„Von Schwelle zu Schwelle“

Viel nimmt sich dieser Blog vor, plant und reißt dieses und jenes Projekt an, ohne es dann zum Ende zu bringen. Nietzsche, Postmoderne, Adorno und die Musik … . Ja, von jedem etwas und immer nur in Stücken dargeboten, die dann erst im Abstand folgen, nach langer Zeit sich mehr oder weniger zusammensetzen. Die Texte geraten da zuweilen oberflächlich, verfransen, dissoziieren, sind zu kurz gefaßt, treiben auseinander, ohne daß eine Einheit des Textes sich herstellte. Aber dies mag vielleicht das Wesen eines Blogs sein: Unsystematisch denken.

Dieses Jahr über möchte „Aisthesis“ einen Philosophen, Schriftsteller, Literatur- und Medientheoretiker in den kritischen Blick nehmen und würdigen, der sich den Kategorisierungen entwindet, der in seiner Theorie schwer festzumachen ist, dem Adorno manches verdankte, die sich gegenseitig in ihrem Denken befruchteten, sich um der Sache willen stritten; befreundet war er mit so gegensätzlichen Denkern wie Brecht und Scholem, ein brillanter Essayist, der erst aus Deutschland, dann aus Frankreich emigrieren mußte, gehetzt, der zur Passage hin nach Amerika, in der beschwerlichen Passage von Frankreich nach Spanien seinen Tod fand, von Schwelle zu Schwelle, weil er nicht mehr weiter wußte und konnte. Ja, es dreht sich dieses Jahr hier sehr viel um Walter Benjamin, der sich am 26. September (das Datum ist nicht ganz gewiß) im Spanischen Port Bou das Leben nahm: Sich das Leben nehmen, eine eigentlich merkwürdige doppeldeutige Wendung. Nach solch einem Akt des Nehmens müßte etwas Großes herauskommen, aber es bleibt weniger als das Nichts übrig.

Wo genau die Reise dieses Jahr über in dem Benjamin-Projekt hingeht, das kann ich eigentlich noch gar nicht so genau formulieren. Ich hoffe, daß ich einige Dinge schaffen werde; versprechen mag ich jedoch nichts. Wieder einmal wird es eher unsystematisch denn geordnet werden. Sicherlich berücksichtige ich auch die vielfältige Sekundärliteratur, so etwa das in der „Berliner Zeitung“ vom 13.1.2010 besprochene Buch von Jean-Michel Palmier zu Walter Benjamin, das wohl ein Standardwerk darstellt, wenn man dem Rezensenten Dirk Pilz folgt. Schon der Untertitel klingt vielversprechend: „Lumpensammler, Engel, bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin“ Ja, das liest sich erst einmal interessant: all die bekannten Figuren der Benjaminschen Texte versammeln sich da. Es fehlt da eigentlich nur noch die Mummerehlen aus der „Berliner Kindheit“, die eine Figur des (konstitutiven) Mißverstehens darstellt, aus dem Erkenntnis erwächst.

„In einem alten Kinderverse kommt die Muhme Rehlen vor. Weil mir nun ‚Muhme‘ nichts sagte, wurde dies Geschöpf für mich zu einem Geist: der Mummerehlen. Das Mißverstehen verstellte mir die Welt. Jedoch auf eine gute Art; es wies die Wege, die in ihr Inneres führten. Ein jeder Anstoß war ihm recht.“ (GS IV/1, S. 260 f.)

Der Blick des Kindes auf die Welt, welcher in der – an Proust orientierten – rückblickenden Reflexion der „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ wieder evoziert und in eine – freilich reflektierte – Prosa eingeholt wird, dient als Medium; in der Unmittelbarkeit geht dem Kind in seinen Wahrnehmungen etwas Nichtsprachliches auf, es erfährt die Dinge in der Offenheit, bringt sie in sich hinein. Erst die rückwärtsgewandte, zeitlich sich viel später einstellende essayistisch-aphoristische Reflexion vermag es, das, was an sich bereits ist, in Sprache freizulegen: Einzelnes, das die absolute Singularität beansprucht (und damit eben nicht aussagbar ist), an dem dennoch etwas aufgeht, und das zugleich auf ein Allgemeines deutet. Diese dialektische Methode Benjamins, die dann Adorno in den „Minima Moralia“ und in den „Meditationen zur Metaphysik“ kompositorisch ausbaute, ist nicht nur im Hinblick auf eine Hermeneutik der Lebenswelt interessant, sondern impliziert genauso Erkenntnistheoretisches; in der „Berliner Kindheit“ verdichtet sich eine Figur der Benjaminschen Theorie literarisch: „Die Gabe, Ähnlichkeiten zu erkennen …“ (S. 261), wobei hierzu eben genau dieses „Verhören“ und das Mißverstehen ein konstituierendes Moment abgeben.

In den 20er Jahren entfaltete Benjamin diese Figuren der Erkenntnis in den verschiedenen Ausprägungen noch philosophisch: so in den Aufsätzen, die von den Herausgebern der „Gesammelten Schriften“ (welche gar nicht hoch genug gelobt werden können) zu den „Metaphysisch-geschichtsphilosophischen Studien“ zusammengefaßt wurden, etwa politisch-theologisch im Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“ oder in seinen zentralen Texten „Lehre vom Ähnlichen“, „Erfahrung und Armut“ sowie „Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“, wo eine Theorie der Mimesis und der Sprachmagie entwickelt wurde, die sich zu einer Theorie des Namens erweiterte, um einer Sprache als bloßer Mitteilung und Kommunikation die Absage zu erteilen. Ich schlage den Bogen nun assoziativ noch ein wenig weiter (für die drei oder vier Leser, die mir überhaupt noch folgen mögen, weil diese Dinge bei Benjamin in der Tat schwere Theoriekost sind), und möchte zu Celans Meridian-Rede gleiten, denn auch dort kommt ein ganz ähnliches Motiv vor, und zwar wenn es um den Gegensatz von Kunst und Dichtung geht, denn wo von der Kunst, der bei Celan etwas Mechanisches anhaftet, die Rede ist, da gibt es, so Celan, immer jemanden, der nicht richtig hinhört. (GW 3, S. 188) (1) Aus diesem Mißverstehen erwächst das Gegenwort, das in die Dichtung münden kann. Und auch zum Schluß seiner Rede taucht dieses Motiv dann noch einmal auf: das falsche Hinhören, welches (als Utopie) Neues eröffnen kann, wenn etwa das „Commode“ als das „Kommende“ gelesen wird. Dieses Kommende, für das der Weg freizumachen ist, spielt auch bei Benjamin, insbesondere in den späteren Schriften, eine zentrale Rolle, wenn es um die „Aufsprengung der historischen Kontinuität“ geht: „Wo das Denken in einer von Spannung gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild“ (GS V/1, S. 595). Bei einer solchen „Dialektik im Stillstand“ und im Hinblick auf Celan sowie den Topos der „Sprachmagie“ werden sicher auch Rolf Tiedemanns und Winfried Mennighaus‘ Texte zu Benjamin betrachtet werden müssen. Und so wird es nicht ausbleiben, daß neben der Ästhetik dann auch die Aspekte eines Benjaminschen Historischen Materialismus analysiert werden.

Auf alle Fälle stellen wir in dieser eher losen Serie Benjamins Schriften zur Photographie vor, entfalten seine Theorie vom dialektischen Bild und geben die Texte zum Paris des 19. Jhds wieder. Der Kunstwerkaufsatz kommt ganz gewiß vor, auch die letzte Publikation von Benjamin „Über den Begriff der Geschichte“, die ja in Zusammenhang mit dem oben Ausgeführten steht, sowie seine Fragmente zum Fortschrittsbegriff müssen gelesen werden; vielleicht nehme ich zudem die Korrespondenz zwischen Adorno und Benjamin in den Blick.

Wieder ein Projekt mehr, ächzt jetzt der Leser. Ja, es wird immer viel zu viel angekündigt in diesem Blog. Aber das muß so sein. Ob solche Ankündigungen zu halten sind, zeigt sich dann ja.

Zum Schluß dieses Auftaktes ein paar Worte noch zu Walter Benjamin, ins Allgemeine gesprochen. Denn was womöglich zur Gegenwart einen Bezug aufweist und manchen, der denkt und Philosophie veranstaltet, auch heute noch umtreibt: Benjamin war ein Wissenschaftler, der sich im herkömmlichen traditionellen Wissenschaftsbetrieb schwertat, so könnte man es zunächst sehen; einer, der dort niemals richtig ankam, sich nicht zurecht fand, keine dauerhafte Stelle an irgend einer Universität erhielt, dessen Habilitation grandios scheiterte. Man kann es jedoch auch umgekehrt formulieren, daß es in einer derart versteinerten Wissenschaft, in einer solch erdrückenden Atmosphäre des zur Schau getragenen Gravitätischen für einen Essayisten und Theoretiker wie Walter Benjamin, der feingliedrig, ästhetisch, ins Weite und Ungedeckte sich treiben lassend dachte, geistig und physisch ganz unmöglich sein mußte, dort einen Platz zu finden; daß es also weniger gegen Benjamin, sondern vielmehr gegen diesen herrschenden Lehrbetrieb und seine Art, Wissenschaft zu betreiben, spricht. Und auch heute gilt es ja noch vielfach an den Universitäten: Wer setzt sich schon gerne einen Hecht in den Karpfenteich. Schon früh in den ersten Studienjahren in Freiburg/Br. stellten sich die ersten Vorbehalte gegen den akademischen Betrieb ein:

„Die Wissenschaft ist eine Kuh
Sie macht: muh
Ich sitz im Hörsaal und höre zu.“
(Gesammelte Briefe I., S. 48)

„Die Hochschule ist eben der Ort nicht, zu studieren.“ (Briefe I, S. 242)

Diese zwei Benjamin-Zitate entnehme ich der chronologisch aufgebauten Biographie von Willem van Reijen und Herman van Doorn, Aufenthalte und Passagen. Leben und Werk Walter Benjamins. Sie behandelt die einzelnen Jahre im Leben Benjamins, mit 1912 beginnend, und ist mit Photographien ausgestattet, der Schwerpunkt liegt aber auf der Theorie Benjamins, einzelne Werke werden darin im jeweiligen Jahr ihrer Entstehung lokalisiert und kurz zusammengefaßt. Das ist recht instruktiv und als Überblick zu den einzelnen Texten hilfreich. Die Photographien gerieten jedoch großenteils viel zu klein, so daß wenig zu sehen ist und man sich fragt, ob diese Bilder zu irgend etwas beitragen sollen. Auch die einzelnen Etappen und Aufenthalte in der Vita Benjamins stellen sich etwas stockend, hölzern und holprig dar. Insofern empfehle ich für alle die, welche bei Benjamin noch nicht so richtig kundig sind, die sehr gute Biographie aus der bekannten Rowohlt-Reihe vom Literaturwissenschaftler Bernd Witte. Sie ist maßgeblich.

Die Philosophie Benjamins treibt in viele Richtungen aus, dies macht sein Denken interessant und erschwert zugleich die Darstellung, da die in Theorie gebannten Bilder, die man sich von ihm macht, im gleichen Augenblick durch einen anderen Text kaleidoskopisch wieder zerfallen. Manchmal sogar kann dies in ein und demselben Text geschehen. Die „wolkigen Stellen“, die Benjamin in Kafkas Prosa ausmachte, sind auch in seinen Texten enthalten.

Spannend bleibt bei Benjamin, daß sich in seinem Denken so gegensätzliche Pole wie Theologie und Materialismus, Mythos und Logos, Mimesis und Ratio, Religiöses und entzauberte Moderne miteinander paaren und duchdringen. Ich möchte also  versuchen, einiges von diesem Vielfältigen unsystematisch ins Bild zu bekommen, um einen etwas in Vergessenheit geratenen, dennoch für das 20. Jhd. ungemein bedeutenden Philosophen dem Leser nahezubringen bzw. Diskussionen zu eröffnen. Auch kann man mit Benjamin womöglich eine Kritische Theorie fortschreiben, die Medien wie  Film und Photographie gerecht wird. Schauen wir mal, was sich hier alles bewerkstelligen läßt.

Enden wir mit einem Zitat und einem Lied von F.S.K.

„Auf meinen Knien,
geheim in diesem Tanzlokal,
im Kopf die Wirrkopfmelodien,
zum hundersten Mal,
von Walter Benjamin,
das ist nicht normal,
und du bist mein Ruin“

Ja, dieser Rausch, der Spleen, dieses Adrenalin, diese Droge Benjamin: Sie wuchert und wirkt hoffentlich auch in den kommenden (und nicht bloß kommoden) Texten, die hier demnächst folgen.

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(1) Es ist die Lucile aus „Dantons Tod“, die das eigenwillige Gegenwort spricht. Celan entfaltet hieran virtuos eine Konzeption von Dichtung als Gegenwort und Atemwende, (wie auch einer seiner Gedichtbände heißt), er entwickelt ein Poetik des Datums und der Singularität, denn jedem Gedicht ist sein 20. Jänner eingeschrieben; wir schreiben uns von einem solchen Datum her, wir müssen dieser Daten eingedenk bleiben.

Adorno und die „Musik in der verwalteten Welt“

Zu Adornos Aufsatz „Über den Fetischcharakter der Musik
und die Regression des Hörens“ (1)
 

I. Vorbemerkungen 

Der erstmals 1938 in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ veröffentliche Aufsatz Adornos (1) ist, wie bei vielen Texten Adornos, im Grunde gar nicht oder zumindest sehr schwer referierbar. Diese Schwierigkeit schuldet sich ganz wesentlich der Dichte des Textes und einem Bündel von Voraussetzungen, die in Adornos Text zwar implizit mitgedacht, kaum aber ausgesprochen werden. Daß eine dieser theoretischen Voraussetzungen Aspekte der Marxschen Theorie aus dem „Kapital“ beinhaltet, mag der Titel des Aufsatzes andeuten. (Insofern ist dieser Aufsatz deutlich postmarxistisch inspiriert und durchaus als Rekurs auch auf Georg Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ zu begreifen, das Adorno, im Gegensatz zu den Schriften des späteren Lukács durchaus schätzte.)

Was – im Rahmen dieses Aufsatzes – die Konzeption von Ästhetik bei Adorno betrifft, so wird kaum auf bestimmte Positionen (klassischer und moderner) Ästhetik verwiesen, sondern vielmehr geht es sogleich ins Detail. Der Text beruft sich insofern nicht auf irgend eine Ästhetik, sondern er ist selber eine materiale, an der Gesellschaft und ihren Mechanismen der Zuschneidung ausgerichtete. (Daß in den Text auch psychoanalytische bzw sozialpsychologische Kategorien hineinspielen, ist sicherlich genauso dem Titel zu entnehmen.) Und natürlich läßt dieser Aufsatz sich als eine Vorstudie zur „Dialektik der Aufklärung“ lesen und steht damit im Zusammenhang einer umfassenden (nichtkonservativen) Kulturkritik.

Diese Auseinandersetzung des Textes mit der Gesellschaft sowie ihrer Funktionsweise ist vor allem dem Umstand geschuldet, daß sich Adornos Aufsatz auch als eine Kritik des Kunstwerkaufsatzes von Walter Benjamin („Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, 1936) versteht. Insbesondere die Hoffnung auf eine massenkompatible, aufklärerisch gestimmte Kunst, die es vermag, das Bewußsein dieser Masse zu politisieren und in der veränderten Rezeptionshaltung vermittels der neuen Medien ein anderes Bewußtsein zu erzeugen, teilt Adorno keineswegs. Insbesondere die nichtauratische Kunst des Films und eine Rezeptionsweise, die das (bürgerlich) Kontemplative überschreitet, sind für Adorno mehr als problematisch. Auch läßt sich der von Benjamin beschriebenen faschistischen Ästhetisierung der Politik nicht die Politisierung der Ästhetik als Part des Guten entgegenstellen. Ein solche Neigung hin zu dieser einen Seiten des Dualismus ist für Adorno weder Alternative noch Gewähr für eine gelungene Aufklärung; schon gar nicht dafür, daß sich irgend etwas zum Besseren wendete. Das Bewußtsein des Arbeiters hat dem des Kapitalisten kaum mehr etwas voraus. Vielmehr sind einerseits die Mechanismen in den Blick zu bekommen und der Kritik zu unterziehen, die es ermöglichen, eine manipulierbare Masse zu erzeugen, und andererseits muß im Rahmen einer Ästhetik dargestellt werden, was dies für das Kunstwerk selber, hier für die Musik, bedeutet.

Problematisch ist eine Politisierung der Kunst, weil dieses Verfahren zu einer Instrumentalisierung der Kunst gerät, welches sich am Ende in der Wahl der Mittel und Zwecke gleichgültig verhält. Kunst verkommt zur Reklame für ein ideologisches Gut, wird zur ästhetischen Selbstgefälligkeit, die das Gute und – als Nebenaspekt der Sache – auch das Wahre sowie Schöne für sich gepachtet hat. Doch denke ich, daß die Aspekte, welche Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatzes vorbringt, gerade auch im Hinblick auf die Massenmedien, so bedeutsam sind, daß man hier wohl ein wenig wird gegen Adorno lesen müssen. Auch wäre eine Auseinandersetzung mit dem Benjaminschen Politikbegriff sowie seine Konzeption von Materialismus nicht uninteressant. (2)

Im Vergleich zu den Thesen Benjamins ist Adornos Begriff von Kunst sicherlich einer eigentlich in Vergessenheit geratenen bürgerlichen Sichtweise geschuldet (3). Doch hat sich Adorno durch diese Zurückhaltung in politischen Dingen gleichzeitig vor manchem ästhetischen Fehlschlag und einer Instrumentalisierung der Kunst zugunsten des vorgeblich höheren Zweckes, der nie davor gefeit ist, umzuschlagen, bewahrt. Allerdings hat diese Aversion gegen eine Massenkunst die Schattenseite, daß es sich mit Adorno eben nur bedingt ins Kino gehen läßt. Es müßten hierzu schon einige Weichen in der Adornoschen Konzeption umgeschaltet werden. 

II. Kritik des Geschmacks 

Die Klage über den Verfall des musikalischen Geschmacks ist alt, so Adorno, „kaum jünger als die zwiespältigen Erfahrungen, welche die Menschheit auf der Schwelle zum historischen Zeitalter machte: daß Musik zugleich die unvermittelte Kundgabe des Triebes und die Instanz zu dessen Sänftigung darstellt.“ (GS 14, S. 14) Die Anleihe an Nietzsches Tragödienbuch läßt sich gut heraushören, wenngleich gewendet in eine sozialpsychologische bzw. anthropologische Richtung. Musik ist das Rauschhafte, die Ekstase und zugleich die (apollinische) Besänftigung der bacchantischen Regung. Die disziplinierende Funktion von Musik wird seit der griechischen Noetik als hohes Gut hingenommen, so Adorno, und es drängen sich, so spitzt Adorno zu, in jenem Massenzeitalter alle danach, musikalisch parieren zu dürfen.

Im Zustand jener 30er Jahre, angesiedelt zwischen Faschismus, Stalinismus und westlichem Kapitalismus, geht es jedoch nicht mehr darum, das Verhältnis von Rauschhaftem und Maß in de Musik zugunsten einer Seite hin aufzulösen, und diese als mißlungen und jene als irgendwie noch subversiv oder widerständisch auszuweisen. Eine womöglich auspendelnde oder versöhnende Dialektik und eine Bewegung der Sache ist kaum möglich und selber ein Stück des gesellschaftlichen Scheins, der sich im musikalischen Kunstwerk als auch in seinen herabgesunkenen Desideraten, dem Schlager oder dem Jazz, niederschlägt.

Vollends ist dabei im Rahmen der ästhetischen Beurteilung nach Adorno die Kategorie des Geschmacks ausgehöhlt. Ein „interesseloses Wohlgefallen“, ein Geschmacksurteil, wie es noch Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ analysierte, ist hinfällig.„Die verantwortliche Kunst richtet sich an Kriterien aus, die der Erkenntnis nahekommen: des Stimmigen und Unstimmigen, des Richtigen und Falschen.“ (S. 14)

Diesen Passus Adornos, der sich radikal von der Kategorie des Geschmacks abkehrt, und zwar zugunsten einer wissenschaftlicher Bestimmung von wahr/falsch, kann man fast schon positivistisch nennen, und diese Lesart hat ihren Grund darin, daß eigentlich der Kategorie des Subjekts (weder als eines Lukácsschen kollektiven noch als bürgerlich-individualisiertes Subjekt) nicht mehr zu trauen ist in eben jener verwalteten und standardisierten Welt. Es findet eine Durchstreichung des (emphatisch gedachten) Subjekts statt, und dies tangiert naturgemäß auch die ästhetischen Kategorien. Solche Liquidierung reicht dann hin bis zur Rezeptionsästhetik, die dieser Aufsatz Adornos zu einem guten Teil ja auch ist: gewissermaßen eine Rezeptionsästhetik ohne Rezipienten, zumindest jedoch mit sichtlich deformierten, und zugerichteten:

„… die Existenz des Subjekts selbst, das solchen Geschmack bewähren könnte, ist so fragwürdig geworden wie am Gegenpol das Recht zur Freiheit einer Wahl, zu der es empirisch ohnehin nicht mehr kommt.“ (S. 14)

Die Voraussetzungen einer solchen zugegeben erst einmal generalthesenartig anmutenden Konstruktion sind in diesem Text nicht genannt, und man muß sie rekonstuieren, wenn man die weiteren Bewegungen des Aufsatzes mitgehen will. Ansonsten steht man ziemlich ratlos da. Und hier gelange ich wieder zu der prinzipiellen Nichtreferierbarkeit des Adornoschen Textes. Man kann ihn eigentlich gar nicht darstellen, sondern nur entfalten, indem man sich von Zitat zu Zitiat schreibt bzw. eine Kompositionsleistung erbringt und die Elemente seiner Texte in eine neue Konstellation fügt. Dies ist aber ein Verfahren, was in einem nicht berufsmäßig betriebenen Blog nicht zu leisten ist, weil ganz einfach die Zeit dazu fehlt. So kann ich nur auf eine reduzierte schwundstufenhafte Weise verfahren und zunächst lediglich festhalten, daß es keineswegs die überflugartige Adlerperspektive ist, welche der Text einnimmt. Denn im Grunde verhält sich der Text zu seinem Gegenstand vollständig mimetisch: er verdinglicht, in dem er die Thesen wie die Schüsse aus dem Gewehr nacheinander reiht.

Zunächst zum Geschmack: Dieser war in der Ästhetik seit dem frühen 18. Jahrhundert eine Kategorie, die der Emanzipation des Subjekts von den feudalen Strukturen und (damit korrespondierend) der Ausbildung der Ästhetik als einer eigenen Sphäre, mithin der ästhetischen Autonomie geschuldet ist. Nicht länger mehr steht das Kunstwerk im Dienst des Religiösen oder des Politischen, um in diesen Bezirken zu symbolisieren. Die Herausbildung der Kategorie des Geschmacks ist eng mit der Aufklärung und der Herausbildung von Subjektivität, die sich als Individualität denkt, verflochten. Für diese Prozesse steht die sich herausbildende Klasse des Bürgertums, die in der Epoche der entwickelten Warenwirtschaft ihren gesellschaftlichen Ausdruck fand.

Einige sehr interessante Aspekte zur Kategorie des Geschmacks entfaltet Christoph Menke in seinem Aufsatz in „Texte zur Kunst“, auf den ich demnächst in einem gesonderten Beitrag eingehen möchte. Im Zusammenhang zu diesem Text Adornos sei lediglich dieser Part zitiert:

„Zu dieser [sich im 18. Jhd. herausgebildeten, Hinzufügung Bersarin] Ästhetik des Geschmacks führt kein Weg zurück. Sie ist gebunden an die gleichzeitig entstehende bürgerliche Gesellschaft, der die Ästhetik (nicht: die Philosophie des Rationalismus) ihre ideologische Grundkategorie des ‚Subjekts‘ bereitstellte. Das bürgerliche Subjekt ist ein Individuum, das sich durch Übungen so geformt, so ‚gebildet‘ hat, dass es ohne fremde Leitung, daher auch ohne Leitung durch eine ihm vorgegebene Methode, durch eigene Reflexionsleistung selbst zu urteilen vermag.“ (Ch. Menke, Texte zur Kunst, Heft 75/2009, S. 41)

Die intensivste Bestimmung des Geschmacksurteils im Hinblick auf das Schöne lieferte Kant in seiner dritten Kritik. Im Rahmen des Geschmacksurteils muß das „Wohlgefallen am Schönen […] von der Reflexion über einen Gegenstand, die zu irgend einem Begriffe (unbestimmt welchem) führt, abhängen, und unterscheidet sich dadurch auch vom Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht.“ (Kant, KdU, B 12) Es zeigt sich in der Kantischen Ästhetik eben nicht nur das Moment der Rezeption oder das des Subjektiven, sondern durchaus und deutlich ist die Nötigung zum Objekt mitgesetzt.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen (und darauf reagiert Adornos Text ja) entzogen jedoch den einstmals wirkenden Kräften bürgerlicher und ästhetischer Subjektivität den Boden. Daß das Subjekt noch „durch eigene Reflexionsleistung selbst zu urteilen vermag“, gerät in der vollends entfalteten durchrationalisierten Warengesellschaft zum Trug. Dies motiviert Adornos Einsichten im Hinblick auf eine Rezeptionsästhetik, die als Gesellschaftskritik die Mechanismen der Zerstörung aufzuzeigen hat; darin liegt der Grund für seine Skepsis gegenüber der einstmals so bedeutsamen ästhetischen Kategorie des Geschmacks. Einige Jahre später wird Adorno für solche Prozesse den Ausdruck der „Kulturindustrie“ prägen, der wiederum 20 Jahre später von Hans Magnus Enzensberger zum Ausdruck „Bewußtseins-Industrie“ (4) umgeformt wird. Auszugehen ist vom deformierten Bewußtsein, das sich auf die Rezeption von Musik insgesamt auswirkt:

„Sucht man etwa auszufinden, wem ein marktgängiger Schlager »gefalle«, so kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, daß Gefallen und Mißfallen dem Tatbestand unangemessen sind, mag immer der Befragte seine Reaktionen in jene Worte kleiden. Die Bekanntheit des Schlagers setzt sich an Stelle des ihm zugesprochenen Wertes: ihn mögen, ist fast geradeswegs dasselbe wie ihn wiedererkennen. Das wertende Verhalten ist für den zur Fiktion geworden, der sich von standardisierten Musikwaren umzingelt findet. Er kann sich weder der Übermacht entziehen noch zwischen dem Präsentierten entscheiden, wo alles einander so vollkommen gleicht, daß die Vorliebe in der Tat bloß am biographischen Detail haftet oder an der Situation, in der zugehört wird. Die Kategorien der autonom intendierten Kunst sind für die gegenwärtige Rezeption von Musik außer Geltung: weithin auch für die der ernsten, die man unter dem barbarischen Namen des Klassischen umgänglich gemacht hat, um sich ihr weiter bequem entziehen zu können.“ (S. 14-15)

Über solche Sätze wird sicherlich zu diskutieren sein.

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  (1) Später dann wurde er als einer von fünf weiteren Aufsätzen in dem Band „Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt“ aufgenommen. Dieser ist enthalten im Band 14 der Gesammelten Schriften. Es wird hier nach diesem Band zitiert, um dies der Ordnung halber auszuweisen.

(2) Gerade hinsichtlich der kritischen qualitativen Sozialforschung scheinen mir Benjamins Ausführungen (insbesondere zum Paris des 19. Jahrhunderts: so das Passagenwerk und seine Texte zu Baudelaire und zum Paris des Second Empire) methodologisch wenig fruchtbar gemacht. Es zeigt sich darin eine Dialektik, die, etwa durch die Konzeption des dialektischen Bildes, der kritischen Theorie noch einmal eine andere Wendung geben könnte. Die Kontroverse zwischen Adorno und Benjamin insbesondere was den dialektischen und historischen Materialismus angebelangt, ist gut in dem bei Suhrkamp herausgegebenen Briefwechsel zwischen Adorno und Benjamin nachzulesen.

(3) Als Hintergrundinformation: Dieses Bürgerliche bei Adorno ist in einem ganz emphatischen Sinne zu verstehen. Nichts hat es zu schaffen mit jener gerne von Politikern gebrauchten Phrase vom bürgerlichen Lager. Hier und in ähnlichen gedroschenen Wendungen zeigt sich das Bürgerliche lediglich als eine Schwundform, als das herabgesunkene Bildungsgut. Einziges Übrigbleibsel ist in solchen Phrasen vom Bürgerlichen nur noch die Begriffshülle, die eine Distinktion erzeugen möchte. Es weist der Begriff ansonsten aber eine solche Leere auf, daß es Hegel oder Adorno geschaudert hätte. Der Vorwurf an Adorno, er sei bürgerlich, ist insofern nur zutreffend, wenn er in diesem emphatischen Verständnis gebraucht wird. Eine Auseinandersetzung mit dem herabgesunkenen Bürgerlichen nimmt Adorno etwa in seinem Aufsatz „Theorie der Halbbildung“ vor.

(4) Enzensbergers Aufsatz hierzu befindet sich in dem Band „Einzelheiten I“ (bei Suhrkamp).

Über das Bloggen

Wozu ein Blog, wozu ein philosophischer Blog, wozu ein Blog, der sich mit philosophischer Ästhetik und Kunstkritik beschäftigen will? Ich weiß es, wenn ich lange darüber nachdenke, nicht so recht. Bin ein wenig hilflos und möchte sogleich das Projekt wieder einstellen. Reicht es doch aus, wenn (philosophische) Bücher geschrieben werden unter einem bestimmten Namen und um sich einen Namen zu machen. Wozu hier (mehr oder weniger) komplexe Gedankengänge produzieren oder reproduzieren? Eigentlich gibt es keine Gründe dafür: zumal das Geschriebene in Büchern und erst recht im Internet ausufernd ist, so oft ohne Sinn und Verstand, manchmal rhizomartig in einem schlechten Sinne; wuchernd und zeitraubend, wenn man dies alles lesen muß. Belanglos meistens, selten instruktiv. Ich erstelle hier jedoch trotz allem einen Blog, ohne selber ein großer Blogleser zu sein, ja ich gestehe sogar, daß mich die meisten derselben gar nicht interessieren. Es gibt nur wenige gute.

Andererseits: ob manche Texte nun ungenutzt in der Schublade verschwinden und verschimmeln und nicht gelesen werden oder ob sie sich in der digitalen Zone befinden und dort nicht wahrgenommen werden, ist dann auch wieder gleichgültig.

Was also ist ein Blog, was bring er? Bei aller Resignation sei trotzdem versucht, mit Adorno eine vorläufige Antwort darauf zu finden, und zwar anhand von Überlegungen, die er in seinem (grundlegenden) Aufsatz „Der Essay als Form“ entwickelt hat:

„Der Essay aber läßt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlerisch etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider, der ohne Skrupel sich entflammt an dem, was andere schon getan haben. Er reflektiert das Geliebte und Gehaßte, anstatt den Geist nach dem Modell unbegrenzter Arbeitsmoral als Schöpfung aus dem Nichts vorzustellen. Glück und Spiel sind ihm wesentlich. Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selbst am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe: so rangiert er unter den Allotria. Weder sind seine Begriffe von einem Ersten her konstruiert noch runden sie sich zu einem Letzten.“ (Adorno, Noten zur Literatur, S. 10)

Es ist das prinzipiell Offene, das Ungedeckte; jene Dinge, die in der systematischen und akademischen Philosophie meist zu kurz kommen, die der Essay thematisiert. Ähnlich sollte auch ein Blog funktionieren. Seine Texte lassen sich als mehr oder weniger kurze „Versuche“ denken. Es ist manchmal ein Ausprobieren, das sich auf dünnem Eis bewegt. Mancher Text mag angreifbar sein und in die Irre gehen. Doch vielleicht, wenn es ganz gut kommt und gelingt, so treibt es in die Richtungen, wo etwas sich entdecken läßt, in einer Sprache, die versucht, nicht zu sehr zu langweilen: mit Geist, mit Esprit, denn wir sind französisch gestimmt.

Um vorab schon einmal zu schauen, was (vermutlich) die Richtung dieses Blogs ist: Hauptsächlich wird es um ästhetische Gebilde und Philosophie gehen, und dabei liegt, wie es der Name des Blog bereits sagt, der Schwerpunkt auf dem Ästhetischen, und zwar Literatur, feuilletonistischer Essay, Kunst- und Literaturkritik, Photographie, Film, Architektur, Bildende Kunst. Musik wird nicht vorkommen. Jene zwei oder drei treuen Leser, die diesen Blog gelesen haben werden, mögen es mir verzeihen.

Aber Aisthesis soll auch in seinem Wortsinn verstanden werden als „Wahrnehmung“, denn sonst hätte dieser Blog schlicht „Ästhetik“ oder „Aesthetica“ heißen können: unter einer Wahrnehmung, die in dieser Allgemeinheit gefaßt wird, lassen sich nicht nur die Phänomene der Kunst, mithin alle ästhetischen Gebilde einordnen, sondern genauso all das, was sich überhaupt sinnlich wahrnehmen läßt: Dieses Wahrnehmen kann von ganz Alltäglichem handeln, das sich bis hin zu sozialen Phänomen erstreckt. Vorbild für ein solches mikrologisches Verfahren sind natürlich Adornos „Minima Moralia“, wo es um den Knauf einer Tür sowie Szenen einer Ehe genauso gehen kann, wie auch um die vollendete gesellschaftliche Verdinglichung („Das ganze ist das Unwahre“). Insofern ist hier zugleich eine soziologische Perspektive vorgegeben, die ich paaren werde mit der Photographie. Ich werde Plätze von Städten sowie Stadtansichten zeigen und diese kommentieren. Im besten Falle gelingt dieses Vorhaben, Texte und Photographien zusammenspielen zu lassen und dabei eine Perspektive auf Gesellschaft zu öffnen, im schlechten mißlingt es.

Da die meisten hier hineingeschriebenen Texte eher umfangreich sein werden, so gibt es pro Woche ein bis zwei Texte. Ich werde diese Samstags/Sonntags einpflegen, damit eine gewisse Regelmäßigkeit herrscht. Wenn sich aktuelle Anlässe einstellen, so gibt es vielleicht auch einmal unter der Woche einen Text.