„Kannst du dir Hegel vor dem Fernseher vorstellen?“ – Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag

Als Intellektueller streitbar – in dieser Formulierung klingt die Skepsis bereits an: Streitbar meint in solchem Kontext oft soviel wie: fragwürdige Thesen, die ein Philosoph verbreitet, wenn nicht gar der Philosophie unwürdig. Manchem ist das, was Sloterdijk denkt, in schwungvollen Metaphern geschrieben und ausgreifenden Sprachbögen formuliert, reaktionärer Graus. Aber es schlägt in solchem Verdikt – oft ohne profunde Kenntnis des Textes – die Vorverurteilung sich nieder. Brocken und Stückwerk werden extrahiert und in eine gängige, einleuchtende Thesengestalt gebracht, amalgamiert mit dem üblichen Alarmismus der Moralisierenden. So aber funktioniert es bei der Lektüre von Peter Sloterdijks Büchern nicht, der moraline Steinbrecher, der bloß Versatzstücke herausreißt, verfehlt den Text. Sloterdijks Bücher muß man als Philosophie und als Literatur lesen. Immer findet sich darin eine Hyperbel, manche Allusion und Metapher. Sloterdijk assoziiert, fabuliert. Manchmal denkt er übers Ziel hinaus. Denken, das sich aussetzt. Daß Sloterdijk mit dem „Zauberbaum“ und seinem „Schelling-Projekt“ – neben seinen zahlreichen, kaum noch zählbaren philosophischen Projekten, ebenfalls zwei romanartige Gebilde schuf, ist nur konsequent. Denn gerade die Literatur stellt den semantischen Raum für Fabeln bereit. (Wobei das Schelling-Projekt als Roman-Buch nur bedingt gelang. Weshalb kann man an dieser Stelle nachlesen.)

Es mag in Sloterdijks Text manche These auftauchen, die für fragwürdig gilt. Fragwürdig aber heißt auch: eine Frage stellen, etwas für würdig befinden, befragt zu werden, so sah es Nietzsche – was nichts anderes bedeutet, als in der Tradition der Kritik, des kritischen Denkens zu stehen und damit wiederum nahe an Kant, dem Chinesen aus Königsberg, wie Nietzsche ihn halb spöttisch, halb anerkennend nannte. Ein kritischer und vor allem unorthodoxer Denker zu sein, der sich auf keine Position vereidigen läßt, trifft insbesondere auf Peter Sloterdijk zu. Ideenreich vor allem.

Unschön in letzter Zeit die Hysterie, mit der mancher Kritiker auf Sloterdijks Denken reagierte. Eine enthemmte kulturalistische Linke, die sich in ihrer evangelikalen Moral viel auf Carolin Emcke einbildet, aber selbst sich nicht scheut, genau jenes Hatespeech zu betreiben, das sie beim Gegner kritisiert. Entsetzliche Doppelstandards und Bigotterie. Nein, Sloterdijk ist kein Rechtsradikaler, und er ist kein Vordenker der AfD. Wer dies behauptet, muß es konkret mit Textstellen belegen. Dazu reicht es nicht aus, Sloterdijks (berechtigte) Skepsis gegenüber der Flüchtlingspolitik in Dauerschleife zu wiederholen.

Aber eigentlich war dieses Lesen nach Gesinnung seit den 90er Jahre nicht viel anders strukturiert, spätestens mit Sloterdijks berühmter Elmauer Rede im August 1999, „Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus“, mit der Kritiker wie Manfred Frank, Ernst Tugendhat und Jürgen Habermas ihn in eine bedenklich rechte Ecke zu rücken trachteten. Reinhard Mohr bezichtigte Sloterdijk, sein Text trage faschistische Züge, oder, wie Thomas Assheuer in der „Zeit“ behauptete, Sloterdijk fordere eine gentechnische Revision der Menschheit.

Jene, die Sloterdijk in seiner Schrift Antihumanismus sowie die Nähe zu NS-Gedanken vorwarfen, haben seinen Text augenscheinlich nicht oder nur unzureichend gelesen, sondern sich vielmehr vom Titel leiten lassen. Jene, die Sloterdijk Antihumanismus vorwerfen und sich über eine vorgebliche von Nietzsche inspirierte Übersteigerungsrhetorik erregten – was wollen sie erst bei Foucault und Derrida mit ihrem Ressentiments anfangen? Zu denken ist nämlich, weshalb das Projekt eines Humanismus im Sinne abendländischer Dualmetaphysik zugleich ein fragwürdiges Projekt ist. Genau dieser Frage ging Heidegger in seinem legendären Humanismusbrief von 1946 nach. Und Sloterdijk greift diesen Gedanken Heideggers auf und überführt ihn – teils philosophisch, teils literarisch – in die Spätmoderne unter den Bedingungen des Medienwandels.

„Durch die mediale Etablierung der Massenkultur in der Ersten Welt nach 1918 (Rundfunk) und nach 1945 (Fernsehen) und mehr noch durch die aktuellen Vernetzungsrevolutionen ist die Koexistenz der Menschen in den aktuellen Gesellschaften auf neue Grundlagen gestellt. Diese sind, wie sich ohne Aufwand zeigen läßt, entschieden post-literarisch, post-epistolographisch und folglich post-humanistisch. Wer die Vorsilbe post in diesen Formulierungen für zu dramatisch hält, könnte sie durch das Adverb marginal ersetzen – so daß unsere These lautet: moderne Großgesellschaften können ihre politische und kulturelle Synthesis nur noch marginal über literarische, briefliche, humanistische Medien produzieren. Keineswegs ist deswegen die Literatur am Ende, aber sie hat sich zu einer Subkultur sui generis ausdifferenziert und die Tage ihrer Überschätzung als Träger der Nationalgeister sind vorüber.“ (Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark)

Unter anderem an Begriffen wie „anthropogenetische Revolution“ störte sich ein Teil der Leserschaft. Jürgen Habermas brachte eilig-erregt seine Jünger in Stellung und jene Sonderdrucke der Rede als Raubkopie unter seine Gefolgsleute und forderte Stellungnahme. Am besten in der Art, daß sein eigener Name in dieser Sache nicht laut fiele. Sloterdijk konterte kühl:

„Jede Gesellschaft braucht semantische und physische Alarmsysteme, um sich gegen Angriffe auf ihren Bestand, moralisch oder politisch, von innen oder von außen, zu wehren. Denken Sie, um klassisch zu argumentieren, an die kapitolinischen Gänse, die einst das alte Rom mit ihrem rechtzeitigen Schnattern zu nächtlicher Stunde vor den Galliern gerettet haben. Damit fängt schon alteuropäisch der Alarmismus an. Die Hüter der res publica haben den Gänsen diesen Dienst nicht vergessen. Das kapitolinische Geflügel, das funktional in unserer Presse und unserer Ideologiekritik weiterlebt, hat von da an auch das Recht, Fehlalarme auszulösen, ohne geschlachtet zu werden. Das ist schon gut so.“

Vom September 1999 und aktuell nach wie vor. Diese lesenswerte Antwort an den „Zeit“-Kritiker Thomas Assheuer und anschließend an Jürgen Habermas ist fein formuliert. Heute, fast 18 Jahre nach Sloterdijks Rede haben wir inzwischen den aufgesteigerten Alarmismus, den Sloterdijk bereits in jenem offenen Brief prophezeite:

„Nicht wenige Journalisten, darunter auch Sie, haben die Zeichen der Zeit erfasst: den Tod der Kritik und ihre Transformation in Erregungsproduktionen auf dem eng gewordenen Markt der Aufmerksamkeitsquoten.“

Ein schrilles Journalisten-Kreischen in Mainstreammedien, im Dauerton und zu jedem beliebigen Anlaß fährt die Erregungsmaschine hoch, um in wenigen Monaten das Thema wieder vergessen zu haben. Wird 2019 noch jemand an Sieferle denken? Vermutlich nicht, nicht einmal die schnatternde Moral-Gans oder der aufgeregteste Pastoral-Ganter im Diskursstall.

Bei allem Erregungston, der von einigen Kritikern in der Sache „Menschenpark“ (Fürst Pückler oder Lenné drängt sich mir da als Frage nach der Parkform zugleich auf) künstlich hochgefahren wurde, haben sie eines übersehen: Sloterdijk begleitet seinen Abgesang auf die Ära des Buches, die Epoche des gedruckten Wortes, mit dem der Renaissance-Humanismus strikt verbunden war, mit einem melancholischen Ton. Auch das darf nicht überlesen werden. Sloterdijk lieferte mit seiner Elmauer Rede eine Analyse des ausgehenden kurzen 20. Jahrhunderts – von dem viele sagen, es ginge lediglich von 1917 bis 2001. Wer diese melancholische Eloge in Form und Darstellung nicht zu lesen vermochte – ausgerechnet als Journalist!, wie Assheuer und Mohr es sind, also im Umgang mit Texten doch geübt –, da steigert sich bei mir der Verdacht auf, daß hier ganz bewußt ein Eklat provoziert werden sollte. Jener unangenehme Gestus, unliebsame Gedanken nicht in ihrem Inhalt zu kritisieren, sondern mit Moral zu diskreditieren. Vom Umschalten des Moraldiskurses auf Agitation ist es ein kleiner Schritt, wie Sloterdijk bemerkte.

Bereits 1999 über den Medienswitch nachzudenken – jenem Jahr, als die modernen Medien zum Tigersprung ansetzen und die Welt umkrempelten –, darüber 1999 nachgedacht zu haben und mit Gespür am Puls der Zeit zu sein, ist Sloterdijks Verdienst. Sein Sensorium für Krisen und Konstellationen war immer schon gut ausgeprägt, und er fand für diese Krisen oft witzige und kluge Formulierungen: angefangen bei seinem Buchtitel „Kritik der zynischen Vernunft“, das 1983 seinem Denken zum Durchbruch verhalf. Wenige Philosophen, deren Bücher sich lesen ließen, ohne den Werkzeugkasten Philosophie und das gesamte Gepäck der Tradition mitschleppen zu müssen – was nichts gegen die Tradition sagen soll, ganz im Gegenteil, sehr wohl aber ein Plädoyer ist, Philosophie in einer Form darzubieten, die auch für Laien gut verständlich ist. Davon gibt es in Deutschland nur wenige Philosophen. Martin Seel gehört mit einigen seiner Bücher dazu, ebenfalls Michael Hampe mit „Das vollkommene Leben“ und „Tunguska oder das Ende der Natur“.

Ja, Sloterdijk ist unterhaltsam, insbesondere, wenn man ihn live auf Sendung oder im Literaturhaus erlebt. Ein „Denker auf der Bühne“ – jener Buchtitel, den er für Nietzsche und seinen Materialismus konzipierte, trifft ebenfalls auf ihn selber zu. Wer sich treibend in Sloterdijks Philosophie auf unterhaltsame und zugleich geistreiche Art einlesen möchte, der greife sich seine Tagebuchnotizen „Zeilen und Tage“. Allein ein im Grunde simpler Eintrag wie dieser ist köstlich beobachtet, weil er eine Essenz der Spätmoderne trifft wie auch ihre spezifische Differenz zum Vergangenen klar zeichnet:

„Kannst du dir Hegel vor dem Fernseher vorstellen? Mit der Fernsteuerung in der Hand, wie er beim Umschalten erstarrt, sobald er nach Mitternacht auf einen Schmuddelsender gerät, in dem für Anrufe bei extremfeuchten Girls geworben wird, die keuchend Telefonnummern nennen? Was für Fragen in ihm aufkommen würden? Wie er seinen Begriff vom ‚Wesen‘ modifizieren müßte, um mit einem solchen Zuwachs an ‚Erscheinung‘ zurechtzukommen?“

Dem Zeitgeist zumindest war Sloterdijk stets auf der Spur, und insofern gehört er zu den ganz und gar gegenwärtigen Philosophen, die immer wieder Debatten anstoßen. Selbst 2009 in jenem Text von der Revolution der gebenden Hand. Ärger zumindest verstand er zu erregen, insbesondere mit seinen Thesen zur Ökonomie und Fiskalpolitik. Das hielt ich damals für unangemessen und lese es auch heute noch mit argem Stirnrunzeln. Andererseits kann man dieses Konzept von Geben philosophisch auf eine andere Ebene bringen und wäre womöglich schnell bei Derridas Ethik der Gabe – insbesondere in meinen poststruktural-kritisch-theoretischen Kreisen eine beliebte Denkfigur. Wie immer stellt sich bei solchen Positionen des Denkens die Frage nach der Perspektive: Von welchem Platz aus schaue ich auf die Lage? Dies soll kein Plädoyer für einen ungezügelten Relativismus sein, jedoch durchaus eines dafür, unseren Horizont der Reflexion mitzudenken.

Sicherlich läßt sich Sloterdijks Skizzierungen zum Menschenthema im Rahmen einer Anthropologie kritisieren: Nämlich als eine Art Ontologisierung des Mängelwesens Mensch, das die konkreten sozialen Umstände mißachtet. Darin hat Sloterdijk, der sich einst von der Kritischen Theorie her der Gesellschaft näherte, die Geschichtsphilosophie über Bord geworfen. Mit der Kritischen Theorie brach Sloterdijk und erklärte sie 1999 für tot – nicht ganz unberechtigt und darin mit ideologisch so unterschiedlich denkenden Kollegen wie Christoph Türcke und Gerhard Bolte durchaus übereinstimmend:

„Darf ich notieren, was ich jetzt sehe? In ihrer älteren Version (Adorno) war die Frankfurter Schule ein gnostischer George-Kreis von links; sie lancierte die wunderbar hochmütige Initiative, eine ganze Generation in verfeinernder Absicht zu verführen. Sie löste eine tiefe Wirkung aus, die wir unter der Formel vom Eingedenken der Natur im Subjekt zusammenfassen können. In ihrer jüngeren Version (Habermas) war sie ein in Latenz gehaltener Jakobinismus – eine sozialliberale Version der Tugenddiktatur (in Verbindung mit journalistischem und akademischem Karrierismus).

Hegel hatte das Wesen der terreur darin erkannt, dass in ihrem Dunstkreis der Verdacht unmittelbar in die Verurteilung übergeht.“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Solche wie Sloterdijk waren und sind unabhängig genug, um diesem Schicksal zu entgehen. Und wir Nietzscheaner tun uns sowieso mit Seilschaften schwer, die lediglich den eigenen Karrierismus samt Karriere befördern sollen. Deutschland besitzt nur wenige inspirierende Philosophien, die frei denken und manchmal auch übers Ziel hinausschießend. Und gehört nicht dieses überstürzte Denken, wie Marcus Steinweg es in Anlehnung an Nietzsche nennt, zur Philosophie unabdingbar dazu? Eine Philosophie, die wagt, sich aussetzt, manchmal auch dem Scheitern eines Gedankens sich exponiert. Was wiederum ihren melancholischen Anteil begründet. Alles Gute, Peter Sloterdijk, zum 70. Geburtstag, in kämpferischer, kritischer Entschlossenheit: Peter, der Kampf geht weiter!

PS: Eine schöne Würdigung in der „Berliner Zeitung“ schrieb heute Dirk Pilz.

O sancta simplicitas – der Gutsherr hat‘s wieder getan

Unser Affirmateur aus Karlsruhe, ein wenig mit dem dicklichen Füßlein aufstampfend: „Warum ich doch recht habe“, so lautet die Überschrift in der „Zeit“ vom 2. Dezember, das Thema der freiwilligen Geldabgabe der Reichen erneut aufgreifend. Sloterdijk kann es nicht lassen. Auch dreimal falsch Geschriebenes wird beim vierten Mal und somit bei der dritten Wiederholung nicht richtig. Insbesondere seine Kritik am Text Marx gerät in diesem Beitrag über die bloße Denunziation nicht hinaus. Es ist dieser Artikel die Zeit nicht wert, sich damit weiter zu beschäftigen. Das Gute jedoch: das Konzept widerlegt sich mit einem einzigen Satz selbst:

„Sobald man der Auffassung zuneigt, der demokratische Rechtsstaat sei eine politisch-ethische Struktur eigenen Wertes und nicht nur die Maske von ‚Kapitalherrschaft‘, führt kein Weg daran vorbei, sich über die Möglichkeiten einer Ausweitung des vierten Modus von Geben und Nehmen (eben der schenkenden, herrschaftlichen Geste des Expropriateurs, Anm. Bersarin) im Verkehr zwischen Staat und Gesellschaft Gedanken zu machen.“

Genau: dieser zweiten Auffassung, der Maskierungsthese neige ich im großen und ganzen zu.

Sloterdijk – und kein Ende

Eigentlich ist ja alles gesagt und geschrieben, und es ist müßig, weil‘s sich im Kreise dreht. Auch sind die Namen der Protagonisten am Ende und im Resultat egal, weil es sich um die reine Bewegung der Theorie bzw. der After-Theorie handelt, und so verhält es sich auch mit dem Autorennamen Franz Sommerfeld, welcher in der Ausgabe der Berliner Zeitung vom 12.11. einen Text schrieb mit dem Titel. „Die neuen Sozialliberalen. Peter Sloterdijks Fragen nach den ethischen Grundlagen des Sozialstaats sollte man nicht mit überlebten Antworten abwürgen.“

Es sei zur Erheiterung für diejenigen unter meinen Lesern, welche der „Berliner Zeitung“ nicht teilhaft werden können, daraus ein wenig zitiert:

„Sloterdijk geht es vielmehr darum, die ethischen Grundlagen des modernen Steuerstaates zu hinterfragen: Wie hoch darf der Staatsanteil sein? Woran wird er gemessen? Was ist sozial gerecht? Muss man sich guter Bezahlung für gute Leistung genieren, weil eine Reihe von Investmentbankern jedes Maß verloren hat?

Diese Fragen des ewigen SPD-Wählers Sloterdijk werden viele der 6,3 Millionen FDP-Wähler ähnlich stellen; 17 Prozent der unter Dreißigjährigen haben bei der Bundestagswahl liberal gewählt. Ein genauerer Blick in die Untersuchungen zur Wahl zeigt zudem, dass hier keine Generation kaltherziger Neoliberaler heranwächst, sondern junge, durchaus sozial eingestellte Pragmatiker, wenig ideologisch gesteuert und natürlich ökologisch verantwortungsbewusst. Vielleicht lassen sie sich als ‚neue Sozialliberale‘ charakterisieren, auch wenn der Begriff geschichtlich besetzt ist. Zwischen den App-verliebten I-Phone-Fans und den Fortschrittsgläubigen der 1970er-Jahre gibt es mehr Parallelen, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Eine größere Nüchternheit ist allerdings in Fragen der Machbarkeit entstanden, nicht nur aus finanziellen Nöten.“

[…]

Mit dem Rückgang fester Arbeitsbeziehungen und der Entwicklung eines Marktes von freien Beschäftigten verändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und schließlich auch die Einstellungen. Wer unter schwierigen Verhältnissen auf seine Leistung stolz ist, hinterfragt den Sinn seiner Abgaben an den Staat naturgemäß eher.

[…]

Es gehe darum, schreibt Sloterdijk, den Leistungsträgern ‚als Gebern‘ Genugtuung zu verschaffen und den Bruch mit der staatlichen Mangelpflege einzuleiten.

[…]

Die Beschäftigung mit den tatsächlichen Verhältnissen ist der erste Schritt zu ihrer Veränderung. Dahinter gibt es kein Zurück. Wer versucht, mit alten Mustern Diskussionen abzuwürgen, der scheitert. Das haben Axel Honneth und Christoph Menke erfahren müssen, zwei der renommiertesten Kritiker Sloterdijks, als sie dessen Anstöße – wie der Literaturwissenschaftler und Merkur-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer spitz bemerkte – als faschistoid brandmarkten. Doch die so bewährte und beliebte ‚Antifa-Keule‘ versagte den Dienst. Der Geist der Zeit, schreibt Sloterdijk, sendet neue Signale. Es wäre fatal, sie nicht empfangen zu wollen.“

Sloterdijk hält also ein solches Plädoyer für die Abschaffung des Steuerstaates, weil er eine Kritik formulieren möchte, die ein fiskalpolitisches Umdenken anregen will. Dies mutet doch seltsam an und erinnert ein wenig an jenen von Heinrich Heine in seinem Aufsatz „Religion und Philosophie in Deutschland“ im Hinblick auf Kant genannten Freund aus Westfalen, der auf der Grohnderstraße zu Göttingen alle Laternen zerschlug und dort im Dunkeln eine Rede über die praktische Notwendigkeit der Straßenlaternen hielt. Nur daß es bei Sloterdijk dann beim bloßen Zerschlagen der Laternen geblieben ist.

Wenn es Sloterdijk darum ginge, eine ernsthafte Kritik zu führen, so hätte diese woanders ansetzten müssen. Gerade die bestens versorgte (steuerzahlende) gehobene Mitte der Gesellschaft kann Gegenstand von Kritik nur sein, indem diese gehobene Mitte, welche einen Niedriglohnsektor erst möglich machte, samt ihren Praktiken selbst in den Blick genommen wird.

Interessant natürlich auch die Wendung von den „alten Denkmustern“. Da die Ewig-Gestrigen, die obligatorischen Frankfurter, hier die Neue Mitte. Diese aus der Klamottenkiste von PR-Agenturen hervorgekramte Allerweltsformel „alte Denkmuster“ zeigt deutlich, wohin die Reise tatsächlich geht: Begriffe wie Gerechtigkeit gehören in den Augen jener Umverteiler vielleicht nicht völlig abgeschafft, es müssen in ihrer philosophischen Feinmechanik aber einige Schrauben und Windungen neu justiert werden, so daß sich am Ende eine qualitative Veränderung ums ganze ergibt. Es geschieht die Neukonstruktion von Realität nicht nur mittels Sprache, sondern auch auf der Ebene der Fakten.

Daß in Sommerfelds Text – nebenbei bemerkt – Begriffe wie sozialliberal und Sozialdemokratie im Zusammenhang mit solchem Denken benutzt und umgepolt werden können, zeigt den tiefen, sehr tiefen Fall der Sozialdemokratie aufs trefflichste an. (Ich mag nicht einmal mehr darüber spotten, weil es in der Tat nur noch eine Tragödie ist, die sich momentan auf dem Parteitag als Farce wiederholt.)

Im übrigen aber erledigen sich diese ganzen Dinge sehr zügig, wenn man, gut an Hegel geschult, die gebrauchten Begriffe daran mißt, was sie unter sich befassen und ihre Stellung zur Wirklichkeit ausmacht sowie das darlegt, was sich in ihnen sedimentiert. Dies fängt bei einem so feinen Begriff wie dem des „Leistungsträgers“ an. Bereits hier zeigt sich, wie die gesellschaftlichen Wertschätzungen verteilt sind: die einen leisten und die anderen arbeiten eben oder bemühen sich, an Arbeit zu gelangen. Für den kargen Lohn haben sie Dankesbezeugungen zu erbringen: „Danke, für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück.“ Zum Dank fürs Danken empfangen sie dann die Geschenke, welche ihnen huldvoll dagereicht werden. (Ich will aber gar nicht so sehr das Lob dieses kleinen Mannes, des Malochers oder des Nicht-Malochers singen, denn dieser ist, in seiner Weise freilich, nicht einen Deut besser als sein Gegenstück. Im Grunde empfängt er also genau das, was er verdient.)