Ostermarsch: Denken im Arsch

Lang ist es her, daß ich auf einem Ostermarsch mitlief – der letzte muß 1985 oder 1986 gewesen sein – und da bereits war die Luft schon gehörig raus und abgenutzt. Europa wurde inzwischen nachgerüstet und die Welt stand noch immer. Damals freilich ist nicht heute. Die Welt ist eine andere. Die Diktaturen im Ostblock sind zusammengebrochen, was manchen Linken aus der Fraktion KP bis heute schmerzt, und nonchalant wurde schon damals viel und laut über die DDR geschwiegen, während man bei den USA gar nicht aus dem Kritisieren herauskam. (Nein, ich gehörte als Westlinker nicht zu dieser Sorte, ich war durch Biermanns DDR-LPs und durch Reiner Kunzes und Christa Wolfs Prosa ganz gut informiert, in welchem der beiden deutschen Länder ich ganz gewiß nicht leben wollte.)

Egal wie – es waren andere Zeiten. Und wir haben inzwischen einen Putinismus und jenes Dritte Imperium, das Putin und die seinen zu installieren trachten: eine Mischung aus eurasischer Großraumphantasie, darin keine Demokratie vorgesehen ist – Gayropa, so spotten jene russischen Leader im Kreise Putins – sowie eine Form von Faschismus, der an Italien erinnert, gekoppelt mit Totalitarismus. Gnade uns Gott, wenn dieses System sich etabliert. Und nun also haben wir in Europa zum ersten Mal seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges einen Angriffskrieg und Kriegsverbrechen, wie es sie seit bald 77 Jahren nicht mehr gab – zumindest nicht in Europa und in diesem großen Stil. Die Rede Putins von der „Spezialoperation“ bekommt im Blick auf die Sonderoperationen der Wehrmacht hinter der Frontlinie einen völlig neuen Beiklang und eigentlich wäre dieser putinische Gewaltakt eine Steilvorlage für eine Friedensbewegung. Aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Und wie immer ist der Gegner nach dem alten Schema F, dem Muff und Ranz des abgelebten Weltbildes klar: es ist die USA. Die Friedensbewegung dieses Ostermarsches goutiert die Verbrechen Putins zu großen Teilen oder sie schweigt dazu.

Der heutige „Ostermarsch“ in Berlin lief genau so ab, wie ich es vermutete habe und wie ich es in meinem Text „Stört die Ostermärsche 2022!“ vor einigen Tagen schon schrieb: Man könnte nach den Redebeiträgen der Auftaktkundgebung meinen, die USA wären in die Ukraine einmarschiert und nicht etwa die Russen. Man könnte meinen, US-Soldaten stünden kurz vor Moskau und nicht etwa, daß Kiew von russischen Raketen getroffen wurde, daß die russische Armee kurz vor Kiew stand und daß die einstmals schöne Stadt Mariupol nun aussieht wie Grosny und Aleppo. Putin hatte ja bereits Blaupausen für das, was er dann in der Ukraine tat. Kein Wort dieser „Friedensfreunde“ zu dieser Vernichtung. Viel sprach einer der Redner von US-Hyperschallraketen und von bösen Nato-Waffen, die keinen Frieden schaffen (doch für die Ukraine tun sie es: sie vertreiben nämlich die Russen), aber so gar nicht sprach der Redner von russischen Raketen, die Zivilisten niedermetzelten und Wohnviertel in der Ukraine zerstörten: mithin die Heimat, die Wohnungen dieser Menschen. Nicht mit einem einzigen Wort wurde dieses Grauen erwähnt, stattdessen die alten, abgeschmackten, ranzige Feindbilder dieser ranzigen Redner, mit ihren ranzigen Stimmen und ihrem ranzigen Anblick.

Besonders tat sich das ehemalige DKP-Parteimitglied Christiane Reymann in ihrer Rede hervor: Kein Wort zu den Kriegsverbrechen der Russen an Ukrainern, kein Wort zu Russensoldaten, die Frauen vergewaltigen und schänden, kein Wort zu Putins expansiver Außenpolitik, kein Wort zur Krim-Annexion, kein Wort zum russischen Einsatz im Donbass, kein Wort zu den Kriegsverbrechen in Butscha, kein Wort zum zertrümmerten Mariupol – alles so, wie ich es bereits vorher schon vermutet hatte. Stattdessen aber viel von Natowaffen. Im Grunde ist selbst Butscha die Schuld der NATO, so hätte man nach dieser Rede denken können. Und so auch bei allen anderen Rednern, die ich bei der Auftaktkundgebung hörte. Es war nicht einmal mehr Äquidistanz, sondern teils krude Parteinahme für Putin. Von der russischen Zensur der Medien und daß es mittlerweile keinerlei Möglichkeiten in Putins Rußland gibt, sich frei zu informieren: kein Wort. Dazu daß vom Fleck weg in Moskau und anderen Städten Demonstranten verhaftet und verschlepppt werden: kein Wort.

Während hier in Deutschland in vielen Städten jene Kritiker ungeniert das freie Recht der Demonstration in Anspruch nehmen. Hätten diese Leute ihre Kritik, die sie an den USA und der Bundesregierung übten, spiegelbildlich in Moskau vorgetragen, nur eben diesmal gegen Putin: diese Leute wären vom Fleck weg arrestiert worden und verschwänden für Jahre im Lager – siehe nur, was mit den Frauen von Pussy Riot geschah und was bis heute mit Nawalny passiert. Kein Wort zu alledem. Ähnliches bei der Religionspädagogin Monika Auener, die sich mit den Relativierungen hervortat und siehe, da wurde das christliche Wort zur Phrase. Und ebenso Lühr Henken, der vieles zur USA und zur Nato und nichts zum russischen Überfall und den Gewaltverbrechen zu sagen wußte. Wie würde sich Lühr Henken wohl verhalten, wenn auf einer Demo ihn plötzlich fünf Neonazis niederschlügen? Würde er die unverhältnismäßig schwer bewaffnete Polizei verurteilen und den Einsatz eines Schlagstockes? Vermutlich nicht. Die Friedensbewegung hat fertig.

Und was war ansonsten auf dem Oranienplatz zu sehen? Eine Ansammlung seltsamster und trüber Gestalten, daß ich mich – gleichsam „Zurück in die Zukunft“ – wieder in den frühen 1980er Jahre wähnt: die Gemeinschaftskundelehrerin mit hennagefärbten Haaren, Wallewalletuch und Wolljacke, die zottelige Kirchentagsfrau, nur diesmal um 40 Jahre gealtert, der alte Zausellehrer mit dem grauen Bart, nur ohne schäbige Corshose diesmal. Aber auch junge Leute waren dabei, teils aus dem Junge Welt-Umfeld. Wer als Bizarrologe arbeitet, fand dort gutes Anschauungsmaterial. Viele Normalnaive auch darunter mit Allwetterfunktionsjacken. Viele DKP-Fahnen und SDAJ. Und gerne pflegt man die alten und liebegewonnenen Feindbilder. Wie in den guten alten Zeiten, als man noch den Süverkrüp und all den DKP-Sound hörte. In diesem Sinne liefen dort leider schlichte Menschen mit, die nicht dazu fähig sind, auch Ambivalenzen mitzudenken, Menschen, denen es nicht vergönnt ist zu begreifen, daß die alte Welt eine andere geworden ist und daß die Freiheit, die diese Leute in Anspruch nehmen und auf die sie zugleich spucken, in der Tat verteidigt werden will. Und das macht man nicht mit Gewehren von Spiele-Max und mit Platzpatronen darin.

Was mit den Ukrainern geschieht, wenn sie besiegt werden, das zeigen Städte wie Butscha, darin die Leichen liegen, von Russen erschossene Einwohner, das zeigt Irpin, aber auch Mariupol. Und das ist genau die Erfahrung, die auch die Polen 1939 machen mußten, als sie von Hitler besiegt wurden. Nachdem sie kapitulierten und als sie zwischen Russen und Deutschen aufgeteilt wurden, geschah das Grauenvolle und damit meine ich noch nicht einmal die Morde an den Juden, sondern lediglich den Umgang der Nazis und der Russen mit den Polen – als Stichwort sei nur Katyn genannt und der Mord an polnischen Intellektuellen und Wissenschaftlern durch russische Soldaten, und als weiteres Stichwort der gnadenlose Umgang der deutschen Besatzungstruppen mit den polnischen Untermenschen. Für diese Details der Geschichte und der Gegenwart hatten die „Friedensfreunde“ jedoch keinen Blick. Wie zu erwarten. Eine einzige Frau trug eine Ukraine-Fahne als Schild. Die Dame und ihre Begleiterin waren von der IG-Metal. Ich weiß nicht, warum die sich in diesen Zug verirrten. Sie glaubten wohl, Gutes zu tun. Dem ist aber nicht so. Wer bei solchen Demonstrationen mitläuft, mußt sich das Motto und den Geist oder besser Ungeist solcher Veranstaltung zurechnen lassen.

Doch gibt es auf jeder Veranstaltung auch diese geheimen Höhepunkte, von denen wir dunkel ahnen, daß sie kommen, aber von denen wir eben nicht genau wissen, wann und wo es geschieht. Man muß dabei sein, gleichsam der Kairos der guten Stunde, der Zufall der Situation. So geschah es mir. Ich ahnte freilich bereits, daß solches Ereignis passieren würde und habe ein wenig auch darauf gelungert und gehofft, und es kam der geheime Höhepunkt dieser morbiden Veranstaltung. Es fuhr der Lautsprecherwagen, wie es auf Demos üblich ist. Es wurden – ich ging zum Photographieren des Zuges und als forschender Bizarrologe auf dem Gehweg nebenher, damit mich von den Passsanten niemand für einen Mitmarschierer halten konnte, was freilich schon ob meiner schicken Harrington-Jacke ausgeschlossen wäre. Ich ging also mit Kamera, Auge und Ohr bewaffnet und da, es geschah, da stieg ein Lied. O reine Übersteigung! O Orpheus singt! O hoher Ton und ohne Übertreibung, da klangs, da war’s im Ohr! (Sie werte Leserin, erkennen Rilke, natürlich!, diese geschickt gesetzte Anspielung): Aber nein, es war ein hohler Ton, der da aus der Box klang: da wurden also aus einem der Lautsprecherwagen, ich wage es kaum auszusprechen, die „Bots“ gespielt: Der Song „Aufstehen“ erst und dann „Was wollen wir trinken*“ – ich spreche den Titel immer mit diesem holländischen Akzent aus, dieser Mischung aus Rudi Carell und Friedensbewegung. Es war zum Steineerweichen schlimm und spätestens ab diesem Punkt wünschte ich mir den Einsatz eines US-Marschflugkörpers oder wenigstens einer ukrainischen Bayraktar auf genau diesen Wagen. Andererseits: diese Waffen werden für Wichtigeres gebraucht.

Um mir nach derart viel naiver und traurig-dummer Weltsicht wenigestens etwas Gutes noch widerfahren zu lassen, ging ich in die Weinhandlung „Suff“ in der Oranienstraße und erstand schnell noch einen Grünen Veltliner für den heutigen Abend. Das bei weitem Beste an diesem Samstagmittag, neben dem Eis an der Eisdiele am Oranienplatz und dem Lob des Eisverkäufers zu meiner Harrington-Jacke.

Diese erste, unten gezeigte Photographie sagt eigentlich alles zu dieser Demonstration: Unter den Talaren, der Muff von 50 DKP-Jahren. Wenigstens der rote Rock da aus einem der Schaufenster, in der Oranienstraße photographiert, mit dem dieser Text auftaktet, bringt ein wenig Schwung in die Sache.

Zum Glück freilich gab es in Berlin-Mitte auch einen alternativen Ostermarsch, der den russischen Aggressor klar benannte. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist bei einem Kriegsfürsten wie Putin kaum möglich.

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*Sternchenfußnote: In einer Fußnote brächte ich hier noch an, daß dieses Bots-Lied auf jeder wirklich jeder Demo der 1980er Jahre, wo die DKP und die SDAJ dabei waren, aber auch kirchlich-friedensbewegte Gruppen mittaten, gespielt wurde, und zwar regelmäßig zum Auftakt der Demo. Aus diesem Grunde lief ich lieber bei den Autonomen des Schwarzen Blocks mit. Da erklangen wenigstens Slime und Ton Steine Scherben – wenngleich auch das im Rückblick mich nicht weise erscheinen läßt. Aber das waren eben die anderen Jahre, die wunderbaren Jahre der Jugend und junge Menschen dürfen manchmal diese Fehler machen. In diesem Sinne war ich heute auch froh, daß auf diesem Ostermarsch in Berlin nur wenige junge Menschen waren. Eher war es aus der Serie „Betriebsausflug des Altersheims und derer, die nicht mehr davongekommen und im Denken sich stillgestellt haben.“ Man kann dem auch mit Reinhard Mey antworten: Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für euch zu gehn!