„Die Deutschen und ‚ihre‘ Juden“: Betroffenheitskult und der darin schlummernde Antisemitismus

Leider erst heute stieß ich auf einen  ganz hervorragenden Text zum Thema der Deutschen und „ihrer“ Juden. Er findet sich in dem Blog von summacumlaude, den ich sowieso ans Herz lege, und ich möchte nicht versäumen, diesen Beitrag hier zu verlinken und zum Lesen zu empfehlen. Insbesondere das dümmliche Abwatschen von Philipp Jenninger 1988 samt Rücktritt, als er im Bundestag vom Faszinosum des Nationalsozialismus sprach, offenbarte das reflexhaft Zuschnappende, das ohne jede Reflexion bleibt, weil es die Inhalte von Sätzen nicht zu (er)fassen vermag. Denn es ging ja nicht darum, das Handeln der Täter und der Mitläufer zu entschuldigen, sondern vielmehr das zu zeigen, was war. Ungeschminkt. Der Nationalsozialismus mit all seinen Konsequenzen war für viele ein Faszinosum (Stichwort Heidegger, Benn, Riefenstahl undsoweiter undsofort)

Der Protest gegen diese Rede zeigte den Entlastungswunsch durch übereifrige Kritik und durch ein gehöriges Maß an Selbstverleugnung. Hier steht er: der bessere Deutsche. In den Seminaren der späten 80er erlebte ich diese Haltung, sich selber fast zur Jüdin zu machen und betroffen Partei zu nehmen, insbesondere von übereifrigen jungen Germanistik- und Philosophiestudentinnen, die sich ansonsten aber einem Holocaustopfer oder den Tätern nicht auf einen Kilometer genähert hatten, und diese Haltung der Entlastungsaffirmation ohne jegliches Handeln mündete in eine vollständig unkritische Israelbejahung, wie es dann am Ende dieses Ganges aus Angst vorm Erstarken Deutschlands nach der Einheit die Antideutschen fabrizierten. Es gibt jedoch Dinge, die lassen sich nicht entschulden. Daß das Verhältnis der Deutschen zu Israel ein besonderes ist, steht wohl außer Frage.

Aber das kann nicht bedeuten, unkritisch Partei zu nehmen – zumal Judentum und die Politik Israels zwei doch sehr verschiedene Paar Schuhe sind. Ebensowenig liefert die Kritik an der Politik Israels aber den Freifahrtschein für das große PLO-Tuchtragen und Palästinenser-Hurra oder Al-Fatah-Kindergarten-Gespiele, wie ein anderer Teil der Linken unkritisch und eindimensional den Kampf der Palästinenser feiert. Ein weites Feld.

Wer sich mit Israel, dem Judentum und der Shoah angemessen auseinandersetzen möchte, der sollte sich vielleicht mit den wirklich letzten Überlebenden des Holocaust treffen oder irgend etwas für sie tun, indem dieser Schrecken nicht der Vergessenheit anheimfällt. Klezmer-Hören oder Judentum simulieren sind da nicht ausreichend, und das wird von den meisten Israelis eher belächelt oder mit einem gewissen Kopfschütteln bzw. mit Unwillen aufgenommen. Durch sinnentleerte Rituale und Kranzgedenkabwurfstellen sowie die hochoffiziell langweiligen offiziellen Gedenkreden gelingt diese kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und dem industriemäßig durchgeführten Massenmord nicht. Tod als Verwaltungsakt und doch auf einer furchtbaren Ideologie beruhend.

Um es klarzustellen. Ich selber bin wohl relativ unverdächtig gegen Israel und Judentum Partei zu nehmen. Vor rund einer Woche telefonierte ich mit der Bloggerin tikerscherk, die mich dankenswerter Weise auf den ansonsten interessanten Blog von „sunflower“ aufmerksam machte, wo ein Text erschien, der mir nicht sehr behagte. Dort kommentierte ich dann entsprechend. Wer meine Position dazu lesen möchte, kann  im entsprechenden Blogartikel nachschauen.

Summacumlaude zeigt Aspekte dieses völlig unangemessenen Philosemitismus, des sich gerne reinwaschenden Deutschen. Der erste deutsche Antideutsche dürfte wohl Axel Cäsar Springer mit seiner Pro Israel-Haltung gewesen sein. Er sah Mosche Dajan wahrscheinlich eher als zweiten General Rommel. Diese Haltung unkritischer Israelbejahung reicht bis in linke Kreise, die das Judentum als persönliche Entlastung nehmen, ohne sich tiefer mit der Materie zu befassen. Auschwitz als Metapher oder Begriff für jenen Zivilisationsbruch und das blanke Entsetzen ist nichts, womit Gesinnungskitsch der Betroffenheit getrieben werden sollte. Dafür ist die Angelegenheit schlicht zu ernst und dafür ist der Antisemitismus in Europa immer noch eine viel zu große Gefahr. Stichwort Frankreich. Aber wer ihn suchen will, findet ihn auch in der BRD. Oder in Ungarn. Mit Kranzabwurf und Klezmerton ist nicht viel getan.