Handkes Nobelpreis. Oder Der „Fall Handke“ ist ein „Fall Medien“

Handke hat ihn nun! Findet Euch damit ab! Da kann das Spiegel-Pin-up-Girl fürs Gekreische, da kann jene Jagoda Marinic, die Handke mit Höcke verglich, und da kann die Alida Bremer, die in dieser Debatte nicht ein Wort über Franjo Tudjman verlor, aber gerne den Namen Milošević, im Munde führt, noch so viel wüten. Und da kann Saša Stanišić in Frankfurt zur Buchmesse noch so viel Falschmeldung verbreiten. Sie kommen nicht ran, sie konnten es auch mit tausend Gerüchten nicht verhindern: daß Handkes Dichtung des Nobelpreises würdig ist.

„Und zur Zeit der Fels-und-Baum-Bilder, dreißig Jahre später, sagte er [Cézanne]: ‚Es steht schlecht. Man muß sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.'“ (Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire)

Diesen (Bild)Verlust inmitten einer voranschreitenden Moderne festzuhalten, ist nach Handke die Aufgabe des Dichters und darum ging es ihm ebenso in seiner Preisrede in Stockholm. Ja, es ist eine subjektive Poetik, die Handke entwickelt. Handke spricht in seiner Rede von einem Ich, spricht von sich und zugleich ist dieses vom Erzähler erzählte Ich ein erzählerisches Ich, das da spricht und also ein Teil der Erzählung – sich selbst erzählend und dazu die Möglichkeiten des eigenen Wahrnehmens. Nicht anders als Max Frischs „Montauk“ eben doch auch ein Wahrsprechen innerhalb der Literatur meint und das vermeintlich Authentische, dem sich Dichtung irgendwie approximativ oder im tolldreisten  Salto Mortale eines Friedrich Heinrich Jacobi („Erlebnis des Sprungs“, Handke, Die Lehre) annähern will, bleibt in der Vermittlung und ist Vermitteltes. Das Verhältnis von Erkenntnis und Bild bestimmt die Prosa Handkes in diesen Jahren und teils noch bis heute. Das Bild als eine Möglichkeit, die erzählerisch zu retten ist, und als die wahre Erkenntnis, als die poetische Erkenntnis und das Bild auch als Flamme des Bewußtseins wollten bereits die Surrealisten bannen, schreiben und zugleich freisetzen, so etwa Louis Aragon Mitte der 1920er in „Le Paysan de Paris“.

„Ich bin aufgewachsen in einer kleinbäuerlichen Umgebung, wo es Bilder fast nur in der Pfarrkirche oder an den Bildstöcken gab; so habe ich sie wohl von Anfang an als bloßes Zubehör gesehen und mir von ihnen lange nichts Entscheidendes erwartet. Manchmal verstand ich sogar Einrichtungen wie die religiösen oder staatlichen Bilderverbote, die ich dann auch mir, dem bloß abgelenkte Hinblickenden, gewünscht hätte. War ein in das Endlose fortsetzbares Ornament, indem es mein Unendlichkeitsbedürfnis ansprach, weiterleitete oder bekräftigte, nicht das richtige Gegenüber?“ (Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire)

Handke ist ein Beobachter, er ist ein Fragender. Handke sucht und er zweifelt. Und er macht etwas in seiner Prosa, was nicht unbedingt mehr üblich ist: er feiert die Schönheit. Die freilich liegt nicht immer offen zutage. Und auf seinen Balkanreisen, die Handke in seinen beiden Texten aus dem Jahr 1995 und 1996 beschrieb – nämlich „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, ein eher literarischer und wenig polemischer Text nebenbei, sowie dem „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterliche Reise“ findet sich dieses Schöne nur noch in ganz und gar ephemeren Szenen, etwa beim Abendessen, wenn Handke mit seinem Reisebegleiter bei dessen Eltern in einem fernen Dorf sitzt. Auch hier geht es um Bilder und Szenen, die Handke irgendwie festhalten möchte, ein anderes Jugoslawien.

Doch die Realität, auch die der medialen Darstellung bricht das Schöne. Wie also dabeisein und sehen?

„Denn was weiß man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern-)Sehbeteiligung ist? Was weiß man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissensbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann? Was weiß der, der statt der Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt oder, wie in den Fernsehnachrichten, ein Kürzel von einem Bild, oder, wie in der Netzwelt, ein Kürzel von einem Kürzel?“ (Handke, Winterliche Reise, S. 43)

Diese fragende Position Handkes, die in ihren Beobachtungen oft am Anschein und an dem in den Medien Dargestellten zweifelt, findet sich nicht nur in seiner Prosa, sondern ebenso in der prominenten, von Stanišić auf der Buchmesse genannten, Višegrad-Szene mit den barfüßigen Freischärlern, unter anderem jenem als Kriegsverbrecher verurteilten Milan Lukić. Handke fragte im Juni 1996 nach, was bei diesen Massakern, genau dort vor Ort und hinreisend, geschehen ist. Dabei kritisiert er insbesondere den Journalisten Chris Hedges, der mit seiner Reportage in der New York Times vom März 1996 Suggestionen erzeugt und Geschichten schreibt, die auf Sensation aus sind. Diese Art der Darstellung hinterfragt Handke in dieser Passage in Sommerlicher Nachtrag.

„Wenn man schon im ersten Satz eines so genannten Berichts die Tendenz und das Ressentiment spürt – für mich ist das unerträglich.“ (Handke, Der Standard, 10.06.2006, zit nach: Struck, Lothar, Der mit seinem Jugoslawien)

Handke bezweifelt eine bestimmte Form der Berichterstattung über Jugoslawien, insbesondere in der FAZ und im Spiegel in den 1990er Jahren. Handke zweifelt nicht an den Greueln an sich, er schreibt explizit, daß diese stattfanden, sondern an der Art und Weise, wie solcher Mord dargestellt wird. Dies geschieht freilich von einem subjektiven Blick her, dem des Reisenden, des Schriftstellers – und das ist Handkes gutes Recht als Privatperson und Autor. Wer Handke vorwirft, daß er Massaker oder gar Genozide leugnet, muß dies an belastbaren Textstellen in diesen Aufsätzen vornehmen. Und es sollte bei solchem Verfahren auch nicht der Kontext solcher Stellen außer acht gelassen werden: daß es sich nämlich in vielen dieser Passagen explizit um eine Medienkritik handelt.

Gleich im Anschluß an diese Massaker-Stelle im „Sommerlichen Nachtrag“, wo Handke von der „Tötung in der hiesigen Muslimgemeinde vor ziemlich genau vier Jahren“ schreibt, bezieht er sich auf jenen Bericht von Hedges. Auch ich habe diesen Bericht gelesen und finde dort eine suggestive Sicht: Emotionalisierungen und Storytelling – die Brücke von Višegrad im smaragdgrünen Wasser, ein Massenmörder, der auch mal barfuß durchs Dorf läuft:

“In Višegrad there is a graceful 400-year-old bridge, hewn of large off-white stones, that spans the emerald-green waters of the Drina River.”

Das ist für einen journalistischen Text Sprachkitsch, Hedges schreibt als Journalist fürs Gefühl, und das kritisiert Handke.

“The steep wooded hillsides that plunge to the river have for centuries also produced killers of appalling magnitude. Mr. Lukic, along with his group of some 15 well-armed companions, was the latest, according to more than two dozen survivors and witnesses.”

“Mr. Lukic, who often went barefoot, called the group the Wolves.”

Solche Zeitungsberichte und darin besonders der Stil sind es, die Handke ärgern. Hier wird mittels „Schreibe“ ans Gefühl appelliert und dieses Emotionalisieren, um Parteinahme für eine komplexe Sache zu schaffen und sie in diesem Zuge zu simplifizieren, ist der Relotius-Journalismus, den heute alle plötzlich niemals gewollt und von dem wir nichts gewußt haben wollten. Chris Hedges lieferte für solchen schlechten Stil die Blaupause. Das Prinzip ist alt und Handke hat mittels Chris Hedges‘ Story ein Problem benannt, das bis heute nachwirkt. Die dort verübten Verbrechen sind ohne Frage schlimm. Doch die Art, sie auszuschlachten und immer wieder nur auf eine Seite hin zu fokussieren, ist journalistisch fragwürdig.

Ich  verstehe nach der Lektüre und dem Stil solcher Reportage, was Handke mit den eingeflogenen Manhattan-Journalisten meint. Meine Kritik an Handke geht freilich in eine andere Richtung: Er steht vor diesem Text von Hedges hilflos und wie ein gebanntes Kind. Karl Kraus hätte diesen Hinterwäldlersinn aus den „steep wooded hillsides“ und dem „smaragdgrünen Wasser“, mit denen politische Emotionen gebastelt werden, von seiner Sprache her gnadenlos zerlegt. Das sind Dinge, die im Journalismus nichts zu suchen haben – nicht erst seit Relotius. Karl Kraus verfolgte, ganz zu recht, das Ausleben der kriegerischen Stimmung, seien das Reporter wie die blutrünstige Alice Schalek oder aber Hugo von Hofmannsthal, der sich einen bequemen Platz in der Schreibstube ergattert hatte: wenn man mit seinem Arsch im Warmen sitzt und den anderen Patriotismus und Heldenmut anempfiehlt, so trompetet es sich ungemein leicht kriegerisch wie patriotisch.

Karl Kraus bespottete solchen Heldenmut am Schreibtisch:

Auszeichnung eines Überlebenden

Er hat den Graben mit kühnem Handstreich genommen,
doch zerfetzt ist er auf dem Platze geblieben.
Der Siegfried, der es gehört und geschrieben,
hat dafür das Verdienstkreuz bekommen.

Handkes Text hingegen wird von Melancholie, Trauer und einer stillen Wut, aber nicht von der beißenden, harten Sprachkritik getragen, wie sie Kraus pflegte. Man mag dies Handke ankreiden, aber auch solcher Vorwurf ist insofern unredlich, weil wir Handke nicht an Ansprüchen messen können, die nicht die seinen sind. Kraus ist Kraus und Handke ist Handke. Sein Fragen ist ein anderes und dieses sollten wir zunächst mal versuchen zu begreifen.

Dieser Umstand, daß es sich bei dieser geschilderten Szene um eine, wenn auch wenig subtile, Medienkritik handelt, wird in der Bewertung Handkes meist ausgeblendet. Manchmal ist Handkes Sprache zwar drastisch, wenn er etwa den „nach Višegrad hinter die bosnischen Berge geheuerten Manhattan-Journalisten“ und damit eben die Variante des Journalismus kritisiert, der anschaulich zuspitzt und als Helikopter-Journalismus irgendwo einfliegt, um nach ein paar Schnappschüssen wieder fort zu reisen. Aber bei dieser Art teils suggestiver und einseitiger Darstellung, wie sie etwa in Deutschland In den frühen 1990ern prominent beim damaligen FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller erfolgte, ist ein gewisser Ton von Polemik verständlich.

Handke schreibt als Einzelner, er schreibt keine Medien-Studie zum Stand der Berichterstattung von Zeitungen im Jugoslawien-Krieg, sondern er berichtet subjektiv – als Autor und Reisender. Wer  eine konkrete Medienkritik zu dieser Art von Berichterstattung lesen möchte, der greife zu Jörg Becker/Mira Beham: „Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod“, im renommierten Nomos Verlag erschienen.

Ebenso scheitert die ausgewogene Darstellung, wenn man jenen Satz Handkes bei der Pressekonferenz am Freitag in Stockholm auf die Frage eines Journalisten nimmt, „ob er die Fakten der internationalen Kriegsverbrechertribunale über u.a. das Massaker in Serbien anerkenne und warum er sie nicht in seinen Büchern niederschreibe“ (Zitat nach „Kurier“) Handke antwortete: „Und ich sagen Ihnen allen, die hier Ihre Fragen stellen wie dieser Mann. Ich bevorzuge Toilettenpapier, einen anonymen Brief mit Klopapier, gegenüber ihren leeren und ignoranten Fragen. Ich nehme den Anlaß wahr, um mich für diese wundervollen Briefe, die ich nicht beantworten konnte, zu bedanken. Das war eine wundervolle Sache.“

Dies bezog sich auf Handkes vorhergehende Äußerung, daß er zahlreiche ermutigende Briefe von Lesern herhalten habe und nur einen einzigen anonymen Brief auf Toilettenpaper mit Kot: „a calligraphy of shit“ so Handke. Und diese Antwort bezog sich auf die Frage nicht von irgendeinem Journalisten, wie man vermuten könnte, wenn man die zahlreichen Berichte liest, sondern der Frager war Peter Maass, ein – nun ja -Journalist, der vor einigen Wochen einen denunzierenden Artikel über Handke verbreitete. Weiß man diesen Kontext nicht, könnte man annehmen, ein Choleriker säße dort. Kennt man die Hintergründe, bekommt diese Wut von Handke eine etwas andere Dimension.

Und genau das gleiche geschieht in einer Nachrichtensendung, von der eigentlich eine gewisse Ausgewogenheit im Bericht und eine Nachricht und keine Meinungsmache zu erwarten sein sollte: nämlich gestern, am 9.12. um 20 Uhr die Tagesschau. Doch weit gefehlt. Das  Zitat wurde aus dem Kontext gerissen, nicht eine Silbe dazu, an wen diese Antwort erging. Mindestens hätte man sagen müssen: „Handke antwortete dem Journalisten Peter Maass, der ihn einige Tage zuvor scharf angegriffen hatte“. Schon mittels dieser neutralen Meldung würde diese Antwort Handkes begreiflicher. So aber wird durchs Auslassen von Kontexten. bewußt eine bestimmte Stimmung erzeugt. Ebenso wurde Handke in der Tagesschau, in derselben Meldung gestern, unterstellt, daß er sich auf die Seite der serbischen Machthaber schlüge, was schlicht und ergreifend nicht stimmt und eine Falschbehauptung ist. Was die Tagesschau betreibt, ist keine objektive Berichterstattung, sondern hier werden dem Publikum Meinungen in den Kopf gesetzt. Manchmal muß man in der Tat Nachrichten zusammenfassen und vereinfachen. Aber wenn es schon mir, einen Fernsehlaien, gelingt, Meldungen zu schreiben, die einen gewissen Grad an Ausgewogenheit zeigen, dann frage ich mich schon, weshalb Profis das nicht machen.

Und immer wieder die „Müttern von Srebrenica“. Ja, was in Srebrenica geschah, ist entsetzlich, es war ein Massenmord. Es war dies schrecklicher Auswuchs eines verhängnisvollen Krieges, der freilich nicht wie ein unheilvolles Schicksal über die Menschen hereinbrach, weil böse Serben das Land überrollten, sondern dieser Krieg samt Massakern und grausamer Vernichtung auf allen Seiten entstand aus einer bestimmten Situation heraus. Und da waren vielfach Serben die Täter, aber eben nicht nur.

Doch Handke ist kaum für diesen Krieg verantwortlich, und insofern ist mir jene Wut und jener Haß, der sich bei Teilen der Öffentlichkeit und besonders bei Journalisten auf Handke entlädt unverständlich. Die „Müttern von Srebrenica“ und all jene, die da gegen Handke protestieren, täten gut daran, ihre Proteste genauso an die USA und an Deutschland zu adressieren, ebenso sollten sie den (toten) Kriegsverbrecher Franjo Tudjman anklagen und sie täten ebenso gut daran, die serbischen Opfer mitzunennen. Aber lieber legt man sich mit Handke an statt mit dem IWF, mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, die unter den Reaganomics entstand, die unter anderem mitverantwortlich für die Ethnisierung des Sozialen war und ebenso die vorzeitige und unsinnige Anerkennung Kroatien durch die BRD, was den Konflikt noch weiter verschärfte. Es gab also viele Faktoren und Handkes Kritik richtete sich gegen eine allzu einseitige Schuldzuweisung.

Wer diesen  Krieg aufarbeiten möchte, sollte alle Seiten nennen und sich nicht nur die bequemste Sicht herausgreifen, die zudem gut  ins politische Narrativ der Offiziellen der BRD sowie zahlreicher Medien paßt, die dieses Narrativ dann als vierte Gewalt zu verbreiten halfen. Mit Handke kann man sich für all seine eignen Irrationalitäten und die journalistische Blindheit eine herrliche Sockenpuppe basteln, auf die man drischt. Besonders bei jenen Journalisten, die gerne die Seite der bösen Serben herausstrich (und ja: die Serben waren ebenfalls Täter), aber die Taten der anderen einfach wegließ. Daß da von den bosnischen Muslimen Krankenhäuser und Moscheen bewußt als Schutzschilde genutzt wurden, um von dort aus Artillerie-Beschuß zu machen, daß man Menschen als Schutzschilde einsetzte. Man lese nur in dem Sammelband „Serbien muß sterbien“ von Peter Brock den Text „Meutenjournalismus“. Genau diese dort beschriebenen Dinge kreidete Handke im „Sommerlichen Nachtrag“ an. Und wer, auch für Europa, in dieser Sache so etwas wie Versöhnung und Einsicht erreichen möchte, der muß sich viele Seiten und viele Berichte anhören. Pamphlete, Haß und Propaganda, wie dies Alida Bremer macht, trägt dazu kaum etwas bei.Und er muß, wie Handke, die Ohren und die Augen öffnen. Und wenn dies die andere Seite ebenso macht, dann kann man auch Handke befragen, was er zu den Verbrechen von Serben sagt. Zu denen er sich übrigens sehr deutlich bereits in der „Winterlichen Reise“ äußerte.Und um es auf den Punkt zu bringen: Der Jugoslawienkrieg ist kein Fall Handke, sondern ein Fall Medien. Damals wie heute.

Der Naschmarkt zu Wien, Donaukanal, Josefstadt und ein Handke-Nachschlag

Um nicht nur das Thema Handke und all die Denunziationen und die Nicht-Lektüren hier zum Thema zu machen, aber um doch irgendwie in Österreich zu bleiben, wenn auch nicht in Kärnten, sondern in Wien, spiele ich hier einige Photographien aus jener schönen und herrlichen Stadt ein.

Zu dem unseligen Artikel von Alida Bremer beim „Perlentaucher“ sei aber doch noch soviel geschrieben: Ihr Text ist voll von freien Assoziationen und Handke-Zitate werden bewußt dekontextualisiert. Bremer reißt aus dem Zusammenhang, um dann dasjenige an Deutung in ein vermeintlich inkriminierendes Zitat zu packen bzw. herauszukonstruieren, was ihr in den Kram paßt. Nach dieser Methode wäre auch Thomas Mann mit seinem Text „Bruder Hitler“ ein Nationalsozialist par exellence . Unter dem Nazi, unter dem Faschismus und Breivik macht es Bremer nicht. Suggestiv der gesamte Text und wenn man die Methode Bremer auf diese Frau einmal selbst anwendete, dann käme womöglich heraus, daß durch dieses Überdehnen des Nazi-Begriffes dieser entleert und damit zugleich verharmlost und relativiert wird, und wo der Nazi beliebig als Spielmarke eingesetzt wird, um andere zu diskreditieren, ist am Ende jeder oder eben niemand mehr ein Nazi bzw. ein Rechter. Den echten Nazis kommt das gut zupasse. Betreibt Bremer also das Geschäft der Nazis? Mit ihrer Methode zumindest entwertet Bremer den Begriff des Rechten und leert ihn aus.

Die Methode Bremers besteht, neben den üblichen und bei ihr inzwischen notorischen Denunziationen, in einer fehlerhaften Kontextualisierung von Zitaten, und darin liest Bremer dann genau den Sinn hinein, den sie bereits vorher hineinlegte. Hermeneutische Referenzrahmenbestätigung mithin. Daß sich all diese Passagen auch anders lesen lassen und auch so zu lesen sind, verschweigt diese Dame geflissentlich. Bereits im Auftakt ihres Textes zeigt sich die rhetorische Kläglichkeit ihres Unternehmens: daß dieser Text eben nichts als rhetorischer Klimbim ist. Im Heranzitieren einer Äußerung von MRR wird sogleich jegliche Kritik an einer (dazu noch unsachgemäßen) Handke-Kritik abgebügelt und gleichsam pathologisiert. Kritisiert man den Kritiker oder hier eben, die Kritikerin, so gehört man bereits zur Gemeinde.

Dabei gelingt es ihr im Sinne einfachster Recherche nicht einmal, Marcel Reich-Ranickis Literarisches Quartett korrekt zuzuordnen. Daß der Mann bereits 2013 tot war und also am 27. September 2014 (so in der Ursprungsfassung ihres Textes, bis heute morgen so online) kaum auf Sendung gehen konnte: geschenkt (inzwischen hat sie es korrigiert). Ebenso wie mit Zahlen geht sie mit den Zitaten um: ungenau und ausgedeutet nach ihrem persönlichen Gusto, so wie es in Bremers vorgefertigtes Schema paßt. Differenzierungen können da gar nicht erst auftauchen.

Kritik aber heißt unterscheiden und eine Sache zunächst einmal zu sichten. Das heißt nicht, Handke in jedem zuzustimmen. Das aber was Bremer macht, ist ein Tribunal. Ihr geht es um die Vernichtung eines Autors, indem etwa bewußt Zitate und Sätze Handkes aus dem Kontext gerissen werden und dazu dann ein rechtes Narrativ aufgefahren wird.

Die komplexe Geschichte des Jugoslawienkriegs, der in der Tat gut erforscht ist, löst sie in eine Richtung hin auf, nämlich die ihr in den persönlichen Abrechnungskram passende.

Lesen und Gelesenes begreifen/verstehen sind übrigens zweierlei. Vielleicht sollte dies irgendwer der Frau Bremer einmal stecken.

Und um es auf den Punkt zu bringen, und darin scheitert eben auch der Bremer-Text: Eine komplexe und überdeterminierte Angelegenheit wie die Prosa Handkes und auch dessen Essays bzw. Aufsätze  zu Jugoslawien werden reduziert auf einen einzigen Aspekt: Ein rechter Autor, ein rechter Denker. Jegliche Mehrdimensionalität wird in bewußter Entstellung exkulpiert. Solche Texte wie die von Bremer verhindert damit eine tatsächliche und sachliche Auseinandersetzung – das also, was sie vorgeblich anstrebt, wird vereitelt durch die Methode und die Thesen solcher Texte.

Flaneure mit System. Zu Peter Handkes 75. und Niklas Luhmanns 90. Geburtstag

„Die Essenz des fiktionalen Schreibens ist die Isolation.“ So sagte es der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen in einem Interview mit der NZZ. Ebenfalls, so möchte ich ergänzen, ist die Bedingung für wissenschaftliches Schreiben die Abgeschiedenheit. Hegelianisch gedacht ein reines Für-sich-sein. Doch kein Schreiben, kein Denken ohne Dialektik: um der Welthaltigkeit einer Theorie und um der Fähigkeit zur Erfahrung willen muß sich der Denker zur Welt öffnen. Die fensterlose Monade mag Resultat der Theorie sein, aber nicht ihr Ideal und schon gar nicht deren Voraussetzung im Denkprozeß. Hegel im übrigen war ein ausnehmend geselliger Geist und in solcher Geselligkeit kann sich das Denken prägen und entfalten, vor allem aber stößt es auch auf den Widerpart. Gedanken verflüssigen sich in den Gesprächen, im zweisamen Flanieren manchmal sogar, wenn man, wie es so schön heißt, über Gott und die Welt und die verschiedenen Theorien der Philosophen spricht.  Zwischen Freiheit und Systemzwang, zwischen Eros der Erkenntnis und einer blonden Haarsträhne.

Wie es der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann in der Frage des geselligen Austausches hielt, ist mir nicht bekannt. Er lebte eher zurückgezogen und folgte einem intensiven Schreib- und Arbeitsrhythmus, wie man dem Luhmann-Interview „Biographie, Attitüden, Zettelkasten“ in dem Merve-Gesprächsband „Archimedes und wir“ entnehmen kann. [Wer es eher persönlich und aus dem Nähkästchen geplaudert mag, wähle sich die drei Gesprächs- und Interviewbücher mit Luhmann, die im Kadmos Kulturverlag erschienen sind, um dem Systemtheoretiker sich zu nähern – ein weiteres Buch mit dem Titel „Niveau, wozu, wieso, Herr Luhmann? Problemorientierte Gespräche mit Niklas Luhmann“ erscheint im Oktober 2018.]

Geselligkeit also. Angeblich soll Luhmann mit Habermas Pingpong gespielt haben. Trotz jener hart geführten Kontroverse zwischen System- und Kommunikationstheorie. Eine legendäre Fehde, die die beiden so unterschiedlichen Denker Anfang der 70er Jahre austrugen, nachzulesen in jenem Band aus der „Theorie“-Reihe im Suhrkamp Verlag: „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?“. Weltreduktion gegen Vielfalt und Erfahrungsbegriff. Theorie gegen Theorie, Konzept gegen Design, kritische Beschreibung gegen Konstruktivismus:

„Die soziale Kontingenz sinnhaften Erlebens ist nichts anderes als ein Aspekt jener unermeßlichen Weltkomplexität, die durch Systembildung reduziert werden muß.“

So Luhmann in jenem Band. Lebenswelt gegen Systemwelt. Beides hat methodisch und im Erfahrungsreflex etwas für sich. Ich denke diese Aspekte nicht in der Logik des Entweder-Oder. Und insofern kann man auch die ansonsten unterschiedlichen Denker und Autoren Handke und Luhmann in eine Konstellation bringen. Theorien sind Versuche.

Ähnlich auch Peter Handke, wenngleich, folgt man dem kürzlich gesendeten Fernsehportrait und den Handke-Interviews, deutlich ungesellig: Jener einsame Flaneur, mit seiner Behausung in der „Niemandsbucht“ nahe Paris. Ein Seinsbezirk mit Garten, verwunschenem Haus, mit Schreibzeug und Bleistift, von dem aus der Dichter seine Spaziergänge startet, von wo aus er die Welt um sich herum erkundet. Ein ausgedehntes Spazieren, von den Rändern der Stadt – diese Peripherie als System und Grenze spielt übrigens ebenfalls, seltsame und eher unfreiwillige Parallele, in Shumona Sinhas Roman Erschlagt die Armen! eine Rolle. Und bei Luhmann sowieso, wenn es in seinem Grundlagenbuch „Soziale Systeme“ um die Grenze zwischen System und Umwelt ging. Nur ist das kein Spaziergang.

In Handkes Roman „Der Große Fall“ spaziert ein Mann, von dem der Erzähler dieser Geschichte berichtet, genauer gesagt, ein Schauspieler, vom Rand der Stadt hin zum Zentrum. Betrachtet, schaut, wie der Rand in die Stadt verfließt, was sich tut auf den Straßen, im Wald, im Park. Die Vorstadtregionen sind es, wo Landschaft und Stadt, Natur und Menschenwelt in eine Berührung geraten, sich ineinander verstricken. Der Autor beobachtet dies, aber es ist (meist) eine Beobachtung erster Ordnung: bei den Dingen selbst zu sein, sie in ihrer schönen Unerbittlichkeit aufzufassen, aufzuheben in die Literatur. Handke ist ein Phänomenologe des Dinglichen, einer freilich, der mit Poesie begabt ist.

„Mein Lebtag lang hat mir die Unnahbarkeit der Welt, ihre Unfaßbarkeit und Unzulänglichkeit, mein von ihr Ausgeschlossensein, am schmerzlichsten zugesetzt. Das ist mein Grundproblem gewesen. Ein Dazugehören, Teilhaben, Mitwirken war so selten, daß es ein jedes Mal ein großer Augenblick für mich wurde, zudem überlieferungswert. Das Weltwerden jeweils der Welt, der friedfertigen, das Biegen, Sicherstrecken, Farbwerden, der Natur wie der Zivilisation, war nicht nur Ereignis, sondern auch Moment von Erkenntnis: mit dieser Erkenntnis gäbe es keinen Krieg.“ (P. Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten)

Handkes Suche nach solchen Augenblicken. Literatur weist auch auf jenen Nicht-Ort, aufs Utopische nämlich. Das freilich unterscheidet Handke vom Skeptiker Luhmann, dem das Singen von der Schönheit der Welt lediglich ein Effekt der Kunst in der Moderne ist, auf alle Fälle einer systemtheoretischen Betrachtung wert, was bedeutet, nach der Funktion dieser Neigung zu fragen, und zwar unter den Bedingungen funktionaler Ausdifferenzierung: „Die Kunst der Gesellschaft“ ist eben keine Ästhetik, sondern eine soziologische Beschreibung.

Niklas Luhmanns 90er Geburtstag (inzwischen gestorben, nämlich am 6. November 1998) und Peter Handke, der Dichter, mit 75 Jahren noch am Leben und produktiv. Seltsames Band zwischen beiden. In einem einzigen Text kaum unterzubringen. Aber es reizen die Gegensätze und darin etwas zu entdecken, was verbindet.

Hinausgehen ins Unentdeckte, sich übersteigen, Disziplin in der Arbeit und jene Stetigkeit im Tageslauf. Handkes wunderbare Prosa, die auf den Moment zugeschnitten ist, berichtet von solchen Szenen, vom Alltäglichen und von der Arbeit des Schriftstellers im Besonderen, folgt ihm in den Nachmittag hinein. Den einen geglückten Tag zu suchen, um dabei – Beobachtung zweiter Ordnung – doch irgendwie das Schreiben selbst als Akt in den Blick zu bringen:

„Wann, anstelle des unendlichen Zickzacks draußen an der Peripherie, des zittrigen Grenzziehens an einer um so leerer wirkenden Sache, setzt du endlich, Satz für Satz, zu dem so leich-wie-scharfen Schnitt, durch das Wirrwarr in medias res, an, damit dein obskurer ‚geglückter Tag‘ beginnen kann, sich zu der Allgemeinheit einer Form zu lichten?“ (P. Handke, Versuch über den geglückten Tag)

„Ich habe von dem geglückten Tag keine einzelne Vorstellung, keine einzige. Es gibt allein die Idee, und das läßt mich auch fast verzweifeln, einen erkennbaren Umriß ins Bild zu rücken, das Muster durchschimmern zu machen, die ursprüngliche Leuchtspur nachzuziehen – von meinem Tag, wie ich es mir doch eingangs ersehnte, einfach und rein zu erzählen. Indem nichts als die Idee da ist, kann das Erzählen nur handeln von ebendieser Idee. ‚Ich möchte dir eine Idee erzählen.‘ Aber eine Idee – wie ist sie erzählbar?“ (P. Handke, Versuch über den geglückten Tag)

Diese Prosa umkreist, sie sucht und versucht die Sprache, schreitet, von Schwelle zu Schwelle, der Schriftsteller ist ein Schwellenkundiger, so Handke, und trägt zugleich Scheu vor der Schwelle. Diese Scheu, diese Furcht macht die Sprachkraft des Dichters aus, weil er imstande ist, diese Schwelle zu denken. Von ihr zu schreiben. Und so spaziert der Dichter entlang den Waldwegen, bis in die Pilze hinein.

Dem Theoretiker und dem Flaneur ist die Lust am Beobachten und am Entdecken gemeinsam – bis in die intimsten Regungen hinein:

„Das Leitsymbol, das die Themenstruktur des Mediums Liebe organisiert, heißt zunächst ‚Passion‘, und Passion drückt aus, daß man etwas erleidet, woran man nichts ändern und wofür man keine Rechenschaft geben kann. Andere Bilder mit zum Teil sehr alter Tradition haben den gleichen Symbolwert – so wenn man sagt, Liebe sei eine Art Krankheit; Liebe sei Wahnsinn, folie à deux; Liebe lege in Ketten. In weiteren Wendungen kann es heißen: Liebe sei ein Mysterium, sei ein Wunder, lasse sich nicht erklären und nicht begründen usw. All dies verweist auf ein Ausscheren aus der normalen sozialen Kontrolle, das aber von der Gesellschaft nach einer Art Krankheit toleriert und mit der Zuweisung einer Sonderrolle honoriert wird.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion)

„Die angestrengte Beobachtung des anderen auf jedes Zeichen hin, das er (absichtlich oder unabsichtlich) gibt als Hinweis auf eine Möglichkeit, ihm ein Zeichen der Liebe zu geben, gehört zu den wichtigsten Vorschriften der klassischen Liebesemantik. Die dem zu Grunde liegende Einsicht lautet, daß nur kontinuierliche Aufmerksamkeit und Dauerhandlungsbereitschaft im Blick auf den anderen wirklich Liebe zu symbolisieren vermögen.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion)

Das Wagnis Liebe, so Luhmann, erfordert eine tradierte Semantik, auf die sich die Liebenden – unbewußt und ungewußt – stützen können, sonst geschieht es nicht. Kein Ereignis ohne Semantik. Funktional, aber in der Theorie doch luzid und präzise, beschreibt Luhmann diese Irrungen und Wirrungen, die doch – für die Liebenden freilich unbewußt – einer Ordnung der Welt unterliegen. Liebe geschieht. Aber nach Regeln. Für die kostbare Poesie und die Ausdichtung dieses feinen Verhältnisses sind freilich andere zuständig, nicht mehr der statuarisch beobachtende Systemtheoretiker. Die Poesie der Liebe schreibt der Systemtheoretiker in kühler Prosa des Alltags als Verhältnis mit Systemzwang. Zwischen Zettelkasten, Schreibtisch und Mittagsessen. Doch die Haltung des Erzählers und die des Theoretikers ähneln sich insofern, weil sie den offenen Blick erfordern – das verbindet sie. Insbesondere einen derart intensiven Betrachter und Spaziergänger wie Handke.

Man kann in der Theorie wie auch in der Prosa flanieren.

„Endlich nur noch draußen, bei den Dingen, zu sein, das war eine Art von Begeisterung; es war, als wölbten sich dabei die Augenbrauen. Ja, den Namen los zu sein, begeisterte; man schien dadurch, wie der legendäre chinesische Maler, verschwunden im Bild …“ (Handke, Nachmittag eines Schriftstellers)

Nicht anders löst sich das Subjekt in der Systemtheorie auf.