Aus der Zeit gefallen in der Zeit – Herbert Fritschs „Zeppelin“ an der Berliner Schaubühne

Gestern abend Premiere, zum ersten Mal inszeniert Herbert Fritsch an der Schaubühne. Keine Volksbühne mehr für Fritsch. Wer will schon für vier Tage bei einem Eventmanager gastieren? „Zeppelin“ ist ein Stück, frei nach Motiven und Texten Ödön von Horváths, Bühne und Regie: Herbert Fritsch, eine Montage, ein Spiel mit Horváths Aberglauben, mit dem Geist der Zeit und einem Rekurs ins 19. Jahrhundert, was die Kostüme betrifft, eine seltsame Mischung aus Jahrmarkt und der Eleganz der 20er Jahre, bunt vor allem, aber jeder Charakter ist in einer eigenen Farbe gehalten, bereits bei den Strümpfen gut zu sehen, Typus satter Pastellton.

Und was für ein Bühnenbild! Dunkles, dann Grelles, ein Vorhang fällt. Ein Blitz und wie eine wilde Photographie von einem Theaterphotographen, der eine Jahrmarktsszene ablichtet. Ein Mann, mit Zylinder und Brille, spitzer, grauer Kinnbart, Typ Steam-Punk, bespielt einen Synthesizer. Töne klingen, erst sphärisch, dann plötzlich heftig, als rüttele das Stahlgestänge des riesigen, die Bühne einnehmenden Zeppelins. Metallisch als bearbeiteten die Einstürzenden Neubauten mit Klöppeln und Knüppeln ein Stahlgerüst. Später dann läßt Stroboskoplicht Partien des Gestänges grell leuchten.

Im Anfang aber eine Art Hinterhofbild: Ein Junge spielt vor sich hin Fußball, wie auf einem der vielen Höfe der 20er Jahre, eine Horde Kinder stürmt heran, mit hochgewirbelten Armen, schreiend. Schattenspiele des Zeppelin-Gestänges auf der Rückwand.

Zunächst denke ich bei dem sinnlosen Gebrabbel der Kinder, bei der seltsamen Musik des Steampunk-Alten mit Zauberergestus, der das Geschehen irgendwie, wie ein Marionettenspieler mittels Musik und Tönen zu steuern scheint: Was soll das ganze? Der große Elektromagnetiseur, Strippenzieher, Figuren im Reagenzglas. Metallische Gespenstersonate. Zeitenwende. Aber hier nach einem unmittelbar einleuchtenden Sinn zu fragen, führt gar nicht weiter. Der Zuschauer muß sich von diesem zaubervollen, wunderbaren Spiel mit Sprache, Licht, Schatten und Kostümen einfach überraschen lassen und sich seinen ästhetischen Imaginationen hingeben. Phantasievolles. Doch Obacht – es ist das Stück keineswegs Ästhetik pur und zum sinnlichen Schwelgen, auch wenn es auf solche Mittel forciert setzt und insofern einen bildlichen Kontrapunkt zu den doch oft bedrohlichen Texten setzt. Die in der Montage noch viel absurder und teils auch trauriger wirken, als sie in den Horváth-Stücken sowieso schon sind. Hat das alles Bedeutung oder bordet es ins Selbstbezügliche über? „Irgendwann werden Sie alles verstehen!“ sagt eine der Figuren zum Ende des Spiels hin. Aber muß und will der Betrachter das überhaupt?

Aus der Zeit gefallene Bilder von geisterhaften Wesen, die durchs Bild huschen. „Huhuhu“ machen sie wie Kinder, die Gespenst spielen. Sie wirken wie Illustrationen aus einem Kinderbuch des 19. Jahrhunderts, bei genauerem Hinsehen erkennt man bestimmte, Typen,  einer schaut wie ein Clown aus, einer wie Frankensteins Schöpfung. Stummfilm-Aassoziationen. Und zunächst jagen diese Gestalten auch choreographisch über die Bühne. Bewegungstheater und Gesten, nicht Sprache steuert anfangs das Geschehen.

Oft Szenen stark im Ausdruck, die zwar das Theaterspiel von Robert Wilson wie auch den expressiven deutschen Stummfilm aufgreifen, aber doch eine eigenständige und in sich geschlossene Inszenierung liefern. Und für Robert Wilsons narkoleptisch sich bewegendes Bühnenpersonal sind diese wunderbaren Figuren – in den herrlichen Kostümen von Victoria Behr – ganz einfach zu zappelig. An den Struwwelpeter denke ich kurz, als ob da einer eine neue Ausgabe entworfen hätte. Aber dann sprechen diese Figuren doch zu seltsame Dialoge, Männer- und Frauengespräche, Klamauk auch, ohne daß es  in den Kitsch abgleitet. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ „Sie werden schon sehen, daß jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest.“ Eine Zitatelandschaft, teils aus Absurdem, teils Politischen. Aus Kasimir und Karoline (1932) auch dieser so entscheidende wie auch traurige Satz:

„Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen.“

Engel sind diese Figuren, wenn sie akrobatisch am Gestänge des Zeppelins turnen oder gar schweben, dort hängen, sich verkrampfen und lamentieren.

Sinnliche, teils amüsant-gruselnde Bilder: und ich kann jedem raten, sich das anzuschauen. Mit Heidegger gesprochen könnte man sagen, daß die Menschen nicht ins Gestell, sondern eher ins Gestänge eingezwängt sind. Ins Gestänge eines raketen- oder eben zeppelinähnlichen Gegenstandes. Eine Frage der Technik. Dazu ein wilder Textbogen aus Horváth-Zitaten. Und daraus, aus Bild und Text, entsteht ein Panorama der 20er und 30er Jahre. Krisenzeit und Umbrüche stehen an. Insofern ist „Zeppelin“ ein politisches Stück. Und das schönste: Fritsch kommt ohne eine einzige AfD-Anspielung aus, wie das schlechte oder in ihrer Unmittelbarkeit engagierte Regisseure täten, sondern Bilder und Text sprechen für sich.

Verzaubernde, aber auch teils verstörende Bilder sowie Texte und Dialoge, wie man sie von Horvárth kennt, die Suche nach einem kleinen bißchen Glück. Verlorenheit, die Jahrmarkt-, Prater- und Wiesn-Attraktionen jener Zeit: die Frau mit dem Gorillakörper, überall behaart: „Seht her! Und sie kann singen und sprechen!“, trostlose Ausstellungsstücke. Der Mann mit dem Bulldoggenkopf, er kann nicht essen. Sie möchten Mensch und irgendwie ein Glanz wollen sie sein, wie es an anderer Stelle bei Irmgard Keun im „Kunstseidenen Mädchen“ heißt. Traurige Zeit der Wirtschaftskrise. Der Zeppelin deutet bereits auf eine größere Katastrophe planetarischen Ausmaßes. Bekanntlich zerschellte die im Naziregime gebaute „Hindenburg“ (LZ 129) am 6. Mai 1937 in Lakehurst, New York. Man kann das als schicksalhaftes Zeichen lesen. Ödön von Horváth wurde am 31. Mai 1938 das größte Abenteuer seines Lebens geweissagt, am 1. Juni 1938 kam er in Paris ums Leben. Von einem Kastanienast erschlagen. In diesem Abend von Fritsch wurde das Theater Ödön von Horváths zu neuem Leben erweckt. Wenn es nicht immer schon in seiner Seltsamkeit gelebt hat.

Eine gelungene Inszenierung. Am Ende erstarren die Figuren regungslos mit ihrem eingefrorenen Lächeln, im Gestänge des Luftschiffes hängen sie. Nichts. Nichts rührt sich, sie harren und harren minutenlang. Erstes Klatschen im Publikum, aber die Figuren rühren sich nicht, um den Applaus in Empfang zu nehmen. Rufen, klatschen. Dann rhythmisch. Immer wieder animiert das Publikum, doch das Bild bleibt, wie es ist. Keine Bewegung, nur in den Gesichtern zuckt das Lachen. Grimassenhaft. Maskenartig. Ein großartiges Ende. Hier öffnet sich noch einmal die vierte Wand. Dann endlich wie zur Erlösung springen die Schauspieler herab und aus ihren Rollen.  Der echte Applaus geht auf die sie nieder und dann auch auf Herbert Fritsch. Verdient!

Fotos: Thomas Aurin/Copyright Schaubühne

Es blühen wie immer die Bäume im Prater und das Blätterfegen hört nimmer auf …

Wenn man Robert Stolz folgen mag, blühen bekanntlich, weil’s Frühling ist, im Prater wieder die Bäume. Was der Prater ist, muß nicht groß erläutert werden. Es gibt in Wien übrigens noch einen zweiten, lange nicht so bekannten Prater. Der liegt im südlichen Wien, ist sehr viel proletarischer und wird der Böhmische Prater genannt. Photographien gibt es allerdings nur vom ersten, gleichsam touristisch bekannten Prater auf „Proteus Image“. Denn ich schaffte es bei all den Begehungen nicht mehr ins Böhmische.

Wenn ich an den Prater denke, kommt mir sofort Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ in den Sinn. Zwar spielt es nicht im Prater, sondern auf dem Münchener Oktoberfest („in unserer Zeit“, wie Horváth schreibt), doch ist die Atmosphäre dieses Rummels und die Szenerie derart gebaut, daß sie genausogut dort im Prater stattfinden könnte. (Und Horváth ging es durchaus um Wien.) Wien – Weltwirtschaftskrise, Austrofaschismus. Verfremdungseffekte. Es beginnt das Stück als Jahrmarkttaumel. All die Attraktionen, all das Treiben, die Illusionen. Und die Liebe, die Liebe: drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Bessres sich findet. So das Motto der Karoline. Betrogene Betrüger sind sie am Ende alle – all die, die ihr Stück vom Lebenskuchen möchten. Was für ein Stück: Es ist sinnlich-trauriges, voll von Sehnen, ein beklemmendes Drama in den postdramatischen Zeiten, wo das Pathos der Griechen ausbleibt (zum Glück oder leider, wer vermag das zu entscheiden?), eine Anordnung von Liebe und Verrat, von den großen und den kleinen Hoffnungen. Das Pathos der Existenz ist mittlerweile ein anderes, so ganz und gar anti-antik, und „Schicksal und Charakter“ konkretisieren sich über die jeweiligen sozialen Umstände, grob könnte man sagen: die Klassenlage, die aber nur noch im Ansatz wahrgenommen wird. Und so erfährt sich das Leben bloß noch als Spiel oder als eine höhere Gewalt, als ein Etwas, das von außen angetan wird. Und doch – oder gerade vermittels dieser profanen Fügungen – bleibt es ein Drama, in all seinen Facetten. (Das Traumtänzerische, das Illusionäre, das Harte, das Zarte, das feine Gespinst der Zeit samt ihrem sinnlosen Vergehen und all diese Brüche in ihrer Poetik, in ihrer unendlichen Traurigkeit und Liebe brachte 1995 Christoph Marthaler 1997 in seiner genialen Inszenierung in Hamburg auf die Bühne.)

Horváth spricht, wie bei fast allen seinen Theaterstücken von einem Volksstück. Ist der Rummelplatz nun ein Narkotikum für all die Träume und Schäume? Ist er das Illusionstheater, damit alles bleibt, wie es ist, oder doch in irgendeiner Weise der Vorschein von Verheißung und einer anderen Welt? Von etwas, das ganz anders und nicht nur an Zweck und Zwang gebunden ist? Bezahlen freilich muß man trotzdem, wenn eine/r auf dem großen Rummel dabeisein will. Das wissen auf die eine oder andere Weise sämtliche der Protagonisten. All die Verheißungen. Die kosten. Der Einsatz von Zeit, von Geld von Elan, von Gefühl und Spiel und Wagemut -nicht immer wird einem dies gelohnt, wenn wir denn in der Kategorie der Entlohnung denken und sichten wollen. Und so sagt Erna, am Ende, als Kasimir lakonisch konstatiert, daß so das Leben sei: „Kaum fängt man an, schon ist es vorbei.“ Existenzendlichkeit. Er legt seine Arme um sie, sie ihren Kopf auf die Brust und die Karoline kommt heran, die nach anderem strebte und deren Streben nicht so recht von Erfolg gekrönt war. Abgewiesen und dem Ende zu.

KAROLINE vor sich hin: Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als war man nie dabei gewesen – –

(…)

KASIMIR Träume sind Schäume.
ERNA Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern.
Stille.
KASIMIR Du Erna –
ERNA Was?

KASIMIR Nichts.
Stille.
Erna singt leise – und auch Kasimir singt allmählich mit:
Und blühen einmal die Rosen
Wird das Herz nicht mehr trüb
Denn die Rosenzeit ist ja
Die Zeit für die Lieb

Jedes Jahr kommt der Frühling
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai.

Kleines Glück in stiller Kammer, anthropologische Konstanten ins Drama gewendet? Aber nicht doch!