Zivilisationsbruch nach Auschwitz. Oder auch: genug vom Tauschwert – Adornos „Minima Moralia“ (2)

Die Adorno-Leserin, der Adorno-Leser sind in der Welt des zusammenhanglosen Zusammenhangs, der ausgeprägten Immanenz nicht sonders gut angesehen, zuweilen gelten sie als überheblich und arrogant. Manche halten diese seltsamen Wesen, die gerne frech und verwegen im Grandhotel Abgrund residieren, speisen, leben, gar für Adorniten oder Priester des wahren Wortes. Wie dem auch sei: Wir konstatieren den Immanenzzusammenhang als die Hölle der Immanenz. Die Hölle, das sind nicht mehr die anderen („L‘Enfer c‘est les autres), wie es Sartre noch in seinem Stück, „Geschlossene Gesellschaft“ feststellen konnte, in dem er die Hölle der alltäglichen Kommunikation recht realistisch und ohne große Formierung ins Sprachbild preßte, sondern die Hölle ist eigentlich gar nicht mehr sichtbar. Aber es gilt immer noch, was diesen Zusammenhang im feinen Höllenfeuer als Dämmerschleier der Narkolepsie oder des Somnambulen betrifft, der Satz der (ansonsten schrecklichen) Hippie-Mucker-Band The Doors aus dem Song „Five to One“: „No one her gets out alive“. Andererseits paßt dieser Existentialpathos dann auch wieder besser zum popaffinen Sartreleser. Denn es gibt bei Adorno keine Slogans, sondern wie Kompositionen von Musik entwickeln die Sätze seiner Philosophie sich – auch dort, wo sie pointieren – und schälen sich aus dem Sachgehalt heraus. Sie gruppieren sich um ihren Gegenstand, beleuchten und betrachten ihn von einer Perspektive her, die für die meisten zunächst ungewohnt erscheint.

Dieser Umstand ruft von Aggression und Unverständnis bis hin zum Spott der Halbgebildeten alle möglichen Weisen der Aversion hervor. [Zuweilen aber stellen sich die richtigen Reflexe inmitten der falschen Wörter ein.] Interessant wäre es deshalb womöglich – als eine Art Projekt – mit den Mitteln der Qualitativen Sozialforschung eine Adorno-Ablehnungsleser:innen-Typologie zu entwerfen. Dem Bewohner des Grandhotel Abgrund sind seit etwa 30 Jahren die immergleichen Schablonenvorwürfe aus dem Textbausteinekasten bekannt. Sie variieren in ihrer simplen Variante unerheblich, aber auch in ihrer etwas gebildeteren Version kommen sie bloß als eine Art Scrabble aus dem Bastelkasten daher: ach, immer so negativ und nie werden die Potentiale gesehen, die doch nur brach liegen. Dem Negativen ins Gesicht zu schauen, ertragen die Affirmateure und Akklamateure nicht und erstarren wie beim Blick ins Medusengesicht. Mimetisch genommen, zeigt diese Starre im Grunde eine richtige Reaktion auf die Verhältnisse, nur darf man sich in solchen Sichtungen nicht versteinern lassen. Auch die ungehemmte Positivität bedeutet eine Weise der Versteinerung. Adorno schrieb zu diesem Moment von Schock und Besinnung einen sehr treffenden Aphorismus, und zwar lieferte er eine interessante Lesart zu dem Volkslied von den zwei Hasen, die vom Jäger erschossen wurden und sich dann wieder aufrappelten: „Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal“. (Dazu demnächst mehr.)

Wer sich heutzutage in irgend einer Weise denkend und schreibend auf Adorno bezieht, setzt sich häufig dem Vorwurf der Idolatrie oder des Negativdenkens aus, insbesondere von den Hipstern der Neukonservativen Bürgerlichen Revolution, die sich im progressiven Gewand bewegen, aber in ihrer Partialkritik an den Verhältnissen, die doch bloß als Affirmation sich erweist, am liebsten alles so belassen würden, wie es ist. Außer da einige Rädchen und Stellschräublein anders justieren, hier ein paar Frauen an den Universitäten unterbringen oder in den Aufsichtsräten (Rätedemokratie ex negativo) oder hier ein wenig mehr Ökologie, Ganzheitlichkeit samt Fühligkeit ins Denken zu bringen: Es ist der Reformismus von SPD und den Grünen: wir sind in der Berliner Republik angekommen. Die saturierte Neubürgerin, der Neubürger, in den Vorstadt(reihen)häusern, der tolerant ist, solange man seinen heiteren Tanz durchs Leben nicht stört: Denn im Habitus des Lustig-Bürgers sei dies alles, was Adorno an Kritik äußerste, nun so aktuell nicht mehr und überholt und dem Jammersound sei besser mit Ironie oder dem ungehemmten Frohsinn positiven Denkens begegnet. Vielleicht sogar mit Pop. Lediglich wenn dem Kleinbürger in seiner Adorno-Persiflage und Lebens-Satire der Arsch auf Grundeis geht, weil‘s Häusle plötzlich nicht mehr bezahlt werden kann oder’s Geld ein wenig verzockt wurde: Ja, dann …

Eine Lektüre und Interpretation der Texte Adornos betet diese freilich nicht affirmativ herunter, sondern sie setzt sich mit ihnen auseinander. Und das bedeutet zunächst einmal: ihn immanent zu lesen, ihn gleichzeitig zu dekonstruieren, den Gehalt und das Gedachte des Textes auszumachen, auf seine Form und auf die Argumente zu blicken, seine blinden Flecken zu finden – mit anderen Worten: Eine kritische Lektüre in Gang zu bringen. Andererseits gibt es in den verschiedenen Werken Adornos Zusammenhänge, hinter die es sich nicht zurückfallen läßt: Der Wahrheitsgehalt des Kunstwerkes als eines seiner wesentlichen Aspekte ist eine solche unhintergehbare Position in der Ästhetik: nicht mehr das bloß Sinnliche am Kunstwerk, das Gefühlige, der Geschmack oder das schlürfende Genießen, sondern die Reflexion und das Denken samt den Sinnen, die diesem Kunstwerk sich überlassen, bildeten mit einem Male den Bestandteil reflektierter Kunsttheorie.

Eine solche immanente Lektüre Adornos betrieb sein Schüler Alexander Kluge; er tat dies in zahlreichen seiner Bücher, und er schrieb die Kritische Theorie in einer mikroskophaften, mäandernden, das Material zusammentragen Weise fort, wie dies etwa Walter Benjamin in seinem „Passagenwerk“ minuziös sammelnd, exzerpierend und zitierend unternahm: das Paris des 19. Jahrhunderts sollte sich dort als eine Art dialektisches Bild entfalten und im Text zur Erscheinung gebracht werden. Kluge sichtet das Material und er entwickelt es weiter, doch betreibt er diese dialektische Re-Lektüre Benjamins und Adornos niemals affirmativ, aber dennoch an die Tradition dialektischer Kritik anknüpfend: Insbesondere zeigt dies seine Detailversessenheit, wie er das in „Geschichte und Eigensinn“ (zusammen mit Oskar Negt), aber auch in „Chronik der Gefühle“ in einen wuchernden Text bringt.

Adorno treibt in den „Minima Moralia“ ein zutiefst materialistisches Motiv an: Kritik am Subjekt und Kritik am Objekt in einem. Beide sind gleichermaßen versehrt und beschädigt bis ins Mark. Doch es handelt sich bei dieser teils sehr subjektiven Sichtung Adornos nicht um jene sattsam bekannte konservative Kulturkritik, die dem Gestern-war-besser hinterherträumt. Die Kritik Adornos geht aufs ganze, sie will nichts restaurieren. Vor allem ist diese Form, auf Gesellschaft zu reflektieren, keine Kulturkritik – als könne man lediglich ein wenig an den Phänomenen des Überbaus ändern, damit alles wieder gut würde –, sondern Gesellschaftskritik in einem umfassenden, nicht bloß nöhlenden Sinne. Sie verliert, bei aller Detailversessenheit, ebenso das Moment der gesellschaftlichen Konstitution und ihrer Strukturierung, nämlich den Aspekt der Ökonomie, nicht aus den Augen. Die „Minima Moralia“ behalten Teil und Ganzes gleichermaßen im Denken. Was Leben ist, läßt sich erfahren in der Erforschung von dessen entfremdeter Gestalt.

Diese Kritik – teils exaltiert und von äußerster Subjektivität gespeist, teils exakt pointierend – nimmt die Dinge und Gegebenheiten, die ihrem Blick begegnen, ernst und ist damit ein Beispiel auch für gelingende Phänomenologie. Keine zwar mehr des Geistes in einem Hegelschen Sinne, als sei das Ganze noch irgendwie sinnhaft vermittelt, sondern eine solche Phänomenologie der Details, des Konkreten, das sich am Ende der Reflexion als das Abstrakteste erweist; eine Phänomenologie der Regungen und Kleinigkeiten, eine von Alltag sowie Gesellschaft. In dieser Weise der Spiegelung und Brechung im Denken freilich konzipiert sie sich am Ende doch wieder als eine Phänomenologie des Geistes: nämlich eine der gesellschaftlicher Verhältnisse. Mit Kant gesprochen, eine reflektierende Urteilskraft, die zum Besonderen das Allgemeine findet. Aber dieses ist im Befund Adornos derangiert und als Gesellschaftsverhältnis nicht das, was es sein soll. Das Ganze ist das Unwahre, wie es in den „Minima Moralia“ heißt, womit sich der Satz vom richtigen Leben im falschen zuspitzt und eine Wendung jenes Satzes von Hegel ins Katastrophische bedeutet: daß das Wahre das Ganze sei, kann mit guten Gründen eigentlich nur noch von einer Perspektive der Utopie her gedacht werden. Oder vom Blick jüdischer Theologie genommen: Vom Messianischen aus.

Die Folie für Adornos Philosophie bilden die Konzentrations- und Vernichtungslager: das, was Dan Diner den Zivilisationsbruch nach Auschwitz nannte. Für viele heute ist dieses Phänomen weit weg. Für zahlreiche Familien, deren Mitglieder in den Lagern zum Rauch wurden oder die mit letzter Mühe entkamen, sind diese Erfahrungen auch in der zweiten, dritten, vierten Generation noch sehr nahe. Diese Erfahrung des absoluten Schocks, des Unsagbaren, des absoluten Bruchs und der Zerstörung jeglichen Sinnzusammenhangs spiegelt die gesamte Philosophie Adornos ab dem Jahre 1939 wider, bis hinein in sein grandioses Spätwerk, die „Ästhetische Theorie“ –viel zitiert, wenig gelesen. Die Wahrheit des Kunstwerkes ist darin durch und durch geschichtlich, an einen Zeitkern gebunden, und die Kunst und mit ihr die ästhetische sowie die gesellschaftskritische Theorie von diesen Zivilisationsbruch durchdrungen. Dieses Moment der Katastrophenerfahrung sollte in der Philosophie Adornos beständig mitgedacht werden. Das sinnliche und das denkerische Sensorium Adornos ist, was diese Phänomene anbelangt, sehr sensibel und ausgeprägt.

Die 153 Aphorismen der „Minima Moralia“ werfen ihr Augenmerk auf so unterschiedliche Dinge wie das Schenken, Wohnungseinrichtung (mithin: das bürgerliche oder kleinbürgerliche Interieur), Sprache, die Ehe, Takt, Gastlichkeit, Utopie, Liebe, Kindheit, Gebrauchsgegenstände wie Kühlschränke samt deren Türen, das kumpelhafte Geduze in der Arbeitswelt, das Schreiben. Adorno exponiert dieses Besondere, das Detail, er vergrößert die Kleinigkeit und legt sie unters Brennglas. Das, was als Gegenstand des Gebrauchs und zugleich in seiner Überhöhung warenmäßig als Fetisch fungiert, wird von Adorno entmystifiziert. Wenn unzählige Menschen auf einer Smartphone-Tastatur in der S-Bahn herumklimpern, wäre für Adorno dieser eigentümliche Solipsismus sicherlich nicht ein erweitertes und genial-neues Kommunikationsverhalten, als das es viele unkritisch-euphemistisch betrachten und benutzen, in dem Menschen in Sekundenschnelle Verbindungen zum Entferntesten erzeugen können, sondern zugleich das Einerlei des bloßen Zeitvertreibs. Dennoch würde sich Adorno wohl dem Smartphone nicht verschließen. Adorno Philosophie beruht nicht auf Technikfeindschaft und sie verachtet ebenso wenig die Genüsse und die Sinnesfreunden, wie dies eine bestimmte Weise des asketischen Marxismus/Linksseins oder des Protestantismus gerne betreibt: je sackleiniger desto besser, je uneleganter desto politischer, je weniger die Sinne verfeinernd Speisen, Getränke, Gespräche, Frauen oder Männer genießend, desto politischer. Je spartanischer, desto ehrlicher. Ganz im Gegenteil geht es darum, den Gebrauchswert gegenüber dem Tauschwert zu seinem Recht zu verhelfen.

„In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“

Auch diese Fähigkeit zum Genuß hielt man Adorno zeitlebens vor, und er hielt an ihr Zeit seines Lebens zum Glück fest.

„Die entfesselte Technik eliminiert den Luxus, aber nicht, indem sie das Privileg zum Menschenrecht erklärt, sondern indem sie bei allgemeiner Hebung des Standards die Möglichkeit der Erfüllung abschneidet.“

In der nächsten Woche geht es weiter in der Lektüre. Wohin uns dieser Weg treibt, bleibt ungewiß, vielleicht ein wenig auch in die Richtung hin zu Georg Lukács. [Nein, dies ist nicht der Regisseur von „Star Wars“, werte Kinogeherinnen, werter Kinogeher!]

Tugendlehre als Form der Moralphilosophie und der Gesellschaftskritik? – Einige vorbereitende Überlegungen zu Adornos „Minima Moralia“ (1)

„Kurz, also was Moral heute vielleicht überhaupt noch heißen darf, das geht über an die Frage nach der Einrichtung der Welt – man könnte sagen: die Frage nach dem richtigen Leben wäre die Frage  nach der richtigen Politik, wenn eine solche richtige Politik selber heute im Bereich des zu Verwirklichenden gelegen wäre.“
(Th. W. Adorno, Probleme der Moralphilosophie. Vorlesungen 1963)

Foucault sagte einmal in einem seiner späteren Interviews, daß er drei Viertel seiner Text nicht hätte zu schreiben brauchen, wenn er Adorno früher entdeckt hätte. Das ist einerseits eine zwar nicht richtige, aber doch aus einer sehr genauen Beobachtung resultierende Sentenz, weil sich viele Überlegungen Adornos und Foucaults in der Tat berühren, wenngleich beide aus einem ganz anderen Traditions- und Theoriezusammenhang stammen. Was Adorno und Foucault allenfalls eint, ist einerseits das Interesse an einer Kritik des Bestehenden, mithin dies einschließend auch die berühmte Kantische Frage, was Aufklärung sei, sowie die Beschäftigung mit Nietzsche und Hegel. Die Denk-Weise dieser beiden Philosophen beieinflußte entscheidend auch die von Adorno und Foucault, wobei in Foucaults Denken die Struktur eher über den Text Nietzsches und bei Adorno über den Hegels erzeugt wurde. Andererseits zeugt dieser Satz Foucaults von einem hohen Maß an Bescheidenheit, denn auf so materiale Analysen wie „Überwachen und Strafen“ und „Wahnsinn und Gesellschaft“ oder „Die Ordnung des Diskurses“ möchte ich nicht verzichten, und für eine Kritische Theorie der Gesellschaft können wir froh sein, daß diese Bücher sowie seine Studien zur Macht existieren.

Es ist nun 62 Jahre her, daß Adornos „Minima Moralia“ erschien, jene „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ wie es im Untertitel heißt: nämlich im Jahre 1951, inmitten des BRD-Muffs der Adenauer-Jahre, der Restaurationszeit, als die Faschisten des Nazi-Deutschland wieder aus den Löchern krochen und gewendet als lupenreine Demokraten sich ausgaben – im Herzen jedoch immer noch die, welche sie vorher waren. Nun nannte man dieses Denken konservativ. Eine denkbar ungünstige Zeit im Grunde für ein solches Buch wie die „Minima Moralia“, war doch das Klima der deutschen Ordinaren wesentlich reaktionär geprägt: entweder von einem Existenzialismus als Jasperscher „Jargon der Eigentlichkeit“ getragen, wo es um die echte Entscheidung, in die der Mensch gestellt sei, um wahrhafte Subjektivität oder den Humanismus und um dergleichen Pathos mehr ging, oder aber es herrschte als Richtung die Heideggersche Fundamentalontologie vor. Progressive Strömungen und die dialektischen Denktraditionen waren weitgehend verdrängt, oder deren Philosophen begaben sich gleich in den Machtbereich der DDR, aus dem sie, wie Ernst Bloch und Hans Mayer dann schnell wieder auszogen. Zudem wollten die wenigsten an jene Jahre deutscher Herrlichkeit und des Deutschen Wesens erinnert werden, die noch nicht lang zurücklagen. Es sollte nun besser die Sonne bei Capri oder lieber noch die rote Flotte dort im Meer versinken.

[Es gibt diese Version ebenfalls mit der Stadt Danzig, die 1977 von der Panzerbrigade 28 gesungen wurde. Die Brigade war in Dornstadt bei Ulm stationiert.)

Wenn bei Danzig die Rote Flotte im Meer versinkt
Und der Marschall Gretschko in Preßburg am Galgen schwingt,
Zieh’n die Grennis mit ihren Mardern in Moskau ein.
Dann wird endlich Friede in ganz Europa sein.

Wenn am Roten Platz das Deutschlandlied erklingt,
hört von fern wie es singt.
Habt Ihr unsern Hauptmann nicht gesehn?
Kurz vor Moskau muß er stehn.
Habt Ihr unsern Hauptmann nicht gesehn?
Dort muß er stehn.

Soviel zu den Traditionszusammenhängen und inwiefern das Vergangene längst vergangen ist, denn irgendwann muß auch mal Schluß sein mit diesen ewigen Aufarbeitungen und dem immerwährenden Herumgekrittel, Genörgle und der Nestbeschmutzung. Es muß doch schließlich auch etwas Positives gesagt werden dürfen.]

Doch zurück zu den „Minima Moralia“ sowie zu einigen grundsätzlichen Überlegungen, wie mit Texten umzugehen sei – gleichsam als Schnell-Hermeneutik konzipiert. Um ein Werk, um einen Text zu verstehen, muß man ihn zunächst als Reflex und Reflexion auf die Zeit begreifen, in der er entstand. Ein philosophischer Text zudem bezieht sich meist auf theoretische oder praktische Fragen, die im Raume stehen, und er setzt sich mit andern Texten auseinander; er bezieht sich absetzend, sie weiterschreibend und -treibend oder manchmal auch zustimmend auf sie. Kants „Kritik der reinen Vernunft“ entstand nicht aus dem Bedürfnis nach Reinheit, weil Kant einen Waschzwang betrieb oder weil er von den Tücken der Empirie nicht belästigt werden wollte, sondern es ging ihm um die zentrale Frage, wie inmitten der erstarkenden empirischen Wissenschaften Metaphysik überhaupt noch möglich sei. Jene Metaphysik, die einstmals die Königsdisziplin der Philosophie bildete. Diese Übung des Verstehens, d. h. sich die Umstände und die Bedingungen eines Textes zu vergegenwärtigen und – sich darauf beziehend – überlegen, was da in diesem Text gesagt wird, ist ein basales Merkmal von Lektüre. Erst im Anschluß daran läßt sich ein Text kritisieren oder gar dekonstruieren. Im Bereich der Philosophie gehört zu diesen Übungen des Verstehens zugleich das Wissen um die Traditionen und die Kenntnis dessen, was andere schrieben. Wie war die Lage? Auf welche Texte und Ansätze bezog sich Kant? Ansonsten ist ein angemessenes Verständnis philosophischer Texte nicht möglich. Philosophie bildet ein verschlungen-verickeltes Konvolut von Texten, sie wuchert und treibt rhizomartig oder aber wie ein Wurzelwerk, verzweigt sich, wächst. Dieser Zusammenhang sollte – zumindest basal – im Hinterkopf mitschwingen.

Adorno schrieb diese Sammlung aus Sentenzen, Beobachtungen, Zuspitzungen, Verdichtungen, Aphorismen und Reflexionen im amerikanischen Exil in den 40er Jahre. Geplant war eine Veröffentlichung zu Max Horkheimers fünfzigsten Geburtstag 1945. Ihm, dem langjährigen Weggefährten, ist dieses Buch gewidmet. Allererdings scheiterte dies durch andere Projekte, mit denen Adorno in den USA befaßt war. Man kann wohl sagen, daß die Zeit dort eine ausgesprochen produktive war: es entstanden in den USA die „Dialektik der Aufklärung“ sowie die „Philosophie der neuen Musik“, auch zahlreiche Aufsätze und Notizen, so seine „Aufzeichnungen zu Kafka“, die dann 1955 in den „Prismen“ erschienen – jenem Band, in dem dann jenen der Satz schrieb, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.

Angelehnt ist der Titel „Minima Moralia“ an eine moralphilosophische Schrift des Aristoteles, nämlich die „Magna Moralia“, und gleich zum Beginn in der „Zueignung“ spricht Adorno – in Anspielung an Nietzsche – von der „traurigen Wissenschaft“, diese bezieht sich, nach den Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, „auf einen Bereich, der für undenkliche Zeiten als der eigentliche der Philosophie galt, seit deren Verwandlung in Methode aber der intellektuellen Nichtachtung, der sententiösen Willkür und am Ende der Vergessenheit verfiel: die Lehre vom richtigen Leben.“ Was einst als eine Art „Fröhliche Wissenschaft“, als Lehre vom Leben gedacht war und sich den freilich subjektiven Überlegungen hingab, wie zu leben sei, gerät in das Fahrwasser einer gesellschaftlich destruktiven Tendenz. Diese Tendenz tangiert sowohl Theorie als auch die Formen von Praxis selbst.

Wie zu leben sei, war eine der zentralen Fragen, und es gab einstmals so etwas wie eine Tugendlehre als eine Weise von Moralphilosophie, in der nicht das Zeitlose, das Apriorische, das Bedingende und Konstituierende eines Transzendentals oder die Idee vom guten Leben verhandelt wurde, sondern die Reflexion richtete sich auf ganz konkrete Situation und Umstände und stellte anhand derer die Frage nach dem guten und dem gerechten Leben. Im Grunde eine Morallehre des Empirismus. Dabei freilich bleibt der Text Adornos nicht stehen. Im Gegenteil. Wobei sich Adorno andererseits – in dialektischer Weise – dem Gegensatz von Empirismus und Rationalismus, von Metaphysik und Materialismus aus guten Gründen entzieht. [Eine solche Tugendethik war in den 80er, 90er Jahren in einer (allerdings teils konservativen) Weise als Neo-Aristotelismus im Schwange. Profilierteste Vertreter sind Alasdair MacIntyre und in einer eher progressiven Variante Martha Nussbaum.]

Im Hinblick auf dieses empirische Moment und auf die Frage nach dem guten Leben tätigte die Moralphilosophie Kants einen tiefen Einschnitt: die Frage nach dem Glück und die nach dem guten und gelingenden Leben lassen sich anders als das moralisch Richtige philosophisch – und damit auch: allgemeingültig – nicht bestimmen.

„… daß mithin der Grund der Verbindlichkeit hier nicht in der Natur des Menschen, oder den Umständen in der Welt, darin er gesetzt ist, gesucht werden müsse, sondern a priori lediglich in Begriffen der reinen Vernunft, und daß jede andere Vorschrift, die sich auf Prinzipien der bloßen Erfahrung gründet, und sogar eine in gewissem Betracht allgemeine Vorschrift, so fern sie sich dem mindesten Teile, vielleicht nur einem Beweggrunde nach, auf empirische Gründe stützt, zwar eine praktische Regel, niemals aber ein moralisches Gesetz heißen kann.“
(I. Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten)

Es geht hier, wie ersichtlich, um ein Allgemeines, um ein Gesetz. Für diese Position gibt es gute Gründe, und zwar dann, wenn Menschen sich fragen, ob es eine Moral gäbe, die universal Geltung beanspruchen kann. Gibt es, so Kant, Gesetze a priori, also vor aller Erfahrung und nicht aus ihr ableitbar? (Denn vom Sein läßt sich bekanntlich nicht aufs Sollen schließen.) Daraus leitet sich die zentrale Frage ab, ob es Menschenrechte gäbe, die für jede/n auf dieser Welt anwendbar sind und die insofern nicht mit einem kulturellen Relativismus entschärft werden können und inwiefern diese universalen Rechte zu begründen sind. (An diese Fragen schließt sich ein ganzer Komplex von Überlegungen zur Ethik bzw. Rechtsphilosophie an. Von der Frage „Moralität oder Sittlichkeit“ hin zu Hegel und über Rawls bis zur „Theorie des Kommunikativen Handelns“ bzw. der darauf folgenden Diskursethik bei Habermas. Eine gute Einführung in die Probleme und Fragen der Moralphilosophie, liefert John Rawls‘ „Geschichte der Moralphilosophie“. In ganz anderer Weise richtet Adorno in seinen 1963 gehaltenen und 1996 publizierten Vorlesungen „Probleme der Moralphilosophie“ den Blick auf die Fragen der Moral und dem damit verbundenen Moment des Gesellschaftlichen.)

Adorno versucht nun in den „Minima Moralia“ nicht, das Empirische gegen eine von der Empirie befreiten Moralphilosophie auszuspielen. Es handelt sich bei diesem Buch vielmehr um eine sehr spezielle, subjektive Reflexion. Im Sinne einer (kantischen) reflektierenden Urteilskraft wird zum Besonderen das Allgemeine gesucht, das zugleich dieses Besondere immer mehr durchdringt (Habermas sprach später von der Kolonialisierung der Lebenswelt), um in solchen Denkbewegungen und Meditationen eine Kritik des Begriffes vom Leben zu liefern:

„Was einmal den Philosophen Leben hieß, ist zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigene Substanz mitgeschleift wird.“ (Adorno, Mimima Moralia“)

Es sind Beobachtungen, die unter den Bedingungen eines auf ganz Europa übergreifenden Faschismus auf der einen, und dem totalitären Stalinismus auf der anderen Seiten entstanden, die jedwede individuelle Regung des Subjekts untergruben und es ins Kollektiv einpreßten. Dazwischen eingekeilt lag ein anglo-amerikanischer Kapitalismus, der alles bis hinein in die menschlichen Regungen nach seiner Verwertbarkeit mißt. Allemal zwar die bessere Option, aber deshalb lange nicht frei von Kritik. Und wie es bereits 1939 Max Horkheimer in „Die Juden und Europa“ formulierte. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Demnächst mehr auf Ihrem Blog „AISTHESIS“, wenn es in die Details von Adornos „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ geht.

Esoterik, Asiatisches und Okkultes

„Mit Recht fühlen die Okkulten von kindisch monströsen naturwissenschaftlichen Phantasien sich angezogen. Die Konfusion, die sie zwischen ihren Emanationen und den Isotopen des Urans anstiften, ist die letzte Klarheit. Die mystischen Strahlen sind bescheidene Vorwegnahmen der technischen. Der Aberglaube ist Erkenntnis, weil er die Chiffren der Destruktion zusammen sieht, welche auf der gesellschaftlichen Oberfläche zerstreut sind; er ist töricht, weil er in all seinem Todestrieb noch an Illusionen festhält: von der transfigurierten, in den Himmel versetzten Gestalt der Gesellschaft die Antwort sich verspricht, die nur gegen die reale erteilt werden könnte.

VI. Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle. Die Subalternität der Medien ist so wenig zufällig wie das Apokryphe, Läppische des Geoffenbarten. Seit den frühen Tagen des Spiritismus hat das Jenseits nichts Erheblicheres kundgetan als Grüße der verstorbenen Großmutter nebst der Prophezeiung, eine Reise stünde bevor. Die Ausrede, es könne die Geisterwelt der armen Menschenvernunft nicht mehr kommunizieren, als diese aufzunehmen imstande sei, ist ebenso albern, Hilfshypothese des paranoischen Systems: weiter als die Reise zur Großmutter hat es das lumen naturale doch gebracht, und wenn die Geister davon keine Notiz nehmen wollen, dann sind sie unmanierliche Kobolde, mit denen man besser den Verkehr abbricht. Im stumpf natürlichen Inhalt der übernatürlichen Botschaft verrät sich ihre Unwahrheit. Während sie drüben nach dem Verlorenen jagen, stoßen sie dort nur aufs eigene Nichts. Um nicht aus der grauen Alltäglichkeit herauszufallen, in der sie als unverbesserliche Realisten zu Hause sind, wird der Sinn, an dem sie sich laben, dem Sinnlosen angeglichen, vor dem sie fliehen. Der faule Zauber ist nicht anders als die faule Existenz, die er bestrahlt. Dadurch macht er es den Nüchternen so bequem. Fakten, die sich von anderem, was der Fall ist, nur dadurch unterscheiden, daß sie es nicht sind, werden als vierte Dimension bemüht. Einzig ihr Nichtsein ist ihre qualitas occulta. Sie liefern dem Schwachsinn die Weltanschauung. Schlagartig, drastisch erteilen die Astrologen und Spiritisten jeder Frage eine Antwort, die sie nicht sowohl löst, als durch krude Setzungen jeder möglichen Lösung entzieht. Ihr sublimes Bereich, vorgestellt als Analogon zum Raum, braucht so wenig gedacht zu werden wie Stühle und Blumenvasen. Damit verstärkt es den Konformismus. Nichts gefällt dem Bestehenden besser, als daß Bestehen als solches Sinn sein soll.“

(Th. W. Adorno, Minima Moralia in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, S. 277)

Essen, Innenstadt – Vom Subjekt – „Minima Moralia“

Einmal mehr gibt es hier einige weitere Photographien aus Essen zu sehen.

Das Photographieren, die Photographie sind mit dem Subjekt verknüpft, mit dem Auge, dem subjektiven Blick, der auswählt, komponiert, anordnet, sich für oder gegen das eine oder andere Bild entscheidet, das dann gezeigt oder nicht gezeigt wird. Dies sind Trivialitäten. Mag das photographische Dokument noch so sehr an das Objekt, an den Gegenstand gekoppelt sein, so ist es dennoch durch das Subjekt hindurch.

„Trotzdem bleibt so viel Falsches bei Betrachtungen, die vom Subjekt ausgehen, wie das Leben Schein ward. Denn weil in der gegenwärtigen Phase der geschichtlichen Bewegung deren überwältigende Objektivität einzig erst in der Auflösung des Subjekts besteht, ohne daß ein neues schon aus ihr entsprungen wäre, stützt die individuelle Erfahrung notwendig sich auf das alte Subjekt, das historisch verurteilte, das für sich noch ist, aber nicht mehr an sich. Es meint seiner Autonomie noch sicher zu sein, aber die Nichtigkeit, die das Konzentrationslager den Subjekten demonstrierte, ereilt bereits die Form von Subjektivität selber. Der subjektiven Betrachtung, sei sie auch kritisch gegen sich geschärft, haftet ein Sentimentales und Anachronistisches an: etwas von der Klage über den Weltlauf, die nicht um seiner Güte willen zu verwerfen wäre, sondern weil das klagende Subjekt sich in seinem Sosein zu verhärten droht und damit wiederum das Gesetz des Weltlaufs zu erfüllen. Die Treue zum eigenen Stand von Bewußtsein und Erfahrung ist allemal in Versuchung, zur Treulosigkeit zu mißraten, indem sie die Einsicht verleugnet, welche übers Individuum hinausgreift und dessen Substanz selber beim Namen ruft.“ (Theoder W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, GS 4, S. 14)

Die „Minima Moralia“ sind von dieser Subjektivität getragen und schreiben sich vom Modus des Individuellen her, wohl wissend, daß solche Individualität im Grunde nicht mehr zur Disposition steht. Sich der Scheinhaftigkeit dieser dem bürgerlichen Denken entsprungenen Kategorie des Individuums innezuwerden, ohne dabei aber an der eigenen Abschaffung, umfassend und betriebsmäßig organisiert wird, mitzuwirken, mag die Kunst dieses Textes und überhaupt die Kunst der Selbsterhaltung sein, ohne dabei in die Regression zu geraten, so wie Adorno dies in jenem Aphorismus „Regressionen“ beschreibt.

„Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: ‚Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal‘: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die ‚Unwirklichkeit der Verzweiflung‘, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.(S. 227-228)

Dieser letzte Satz Adornos trägt sicherlich viel von der Philosophie Benjamins und damit auch einen guten Teil Theologie in sich. Erlösung wäre erst dann vollständig durch die des radikal Bösen gegeben.

Adorno operiert in den „Minima Moralia“ ex negativo, zeigt, was nicht geht, was unter den Bedingungen spätkapitalistischer Produktion unmöglich geworden ist: Die Heirat (Nr. 10 u. 11), Konventionen (Nr. 16), der Umgang mit den Dingen (Nr. 18), ein emphatisch gedachtes Subjekt/Individuum (Nr. 97), Liebe (Nr. 110). Im Grunde bürgerliche Verhaltensweisen, Attribute des Bürgers: was vom Bürger einmal gedacht war, um seine Lage zu festigen, wurde inzwischen abgeschafft, weil es sowohl dem Stand des Bewußtseins als auch den Produktionsverhältnissen lange schon nicht mehr entspricht und hinterherhinkt. Und des emphatisch gedachten Bürgers bedarf es schon lange nicht mehr. Oder wie es in anderem Zusammenhang vom Nörgler einmal formuliert wurde: Der Bürger kennt seine eigene Philosophie nicht mehr. Sein Ort ist mittlerweile die Halbbildung, die nicht die halbe Bildung, sondern das Gegenteil derselben ist, um einen weiteren Satz vom Nörgler zu zitieren.

Gleichwohl ist jene Kritik Adornos nicht im konservativen Sinne eines Arnold Gehlen oder Neil Postman zu lesen. Daß wir uns zu Tode amüsieren, zu Tode konsumieren hängt eben mit gesellschaftlichen Mechanismen zusammen, beruht auf ökonomischen Bedingungen und einer bestimmten Weise der Produktion, weshalb Adorno aus guten Grunde den Begriff der Kulturindustrie gebraucht. Es ist diese Derangierung des Geistes nicht naturgegeben oder vom Himmel gefallene Schlechtigkeit, dem man das Bewußtsein des kunstsinnig Mitgekommenen entgegensetzen könnte. Auch mit einem sozialdemokratischen Slogan wie „Bildung für alle“ ist es als Abhilfemaßnahme und Tröpfelchen nicht getan. Es sind Produktions- und Warenverhältnisse keine anthropologischen Konstanten – naturwüchsig und unaufhebbar.

Solange es Bettler gibt, schrieb Walter Benjamin, solange gibt es den Mythos.