Was wir nicht loswerden können: von der Pop-Musik

„Über Pop-Musik“ heißt ein 2014 von Diedrich Diederichsen veröffentlichtes Buch, das von jener Musik handelt, die seit mindestens 60 Jahren die Gesellschaft und insbesondere ihre Jugendkulturen sichtbar begleitet, durchdringt und prägt wie nur wenig andere Phänomene: ein Buch, klug geschrieben, ungeheuer theoriegesättigt, weit ausgreifend in die Sache selbst hinein, nicht bloß als Theorie eines Blickes, der von außen sich anwendet.

Thematisch postmodern passend zu Eduardo Halferons Roman „Der polnische Boxer“ entwickelte sich im Kommentarteil zu meiner Rezension ein interessantes Gespräch über die Ausprägungen des Pop, und zwar zwischen summacumlaude, ziggev, che und mir. Diese Ausführungen gehen womöglich etwas unter, weshalb ich hier gerne darauf hinweisen möchte. Nachzulesen im Kommentarstrang. Ein anregendes und gutes Gespräch, wie ich finde.

Das Phänomen der Pop-Musik bleibt insofern soziologisch wie auch musikalisch aus der Binnensicht heraus spannend, weil zum einen immer neue Richtungen der Musik sich einstellen, insbesondere durch das cross over und die Retro-Wellen, die alte Stile aufgreifen und diesen Stilen zugleich etwas Neues oder etwas anderes und ihm sogar Entgegengesetztes hinzufügen. Vor allem aber sind, heutzutage bis in hohe Alter hinein, die soziologischen, philosophischen, musiktheoretischen Beobachter dieses Feldes zugleich unabdingbar deren Teilnehmer. An Diedrich Diederichsen zeigt sich das insbesondere. Pop heißt, wie Diederichsen es schreibt, Platten im Jugendzimmer hören – alleine oder mit Freunden – sozusagen der Raum des Privaten, und es bedeutet zugleich, in Konzerte zu gehen, sich in seinem Umfeld auf diese oder eine andere Weises zu kleiden – der Raum des Öffentlichen. Vor allem aber heißt Pop: Mit Intensität Musik zu hören. Ohne eine umfangreiche, umfassende Plattensammlung (seinerzeit) ist ein solch stupendes Wissen, wie es Diederichsen ausbreitet nicht möglich. Und ohne einen gehörigen Vorrat an Wissen und Theorien ebensowenig. Diese Kombination der Elemente macht es derart spannend, Diederichsen zu lesen. Doch das alleine reicht nicht hin, denn Diederichsen versteht es zu formulieren. Harter, manchmal trockener und dennoch klug komponierter Theoriesound über und in und aus der Musik heraus. Diederichsen schrieb ein Standardwerk.

Beim Pop handelt es sich eben nicht bloß, semiotisch betrachtet, um ein Zeichensystem, oder es ginge darum, kulturelle Codes zu entziffern bzw. die sich über Kleidung, Stil, Habitus, Musikgeschmack herausbildenden Unterschiede nicht nur lesen, sondern auch anwenden zu können. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, sangen 1995 die Band Tocotronic dialektisch klug und zugleich vertrackt, wissend, daß es nicht nur auf die Entscheidung des Willens ankommen kann, dazugehören zu wollen, denn es steht hier sehr viel mehr auf dem Spiel. Mit Pop-Musik verbinden sich Lebensentwürfe, Haltungen und Praktiken, bestimmte Stile und Richtungen der Musik erfordern zwar einen hohen Einsatz, erzeugen aber gleichzeitig den Distinktionsgewinn und erwirken einen tendenziell autonomen Subjektbereich. (Nicht anders als die Ruhe- und Rückzugszone des Jugendzimmers, in dem mit Freunden Musik gehört wird und das für die Eltern Tabu ist.)

Insofern gehört das Phänomen Pop zu dem Bereich, was Habermas Lebenswelt nennt, die der Systemwelt opponiert. Sei es auch nur als Geste. Meist läuft es auf eine Geste hinaus. Denn an die subversive Kraft von Pop glaube ich nur bedingt. Pop polt die eigenen Bezüge, wälzt manchmal ganze Lebensentwürfe um, in jenen wilden  jungen Jahren zumindest, wenn im Überschwang dieses eine gerade entdeckte, gehörte, wild aufgesogene Musikstück alles, was bisher war, in einem anderen Licht erscheinen läßt, als ich jenes bestimmte Musikstück hörte, alles ganz anders war. Bei mir handelte es sich um die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler. Aber das betraf im Grunde mehr eine ästhetische Existenz als die Welt der populären Moden. Beiden Rezeptions- und Seinsweisen ähnlich bleibt jedoch der Ereignischarakter dieses Momentes. Eine Weise der Überschreitung, die in keinem Diskurs und in keiner Begrifflichkeit restlos gehandhabt werden kann. (Ausgenommen vielleicht in der künstlerischen, literarischen oder auch musikalischen Form der Darstellung. Denn Pop-Musik bezieht sich nun einmal wesentlich auf Pop-Musik und seine Rezeptionsweisen. Selbstreferenzialität des Systems.) Exzeptioneller Augenblick und Kairos in einem. Hier mögen die Artikulationen der Pop-Musik und eine Ästhetik des Ereignisses als Blitzhaftes (und Konstituierendes in einem Zuge) in einer sicherlich noch genauer zu bestimmenden Weise konvergieren.

„Doch lässt sich der alte Streit, ob man Pop-Musik nur aus der Erlebensperspektive oder gerade nur aus einer gesellschaftskritisch distanzierten, funktionstheorietischen gerecht wird, nicht so leicht entscheiden. Da in der Pop-Musik Begeisterung als individuelle Wahrheit erscheint, was zugleich einen objektiven Schritt zur gesellschaftlichen Integration (oder Desintegration oder, sehr viel seltener, Integration in etwas gezielt Anderes, eine ‚andere Gesellschaft‘) darstellt, wird man ihr erst gerecht, wenn man ihren Transformationscharakter von beiden Seiten beleuchtet: die Bilder des subjektiven Dazugehörenwollens wie des Nichtmitmachenwollens und die Antworten von Markt, Staat und Institutionen, vor allem aber den öffentlich ausgestellten Weg zwischen diesen beiden Polen – wie wir noch sehen werden. Wäre Pop-Musik eine Kunst im klassisch-westlichen Sinne des Begriffs, müsste der Dialog zwischen soziologischer und ästhetischer Perspektive nicht eingeklagt werden; die Ästhetik eines kulturellen Formats wie das der Pop-Musik muss erst noch entwickelt werden – soziologische Versuche sind dagegen zahlreich.“ (Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik)

 In einem unscharfen und weiten Sinne gehören diese Bestimmungen ebenfalls in den Umkreis meiner Thematik von Kritik und dem Eigensinn der Kunst. Es stehen sich zunächst zwei Bereiche gegenüber: ein unmittelbares Tun der Kunst und eine vermeintlich unmittelbare Rezeption von Kunst hier im speziellen der Musik, sowie die Kritik, die reflektierende Sichtung eines Phänomens, die zwar einerseits dabei und mitten drin sich befindet, andererseits aber den Abstand benötigt, um den kritischen Blick überhaupt setzen zu können. Wir wissen ja um das Bild von er Eule der Minverva, die ihren Flug erst in der Dämmerung beginnt und daß erst im Grau in Grau, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden und damit als abgelebt sich erweist, das Erkennen einsetzen kann. In der Sache: sei das nun Phänomenologisch oder dialektisch gewichtet.

Man muß nicht alles argumentativ teilen, was Diederichsen in seinem Buch an Bestimmungen und Thesen entwickelt. Anregend freilich bleiben seine Überlegungen dennoch. Besser und klüger ist in der BRD nie über Pop-Musik geschrieben worden.

Abwechslungen und Ausspurungen

Ein wenig popdiskursiv beeinflußt und angeregt, möchte ich doch einmal, heute und im Eifer des Gefechts all der zu schlagenden und der ungeschlagenen theoriegeladenen Schlachten meinen geneigten Leserinnen und Lesern nicht nur graue, beschwerliche Theorie zumuten, sondern auch einmal das Lied zum Sonntag nahebringen. Gesungen von einer wunderbar blonden Frau, wie sie blond nur in den 60er Jahren und in Frankreich oder den USA sein konnten:

(in diesem Video, ohne Systemfragen zu stellen mit einem coolen Mercedes-Benz, der gefällt und als der tatsächlich noch so hieß. Was das wohl für ein Lied geworden wäre: „Oh Lord, will you buy me a Daimler-Chrysler“, woran man sieht: Globalisierung, nix gut.)

Hier aber, ganz in blond:

http://www.youtube.com/watch?v=rMhO0Kfl5Ck&feature=related

und encore une fois, ach, noch viel schöner:

http://www.youtube.com/watch?v=7z5YCau6zgo&feature=related

Die Ton-Text-Schiene spurt hier nicht so richtig gut, aber die Bilder sind dafür der gelungene Ausgleich.

(Leider kann ich aufgrund meiner technischen Unfertigkeiten für die Musikvideos nicht diese schönen YouTube-Bildchen einfügen, wie ich sie auf anderen Blogs hin und wieder sehe. Das betrübt; und über einen sachdienlichen Hinweis aus der Bevölkerung, wie sich das bewerkstelligen läßt, würde ich mich sicherlich freuen und mich mit einem kleinen als auch feinen Literaturtip erkenntlich zeigen.)

Sonic Youth

Nein, ich hatte es fest versprochen. Ja, ich wollte eigentlich nichts, rein gar nichts in diesem Blog über Musik schreiben. Aber nun zieht es mich trotzdem hin. Nein, nicht zum Schreiben einer Musikkritik, dazu reicht meine Kompetenz nicht aus, da ich kein (im Adornoschen Sinne) strukturaler Hörer bin, sondern in der Hörertypologie seiner Musiksoziologie eher am unteren Rand taumele.

Aber schließlich ist seit gestern die neue Platte der sehr bedeutenden und sehr sehr guten Band Sonic Youth erschienen, und da muß man ja irgend einen Ausdruck finden, und da verweise ich doch gleich einmal auf die lustige Rezension von Diedrich Diederichsen in der Berliner Zeitung vom 4.6.09. Es geht dort zwar, von einer Besprechung des Booklets/Covers angefangen, um alles mögliche, nur nicht um die Musik der neuen Platte. Aber was soll man schon schreiben bei der ich-weiß-nicht-wievielten Platte. Da ist es dann auch ganz unterhaltsam, sein subkulturelles Pop-Wissen und Kunst-Wissen raushängen zu lassen und das ganze in eine dekonstruktive Konstellation zu bringen. Ist aber trotzdem lustig zu lesen und nicht uninteressant.