„Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu …“ Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“

„Sie standen und lächelten. Er hier, sie dort.“

9783351050009 Liebe ist an die Zeit gebunden, an eine bestimmte Zeit, und der Tod bedeutet das Ende jeglicher Zeit und damit auch jeglicher Liebe. [Zumindest für den, der tot ist.] Was aber ist die Zeit? Jeder Roman strukturiert, sichtet und schneidet sie auf eine ihm eigene Weise. Das Thema eines jeden Romans ist – versteckt oder offen – der Fluß der Zeit und wie diese in einer Erzählung zu ordnen oder aber zu dekomponieren sei. Vielfach ist dabei die Frage zentral, was es heißt, sich zu erinnern und wie trügerisch solche Erinnerungen sind. Julian Barnes z. B. erzählte in seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“ von einem solchem Trug der Erinnerung, der zum Betrug wurde.

Manche halten die Situationen ihres Lebens auf den Fotografien fest, um sich zu erinnern, andere schreiben diese Geschichten des Lebens auf. Oder sie besprechen, wie Krapp, Tonbänder. Die Liebe aber verliert notwendigerweise den Kampf gegen die Zeit. Grundsatzfragen. Monika Zeiner schildert in ihrem Romandebüt „Die Ordnung der Sterne über Como“ eine jener klassischen Dreiecksgeschichten von intensiver Freundschaft, Zuneigung sowie den Irrungen, Wirrungen der Liebe, die sich nicht binden und auf eine Person fixieren läßt – schon gar nicht in den bewegten, in den wilden in den jungen Lebensjahren. Der Roman erzählt diese Geschichte dreier Menschen, die sich in Freundschaft und Liebe zugetan sind, in versetzen, ineinander geschachtelten Perspektiven – rückblickend auf die Ereignisse in jenen Jahren.

Nach einigem Vorspiel in der Gegenwart, das uns den Akteur des Romans inmitten seines gegenwärtigen, leicht aus den Fugen geratenen  Lebens zeigt – Thomas Holler Mitte vierzig, aus dessen Perspektive erzählt wird, Pianist und Existenz im Mittelmaß, gerade von seiner attraktiven Ehefrau Hedda verlassen worden –, gleitet der Roman in jene vergangenen Jahre der Studentenzeit hinüber. Holler erinnert sich, und wir befinden uns in den frühen 90er Jahren. Da sind jener Protagonist sowie Marc Baldur und Betty Morgenthal. Alle drei studierten in Berlin Musik: Holler mit dem Schwerpunkt Klavier, Baldur absolvierte ein Kompositionsstudium, er ist hochbegabt, Stipendiat, die Kunst fällt ihm zu; nicht Fleiß, sondern Genie bzw. Einfallsreichtum zeichnet ihn aus. Betty Morgenthal studierte Gesang, obwohl sie, nach dem Wunsch ihrer Eltern, eigentlich Ärztin werden sollte, und so studierte sie heimlich, ohne daß ihre Eltern es wissen, zugleich Medizin. Ja: Kinder aus geordneten Verhältnissen sind sie alle drei, wenngleich Holler durch seine kleinbürgerlichen Eltern abfällt.

Marc und Thomas sind unzertrennliche Freunde. Sie begegneten sich bei einem Aushilfsjob, irgendwo im Brandenburgischen, wo sie als Musiker auf einer Verkaufsveranstaltung gebucht waren, und es funkte zwischen ihnen auf den ersten Blick. Es entsteht eine jener intensiven Freundschaften, wie sie nur in der Zeit des Studiums möglich ist, wo zwei Menschen Leidenschaften für Theorie und für Kunst teilen, sich im Überschwang der Jugend aneinander abarbeiten und eine gemeinsame Gedankenwelten in Disput und Gespräch Kontur gewinnt. Bei Thomas und Marc ist es die Musik: Musik als Rausch, Musik als eine Form, sich im Klang auszudrücken. Musik dient als eine Möglichkeit, die Zeit anders zu strukturieren als in den herkömmlichen Sprach- und Denkkonstruktionen. Dies eben macht für Marc das Besondere der Musik aus.

Fortan teilten Marc und Tom alles, zogen zusammen, verbrachten Nächte inmitten von Zigarettenrauch und in alkoholgeschwängerter Atmosphäre: Feiern, Diskussionen im Kunst- und Bohème-Milieu des Berlins der 90er: Kunststudentinnen und -studenten allerorten. Zeiner schildert dieses Milieu auf eine zwar zuweilen leicht ironische, aber nicht bösartige Weise. Wir wissen ja selber, wie es damals war: All diese (teils absurden, nie zu realisierenden) Kunstprojekte, die Vielfalt an Ideen, jede eine Künstlerin für 15 Minuten, jeder ein Schriftsteller, und sei es bloß für eine Lesung lang. Inmitten dieser Lebensbohème jener wunderbaren Jahre tummeln sich Marc und Thomas. Auf einer dieser Feiern in einem Club, wo sie Musik machten, brachte Thomas Betty mit. Marc verliebt sich in Betty. Betty ist in ihrem Herzen in Thomas verliebt – aber noch spürt sie es nicht –, doch Thomas hat eine Affäre mit seiner 25 Jahre älteren Klavierschülerin im feinen Dahlem. Unsterblich verliebte Naivlinge sind sie, wie man es schöner in der Jugend nicht sein kann.

Und so nimmt eine am Ende tragische Ménage-à-trois ihren wundersamen Lauf. Marc und Betty lieben einander, Thomas ist der dritte im Freundschaftsbund. Sie leben zusammen, sie machen zusammen Musik und spielen gemeinsam in einer Band. Zeiner versteht es, diese Intensitäten von Liebe und Leben, diese Szenen, in denen sich Menschen näherkommen, in eine Sprache zu bringen, die den Sound jener wilden Jahre trifft. Mit einem leichten Ton, von Wortwitz und Wortspiel, von Ironie getragen, beschreibt sie das Geschehen. Zudem besitzt Zeiner die herrliche Gabe, Szenen auszumalen und zu schildern, sie in die Länge zu ziehen, dem tragischen Moment, so zum Beispiel als sich Hedda und Thomas trennten, noch einen Witz oder eine spitze bzw. zugespitzte Beobachtung abzuringen. Es ist aber „Die Ordnung der Sterne über Como“ zugleich ein philosophisch aufgeladenes Buch über die Möglichkeit und die Unmöglichkeit von Liebe, das sich nicht einfach nur in den heiteren Hype fügt und so mit distanzierter Ironie über die Fügungen gleitet. Dem Text geht es um die Intensität eines Gefühls, das sich an eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit bindet, und zwar samt dem Scheitern daran.

„Zuerst verschwindet der Schmerz, dann verschwindet die Sehnsucht, dann ist da noch ein bisschen Sehnsucht nach der Sehnsucht, dann verschwindet auch das, und was bleibt ist: blauer Himmel, oder Nichts, Indifferenz. ‚So ist das mit der Liebe‘, sagte Tom. Er hätte es nie für möglich gehalten.“ (S. 386)

Es ist der Wunsch des Ästhetikers mit dem Hang zur Melancholie, die Zeit in jenem einen Moment, der nicht vergehen sollte, festzuhalten, sie einzufrieren, die Zeit stillzustellen, die gewöhnliche Ordnung der Zeit aufzuheben. Der Fluß der Zeit setzt aus. Eine andere Zeit!: Der Melancholiker leidet unter dem Vergehen der Zeit, aber nicht, weil die Zeit in ihrer Leere und Abstraktheit vorbeizieht und immer weiter treibt, sondern es ist das Begehren, diesen einen Moment, das Schöne, das, was gerade in der Intensität sich abspielt, für immer zu bewahren und auf eine Dauer zu stellen, die dann aber, wenn solches Fixierung gelänge, ins bloß noch Dingliche gleitet. Im Grunde möchte der Melancholiker die Verdinglichung der Welt betreiben. Und so motiviert sich auch Nietzsches Gedanke der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wie der Protagonist Thomas in einer Umkleidekabine im Rom sinniert: es ist die Erinnerung samt ihrem Begehren, einen Zustand festzuhalten. „Dieses leiernde, immer dasselbe abspielende Erinnerungsvermögen des Menschen.“ (S. 460)

Es steuert dieser Roman, sein ganzes Unterfangen, die Arbeit des Begriffs – mal flapsig im Ton, dann wieder philosophisch, mal nach der gelungenen, treffenden oder metaphorisierenden Wortwendung suchend und eine Szene pointierend, im Glanz des Bonmots oder des gewitzten Wortes – auf die eine Szene zu: nämlich diese einzige, der wunderbare, wesentliche Moment, an dem – zumindest fürs Bewußtsein des Subjekts – die Zeit stillsteht. Stillzustehen scheint. Ich bin mir nicht sicher, ob Zeiner hier am Ende doch den Kitsch produziert oder ein wunderbares Bild dafür findet, wenn zwei Menschen sich in Liebe vereinen. In einfachen Worten, aufgeladen mit den Bedeutungen: „dass die Zeit hier endet, sie bleibt stehen, weil sie einmal stehen bleiben muss, und kein Morgen niemals.“ Gefrierend, erstarrend, wie in eine Photographie gebannt: Wenn sich zwei Menschen küssen, und dies verbotener Weise, weil Betty nun einmal – so geht die Ordnung der Liebe – die Freundin Marcs und nicht die Toms ist, wenn die Liebe brandet und sich Haut an Haut schmiegt, wenn die versehrten Körper sich berühren, dann „legt sie den kleinen Finger ihrer Hand auf seinen. Ungefähr zwei Quadratzentimeter ihrer Haut berühren sich. Wie bedeutend zwei Quadratzentimeter sein können.  Er sieht sie nicht an, kann sich aber vorstellen, wie sie aussehen muss im Sternenlicht, also schaut er lieber nicht, schaut ins Universum, das sich vermutlich im See im Spiegel betrachtet“.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei. [So schrieb’s ein anderer vor ihr, der sich mit den Wirrnissen der Liebe gut auskannte.] An einem See, auf einem Campingplatz in Como, unter dem bestirnten Himmel; der Ordnung der Sterne, jener von Menschen gemachten Ordnung, die den Sternen Anordnungen und Namen wie Kassiopeia gibt, so daß wir kein wüstes Feld aus Lichtpunkten wahrnehmen, sondern Strukturen und Linien uns denken. Dieser Ordnung des Himmels korrespondiert nun keinesfalls die ordo mundi. Sondern es geht in der Welt nach diesem Kuß und als das Begehren ausbrach und die Körper ineinander keilte, ein Riß: die Ordnung des Himmels und die des Herzens sind zweierlei Muster. Während der Himmel unter den Küssen und Berührungen in seiner menschgemachten Ordnung behaart, verwirren sich die Gefühle und Gedanken der Menschen. Sie taten das, was sie nicht hätten tun sollen. Daß diese Ordnung des Himmel (oder auch: die des Seins) und die des Menschen selten übereinstimmen, darauf verweist der Roman insbesondere in seinen philosophischen Diskursen, die vor allem über den Gelehrten Breitenbach in den Text fließen.

Es sind die winzigen Entscheidungen, der Bruchteil einer Sekunde, ein Ja oder ein Nein, intuitiv geäußert, aus einer Laune heraus gesprochen: Dieser eine Satz, der gesagt oder nicht gesagt hätte werden können, und der ein Leben in die andere Bahn wirft. Der Konjunktiv II, wie Tom sinniert: Wenn er beispielsweise 1997 mit Marc im Auto sitzengeblieben und nach Luzern gefahren wäre, statt mit Betty am Comer See auszusteigen, dann hätten alle drei weitergelebt wie bisher. So aber kam, im Fluß der Zeit und diese dennoch nicht ändernd, den Lauf des Geschehens umpolend, alles anders. Doch „das nächste eigene ‚morgen‘, das zeitlich so nah, dem Einzelnen aber unendlich fern ist, ferner, weil unbekannter und geheimer als die entlegensten Jahrhunderte im alten Ägypten, Jahrtausende in den Wäldern des Holozän.“ Marc Baldur zumindest ging in den Selbstmord. Er kehrte nach einem Spaziergang im Gebirge nicht mehr zurück, verschwand im Schneegestöber. Später fand man seine Leiche.

„Die Ordnung der Sterne über Como“ ist ein Buch über die Zeit, und zwar in ihren vielfältigen Bezügen: von der Musik als Zeitkunst, über die Zeit, die vergeht und die vergessen läßt (oder eben auch nicht) bis hin zur Photographie als Verräumlichung und Fixierung der Zeit im Bild, Zeit als Erzählung dessen, was nicht mehr da ist und im Ton der Prosa oder der Poesie wieder in die Gegenwart gebracht werden möchte. Die Zeit einer tragisch endenden Liebe.

Viel nimmt sich Monika Zeiner über eine lange Textdistanz vor. Sie findet jenen Ton, in dem sich Unterhaltung und Ernst, Philosophie, Tiefsinn, Pathos und die unendliche Leichtigkeit des Daseins berühren, der Roman treibt einerseits mit einer feinen Eleganz und mit Witz in der Sprache daher, aber an manchen Stellen geschieht dies überambitioniert und sprachlich nicht immer ganz geglückt, so daß sich über eine Strecke von 600 Seiten zuweilen ein Sound entwickelt, der zum Selbstzweck gerät. Lesenswert bleibt dieses Buch dennoch.

 
Monika Zeiner, Die Ordnung der Sterne über Como, Blumenbar Verlag, 19,99 EUR
 

Im Lauf der Zeit – Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“: Vorschau

Ein Roman, in dem eine Nebenfigur, die zudem Italiener ist, über Adorno promoviert, kann nicht ganz verkehrt sein – „naturgemäß“ wie Thomas Bernhard sagen und schreiben würde. Bella figura machen kann man schließlich mit Adorno gut, und auf der intellektuellen Höhe der Zeit befindet man sich mit seinen Texten noch heute und allemal. Aber es soll in diesem Falle nun und ausgerechnet einmal nicht um Adorno, sondern um jenen Roman gehen, darin – freilich als Nebenschauplatz – der Italiener aus Neapel über Adorno promovierte. Monika Zeiner erzählt in „Die Ordnung der Sterne über Como“ eine jener klassischen Liebesgeschichten, eine Ménage-à-trois, und sie spielt in ihrem Debüt zahlreiche Themen an, die zur Liebesintensität dazugehören: Zeit, Erinnerung, Melancholie, Begehren, Kunst, Strukturen und Muster, denen der willig Mensch folgt. Insbesondere was die Themen Liebe, Zeit, Erinnerung und Melancholie betrifft, kann Zeiner aus einem reichen Fundus an Wissen schöpfen, denn sie promovierte über „Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes: Die Bedeutung der Melancholie für den Diskurswandel in der Scuola Siciliana und im Dolce Stil Nouvo“. Und auch die Photographie – als Medium der Zeit, als Gefäß, ihr Statthalter und Bewahrer sowie als ihr großer Vernichter – kommt in diesem Buch vor.

Ein Reigen und ein Strom an Themen, gebündelt, verschachtelt und ineinandergeschoben, tut sich in Zeiners erstem Roman auf, und zwar über eine lange Strecke von 600 Seiten. Der Roman gelangte sogleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zu recht. Und zu recht gewann er diesen Preis nicht, obwohl es darin Passagen gibt, die gespannt darauf machen, was Zeiner als nächstes schreiben wird. Ich werde im Laufe der Woche eine ausführliche Besprechung dieses Buches hier in den Blog stellen. Es sei aber vorab schon einmal eine kurze Ankündigung gegeben.

Sogleich nach den ersten Seiten bin ich in den Sog dieses Textes geraten. Der Besuch der schnicken Noch-Ehefrau Hedda beim Protagonisten Thomas Holler schildert Zeiner gar zu köstlich. Zeiner besitzt die herrliche Gabe, Szenen mit Witz und in die Groteske gebracht auszumalen und zu schildern. Ja, so geht es, wenn Liebe auseinandergeht und ein verzweifelter Mann zurückbleibt, der zunehmend der Verwahrlosung anheimfällt. Zeiner erzählt gekonnt und bilderreich, sie vermag es – freilich im Sinne eines Konzepts realistischer Literatur, das keine besondere abstrahierende Leseleistung erfordert – Leserinnen und Leser zu fesseln. Gerne möchten wir erfahren, was mit dem Protagonisten des Romans, Thomas Holler, im Laufe der Zeit geschieht, und so lesen wir weiter. Und da fängt dann bereits das große Aber an. Schwierig ist es, eine lange Textdistanz durchzuhalten. 600 Seiten als Debüt sind eine weite Strecke. Den Atem dazu hat Zeiner. Aber … Philosophischer Essay und Exkurs sowie schwungvolles Erzählen verzahnen sich in Zeiners Prosa. Das trägt im Fluß des Lesens, Zeiner erzeugt diese Intensitätspunkte, wenn der Blick selig oder in der Melancholie des Es-war-einmal zurück schweift und das Hätte-und-was-wäre-wenn sowie jener Möglichkeitssinn die Vergangenheit in Beschlag nehmen.

Aber es kommt diese Prosa teils zu gefällig daher, und es scheint mir, bei allem Wohlwollen gegenüber dem Roman, daß der Sound der Lakonie, der Ton der Melancholie an manchen Stellen sich leerläuft, sich verselbständigt oder aber zum Selbstzweck gerät. Das Spiel von Reflexion und Roman, Erzählen und Essayisieren pendelt sich nicht aus, und da, wo es ausgependelt ausschaut, täte das Buch besser, das Pendel zu überschleudern. Sätze wie „Er fühlte sich komplett neu in dieser Stadt, als wäre er hier zufällig von einem Reisebus vergessen worden, zurückgelassen ohne Gepäck in einem interessanten Abenteuer, …“ und zwei Seiten weiter durchfährt den Protagonisten Holler der Gegenblick: „Jetzt fühlte er sich kalt und verlassen, so als wäre er von einem Reisebus in einer fremden Stadt vergessen worden, aber es war kein angenehmes Gefühl mehr.“ zeigen zwar den Wechsel von Empfindungen in der Zeit und wie schnell, wie sprunghaft in den Weisen bloßer Subjektivierung und Pseudoauthentizität das Wahrnehmen von einem Moment auf den anderen kippen kann: was als Abenteuer beginnt, gerät zur Fremdheit.

Der Fluß des Erzählens wird stellenweise von zu vielen solcher Bilder, Metaphern und Wie-Vergleiche durchwebt. Das stört die Lektüre – insbesondere beim zweiten Lesen fällt es auf – und so scheint mir der Text an manchen Stellen zu fein gesponnen. Zu viel wurde gewollt, zu ambitioniert manchmal der Ton. Doch es existieren dann wieder Textstellen, die das Wesen dieses Romans – das von Liebe und Verlust, von Zeit und Erzählung – auf den Punkt bringen. Und darum und auch weil es ein Debüt ist, das Großes über eine lange Strecke wagt, bin ich am Ende im Urteil milde, selbst dort, wo sprachlich in diesem Buch nicht jede Wendung und jeder Satz immer gut und gelungen funktionieren. Diesem Buch hätte man einen klugen Lektor gewünscht. Andererseits sind eben in der Welt der Verlage – und der Aufbau Verlag ist (mittlerweile) ein kleiner, der sich kaum eine Lektorenschar wird leisten können – solche Lektoren rar gesät.

Demnächst mehr von diesem Buch; hier in ihrem Lieblingsblog, in ihrer Lieblingsliteraturkolumne von ihrem Lieblingsblogger, in einer ausführlichen Buchbesprechung zu Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“. Es sei vorab gesagt: der Titel des Buches ist gut und gekonnt gewählt. Rätselhaft genug, um neugierig auf ein Buch zu machen, aber nicht so verschroben, daß einem so rein gar nichts zu diesem Titel einfällt. Daß die Vielzahl der solitären Sterne am Himmel, die nichts voneinander wissen, eine Ordnung haben können und einem menschengemachten System folgen, läßt sich zumindest beim ersten Blick assoziieren.

Korrekturen – „Die Ordnung der Sterne über Como“ und der Deutsche Buchpreis 2013

Ich muß ein wenig meinen Wunsch, daß Clemens Meyer den Deutschen Buchpreis 2013 gewinnen möge, korrigieren. [Mal davon abgesehen, daß es eigentlich zutiefst amusisch ist, sich auf diese Preise und Auszeichnungen zu kaprizieren und von diesem Kriterium her Bücher zu lesen. Wichtiger als solche Preise ist allemal die Form von Prosa: Wie wird erzählt? Konventionell wie immer, Geschichte an Geschichte gereiht oder die Romanform nach vorne treibend, Anderes wagend und probierend, die ausgetretenen Pfade verlassend? Dem Roman etwas Neues, einen anderen Aspekt und Dreh hinzuzufügen, wie wir es bisher und in dieser Weise nicht hatten. Adornos Kategorie des Avancierten aufgreifend. Aber solche Preise gehören nun einmal – zu recht – zum Betrieb dazu, weil sie für die Autorinnen und Autoren, die sie erhalten, finanzielle Unabhängigkeit versprechen und zudem bei der zukünftige Verlagswahl einen Mehrwert darstellen.]

Alle fünf Bücher auf der Shortlist scheinen mir auf ihre Weise interessant – ausgenommen Mirko Bonnés „Nie mehr Nacht“, das mir zu bemüht und zu konstruiert wirkt. Da ich das Buch aber nicht gelesen habe, bleibt dies nur ein Eindruck, den ich aus Klappentext und den Rezensionen bezog. Ich mag mich täuschen.

Sicherlich hätte Meyers großartiges Prosawerk aufgrund der Form des Erzählens – nämlich die Geschichte von Sex, Großstadt, Liebe, Geschäft in einer eigenwilligen Weise zu perspektivieren – sowie einer Sprache, die detailliert die Zustände, Dinge, Situationen trifft, diesen Preis verdient. Aber wünschen würde ich mir dennoch, daß den Preis Monika Zeiner mit ihrem fulminanten, übersprudelnden, witzigen, tief-traurigen, intensiven Romandebüt „Die Ordnung der Sterne über Como“ gewönne. Es wäre dies eine Ehrung für ein ganz und gar gelungenes Erstlingswerk, eine Auszeichnung für eine Autorin, die gerade die Bühne der Literatur zu betreten sich anschickt. Mag Terézia Moras Buch Das Ungeheuer“ von der Form und der Konstruktion und der Figurenperspektivierung her avancierter sein, indem die Ebenen „Reflexion des Mannes“ und „Reflexionen der Frau“ auf einer Buchseite jeweils oben und unten angeordnet und durch eine zartgraue Linie getrennt wurden und so zwei ganz und gar unterschiedliche Perspektiven zur Darstellung kommen, so scheint mir dennoch die Sprache und der Ton, den Zeiner trifft, für ein Debüt ganz außergewöhnlich. Genau lauscht sie, wie zwischen zwei Menschen Dialoge geführt werden, besitzt dabei den Blick fürs Absurde und Komische, das solchen Dialogen häufig zugrunde liegt, selbst innerhalb so ernster und trauriger Situationen wie dem Besuch auf der Intensivstation eines Krankenhauses, wo ein Mensch im Sterben liegt, oder im Leichenschauhaus.

Auf der Rückseite des Buches ist ein Satz von Michael Kumpfmüller abgedruckt, in dem es heißt: „Es ist unerhört selten, dass eine Frau mit dieser Gerechtigkeit, jenseits aller Klischees, über einen Mann schreibt. Was für ein Roman!“

Über solche Klappen- und Rückentexte ärgere ich mit jedesmal und mit Regelmäßigkeit. Weshalb hängen die Leserinnen und Leser, selbst Schriftsteller, die es bisser wissen müßten, immer noch an der Fiktion des Autors und insbesondere an seinem Geschlecht? Als ob es ein männliches oder weibliches Erzählen gäbe, als ob Frauen nur über Frauen und Männer nur über Männer schreiben könnten. Eine absurde Vorstellung, die Kunst aufs Geschlecht und auf Sprecherpositionen reduziert.

Dennoch hat Monika Zeiner dieses Lob, was für ein Roman dies sei, verdient. Konventionell zwar erzählt. Aber doch handelt es sich um eine Prosa, die eine ungeheure Kraft entfaltet. Zeiner erzählt zwar sprachlich nicht immer präzise und an einigen Stellen etwas überambitioniert, aber doch mit Witz und Detailreichtum die Geschichte einer Männerfreundschaft sowie einer zwischen diesen Männern sich bewegenden Frau: eine Geschichte zwischen Berlin und Neapel, Italien und Deutschland mit vielfachen Exkursen und Ausführungen zur Liebe oder genauer: Zur Unmöglichkeit von Liebe in den Zeiten der Individualitäts-Cholera.

Bisher bekannt – nein bekannt ist hier definitiv das falsche Wort – bisher trat Monika Zeiner schreibend mit einer Dissertation hervor, und zwar trägt diese den schönen Titel „Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes. Die Bedeutung der Melancholie für den Diskurswandel in der Scuola Siciliana und im Dolce Stil Nuovo“. Leider ist das Buch zur Zeit vergriffen. Es hat viel mit den Überlegungen und Ausführungen des Blogbetreibers zu tun.

Eine Besprechung von „Die Ordnung der Sterne über Como“ erfolgt demnächst. Auch auf den Aspekt der Liebe als Passion und als System, wie sich Individualität ausbildet, komme ich zu sprechen. Warten wir ab, wie morgen gegen 18 Uhr die Preisverleihung ausfallen mag und wer die schöne Trophäe zugesprochen bekommt. Meyer wiederum würde ich es wegen seiner Jubelposen wünschen. Wer trinkt schon während einer Preisverleihung und der vielen Reden ein Bier dabei und reißt dann die Flasche hoch, wenn es ans Literaturpreisgewinnen geht?