Die „Kölner Botschaft“ und der Gemeinschaft stiftende Mythos

„Die Ruderer, die nicht zueinander sprechen können, sind einer wie der andere im gleichen Takte eingespannt wie der moderne Arbeiter in der Fabrik, im Kino und im Kollektiv. Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft erzwingen den Konformismus und nicht die bewußten Beeinflussungen, welche zusätzlich die unterdrückten Menschen dumm machten und von der Wahrheit abzögen. Die Ohnmacht der Arbeiter ist nicht bloß eine Finte der Herrschenden, sondern die logische Konsequenz der Industriegesellschaft, in die das antike Fatum unter der Anstrengung, ihm zu entgehen, sich schließlich gewandelt hat.“
(Th. W. Adorno,  Dialektik der Aufklärung)

Die von vielen Prominenten unterzeichnete „Kölner Botschaft“ tritt ausgewogen auf, und diese Art der Darstellung macht ihr Anliegen ehrlich und sympathisch. Sie versucht zu retten, was zu retten ist. Aber ist überhaupt noch etwas zu retten? Ich glaube nicht an die prägende Kraft der Gemeinschaft und an Gemeinschaftsbildendes – zumindest nicht bei komplexeren sozialen Zusammenhängen. Ich glaube ebensowenig an gemeinschaftsbildende Mythen, die eine Gesellschaft sich erzeugen müsse, damit ein Besseres gelinge. Auch den Zusammenhalt des Verschiedenen befördern Konzepte von Gemeinschaft kaum. Weder die eines Volkes, noch die gemeinsamer Werte oder Neigungen. Keiner wußte dies genauer als Hegel, dem das Partikulare wie auch das Beliebige der Interessen bewußt war, das in solchen Erzählungen und Konstrukten steckt, und so trat er in der Sphäre des objektiven Geistes für einen starken Staat ein.

Dem Mythos in solchen Kontexte, wenn sich Gemeinschaften bilden sollen, liegt bereits das Moment des Manipulativen, wenn nicht des Betrugs zugrunde. Mythen sind zwar sinnstiftende Erzählungen. Sie sollen verbinden, was unverbunden ist. In archaischen Zeiten womöglich lebensnotwendig. Gemeinschaft stiftende Mythen bleiben unter den Bedingungen der Spätmoderne als sozialer Kitt aber an der Oberfläche. Wie jedem Mythos wohnt auch der Gemeinschaft oder einer neuen Erzählung, die wir in bezug auf Soziales erfinden müssen, ein regressiver Zug inne. Kino, Fernsehen und TV-Serien, wie überhaupt der sogenannte Kulturbetrieb, sind das beste Beispiel, wenn es darum geht, Mythen und Bilder zu erzeugen, die Komplexes ins Einfachdimensionale zwängen. Daß Filme zugleich in einer bestimmten ästhetischen Form Geschichten erzählen wollen, ist ein Aspekt – die Tiefengrundierung jedoch erweist sich als vielschichtiger, weil in jenem Medium, wie überhaupt im Reich der Bilder, unterschiedliche Narrative wirken. Dabei ist der ideologische und manipulative Gehalt solcher Bilder nicht zu unterschätzen. Aus diesem Grunde schrieb Adorno, daß er aus jedem Kinobesuch dümmer herauskäme. (Immerhin formuliert er diese Sicht in der Ich-Variante, was die Sache als phänomenologische Selbstbeobachtung ausweist. Denn der Satz ist, aufs Subjekt genommen, nur die halbe Wahrheit, das bürgerliche Kunstwerk verschob sich ins Kollektivistische, was auch die Ästhetik selbst tangierte.)

Die Mythenbildung, die „Neue Mythologie“ funktioniert lediglich als ästhetischer Prozeß. Manfred Frank etwa problematisierte in seinem gleichnamigen Buch diesen Gestus, wenn Politik, Freiheitsversprechen und Kunst zusammengehen und ihre angestammten Gebiete verlassen. Es bleibt für das Praktischwerden  der Ideen qua Kunst am Ende nicht viel übrig – im unidirektionalen Modus mag einzig Polit-Agitprop heutzutage noch wirksam sein. Häufig um den Preis der Banalisierung. Oder l’art pour l’art: die Modalität des Scheins. Das aber dispensiert jegliche Praxis. Die Souveränitätsansprüche der unterschiedlichen künstlerischen Avantgarden – von der deutschen literarischen Romantik bis hin zum in ästhetischer Theorie simplen „Zentrum für Politische Schönheit“ als herabgesunkene Form künstlerisch-politischen Protests ­- können als gescheiterte Versuche betrachtet werden. Selbst die von Schiller mir Verve, aber im Endeffekt doch idealistisch harmlos konstruierte ästhetische Erziehung des Menschen funktioniert nur dort, wo im Ich sowieso bereits eine Tendenz dazu angelegt ist. Die Schaubühne als Lehranstalt mag manche Empörung auslösen, wenn uns die Zerwürfnisse und Schandbarkeiten von Welt in Mimesis vorgespielt werden. Am Ende freilich spielt der Mensch doch nur, ohne Mensch zu sein. Und spiegelt sich im Kunstwerk. Thymotische Regungen und andere Leidenschaften, die das Theater einst, wie Jammer und Schauder, hervorrief, sind inzwischen dankbar eingehegt. Der kathartische Prozeß wirkt perfekt und pendelte sich aus. Es läuft auf den Spott Heines hinaus: „Der Knecht singt gern ein Freiheitslied des Abends in der Schenke, das stärket die Verdauungskraft und würzet die Getränke.“ Gerne auch demnächst hier in Ihrem Theater oder Kino. Der gute alte Problemfilm.

Aber zurück zur „Kölner Botschaft“. Städtenamen können eine Aura in sich tragen: ob Köln, Hamburg, Berlin, München oder Leipzig. All diese Orte reizen und bestürzen in Schönheit und Sinnlichkeit. Und manchmal eben durch Widerliches. Die Kölner möchten die Kraft des Namens für ihre gute Sache mobilisieren. Das ist fein, sie wollen das uns alle Verbindende aufzeigen. Ich bin in solchen Dingen skeptisch. Die Ausbildung bestimmter Gemeinschaften funktioniert, wenn überhaupt, nur über Differenzen, die sich komplex qua Institutionen und Mechanismen prozessieren. Auf der Makroebene gibt es einzig Gesellschaft, aber keine Gemeinschaft. Es herrscht dort der Kampf der Differenzen, und dieser Widerstreit ist zentrales Moment für gesellschaftliche Prozesse. Gemeinschaft bleibt, um es mit einem Buchtitel von Jean-Luc Nancy zu schreiben „undarstellbar“, allenfalls funktioniert sie in kleinteiligen Verbänden und ist, bis auf die qua Herkunft nicht auflösbaren Familienbande, tentativ. Jederzeit bereit, sich neu zu konstituieren. Triebkraft sind die Widersprüche – zumal in einer Gesellschaft des Widerstreits und der Differenzen. Dialektik und eine an Marx geschulte Politische Ökonomie müßten eigentlich wieder Konjunktur haben. Haben sie aber nicht.

Auch Zizeks Klassenkampf – so der Titel seines neuen Buches – wird nichts richten. Ich befürchte da eher Proklamation. Daß man mit dem Lumpenproletariat keine Revolution machen kann, wußte schon Marx, und dieses Wissen gilt ebenfalls fürs Heute – seien es Armutsflüchtlinge aus Marokko, Bewohner von Banlieues oder biodeutsch Abgehängte aus dem Märkischen Viertel. Die Entrechteten dieser Welt sind nicht die am besten Organisierten dieser Welt. Da nützt alles Checken der eigenen, fein-herrlichen Privilegien nichts, aber auf die Entrechteten würde ich keinen Pfennig verwetten und behalte bis dahin gerne meine Privilegien. Mit Lenin nachgefragt: Was tun? Eine Intelligenzija als Avantgarde der revolutionären Partei? Eine Form der Organisation zumindest. Gemeinschaft durch Gesellschaft, durch Politik und Reflexion auf Theorie? Das Verhältnis von Theorie und Praxis bleibt aporetisch. Auf der Bühne des Medialen und auf der kleinteiligen Ebene, im Rahmen des Staates, werden sich die Konflikte nicht einheben lassen. Das Mediale führt im Gegenteil dazu, daß sich die Lage weiter verschärft und zuspitzt, weil jeder über alles plappert. Allenfalls gelingt eine kurzfristige Befriedung mit juristischen und polizeilichen Maßnahmen. Der Kölner Aufruf möchte eine gemeinschaftliche Basis schaffen. Ich fürchte, das wird ihm nicht gelingen, denn wie wir alle wissen, wohnen der liebe Gott, wie auch der Teufel gleichermaßen im Detail. Und um dieses wird heftig gestritten. Es bleibt wie immer Nietzsches Perspektivismus. Es gibt keine Fakten, sondern nur die Interpretationen, die sich jeder in seinem Sinne biegt.

„Der gegenwärtige Zustand der Welt ist kein Krieg der Zivilisationen. Sondern ein Bürgerkrieg: Der Krieg im Inneren einer Bürgergesellschaft, einer Zivilität, einer Städterschaft [citadinité], die im Begriff sind, sich bis an die Grenze der Welt auszudehnen und infolgedessen bis ans Äußerste ihrer eigenen Konzepte. Am äußersten Ende zerbricht ein Konzept, zerspringt eine überdehnte Figur, kommt eine Kluft zum Vorschein.“ (Jean-Luc Nancy, Die herausgeforderte Gemeinschaft

Und Kluft heißt im Griechischen bekanntlich: Chaos.

16_01_22