge man in dieser Stadt ein und aus, bedeutet eine hohe Gabe. Bayard nennt Kant den Inbegriff eines seßhaften Reisenden und widmet ihm dieses Buch. Kant als Schutzheiliger – nicht schlecht. Ob es den rationalen Aufklärer jedoch freute, ist eine andere Sache.

In einer Typologie dekliniert Bayard mit Witz verschiedene Arten dieses Reisens durch. Angefangen mit Marco Polo, der in Konstantinopel feststeckte, oder Rosie Ruiz, der Marathonläuferin von Boston, die die Strecke nicht zu Fuß, sondern zu Teilen mit dem öffentlichen Nahverkehr zurücklegte. Bayard findet verwegene Konstruktionen, weshalb solche Tricks ihren Reiz haben:

„Betrachtet man das Ganze aus historischer Sicht, scheint sie mir nicht im Geringsten gegen den Geist des Marathons verstoßen zu haben, der doch genau darin besteht, die wirksamsten Mittel zu finden, um sich in begrenzter Zeit von einem Punkt zum anderen zu bewegen.“

Ebenso schreibt Bayard über verschiedene Typen von Orten: Orte, die man bloß durcheilte, wie in Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“, wo aber gerade durch die Eile der intensive Blick auf das Wesentliche des Ortes geschärft wird. Solche Orte, an denen man nie war. Wie Marco Polo. Oder der US-Journalist Jayson Blair, der über die Familie eines US-Soldaten berichten sollte, der im Irak-Krieg vermißt wurde. Doch alles, was der Mann beschrieb, die Fahrt über die US 77 Richtung Süden nach Texas, die Tabakfelder hinter dem Haus der Familie, war erfunden. Jayson Blair verließ in Wahrheit niemals sein Appartement in Brooklyn. Schreiben aus der Distanz. Moralisch mag das verwerflich sein, so Bayard, aber philosophisch genommen wirft dieses Verhalten die Frage auf, was es bedeutet, „an einem Ort zu sein.“

„Wir alle haben es – Schriftsteller wohl noch stärker als andere – also mit komplexen Räumen und ihren unbestimmten Grenzen zu tun, die sich nur unvollständig mit den Räumen der realen Welt decken, welche wir im Laufe unserer Reisen in unserem inneren Land ununterbrochen verwandeln.“

Genauso aber existieren ferne Orte, an denen wir uns auszukennen glauben und an denen dennoch unsere Beobachtung uns trügt. Im schlimmsten Falle passiert das dem Ethnologen. Er sitzt einem Irrtum auf, weil er die These, die er unter Beweis stellen will, bereits im Vorfeld auf seinen Gegenstand projiziert und lediglich solche Tatsachen auswählt, die zur Theorie passen. Referenzrahmenbestätigungen wie die US-Ethnologin Margaret Mead sie tätigte, als sie in den 30er Jahren Samoa bereiste und dort ihre Studie zu „Jugend und Sexualität auf Samoa“ erarbeitete. Das gegenüber der prüden US-Moral freizügige Sexualleben, das Mead auf Samoa auszumachen meinte und ihre These des Einflusses von Kultur aufs Verhalten von Individuen, beruhte nicht auf ihren eigenen Beobachtungen, sondern sie erhielt ihre Daten durch Informanten. Diese erzählten Mead Geschichten, die sie durch ihre Einstellung womöglich suggestiv hervorkitzelte, anstatt der Sache selbst Raum zu gewähren. Eine Forschungsreise in ein „imaginäres Land“, das mehr mit den USA und ihrem prüden Sex zu schaffen hatte als mit den althergebrachten Regeln der Inselbewohner. Für Bayard ein Beweis über die „Verheerungen der teilnehmenden Beobachtung“.

Doch ganz so einfach ist es nicht. An solchen Stellen gleitet Bayard schlicht oberflächlich über seinen Gegenstand hinweg. Er liefert mit seinem Buch zwar eine feine, anekdotische Tour d’Horizon, doch fehlt es an der Maulwurfsarbeit. Es läßt sich mit den Geschichte und den imaginären Reisen fein parlieren, wir bekommen einen Eindruck, was es bedeutet, nicht am Ort zu sein. Insofern handelt es sich bei diesem Buch weniger um Exkursionen in ferne Welten, sondern qua Phantasie um Möglichkeiten der Selbstgewinnung:

„Denn nur wenn man Zugang zu sich selbst hat, kann man den andern mit auf die Reise nehmen und eine Begegnung der inneren Länder bewerkstelligen. Eine Begegnung in einem gemeinsamen inneren Land, in dem das eigene Unbewusste mit dem des anderen in Dialog tritt, um einen symbolischen Raum der Gemeinsamkeit zu erfinden, der beiden, wie in einer erfüllten Liebesbeziehung, den Versuch erlaubt, wieder zu sich selbst zu finden.“

Das klingt als Lebensform genommen nett, bleibt aber eine Plattitüde oder wie man heute sagt: eine Pathosformel. Du mußt der Fliege den Ausgang aus dem Fliegenglas zeigen und was der Ratschläge mehr sind. Die Reise-Szenen Bayards sind anregend, die Moral seiner Erzählung ist dröge. Und was schlimmer ist: voraussehbar. „Es gilt vor allen Dingen, auf sich selbst zu hören …“ Das freilich möchte man nicht jedem raten, und mancher Ratgeber wirkt besser, indem er zu gar nichts rät.

Über Bayard hinausgehend, bleibt festzuhalten, daß die Literatur eine ausgezeichnete Weise ist, ein Draußen als Inneres zu entwerfen und Inneres ins Draußen zu projizieren. In diesem Sinne sind die (literarischen) Phantasmen Formen des Reisens. Wir tun als ob, wir tun so, als ob wir dort wären. Der Konjunktiv ist eine Lebensform. Auf der Galerie – die Artisten ratlos. I would prefer not to.

Der Scheincharakter der Literatur vermittelt sich mit dem Schein des Lebens, wie jene Marathonläuferin ihn produzierte. Unser inneres Afrika rumort nahe, denn um ins Herz der Finsternis zu gelangen, bedarf es keiner Schiffsreise. Maupassants „Horla“ ist nicht draußen wie gemutmaßt, sondern schlägt im Inneren. Bereits Poe wußte das 40 Jahre vorher, als er die Erzählung „Das verräterische Herz“ schrieb. „Wahrhaftig! – reizbar – sehr, fürchterlich reizbar warn meine Nerven gewesen, und sind sie noch; doch warum meinen Sie ich sei verrückt? Das Leiden hat meine Sinne geschärft – und keineswegs zerrüttet oder abgestumpft.“ Is There Anybody Out There? Sehr französisch gedacht und wir, die das weiterentwickeln wollen, nehmen Foucaults Aufsatz „Das Denken des Draußen“ oder Maurice Blanchots „Der literarische Raum“ mit hinzu.

Bayard wirft zumindest Schlagschatten auf diese Möglichkeiten der Literatur, sich in der Lüge oder im Fabulieren aufzuführen. Wer diese Art von Reise im eigenen Zimmer vertiefen möchte, sei auf ein anderes Buch noch verwiesen. Detailreicher in die Literatur tauchend und als Physiognom von Räumen untersucht Bernd Stiegler dieses Phänomen in seinem Buch „Reisender Stillstand“. Es gibt viele gute Gründe, ganz einfach zu Hause zu bleiben.

Pierre Bayard, Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist, Kunstmann Verlag, 2013, 224 Seiten (Originalausgabe), in Lizenz jetzt beim Goldmann Verlag erhältlich für 8,99 EUR.