Einer dieser überflüssigen Offenen Briefe und Serhij Zhadans bündige wie gescheite Antwort darauf

Und wieder einer dieser törichten und unausgegorenen Offenen Briefe von Prominenten, die diese Forderungen bitte in Moskau dem Putin-Regim vortragen sollten und nicht hier in Deutschland. Eigentlich müßte man solche Leute ignorieren, aber sie sind eben doch prominent genug und in aller Munde – anders etwa als der Narrensaum um Nach“denk“seiten, Albrecht Müller, Tom J. Wellbrock und all die anderen Verschwörungstölpel in diesem Umfeld.

Wenn dann jemand wie Lars Eidinger fabuliert „Ich werde an meinem Glauben festhalte: Es gibt keinen Frieden durch Krieg!“, dann sollte er sich die deutsche Geschichte einmal genauer anschauen. Auch hier wurde ein Aggressor nur gestoppt, weil er im Krieg besiegt wurde. Sollte Eidinger diesen Satz allerdings auf Putins Angriffskrieg bezogen haben, so stimmt er freilich. Dann aber ist es mir schleierhaft, warum Eidinger diese Offenen Brief mit unterzeichnet. Und ich sehe auch nicht, was so schwierig daran zu verstehen ist, daß der Krieg nur dann zuende ist, wenn Putin ihn abbricht und sich aus der Ukraine zurückzieht.

Der ukrainische Dichter Serhij Zhadan, der aus dem umkämpften und von Russen überfallenen Charkiw berichtet und im Oktober mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, antwortet in der ZEIT dieser Woche diesen Leuten treffend:

„Der offene Brief der deutschen Intellektuellen (ZEIT Nr. 27/22), in dem sie Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland fordern, enthält einige Passagen, die Verwunderung und Unverständnis, wenn nicht gar Entrüstung hervorrufen. Wenn die Autoren und Autorinnen des Briefes etwa schreiben: „Die Ukraine hat sich unter anderem dank massiver Wirtschaftssanktionen und militärischer Unterstützungsleistungen aus Europa und den USA bislang gegen den brutalen russischen Angriffskrieg verteidigen können“, so entsteht der Eindruck, die deutschen Intellektuellen hielten den Krieg für mehr oder weniger beendet oder doch immerhin das Schlimmste für ausgestanden. Als seien die Gebiete Cherson und Luhansk und Teile der Gebiete Charkiw und Donezk nicht besetzt, als würde Russland nicht tagtäglich ukrainische Städte mit Raketen beschießen, als würden nicht Tag für Tag ukrainische Zivilisten und Soldaten ihr Leben lassen. Die Ukraine verteidigt sich. Lassen Sie uns die Dinge beim Namen nennen: Dass Charkiw, Mykolajiw und Odessa noch immer in ukrainischer Hand sind und es dort keine Filtrationslager und Massengräber gibt, ist nicht der russländischen Gesprächsbereitschaft zu verdanken, sondern unserer Kampfbereitschaft und Widerstandsfähigkeit.

[…]

Die Verfasser des Briefes schreiben: „Die Fortführung des Krieges mit dem Ziel eines vollständigen Sieges der Ukraine über Russland bedeutet Tausende weitere Kriegsopfer, die für ein Ziel sterben, das nicht realistisch zu sein scheint.“ Was sie sich nicht trauen zu sagen: Wenn die Ukraine verliert, gehen die Opfer nicht in die Tausende, sondern in die Hunderttausende. Und das Blut dieser Toten haben jene auf dem Gewissen, die immer noch unbeirrt mit dem Bösen spielen und dabei allen Wohlergehen und Frieden wünschen.“

Und auch Liane Bednartz hat das, was nun zu tun ist, auf Facebbook gut auf den Punkt gebracht:

„Omaha Beach. Eigentlich muss man kein weiteres Wort zu den ahnungslosen Flaßpöhlers et. al verlieren. Das Omaha Beach dieser Tage heißt schwere Waffen in die Ukraine.“

Und weiter schreibt sie:

„Was wäre, wenn dort, wo Frau Flaßpöhler lebt, plötzlich russische Panzer vorbeikommen? Würde sie nicht auch wollen, dass sie ihre Freiheit behalten kann und nicht einer Diktatur unterworfen wird? Es ist vergleichbar.

Denn Irpin und Butcha sind gehobene Gegenden.
Wir sind auf dem Weg nach Irpin die Straße lang gefahren, auf der die groteske 64 km lange russische Panzerkolonne stand und Gott sei Dank von Ukrainern an ihrem Anfang zerschossen wurde und so nicht weiterkam.“

Die Frau unten im Bild ist Olena Kurylo, 52 Jahre, aus Charkiw. Es ist eines dieser Photographien, die zum Anfang des russischen Angriffskrieges um die Welt gingen. Es war der erste Tag des russischen Überfalls, als das Wohnhaus von Olena Kurylo zerschossen wurde. Zur Beseitigung von Nazis gehörte wohl auch und vor allem die Bombardierung und die Zerstörung ukrainischer Städte, insbesondere der Beschuß von Wohngebieten und Krankenhäusern, während im Gegenzug das Putin-Regime winselt, wenn Raketen auf russische Munitionsdepots in Rußland gehen. Olena Kurylo war mit Glasscherben bedeckt und dieses Glas verletzte ihr rechtes Auge schwer. Das mit Verbänden bedeckte, bandagierte, blutige Gesicht von Olena Kurylo war in zahlreichen Zeitungen zu sehen. Es wurde zu einem der ersten Sinnbilder dieses brutalen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Es ist freilich eines von den noch zeigbaren Bildern. Die schlimmen Photographien der auf offener Straße Erschossenen traute sich die Presse dann doch nicht zu zeigen. Man will wohl die Menschen in Deutschland in ihrer Ruhe nicht allzusehr verstören. Das Resultat sind dann solche naiven, dummen oder einfach nur törichten Offenen Briefe. Kurylo wurde in Polen operiert und sie arbeitet wieder Lehrerin zu arbeiten. Auch das kann Sinnbild für den Widerstand sein und für die ungeheure Tatkraft des tapferen ukrainischen Volkes, gegen den blutigen Lurch in Moskau Widerstand zu leisten.

Photo: Anadolu Agency/Wlfgang Schwan/Getty Images

Lassen wir es mit dem herrlichen Guido Rohm enden aus dem Kapitel „Ein Mann offener Briefe“, Seite 42:

„Er hatte diesen Krieg so satt. Gerade erst hatte er einen weiteren offenen Brief unterzeichnet, der die sofortige Kapitulation der Ukraine forderte. Warum hatte sich dieses Land auch unbedingt angreifen lassen müssen? Diese provokante Gegenwehr. Und er? Er würde eine riesige Gasrechnung bekommen. Der Winter könnte kalt werden. Sehr kalt. Ihn fröstelte, wenn er daran dachte. Und das im Hochsommer. Er überprüfte seinen Maileingang. Nichts. Kein offener Brief, den er unterzeichnen konnte. Es war nicht leicht, ein deutscher Philosoph in diesen Tagen zu sein.“