„Gras auseinandergeschrieben“ – in Nürnberg, ein Akt des Photographierens vom Ereignis

Nürnberg, im September 1936. Es ist Reichsparteitag. Wehrmachtstruppen hatten im März dieses Jahres das Rheinland besetzten, und so heißt das Motto diesmal: Reichsparteitag der Ehre. Hitler spricht. Vor Zehntausenden von Menschen:

„Ihr habt einst die Stimme eines Mannes vernommen, und sie schlug an eure Herzen, sie hat euch geweckt, und ihr seid dieser Stimme gefolgt. Ihr seid ihr jahrelang nachgegangen, ohne den Träger der Stimme auch nur gesehen zu haben … Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt … unter so vielen Millionen! Und daß ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!“

Was für ein unheimlicher Satz, ging es mir durch den Kopf, als ich ihn zum ersten Mal vor Jahrzehnten in einer Dokumentation hörte: „Das ist das Wunder unserer Zeit, daß ihr mich gefunden habt … unter so vielen Millionen!“ Nicht einfach nur bedrohlich oder aggressiv, sondern vereinnahmend. Eine schicksalhafte unabwendbare Verbindung wird da angezeigt – das ist es, was dieser Satz Hitlers aussagen sollte. Fast als Drohung zu nehmen. Sätze, die aus einer finsteren Zone stammten, bedrohlich, dieses Moment des Sich-Findens zweier unterschiedlicher Seinsbereiche. Und auch noch unter Millionen, das ist die bekannte Nadel im Heuhaufen. Schicksalhaft solche Kombination. Hitlers läppische Rede von der Vorsehung. Nazi-Esoterik und Trivialmystik, die am Ende des Prozesses als wenig trivial sich erwies. Ein Volk und ein Einzelner. (Aber Geschichte ist eben komplizierter, als es der Führer Glauben machen wollte. Denn zu dieser Amalgamierung gehören viele Faktoren.)

Wenn ein Besucher heute über das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg spaziert, so sieht er nicht mehr viel von den ausufernden Triumphbauten, allenfalls kann man ahnen, wie dieser Aufmarschplatz mit seiner monumentalen Architektur einmal aussah, um den Einzelnen in der Masse unsichtbar zu machen. Es empfiehlt sich also, um diesen Ort zu begreifen bzw. um nicht mehr Sichtbares in den Gedanken doch wieder wahrzunehmen, an einer der Führungen teilzunehmen.

Wer den Sog der Propaganda noch einmal erleben will und zugleich das Lächerliche dieser Massenaufmärsche gewahr werden möchte, der sehe sich Leni Reifenstahls „Triumph des Willens“ an, darin Riefenstahl den Reichsparteitag von 1934 in dem ihr eigenen und von ihr perfekt beherrschten Medium noch einmal aufleben läßt. Gezeigt wurde die Propaganda-Dokumentation 1935. Der Politisierung der Ästhetik wird sozusagen die Ästhetisierung der Politik entgegengesetzt. Und zugleich wieder wirkt die Ästhetik politisierend, um hier Walter Benjamin zu ergänzen. Gleichsam reinszeniert und wiederholt das Medium Film ein einmaliges Ereignis, schafft nachträglich eine Aura und überhöht damit eine Show als einmaligen und zugleich unendlich wieder aufführbaren, reproduzierbaren Akt.

Filmisch sind diese Szenen teils genial dokumentiert, weil neue Techniken zum Einsatz kamen: Die Art des Schnittes, die Kameraführung, Teleobjektive und insbesondere die Technik der Montage war etwas, das es im Film so nicht gab. Das Dokument als Propaganda. Der „Triumph des Willens“ verleugnet den „Willen zur Macht“ nicht – jener Nietzsche verfälschende Titel, unter dem Elisabeth Förster-Nietzsche die Fragment- und Notizsammlungen ihres Bruders herausgab und in entstellender Weise neu komponierte. Der Wille jedoch, der hier in Nürnberg mittels führerlicher Aura triumphieren soll, ist ein manipulativ gelenkter; mittels ästhetisch-politischer Suggestion demonstriert sich die Einheit des Volkes. Das Ergebnis dieses Ereignisses läßt sich bis heute betrachten.

Andererseits wirken die Reden und die Propaganda des Filmes samt der untermalenden Musik heute öde, wenn nicht lächerlich. Allenfalls als historische Anmutung bedeutsam. Bilder aus einer fernen Zeit. Ich frage mich, weshalb dieser Film so lange verboten war und wen diese Feier des Sterilen heute noch hinterm Ofen hervorlocken sollte, geschweige denn, verhetzen könnte. Zumal eingefleischte Nazis sowieso im Besitz dieser Filmszenen sind und sich am Bilderreigen berauschen werden. Und doch steckt in diesen Aufmärschen das Prinzip der Massensuggestion. Einst wirkte es. So zumindest suggerieren die Bilder des Films. Daß Menschen nicht mehr als kritische Zuhörer die Reden beurteilen und kommentieren, wie es der Sinn von Politik und der Sinn einer Agora wäre, sondern es werden Worte aufgesaugt, Ideen inhaliert. Eine heilige Handlung, Politik ist Gottesdienst.

Wenn ich an diesem Ort bin, es war im Juli 2013, dann zeigen sich kaum noch Spuren dieser Szenarien von Masse und Macht. Die Photographien sind zwar Tatort-Bilder. Aber es sind keine Dokumente mehr, die diese Epoche irgendwie gegenwärtig halten. Indirekt höchstens zeitigen Photos solche Wirkung, es bedarf dazu des Reflexionsabstands. Doch wie man es dreht: die Photos zeigen letztendlich eine andere Zeit, ein ganz anderes Szenario. Dieser Kontrast von einst und heute freilich ist ästhetisch, im Sinne der Photographie als Dokument, eine reizvolle Sache. Mancher Photokünstler legte über das Grauen eines Ereignisses die Portraits der Gegenwart. In direkter Weise im Hinblick auf den Atombombenabwurf auf Nagasaki (am 9.8. um 11 Uhr 2), photographierte diesen Schrecken Shomei Tomatsu: anschaulich zu machen, was noch zu sehen ist.

Ebenso die Landschaften des Ersten Weltkrieges an der Westfront, die Chloe Dewe Mathews knapp 100 Jahre später ablichtete. Neutrale Landschaftsbilder sehen wir. Digitales im Großformat. Ruhig, freundlich, friedlich heute, eine Natur, die sich ausbreitete, wo vor knapp 1916 Materialschlachten sich zutrugen. Prinzipiell könnte jede Landschaft ein Tatort und ein Kriegsort sein, an dem Grausames geschah, Menschen schlicht verreckten.

In anderer Form photographierte dieses Historische Eva Leitolf in ihrer Serie „Deutsche Bilder – eine Spurensuche in Rostock, Thale, Solingen und Bielefeld, 1992-94“. Ebenso die Tatorte der NSU-Morde, die Regina Schmeken gegenwärtig in der Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ in Berlin im Martin-Gropius-Bau zeigt. Die (notwendige) Banalität des Alltags legt sich über das grausame Ereignis. Diese Landstraße mit Landschaft, der Ort z.B., an dem Enver Şimşek mit nur 39 Jahren am 9.9.2000 in Nürnberg hingerichtet und ermordet wurde, wirkt im Bild beim Betrachten so harmlos. Heute. Aber dieses Phänomen des Verschlierens und Verwischens einerseits und der Phantasieaufsteigerung andererseits ist allen Tatort-Bildern gemeinsam, insbesondere wenn ein Einzelschicksal an dem Ort hängt, fachen diese Photographien unsere Imagination an. Das Grauen, das über der Szenerie schwebt und sich in die Photographie einfraß. Die Frage. Was war? Was trug sich zu? Ist dies bereits Voyeurismus, was wir da im Betrachten der Photographien betreiben oder ist es schon das Normale, das Nivellieren des Blickes?: Eben der Lauf der Zeit, daß sich Harmloses über den Schrecken eines Ereignisses wie einen Mord lagert.

Nürnberg 2013, unter der prallen Sonne des Sommers, nur im Schatten war diese Führung und Wanderung auszuhalten, die Weite dieses historischen Feldes ist die Weite eines Platzes, auf dem ein Jahrmarkt genausogut stattfinden könnte wie auch eine Oldtimershow oder ein Rockkonzert. Geschichte wird beliebig, historische Orte erhalten einen neuen Sinn. Nach dem Sieg der Alliierten über die Nazis machten die Amerikaner aus diesem Ort der Propaganda einen Flugplatz für ihre Versorgungsflugzeuge. Aus dem Beton wächst das Gras.

 

 

Meine Quelle – Serielle Sequenzen: Texte als Nicht-Orte. Abwesend

Meine Quelle ist die Quelle des Seins. Die Quelle des Seins ist die Bestellung und das Bestellen als Geschick. Postschickung, sozusagen, bis direkt zur Haustür, von Amazon, per DHL, GLS, UPS oder TNT oder einem anderen Versandanbieter geliefert  (früher hätten wir gedacht, das wären Guerilla-Organisationen: Da brachte die Post, als Geschick und Schickung, noch die MPLA, die IRA, die RAF, die ETA, die RZ), die Quelle allen Lebens: der e-commerce, die Warensendung in der Logik des Konsums.

Was du auch machst
Mach es nicht selbst
Ob du versendest oder bestellst

Was du auch machst
Mach es nicht selbst

Auch wenn du dir darin gefällst,

Wer zuviel selber macht
Der macht sich krumm
(Ausgenommen
Selbstauslöschung)

Ob ihr verblendet oder erhellt

so singt es die Band Tocotronic. Schall und Wahn ist alles. The Sound and the Fury und auch das Licht im August kann wunderbar sein: Auf dem Dach von Fiat-Turin spielten einstmals in den guten alten Zeiten der 80er, als die Barrikaden noch brannten, die „Einstürzenden Neubauten“ ihren fragmentierten Sound der Industrie und der Gebrauchsgegenstände wie: Hammer, Elektro-Säge, Schlagbohrer, Stahlblech, Mülltonne, die sie zum Klingen brachten. Ich selber befand mich am 20.7.2013 auf dem Dach des ehemaligen Konzerns „Quelle“ in Nürnberg, wo im bescheidenen Rahmen von Nürnberg, sozusagen im Resterampenkapitalismus ganz im Zeichen der Burg und des Reichsparteitagsgeländes, eine kleine Kunstaktion stattfand. Im bereits geschlossenen Gebäude des abgewickelten Quelle-Konzerns, das für einige Stunden an zwei Tagen geöffnet wurde. Hiervon möchte ich meinen lieben Leserinnen und Lesern, meinen wohlgesonnenen Betrachterinnen und Betrachtern einige Sinneseindrücke in photographischer Form liefern – wie immer ehrlich und unverfälscht und in vollständiger Lebenskörperspürigkeit: denn die Quelle des Seins ist die Quelle allen Körper-Lebens und des sinnlichen Daseins. Der Mensch als Mensch. („Hier ist der Mensch noch Mensch“, rudimentär sozusagen.) Zumindest im Bestell-Kapitalismus, wo frei Haus geliefert wird, zumindest für einige.

13_07_20_LX_7_9221

Die Quelle des Seins oder Sein als irgendwie statisch konzipiertes Fundament (unseres Lebens) – das gibt es nicht. Aber es gibt die Nicht-Orte, die Abwesenheit, die „Lost Places“, die Leere, die Destruktion, die Distribution des Zusammenhangs. Diese Nicht-Orte sind nicht utopisch oder positiv aufgeladen. Dennoch geschieht in ihnen etwas. Und es gibt Texte, die dies beschreiben, einzig Texte, singulär, abgekapselt, für sich, der Sache nachhängend, die Worte träumend, assoziierend, schreibend. Aufschreibsysteme. Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ ist ein solcher Ort, Goyas „Desastres“ bilden einen Aufenthalt im Nicht-Ort. Jedes Kunstwerk ist in seiner Eigen-Logik ein Text, für sich, abweisend und doch clara et distincta perceptio: auch die Bilder, die als Strom vorüberziehen, bilden in ihrer Eigenlogik einen Text. Text kommt vom lateinischen textus bzw. textere, Verwandtschaft besteht zu téchne, was Kunst, Fertigkeit bzw. Handwerk bedeutet. Am Anfang war das Wort? Als Sprache? Hier stock ich schon. Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen. Ich muß es anders übersetzen. Geschrieben steht: Am Anfang war der Sinn: Aber ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Am Anfang war die Kraft. Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat und schreibe getrost: Am Anfang war die Tat! Und gut im Sinne Hegels, wo kein Denken ohne Tun bleibt, denn das ist der Philosophie tieferer Sinn, so schlage die Trommel, denn Philosophie, Tat und Übersetzung sind doktrinär:

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.

Welch‘ wunderbare Ironie und  Doppelsinnigkeit in Heinrich Heines Gedicht. Dieser Doppelsinn und die Ironie: dies freilich gelingt im Leben und insbesondere im Text vielen nicht so recht und geht ihnen ab – jenen, die in ihrem Ressentiment und in ihrer beschaulichen Welt weder dem Schreiben, dem Lesen noch dem Leben gerecht zu werden vermögen. Es fehlt die entsprechende Melodie: Farben und Formen. Drüben auf dem Hügel möcht‘ ich sein!

[Let there be rock. Herrgottnochmal]