Ein Nachtrag zu Herfried Münkler und zum Blog Münkler-Watch

Herfried Münkler ist eine schillernde, intellektuell interessante, freilich ebenso kritisierbare Person. Jedoch nicht nur eine Person des öffentlichen Lebens, mithin in Talkshows und in Zeitungsinterviews präsent, sondern er ist ebenfalls ein Hochschullehrer, der für die Produktion bzw. für die Vermittlung von Wissen zuständig ist. Beide Bereiche werden sicherlich nicht immer trennscharf auseinanderzuhalten zu sein, weil Menschen nicht aufspaltbar sind – mögen sie sich auch in unterschiedlichen diskursiven Rahmen bewegen. Dennoch können und müssen wir in der Lehre andere Standards fordern als in einer Talkshow oder in einem Feuilleton-Artikel. So wie es sich bei Literaturkritik in Zeitungen, Zeitschriften und Blogs nicht um Literaturwissenschaft an Universitäten handelt.

Sinnvoll bei einer Kritik ist es, und darauf wies in einem Kommentar metepsilonema zu recht hin, die zu kritisierenden Bereiche zunächst einmal zu trennen, sofern unterschiedliche Ebenen vorliegen. Eine Vorlesung und ein Seminar von Münkler sind keine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Was Münkler im Fernsehen oder in Zeitungen äußert, kann und muß eine Öffentlichkeit mit Argumenten kritisieren. Dazu sind Zeitungen, Blogs und andere Medien geeignet. Hier wäre sehr viel mehr kritischer, nachhakender, nachfragender Journalismus angebracht, und leider sind die meisten Talkmaster und Interviewer eher Erfüllungsgehilfen ihrer Gäste denn kritische Journalisten. Auf 3sat bei Kulturzeit fällt mir da immer wieder die seichte und betuliche Tina Mendelsohn ein. Andererseits jedoch erwarte ich mir von bestimmten Medien und Moderatoren nicht viel.

Solche Kritik an Münkler hat unbedingt zu erfolgen. Sie kann polemisch und auch böse sein, sofern sie dabei Inhaltliches und Zentrales in seinen Äußerungen trifft. Münkler wird das aushalten und nicht weinend zu Hause sitzen. Er ist ein alter Raufbold, so wie auch Bersarin einer ist. Was nun die erforderlichen Nachweise bei Sätzen betrifft, die Münkler angeblich oder auch tatsächlich gesagt hat, so müssen ganz einfach Belege gebracht werden. Das scheint mir denn doch eine elementare Regel für eine Auseinandersetzung. Äußerungen in Talkshows und Zeitungen sind in der Regel gut überprüfbar, weil es Sendeaufzeichnungen und Verschriftlichung gibt. In Vorlesungen und Seminaren ist das anders. Da ist die Öffentlichkeit auf glaubhafte Zeugen angewiesen. Sofern diese Dinge denn relevant für die Öffentlichkeit sind. Womit ich wieder bei der Ebenen- und Mediendifferenzierung angelangt bin.

Lehrinhalte von Vorlesungen, insbesondere solche zur Einführung, werden erst einmal rezipiert, weil es in ihnen darum geht, Wissen und Kenntnisse des Faches zu erwerben, ob man die dargestellten Theorien inhaltlich nun teilt oder nicht. (Ich halte weder von Wittgenstein noch von Popper besonders viel. Dennoch muß ich mir zunächst einmal anhören, was sie zu sagen haben.) Zudem sind Vorlesungen nicht öffentlich wie etwa ein Radiovortrag. Es herrscht in Vorlesungen und Seminaren eine gewisse „Privatheit“. Da können in polemischer Absicht auch einmal Dinge gesagt werden, die nicht jedem zusagen. Das werden auch zarter besaitete Seelen aushalten müssen, ohne sich getriggert zu fühlen. Sofern in solchen Vorlesungen nicht explizit rassistische, sexistische oder anderweitig diskriminierenden Statements verbreitet werden, die nicht nur auf Interpretation, Mutmaßung und Verdacht beruhen, muß Kritik an den Inhalten von Theorien (und möglicherweise auch Kritik an der Auswahl von Texten) sowie an der Argumentation innerhalb einer Theorie in den dazu begleitend stattfindenden Seminaren geäußert werden. Studentinnen und Studenten, die sich dies nicht trauen, sind vielleicht doch nicht so gut an einer Universität aufgehoben. Das Gerede von der Übermacht Münklers scheint mir zu hoch gegriffen. Und wenn schon: Wollt Ihr Spatzen erlegen oder nicht doch lieber Wölfe? Wissenschaftlich widerlegen lassen sich bestimmte Thesen aber auch im stillen, etwa mit Seminar- und Hausarbeiten. Eine sozusagen „herrschaftsfreie“ Kritik ist in autonomen Seminaren möglich, die die Studenten selber organisieren. Es gibt also genug Formen, um mit den Positionen Münklers umzugehen.

Dennoch: Ich bleibe dabei, daß Dispute im akademischen Bereich (zunächst) auch in diesem selber ausgetragen werden sollen. Selbst wenn es im akademischen Bereich Abhängigkeitsverhältnisse gibt. Professoren haben an den Universitäten in der Tat eine besondere Stellung. Sie zu kritisieren, kann vielfach übel aufgenommen werden. Bei den Juristen ist dies noch ausgeprägter als in anderen Fachbereichen, und es herrscht dort ein viel stärkerer Standesdünkel als etwa in den Geisteswissenschaften. Insofern ist die Anonymität des Blogs Münkler-Watch eine Position, die zunächst nachzuvollziehen ist. Aber was Eure Befürchtungen betrifft, keinen Arbeitsplatz zu bekommen: Diejenigen Arbeitgeber, liebe Studentinnen und Studenten, die klug genug sind und wo es für Euch zudem erstrebenswert ist zu arbeiten, werden ihr Personal nicht danach auswählen, ob es ihnen nach dem Mund redet, sondern sie werden eigene Meinungen zu schätzen wissen. Ich gehe mal davon aus, daß ihr nicht anstrebt, bei den Transatlantikern oder in einer Lobby für Rüstungsgüter oder bei Heckler & Koch einen Arbeitsplatz zu ergattern. Und im übrigen sei noch dazu gesagt: Am Ende Eures Studiums werden die meisten von Euch sowieso angepaßt genug sein, daß Ihr Euch diese Fragen gar nicht mehr stellt. Gender Studies sind dann eher das Ticket für den Posten einer Frauenbeauftragten oder für Netzfeminismus, mit dem man dann gut Klick-mich oder Aufschrei-Bücher verkauft. Ihr übrigen werdet da arbeiten, wo es irgend nur geht. Und wenn es schlecht läuft sogar bei den Transatlantikern oder in einer Lobby für Rüstungsgüter oder bei Heckler & Koch im PR. (Ich will es aber nicht hoffen.)

Wie an den jeweiligen Universitäten die Besetzung eines Fachbereichs mit diesen oder mit anderen Professoren ausschaut, ist noch einmal ein anderes Thema. Daß die Lehrstühle kaum bis selten mit kritischen Theoretikern, Neomarxisten, qualitativen Sozialforschern besetzt werden, ist ein leider trauriges Faktum. Gesellschaftskritische Theorie kommt in den Professorenkreisen nur begrenzt zum Einsatz. Gerade hier aber haben Studentinnen und Studenten die Aufgabe, eine ernstzunehmende Gegenöffentlichkeit herzustellen. So jedoch, daß Argumente sich entfalten und nicht mit Niederbrüllen und durch lächerlichen Vorlesungsboykott. Etwas Dümmeres gibt es nicht. Wenn ich seinerzeit in den späten 80ern noch an die genial bis sehr gut argumentierende „Marxistische Gruppe“ denke, die zwar oft nervte, die aber eloquent und klug wenigstens sich präsentierte, und wenn ich dann heute Euch auf Münkler-Watch lese, dann stimmt mich der Verfall der Kritik und von Bewußtein traurig.

Warum könnt ihr nicht besser sein, klüger, gescheiter, schlauer, polemischer, bissiger, witziger, so daß man den Wunsch hat, Euch zuzuhören? Weshalb ist Euch der Hegelsche Denkzusammenhang, seine Fähigkeit zur Analyse sowie die Marxsche Polemik so sehr abhanden gekommen? Weshalb klopft Ihr Texte nach Rassismen, Sexismus usw. ab, anstatt dort pfiffige Argumente und Gegenargumente zu finden und auf Entdeckungsfahrt zu gehen? Man kann Texte, die nicht behagen, strategisch nutzen. Weshalb wohl hat gerade eine bestimmte Linke sich an die Texte von Carl Schmitt herangemacht? Ist Nietzsche etwa nicht lesenswert, nur weil er Sätze schrieb von einer Frau, zu der man geht und von der mitzubringenden Peitsche (das ist übrigens eine Metapher und hat eher mit Nietzsches Konzept von Wahrheit denn mit Misogynie zu tun)? Nur weil Nietzsche davon schrieb, daß das, was fällt, gestoßen werden müsse? Weshalb legt Ihr Euch und anderen Denk- und Sprechverbote auf? Habt Ihr soviel Angst, sowenig Zutrauen zu Euch und zur Fähigkeit immanenter Kritik? Ihr beklagt Euch über Zensur und seid selber unablässig am zensieren und unterdrücken. Ihr meint, weil ihr Faschistenschwein sagt, sei der andere bereits ein Faschist? Das ist simple Wortmagie. Weshalb scheut Ihr Argumente und Diskussion?

Ja, es stimmt schon, viele der Medien sind in eine Hysterie ausgebrochen, als sie über Euch berichteten. Keine Angst – es versinkt mit Euch nicht das Abendland und der akademische Diskurs. Aber es herrscht ein Klima der Vorzensur. Der Zinnober des Rassismusschnüffelns erinnert mich an Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“.

Münklers Äußerungen im „Zeit“-Interview letzter Woche sind schlicht dumm und oder es handelt sich um aufrüstungsrhetorisches Geschwätz: Die gegenwärtige Situation ist natürlich nicht mit 1933 vergleichbar. Ein Politologe, der so etwas öffentlich in den Medien behauptet, ist entweder ein äußerst unwissender oder schlicht ein dummer Politologie. Im Grunde hat Münkler mit dieser Äußerung allerdings die Notwendigkeit gezeigt, sich seine Vorlesungen genauer anzuhören. Dies allerdings gibt mitschreibenden Studenten nicht das Recht, Dinge falsch oder aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren. Münklers Widerlegungen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe in dem Interview scheinen mir plausibel.

Es geht mir nicht darum, Münkler, der weiß Gott eine andere und mächtigere Position hat als eine handvoll Studienanfänger, prinzipiell gegen Kritik zu verteidigen. Gerade Münkler muß sich Kritik gefallen lassen. Aber sie muß nachprüfbar erfolgen. In der Weise, wie das hier geschah, läuft es auf eine Logik des Verdachts hinaus.

Meine Meinung geht dahin: Mir ist ein geistreicher, witziger, eloquenter, kluger und belesener Professor, der zuweilen einen mehr als dummen oder nicht ganz korrekten Witz macht, allemal lieber als eine intellektuelle Schlaftablette, die nichts als dröge Aufbereitetes zu bieten hat. Bei ersterem lernt man allemal mehr, und dieses Mehr sollte man sich als Studentin oder Student rhetorisch und intellektuell zunutze mache. Gut wäre es freilich, wenn es zu solchen konservativen Positionen an den Universitäten ebenso ein linkes Gegengewicht gäbe. Leider habe ich noch keinen Lehrauftrag für Philosophie und Ästhetik. Ich arbeite aber daran. Das Krakele eines Gesinnungswächterrates jedoch ist mir mehr als zuwider. Ich habe diese Schweinebande in meinem Studium mehr als genug erlebt.

Wie mir übrigens gestern die Frau, die mich liebt und die ich wegen ihrer scharfen und wilden Küsse ebenfalls liebe, mitteilte, wird unter der Hand und in etwas besser unterrichteten Medienkreisen gemunkelt und gemutmaßt, daß es sich bei Münkler-Watch um eine journalistische Aktion von Jan Böhmermann handelt. Das ist und bleibt ziemlich top secret. Passen aber würde es. Dabei sind dann, wie immer, alle Beteiligten in ihren unterschiedlichen medialen Erregungsposen ertappt worden. Das Medium füttert sich selber.

Für strikte Aufnahmeprüfungen an den Universitäten war ich übrigens schon immer. Ich möchte im Seminar nicht neben Menschen sitzen, die besser Bankangestellte geworden wären, die in ihrer pietistischen Rechtschaffenheit keine Texte ertragen, die ihren Überzeugungen zuwiderlaufen oder es aber aus Mangel an Möglichkeiten und wegen anhaltender Unlust auf Anstrengung (Irgendwas-mit-Medien-in-Kreuzberg-aber-mit-wenig-Arbeit) in die Seminare der Geisteswissenschaften verschlagen hat.

Lest mal Otto Weininger und den versauten George Bataille – das kann interessante Erkenntnisse bringen, die vielleicht sogar dichter am kritischen, antibürgerlichen Bewußtsein liegen als Ihr es bisher ahntet.

Die Modalitäten des Internet: Münkler-Watch und die ewig währende Erregungsposse des Shitstorm

Natürlich wieder eine Posse aus der Humboldt-Universität zu Berlin. Diesmal traf der Erregungseifer – von verschiedenen Seiten und Lagern her – den relativ bekannten, inhaltlich und von der Sache her durchaus kritisierbaren Politikwissenschaftler Herfried Münkler, dessen Vorlesung nun von einem Blog namens Münkler-Watch auf rassistisches, eurozentristisches oder frauenfeindliches Gedankengut hin überwacht wird. Münkler steht durch eine Gruppe Studenten unter Beobachtung, weil er sich erlaubt, in einem Seminar klassische Texte der Politikwissenschaft immanent zu lesen und die Argumente der Autoren zunächst so dazustellen, wie diese sie in ihrem Text schrieben. Ja: Es sind diese Autoren meist Männer, weil zu dieser Zeit meist Männer schrieben. Das ist bedauerlich, aber es läßt sich als Faktum nun einmal nicht beseitigen. Und es wohnt den meisten Autoren ein eher eurozentristischer Blick inne. Da sie in Europa schreiben und das zu einer Zeit als Cultural Studies noch nicht erfunden waren, scheint mir dies nicht allzu befremdlich. Was nicht bedeutet, die Texte nicht kritisieren zu dürfen. Nur: Bevor man sie kritisiert, muß man sie gelesen und auch verstanden haben. Eine durchaus differenzierte und gute Sicht der Dinge liefert Nils Markwardt, bei bei Zeit-Online nachzulesen.

Medial in Szene gesetzt, erwächst aus dieser Sache von unterschiedlichen Lagern her der Disput. Mancher schäumt angesichts dieses Münkler-Blogs vor Aufregung unangemessen über, so Friederike Haupts Text in der FAZ. Wenn man Polemik macht, sollte man diese auch beherrschen. Andererseits scheint mir ebenso die Kritik von Münkler-Watch überzogen und sachlich aus dem Ruder zu laufen, denn es handelt sich um eine Vorlesung zu den Grundlagen. Da geht es zunächst um die Basistexte. Um den Eurozentrismus jedoch zu kritisieren, sollte man seinen Gegner besser kennen als diese sich selber. Ja, was für eine Ungeheuerlichkeit von Münkler, daß er nicht sogleich den distanzierende Warnhinweis mitlieferte und am besten als Aufdruck über den Texten plazierte: „Kant-Lesen schadet Ihrer Gesundheit und kann zu Rassismus und Eurozentrismus führen.“ Da ist sie wieder: die unendliche Triggerwarnung. Äußerungen Münklers jedoch in einem Interview der „Zeit“ dieser Woche machen alles nicht besser. Den Studenten zu unterstellen, es wären dies Methoden wie 1933, ist nicht nur absurd, sondern verharmlost eine Situation, die mit nicht vielem in Deutschland vergleichbar ist. Das sollte einem Politologen wie Münkler eigentlich bekannt sein. (Fast möchte man, was diese von Münkler geäußerten Bezichtigungen anbelangt, dem Münkler-Watch-Blog, denn doch eine gewisse Berechtigung nicht absprechen. Und wenn ich mir manche der dort geschriebenen Kommentare durchlese, zeigt sich, daß der Kampf gegen Rassismus mehr als wichtig ist. Es fragt sich allerdings nur, in welchen Formen und in welcher Weise der erfolgen sollte.)

In den guten und seligen Zeiten sprengten Studentinnen Vorlesungen noch mit Titten-Attentaten. Dazu reicht es heute nicht mehr hin, dazu ist die prüde und weichgegenderte Studentin (mit oder ohne Unterstrich) nicht mehr in der Lage, denn Tittenzeigen, und überhaupt jegliche sexuelle Regung ist im Lager des neokonservativen Pietismus naturgemäß verpönt. In genau diesem Pietismus einer Gesinnungslinken und in einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Erregungseifer liegt das Problem, das implizit dann die Betreiber des Münkler-Watch-Blogs betrifft – mögen sie in einigen Punkten ihrer Kritik auch richtig liegen. Eine Haltung, die Linkssein lediglich als Simulationsprojekt und als Sprachschnüffelei betreibt, um einer Sprecherpositionen wahlweise Sexismus, Homophobie, Rassismus unterzujubeln, führt zu einem verhängnisvollen Modus der Kritik. Denn auf diese Weise entsteht eine Szenerie des generellen Verdachts. Jedem Begriff und jeder unliebsamen Äußerung oder Lebensregung wird ein rassistisches, homophobes oder eurozentristisches Motiv untergeschoben, jede Äußerung wird zunächst einmal gewichtet, ob sich darin nicht verborgenes Verbotenes zeigt. Was früher in einer simplen Variante als Vulgärideologiekritik betrieben wurde, hat sich heute zu einer anderen Gemischlage verdichtet, die aus den USA herüberschwappte: Othering sowie die tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung verschiedener Gruppen. Mittlerweile hat sich das zu einer Tendenz geballt, in der es nicht mehr um reale Diskriminierungen von Minderheiten geht, sondern um Diskurshoheiten: Anderen Diskriminierung unterzujubeln.

Das Internet trägt als medialer Verstärker qua Blog, Facebook, Twitter usw. einen guten Teil dazu bei. Triviale Erkenntnis, aber man kann sie nicht oft genug aussprechen. Eine an sich einmal richtige Sache, nämlich Unterdrückung, versteckten bzw. subtilen Rassismus und Widersprüche zum Thema zu machen, verfällt ins Gegenteil: die Inquisition hält Einzug sowie daran anschließend der Beicht- und Bekenntniszwang. In bestimmten Kreisen geht das dann so: Männer, die mit einer Frau flirten und sie irgendwie mit Begehren anschauen, sind erst einmal grundsätzlich verdächtig und haben sich für ihr schandbares Verhalten zu rechtfertigen, Frauen, die sich körperbetont und erotisch aufreizend anziehen, sind ebenfalls verdächtig und müssen sich erklären, wie sie es als Frauen verantworten können, sinnliche Spitzenunterwäsche zu tragen; Frauen, die Kinder wollen sind verdächtig, Weiße, die zwecks journalistischer Recherche sich schwarz schminken sind verdächtig, weiße Schauspieler, die Schwarze spielen, sind nicht nur verdächtig, sondern sogleich Rassisten; Heterosexuelle, die sich im Park küssen, werden dazu aufgefordert, dies aus Solidarität mit Queeren, Schwulen und Lesben zu unterlassen. Statt Gesellschaft relevant zu kritisieren, werden Sprachregelungen getroffen, und es wird debattiert, ob in Büchern, die vor mehr als 50 Jahre geschrieben wurden, das Wort „Neger“ vorkommen darf. (Vermutlich tilgt man irgendwann bei Tom Sawyer und Huck Finn das Zigarettenrauchen aus den Büchern. In Japan ist es bereits soweit, daß dem David von Michelangelo ein Lendentuch umgehängt wurde. Ich habe das seinerzeit mal als Witz geschrieben. Ein Jahr später wurde der Wahrheit.) Prinzipiell ist diesen neodogmatischen Pietisten jeder verdächtig: Raucher, Flucher, Alkoholtrinker, Fleischesser, Zu-wenig-Esser, Sportbetreiber, Bergkletterer, sogar unschuldige in der Alpenlandschaft kopulierende Murmeltiere, denn die bestätigen die heterosexuelle, heteronormative Matrix. (Nein, das stammt nicht aus der Titanic, sondern ist der realen Welt der Blogs entnommen.)

Wichtig vor jedem Diskursbeginn: am besten gar nicht lesen oder etwas äußern, sondern vorm Aufschlagen des Buches und vorm Sprechen unbedingt die eigenen Privilegien und die Sprecherrolle checken. Sinnvoller wäre es freilich, statt Privilegienchecks zu veranstalten, wie sonst nur der BRD-Bürger sein Auto tüvmäßig durchprüft, zuerst einmal die Fakten zu checken und Redner- oder Textbeiträge nicht nach Quotierungen auszumitteln, sondern wer zu welchem Thema etwas kompetent beitragen kann und nicht bloß daherfaselt. Ob da nun unterkomplex und mit unvergleichlicher Naivität frei von jeglicher Marx-Kenntnis über den Marktbegriff schwadroniert wurde, wie weiland in der Blogosphäre geschehen, oder ob da ein billig zu habender Sprach-Antirassismus als Gesinnungsmonstranz von mea culpa murmelnden weißen Bürgersöhnchen und den Bürgertöchterchen vor sich hergetragen wird, die sich bei jedem Nazi-Aufmarsch sofort verpissen.

Für die Logik der Sache und den Gang des Argumentes ist es jedoch relativ egal, ob einer schwarz, weiß, hellbraun oder gelb im Gesicht ist oder ob Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen. (Freilich nicht für die sozialen Umstände und die Bedingungen.) Aber wenn es schon darum geht, Privilegien zu checken, so muß sich halt auch eine politisch engagierte Autorin wie Noah Sow fragen lassen, wer eigentlich privilegierter ist: Der hellhäutige Betreiber dieses Blogs, der keinen Verlag zur Hand hat, der seine Texte veröffentlicht, der Flüchtling aus Gambia, der vor einer schwarzen Elite mit nichts als seinem Hemd und seiner Hose unter schlimmen Umständen in die BRD flieht, oder die dunkelhäutige Autorin, die bei Bertelsmann mit ihrem Buch „Deutschland schwarz weiß“ doch eine gewisse Wirkungsmacht zu entfalten vermag? (Das spricht nicht gegen ihr Buch: ganz im Gegenteil. Es ist so ratsam, dieses Buch zu lesen; wie es ratsam ist, sich die Filme anzuschauen, wo der Journalist Günter Wallraff als Schwarzer verkleidet durch die BRD reist.) Und ein weißer, männlicher Blogger, der das Privileg besitzt, einmal im Monat eine Radiosendung zu moderieren, sollte sich fragen lassen, weshalb er seine privilegierte weiße Sprecherposition nicht zugunsten der von ihm ansonsten in jedem Atemzug genannten Lampedusa-Flüchtlinge weitergibt und diese nicht ans Mikro oder an seinen Blog läßt. Es zeigt sich bereits an diesen Beispielen, zu welchen Absurditäten ein bis zur letzten Konsequenz gedachter Check von Privilegien führt. Daß dann nämlich niemand mehr etwas sagen, schreiben und veröffentlichen dürfte. (Es geht mir in meinem Text nicht gegen die Arbeit der Antirassisten. Wohl aber gegen den Rassismusvorwurf, der als mediale Spielmarke eingesetzt wird.)

Das Internet nun erzeugt ein besonderes Milieu – wenngleich es dieses immer schon gab, nur gewichtet und äußert es sich in diesem Falle anders und potenzierter, was einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität ergibt –, und es ist ein besonderes Medium, in dem die Erregungskommunikation des Shitstorm und die Logik des Verdachts gut gedeihen. Es lädt insbesondere zu solchen Formen des anonymen Denunzierens, die bis hin zum Rufmord reichen, geradezu ein, so daß ein neuer Pranger entsteht: Es streut jemand irgendein Gerücht über jemanden oder stellt falsche Behauptungen auf oder äußert in der Internetöffentlichkeit Dinge, die eigentlich nicht dorthin gehören, sondern im privaten Rahmen behandelt werden sollten. Es werden Sätze falsch zitiert, aus dem Zusammenhang gerissen oder am besten noch: gar nicht erst gelesen. Aber trotzdem wird eine falsche Behauptung oder eine bewußte Lüge in den Raum gestellt. Andere greifen dies auf, kolportieren es, übersteigern den Verdacht, schmücken ihn aus und schon hat man aus einer kleinen Angelegenheit ein großes Brimborium und Bohei gezaubert. Nein, gezaubert ist falsch: sondern bewußt inszeniert.

Über eine solche Inszenierung von Petitessen und über die Kommunikation der Aufgeregtheiten und Erregungen schreibt Don Alphonso auf seinem FAZ-Blog „Stützen der Gesellschaft“ einen ausnehmend klugen und lesenswerten Artikel: „Mit dem Rückgrat einer Qualle: Wie das Westfalen-Blatt eine Autorin dem Mob opfert“. Wie mittels eines bereits kleinen Shitstorms die Redakteurin eines Provinzblattes aus ihrer Tätigkeit gejagt wurde, weil sie die falsche Antwort auf die falsche Frage gab und wie die Rechtschaffenheit der korrekten Gesinnung mittlerweile zum Maßstab für die öffentlichen Diskurse gemacht wird.

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Nicht mehr die Debatte und der Widerstreit, gar Konträres sind Bestandteil von Diskussionen, wie man es von früher her kannte und wie man es eigentlich bei Debatten erwarten sollte, sondern das Einerlei homogener Meinungssoße wird gefordert. Ich kann mittlerweile Kolumnisten wie Harald Martenstein oder Wiglaf Droste, die auf das Dummerhafte solcher Politpossen mit deftiger Polemik reagiert, immer besser verstehen. Don Alphonso hat in der FAZ einen bemerkenswerten, abgewogenen und klugen Artikel geschrieben, hat eine weitere Posse derer mit der politisch korrekten Gesinnung uns vorgeführt. Don Alphonso gehört immer noch und weiterhin zum Klügsten, was die politische Blogosphäre hervorbringt, weil er sich dem simplen Schema rechts/links nicht beugt, weil er eine Komplexität und Unabhängigkeit des Denkens von politischen Markierungen sich bewahrt hat. Das schlägt manchmal ins Extrem der Polemik aus. Die beherrscht Don Alphonso rhetorisch perfekt. Im Gegensatz zum linksposierenden Schwätzertum mancher, die bereits bei der Lektüre von Sätzen, die mehr als vier Begriffe beinhalten, aufgeben müssen oder die in ihrer Kreuzberger Medienblase nach einem simplen Schematismus die Welt in hell und dunkel einteilen, weil es von der Denkkraft zu mehr nicht ausreicht als zum Dualismus.

Ergänzend zu Don Alphonsos Beitrag sei auf Hartmuts Text in seinem Blog „Kritik und Kunst“ hingewiesen, der diesen Vorgang auf den Punkt bringt. Wie eine eher läppische Frage eines Mannes sowie die Antwort darauf zu einem Auswuchs an Homophobie hochgekocht wird. Dieses Beispiel mag noch eines der harmlosen sein. Das Netz ist voll davon: Immer ein Stück weiter die Flamme drehen. Und kräftig Unterstellungen hinzufügen. Wie nicht anders zu erwarten, sind natürlich reflexartig in ihrer Schnappatmung die mit der simplen Gesinnung dabei, die dann Don Alphonso Homophobie unterschiebt und etwas insinuieren, was in dem Beitrag von Don Alphonso nun gerade nicht zum Ausdruck kommt. Hauptsache aber, es kann denunziert und eine dezidierte und komplex dargelegte, gute Argumentation mit inkriminierenden Schlagwörtern besetzt werden. Hinter solchen widerwärtigen Mechanismen des Umlügens von Sachverhalten steckt jedoch eine Methode: Wer homophob ist, mit dem braucht man nicht mehr zu diskutieren, denn er oder sie haben sich per se aus der Gemeinschaft der Vernünftigen und der Diskutierenden ausgeschlossen. Das eben ist der simple Trick dieser simplen Gestalten. Es wäre gut, wenn zumindest eine aufgeklärt denkende Linke darauf nicht weiter hereinfällt. Es handelt sich um Solidarität mit den Falschen. Neo-Pietisten und Denunzianten sind keine Partner, sondern Gegner.

Das schlimme an solchen Diskursen ist, daß man selber zum Teil dieser Erregungskommunikation beiträgt. Andererseits verhält es in diesen Dingen derart: Wenn hier nicht explizit eine Gegenöffentlichkeit hergestellt wird, wie unter anderem Don Alphonso es verschiedentlich macht und wie Hartmut es auf  „Kritik und Kunst“ seit Jahren trommelt, dann überlassen wir das Feld den falschen Leuten. Und zwar von beiden Seiten: Sei das der Neopietismus, der sich links dünkt, aber ohne es überhaupt zu bemerken mit Denkmustern arbeitet, die aus dem Archiv der klerikalen Inquisitionen, mithin dem 15. Und 16. Jahrhundert entstammen. Old school schlechthin und weder ihres Foucaults noch ihres Derridas mächtig, sondern bloß die akademischen Phrasen plappernd. Oder aber denen von der anderen Seite, eine in der Tat homophobe, antisemitische, antimuslimische Rechte. Von PI bis zu Pegida und Legida. Beide treffen sich in ihrem Extremismus und ihren Methoden nicht nur in der Mitte.

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Edit: Wobei ich ergänzen möchte, daß ich mit dem Begriff Pietismus eben jener Bewegung doch Unrecht tue. Zu ihrer Zeit mochte sie im 17. und 18. Jahrhundert theologische und lebenspraktische Berechtigung besessen haben. Was ich in meinem Zusammenhang eher meinte, ist ein heruntergekochter, herabgesunkener, sozusagen säkularisierter Begriff dieser Bewegung. Mithin eher eine Metapher. Genauso hätte ich – und das trifft die Sache doch schon eher – von einer Art evangelikalen Sekte sprechen können. Diese Art des linken Gesinnungssektierertums ist im Grunde seitenverkehrter Spiegel.