Robert Gernhardts Dialektik, Adornos Kritische Theorie, Pohrts Witz und die Elche

Zum Jahresbeginn vielleicht eine kleine Kanzelrede vom Weltgebäude herab. Denn kürzlich las ich bzw. entdeckte ich im Internet ein Gedicht von Robert Gernhardt wieder, das den schönen Titel „Theke, Antitheke, Syntheke“ trägt. Es ist in dem Gedichtband „Reim und Zeit“ enthalten. Es geht, sozusagen, um den vermeintlichen dialektischen Dreischritt, der hier aber bei Gernhardt in seiner Fülle ausgefahren wurde:

Theke, Antitheke, Syntheke

Beim ersten Glas sprach Husserl:
»Nach diesem Glas ist Schlusserl.«
Ihm antwortete Hegel:
»Zwei Glas sind hier die Regel.«
»Das kann nicht sein«, rief Wittgenstein
»Bei mir geht noch ein drittes rein.«
Worauf Herr Kant befand:
»Ich seh ab vier erst Land.«
»Ach was«, sprach da Marcuse,
»Trink ich nicht fünf, trinkst du se.«
»Trinkt zu«, sprach Schopenhauer,
»Sonst wird das sechste sauer.«
»Das nehm ich«, sagte Bloch,
»Das siebte möpselt noch.«
Am Tisch erscholl Gequietsche,
still trank das achte Nietzsche.
»Das neunte erst schmeckt lecker!«
»Du hast ja recht, Heidegger«,
rief nach Glas zehn Adorno:
»Prost auch! Und nun von vorno!«

Eine schöne, illustre, philosophische Gesellschaft, die den angenehmen Dingen frönt. Das ist in der Philosophie meist so. Allerdings ist sie wie auch die Dialektik mit Arbeit verbunden. Und nun komme ich heute aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, trotzdem es in Berlin trüb ist, denn ich lese gerade in Wolfgang Pohrts „Der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl“. Dies ist ein Vortrag, den Pohrt 1984 auf dem Adorno-Symposion in Hamburg hielt und der sich zum Teil auf den sozusagen offiziellen Adorno-Kongreß von 1983 in Frankfurt mit all denGroßkopfeten bezieht. Pohrts Vortrag ist immanent adornitisch gedacht zwar und vielleicht nicht unbedingt gemäß philosophischer Kritik, aber dafür doch unnachahmlich lustig und teils auch treffend. Es schrieb Pohrt dieses:

„Insofern aber, als es ein vernünftiges Ding mit dem Namen Frankfurter Schule gar nicht geben kann, darf man einen philosophischen Sachbearbeiter Schnädelbach oder eine unter dem Namen Habermas publizierende vollautomatische Textverarbeitungsanlage durchaus als Frankfurter Musterschüler bezeichnen. Insofern auch ist es ganz falsch, hier dem Frankfurter Adorno-Kongreß vom letzten Jahr eine verbesserte Version entgegensetzen zu wollen, denn wenn es der Zweck solcher Veranstaltungen ist, den Ruhm des Toten, dem sie gewidmet sind, im hellsten Glanz strahlen zu lassen, dann war jener Kongreß einfach unübertrefflich in der Art, wie er tätig aufopfernde Selbstverleugnung praktizierte, wie er das Funkeln ausschließlich Adorno überließ und dessen Leuchtkraft noch erhöhte durch den Kontrast zur Blässe derer, die pedantisch über ihn nachdachten. Insofern auch ist vielleicht die oft als unglücklich beklagte Personalpolitik Adornos eher das Produkt einer maliziösen Strategie gewesen. Vielleicht im Bewußtsein dessen, daß man sein Werk kaum würde verbessern, sondern nur verwalten können, hat er auch Sachbearbeiter herangezogen und dabei möglicherweise tagträumend die Vision genossen, wie man ihn nach seinem Tod um so schmerzlicher vermissen wird, wenn dann solche Sachbearbeiter am Ruder sind. Sie dienen seinem Andenken mit ihrer Unfähigkeit mehr, als es andere mit ihren Fähigkeiten können, und deshalb sollten wir ihnen dankbar sein, statt ihnen kleinliche Gehässigkeiten nachzutragen.“

Kritische Theorie ist vielfach zu einer Angelegenheit von universitären Verwaltungsbeamten an geworden. Oder aber man erforscht und referiert jene Kritische Theorie, um sie zu verstehen und auch, um sie historisch einzuordnen. Philologie kann manchen Sonnenschein und Glück allein bringen. So wie es geschieht, wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist; es beginnt dann der Flug jener wunderbaren Eule der Minvera. Immerhin ist es nicht falsch, um Herkunft und Geschichte des eigenen Tuns zu wissen, diese Geschichte zu kennen, auch wenn man sie nicht mehr zu können vermag. Und in diesem Sinne ist Kritische Theorie Geschichte – die Zeiten Adornos sind nicht die unseren.

Dennoch: anstatt Symposien und Kongresse über Kritische Theorie zu veranstalten, wäre es Zeit und angebracht, sie insofern lebendig werden zu lassen, indem man sie am Gegenstand betreibt: nicht nachmachend und die hunderste kulturkrititsche Volte und Wendung schlagend, noch einmal und noch einmal: again and again, sozusagen: der Geist der schnarchenden Kritik aus dem Zeitalter der  Reproduzierbarkeit, sondern in einer originellen Form. Witz, so heißt das Zauberwort, und Gedächtnis. Und ein  feuilletonistisch-philosophischer Esprit. Mit Adorno, gegen Adorno, über Adorno, mit Adorno. Und insofern warte ich dringend auf DAS Adorno-Buch von Rüdiger Safranski. Es wird, so vermute ich, zum Niederknien gut sein.

Aber all diese Esprit-Witz-und-Denker-Wünsche: es ist leichter gesagt als getan: vielfach findet sich nur laues Genöle, das sich für Kritik hält, oder ein nachgerade antiadornitisches Antideutschtum oder „kritische Kritik“ wie Marx witzelte, die verkennen, wie sehr Adorno immer an diesem Land hing. Oder aber einfach eine Leerlauf-Kritik, die bei weitem ihren Gegenstand unterbietet. Entweder eine Ideologiekritik, die noch ihre eigenen Grundlagen unterläuft und bereits gescheitert ist, wenn man sie in Selbstanwendung auf den Kritiker bringt, um ihm seine intellektuellen Unzulänglichkeiten vorzuhalten. Oder aber eine längst als Phrase leerlaufende Kritik an dit und an dat. Solche Kritik hat etwas Freudloses, Unfrohes, Unerotisches, Langweiliges und Lustloses. Ein Modus, den man im Gestus wiederholt und in imitatio betreibt, wird zum Zombie, zum Untoten. Dann lieber ein fröhlicher Epikureer, der gärtnert oder sich ein leckeres Suppenhuhn kocht.

Geisterhafte Wiedergänger sind so problematisch wie universitäre Verwaltungsbeamte. In Horkheimers Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ wurde jene Kritische Theorie noch kleingeschrieben: denn es war dies keine Lehre und keine traditionelle Schule, zu der man sich zählte, sondern vielmehr eine Tätigkeit des Denkens, die zum einen sich von herkömmlicher, eben traditioneller Theorie und einem herkömmlichen Methodenideal unterscheiden wollte: eine Kritik der Vernunft mit ihren eigenen Mitteln – was auch gar nicht anders geht, denn es stehen dem Denken lediglich diese Mittel zur Verfügung; und zum anderen stand sie dennoch in der Tradition, nämlich der Kants und Hegels, Marx‘ und Freuds und auch Husserls: Abhub der Erscheinungswelt und ein kritisches Denken zu betreiben, das sich dabei auch auf die Gesellschaft bezog und Oberflächenphänomene bzw. das, was zunächst ins Auge sticht und als unmittelbar erscheint, auf ihre Tiefenstrukturen zu untersuchen. Eine Philosophie, die sich von ihrer materialen Basis nicht ablöste, aber dabei dennoch nicht ins positivistische Erbsenzählen glitt. Eine Philosophie, die den Idealismus – im Sinne Adornos und Horkheimers als Ausdruck der bürgerlichen Gesellschaft – beim Wort nahm, indem sie sich auf dessen Texte bezog (wenngleich die philologische Gründlichkeit der beiden oftmals zu wünschen übrigließ) und die dennoch auf eine veränderte Gesellschaft abzielte, oder wie Horkheimer es 1937 in jenem Text in einer Fußnote formulierte:

„Die kritische Theorie erklärt: es muß nicht so sein, die Menschen können das Sein ändern, die Umstände dafür sind jetzt vorhanden.“ (Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie)

Das ist ein interessanter Gedanke. Und er wird in der Demokratie auf eine eher prozessuale Weise eingeholt.

„Das bürgerliche Denken ist so beschaffen, dass es in der Reflexion auf sein eigenes Subjekt mit logischer Notwendigkeit das Ego erkennt, das sich autonom dünkt. Es ist seinem Wesen nach abstrakt, und die als Urgrund der Welt oder gar als Welt überhaupt sich aufblähende, vom Geschehen abgeschlossene Individualität ist sein Prinzip. Der unmittelbare Gegensatz dazu ist die Gesinnung, die sich für den unproblematischen Ausdruck einer schon bestehenden Gemeinschaft hält, wie etwa die völkische Ideologie. Das rhetorische Wir wird hier im Ernst gebraucht. Das Reden glaubt, das Organ der Allgemeinheit zu sein. In der zerrissenen Gesellschaft der Gegenwart ist dieses Denken, vor allem in gesellschaftlichen Fragen, harmonistisch und illusionär. Das kritische Denken und seine Theorie ist beiden Arten entgegengesetzt. Es ist weder die Funktion eines isolierten Individuums noch die einer Allgemeinheit von Individuen.“ (Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie)

24 Jahre später: Adorno ergänzt diesen doch noch irgendwie optimistischen Blick Horkheimers mit einer Art von ästhetischer Melancholie :

„Die Irrationalität der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer Spätphase ist widerspenstig dagegen, sich begreifen zu lassen; das waren noch gute Zeiten, als eine Kritik der politischen Ökonomie dieser Gesellschaft geschrieben werden konnte, die sie bei ihrer eigenen ratio nahm.“ (Adorno: Versuch, das Endspiel zu verstehen)

Von jenem Programm kritischer Theorie, das Horkheimer, Adorno und Marcuse Ende der 1930er Jahre formulierten und gleichsam programmatisch in Anschlag brachten und mit der „Zeitschrift für Sozialforschung“ praktisch auch wirkmächtig werden ließen, ist nach Adornos Tod lediglich die denkende Besinnung auf eine Sache namens Gesellschaft übrig geblieben. Und auch die Schwierig- oder besser geschrieben die Unmöglichkeit, jenes dumme Ding, das man Gesellschaft nennt, mit sogenannten revolutionären Mitteln zu ändern, müssen im Sinne Kritischer Theorie mitgedacht werden – wobei gegenwärtig eher zu fürchten ist, daß – weltweit betrachtet – diese Revolution eine von rechts sein wird. Kritische Theorie ist problematisch geworden und das formulierte auch Wolfgang Pohrt implizit mit, wenn er vortrug:

„Wie jeder Gesellschaftskritiker oder Philosoph, der seine Sache gut gemacht hat, so hat auch Adorno seinen Schülern und Amtsnachfolgern nichts als Arbeitslosigkeit hinterlassen. Was es über diese Epoche zu denken und zu sagen gibt, kann man in seinen Büchern lesen, und eine andere Epoche, in welcher Adorno veraltet oder überflüssig sein würde, ist leider nicht in Sicht.“

Dieser Satz mag polemischer Zuspitzung geschuldet sein und er mag einer gewissen Einseitigkeit im Blick entsprungen sein, denn auch an sogenannten kulturindustriellen Produkten wie dem Unterhaltungsfilm kann einem Zuschauer etwas aufgehen, und die besten „Tatorte“ in der ARD werfen, trotzdem sie eine für viele produzierte Unterhaltung sind, zugleich gesellschaftliche Fragen in die Diskussion (und das in Einzelfällen sogar besser als manches Zeigefingersozialdrama aus der Rubrik High-brow-Film mit Hang zur Berlinale), und in diesem Sinne bleibt hinreichend Arbeit übrig – auch um andere Verzweigungen nur als die negative Kritik zu entdecken. Denker wie Foucault mit seinem, wie er es in bezug auf bestimmte Phasen seines Denkens halbironisch, halbernst nannte, „fröhlichen Positivismus“ und Deleuze (aber auch Lyotard und der mittlere Derrida) zeigen hier andere Wege.

Dennoch bringt dieses Pohrt-Zitat eine Tendenz gut auf den Begriff: daß Adorno in seinen Analysen zentrale Aspekte der spätkapitalistischen Gesellschaft mit marxschen Mitteln zur Darstellung brachte: ihre Mechanismen und auch die Art, wie Bewußtsein in Beschlag genommen werden kann, bis hin zu seiner These, daß Arbeit und Freizeit ineinander übergegangen sind – auch im Sinne jener Selbstoptimierung, die nicht dem Gnothi seauton, sondern dem marktgerechten Verhaltung und der unternehmensorientierten Selbstdarstellung und damit der Performance dient.

Einen solchen Blick in die Welt optimierter Selbste und der Wahl des Liebespartners nach Portfolio-Kriterien entwirft Ute Cohen in ihrem Anfang des Jahres erschienenen Roman „Poor Dogs“, und wir finden schon lange vorher in Guy Debords „Die Gesellschaft des Spektakels“ etwas davon. Auch in bezug auf diese Selbstperformanz, und darin ist Pohrt recht zu geben, finden wir bei Adorno zahlreiche Texte: die „Minima Moralia“ sind gleichsam ein Brevier und Handorakel der Negativität und was nicht zu tun sei. Es bleibt in diesem Sinne tatsächlich viel Nacharbeit, wie es Schiller in den Xenien über „Kant und seine Ausleger“ dichtete: „Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung setzt! Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.“ Aber in der Position des Kärrners zu verharren ist eben doch langweilig – außer man heißt Nena und ist noch so fresh wie in den 1980er Jahre, als die Unmittelbarkeit noch unmittelbar war. Unmittelbar naiv.

Solche Kritik des Projekts Frankfurter Schule als Projekt und planbare Veranstaltung universitärer Verwaltungsbeamter gedacht, äußerte unlängst auch Peter Trawny in seinem Buch „Was ist deutsch?“:

„Habermas‘ Projekt, die aktuelle Frankfurter Schule überhaupt, ist ein Diskurs von Professoren, der sich nur insofern ein besonderes Profil verleihen kann, als er in Exzellenz-Initiativen erfolgreich ist. Theorie um ihrer selbst willen wird ausgestattet mit großzügigen Posten. Damit aber erlangt der Diskurs noch keine gesellschaftspolitische Relevanz. Im Gegenteil. Er wird nicht weniger esoterisch als das von Habermas so häufig abgekanzelte Heideggersche Denken. Was universitätspolitisch äußerst effektiv funktioniert, ist ‚lebensweltlich‘ irrelevant geworden.“

In diesem Sinne bleibt vielleicht nur jenes Ausweichen vor falschen Alternativen und dogmatischen oder sophistischen Festlegungen oder dem Festzurren auf eine linke Identitätspolitik als ungetriggerter Hallraum der Woken: jene Echokammer, die sich kritisch dünkt und sich doch nur narzißtisch spiegelt: dies Leute haben nicht einmal mehr ihre französischen Gewährsmänner und -frauen, auf die sie sich frech berufen, auch nur halbwegs erfaßt. Da können sie sich mit Gumbrechts Postmoderne-Kritik zusammentun. Zwei Lager, ein Denken.

Adornos Stärke lag nicht da, wo er sich in die Fallstricke der Ideologiekritik verhedderte, sondern da, wo er ungedeckt und frei von solchen Konstrukten sich in die Philosophie warf: das Denken des Nichtidentischen, jene Freiheit zum Objekt und des Eingedenkens der Natur: „Im Eingedenken ans eigene Naturwesen entragt es [das verfallene Dasein] seiner Naturverfallenheit.“ (Adorno, Zur Schlußszene des Faust)

Was bleibt, als kritische Theorie, gegen all diese Tendenzen, das ist die Philosophie als Kritik und Denken, als Arbeit am Text, als gründliche intensive Lektüre und genaue Deutung von Texten. Close reading. Das also, was Philosophie seit Heraklit, Parmenides und Platon schon immer tat. Das Denken denken.

Vielleicht läßt sich als eine der Bestimmungen der unterschiedlichen Ausprägungen kritischer Theorie jener Satz von Herbert Marcuse festhalten, den er in Anschluß an Horkheimers Essay und als Antwort schrieb:

„Das Interesse der kritischen Theorie an der Befreiung der Menschheit verbindet sie mit bestimmten Wahrheiten, die sie festhalten muß. Daß der Mensch mehr sein kann als ein verwertbares Subjekt im Produktionsprozeß der Klassengesellschaft, durch diese Überzeugung ist die kritische Theorie am tiefsten der Philosophie verbunden.“ (Herbert Marcuse, Philosophie und kritische Theorie)

Vielleicht ist diese Neue Frankfurter Schule, vielleicht ist jener Humor, jener Witz als Ingenium eine Möglichkeit, im Modus der Kritik zu bleiben und dennoch nicht freudlos und moralinsauer aus der Welt zu blicken oder Kunstwerke daran zu messen, ob darin auch die richtigen moralischen und haltungsmäßigen Standpunkte vorkommen und ob darin bloß keine der Figuren „Neger!“ oder „Zigeuner“ ruft oder aber als Ideologiekritiker den Leuten ihr vermeintlich falsches Bewußtsein vorzunölen und im Unterbewußten der Massen zu poppeln: Freud für Freudlose gleichsam, wobei ich nichts gegen Freud gesagt haben will. Solchen digressiven Takt als entferntes Verstehen und Koppelung von Ungleichzeitigem und Inkompatiblem zeigten Dichter wie Laurence Sterne, Jean Paul, Heinrich Heine, Eckhard Henscheid und überhaupt die Dichter und Spötter der Neuen Frankfurter Schule – man nehme nur Standardwerke wie „Reim und Zeit“, die schon vom Titel her mit der Größe des Denkens spielen (der Anklang an Heideggers „Sein und Zeit“ ist unüberhörbar) und die dennoch das Gedicht als Effekt auch der Zeit sehen. Womit ich wiederum bei jenem Gedicht von Robert Gernhardt vom Anfang des Textes angelangt bin.

Und vielleicht auch für all die Orakel und Debakel, die haltlosen Auslegungen und für die Mutmaßungen, die am Ende doch nicht so wie gemaßt und gemutet zutreffen,  sei mit Spott, mit Witz und deshalb mit Robert Gernhardt geendet, der dieses Jahr seinen 15. Todestag hat, und zwar mit Gernhardts „Deutung eines allegorischen Gemäldes“

Fünf Männer seh ich inhaltsschwer;
wer sind die fünf?
wofür steht wer?

Des ersten Wams strahlt blutigrot;
das ist der Tod
das ist der Tod.

Der zweite hält die Geißel fest;
das ist die Pest
das ist die Pest.

Der dritte sitzt in grauem Kleid;
das ist das Leid
das ist das Leid.

Des vierten Schild trieft giftignaß;
das ist der Haß
das ist der Haß.

Der fünfte bringt stumm Wein herein;
das wird der Weinreinbringer sein.

In diesem kritischen Sinne einen guten Start ins Jahr 2021.

Sozialistisches Keksgebäck. Eine Art Madeleine-Geschichte aus Rumänien. Oder: Die Freiheit in der post-bürgerlichen Gesellschaft ist die Freiheit der Waren-Wahl

Ende der 70er Jahre reiste ich als 14- oder 15-Jähriger mit meiner Mutter samt der Schwester in den Urlaub nach Rumänien. Es war ein kleiner Badeort in der Nähe von Konstanza, an dem wir eine Ferienwoche verbrachten. Zweimal unternahm ich einen Ausflug in diese eigenwillige Stadt Konstanza, am Schwarzen Meer gelegen, ein mich immer schon faszinierender Name, der es veranlaßte, daß ich mich in Grübeleien erging, weshalb dieses Meer so hieß wie es hieß. Schimmerte es nicht auch wie die anderen Meere blau oder blau-grün-grau? Einmal ausflugten wir mit meiner Mutter und meiner Schwester in jene Stadt, und beim zweiten Mal durfte ich sogar mit dem alten, klapprigen, roten Trolleybus alleine in die große, weite Stadt Konstanza fahren.

Rumänien war damals ein armes Land, und es ist wahrscheinlich auch heute noch arm. In jenem Badeort gab es allerdings ein kleines Kaufhaus. Es besaß sogar zwei Etagen. Die waren über eine alte Rolltreppe verbunden. Oft waren die Regale mit dem Warenangebot leer. In der Lebensmittelabteilung lagen aber an einem der Tage unendlich viele Kekspackungen (zumindest schienen sie mir unendlich), ein ganzer Regalmeter in der Höhe und in der Breite voll von Kekspackungen – alle verschieden gestaltet, mit ganz unterschiedlichen Bildern und Farben darauf, die die Käufer locken sollten, um ihnen die Freuden dieses sozialistischen Kekses schmackhaft zu machen oder aus sonst was für Gründen. Voller Lust und Gebrauchswerterfüllungssucht kaufte ich mir von meinem Taschengeld zwei oder drei dieser Packungen – denn wer weiß, ob es die morgen noch gibt. (So wie es mit allen Dingen des Lebens und auch mit den Menschen ist.) Ich freute mich auf verschiedene Sorten von Keksen, die ich am Strand, nach dem Baden, auf der Promenade, auf der Fahrt zum herrlichen Donaudelta verspeisen bzw. vernaschen konnte. Groß war die Enttäuschung des Heranwachsenden, während ich die zweite Packung öffnete, um als Abwechslung vom Einerlei eine andere Sorte von Keks zu kosten. Enthielt die erste Packung, die ich zu verspeisen mich anschickte, eine Art von ausgetrocknetem Butterkeks, wie sie schon der Philosoph Leibniz probierte, worauf er seine „Monadologie“ entwickelte und feststellte, daß es einfache Substanzen geben müsse (er meinte damit keine berauschenden Drogen. Nein!), so erwies sich – trotz unterschiedlicher Verpackung bzw. grafischer, werbender, bildlicher Gestaltung – ebenso der Inhalt der zweiten Kekspackung als identisch mit dem Inhalt der ersten. Es war nicht derselbe Keks, aber doch der gleiche. Das anscheinend Unterschiedliche war nun ein scheinbar Unterschiedliches, terminierte am Ende des Kau-, Schluck und Verdauungsvorgang ins Identische.

[Leserinnen und Leser ahnen nun, wie ich schon sehr früh mit der Hegelschen Philosophie rein über das Moment der Lebenspraxis in Berührung kam? Unterschied, Differenzerfahrung, Identität, Sein, Schein, Wesen, Begriff: Alles das manifestierte sich in diesem rumänisch-sozialistischen Keksgebäck. Eine Madelaine für Dialektiker ist der Leibnizsche Butterkeks nach sozialistischer Manier in einem kleinen Kaufhaus nahe Konstanza. Lebenspraxis im Vorgang des Kaufens. Die Logik der Ware erschließt sich über den Umgang. Denn alle Philosophie soll ja immer schön anschaulich und mit dem wilden und lebendigen Leben in Kontakt stehen. Kein Text ohne Leben und die Fülle menschlicher Seinsweisen, sonst gibt es von den Postulierer:innen der Lebensunmittelbarkeit, die ihre unzulänglich-belanglose Existenz in Vorstadtreihenhäusern zum Maß erheben, was auf den Keks.]

[„Einfacher Substanzen muß es geben, weil es Zusammengesetztes gibt; denn das Zusammengesetzte ist nichts anderes als die Anhäufung oder ein Aggregat von Einfachem.“ G.W. Leibniz, Monadologie]

Um diese unendliche Enttäuschung, diese Erfahrung der Produkt-Leere im sozialistischen Alltag zu kompensieren und um den widerwärtigen Einheitsgeschmack des beim seiernden Kontinuitätskauen als pappig sich erweisenden Keksgebäcks hinunterzuspülen, erstand ich mir an einer der Strandbuden, die in der Sommerhitzeglut zum sozialistischen Konsum einluden, eine Flasche kühle Pepsi-Cola. Der Pepsi-Cola-Konzern handelte seinerzeit in den 70ern mit den sozialistischen Ländern ein Verkaufsrecht für seine  Ware aus. „The wind of change“ nahm durch die Segnungen des Kapitalismus und seiner Getränkevielfalt seinen Anfang. (Im Grunde hatte dies Billy Wilder in „Eins, zwei, drei“ bereits vorausgesagt. Aber anhand des Konkurrenzproduktes aus Atlanta.) In Zucker und Koffein von Pepsi Cola lösten sich rund 11 Jahre später die Länder des real existierenden Sozialismus auf, fast 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR machten sich nun daran, den Westdeutschen ihre mehr  oder minder intakten Gebrauchtwagen zu sehr guten Preisen abzukaufen.

Dieses Kaltgetränk dürfte meine Motivation für Land und Leute heben, so dachte ich mir in meiner jugendlichen Emphase. Der Verkäufer öffnete eine Flasche, kippte sie in ein Glas, dann hackte er aus einem in der Sommerhitze liegenden Eisblock mit einem kleinen Eispickel die Stücke aus dem langsam leckenden, sanft zerfließenden Eismassiv heraus, brach noch einmal kräftig mit dem Pickel hinein, und griff mit seinen schwarzen Händen in die Eismasse, um einige der Stücke im Pepsi-Cola-Glas zu plazieren. Wenn ich schreibe „mit seinen schwarzen Händen“, so handelt es sich dabei nicht um die Zuschreibung einer Rasse-Eigenschaft oder um eine irgendwie geartete ethnologische Bestimmung ausländischer Cola-Verkäufer, obwohl der Verkäufer ja im Grunde gar kein Ausländer war, denn vielmehr bin ja ich der Gast in Rumänien und somit Ausländer, während der Verkäufer ein Einheimischer ist, sofern er nicht als bulgarischer oder sowjetischer Ausgereister einen Verkaufsstand besitzt, und so bleibt alles immer eine Frage der Perspektive, aber diese Perspektive muß man dann in der Reflexion auch wieder geraderücken können, was nicht jeder oder jedem gelingt. Vielmehr wollte ich mit jenen schwarzen Händen zum Ausdruck bringen, daß es sich nicht um PoC-Hände, sondern eben bloß um schmutzige Hände handelte – daß ich ein Jahr vorher, also mit 13 oder 14, bereits Sartres „Die Fliegen“, „Geschlossene Gesellschaft, sowie „Die schmutzigen Hände“ frühreif las, muß wohl eher als eine zufällige Koinzidenz gedeutet werden – solche Hände, die hernach in die Ansammlung von Eiswürfeln griffen, um sie in das Pepsi-Cola-Glas gleiten zu lassen. Mit einem breiten Lächeln reichte er mir das Glas, kassierte und widmete sich wieder dem Eisblock. In einem Zuge, den widerlichen mondadisch-mürben Keksgeschmack herunterspülend, trank ich die Pepsi-Cola genüßlich aus.

Die Fahrt ins Donaudelta am nächsten Tag war von unangenehmsten, krampfartigen Bauchschmerzen begleitet, so daß ich von der Welt des Schilfs, der mäandernden, schlingernden Flußläufe, der Vogelwelt und der gesamten Atmosphäre an diesem zauberhaften Ort, bei dem, wenn er in Reisefilmen gezeigt wird, idiotischerweise zur Erzeugung von Balkan-Stimmung  (im Sinne der Triest-Odessa-Linie) immer eine dieser blöden Panflötenmelodien erklingt, nur wenig mitbekam, und die Fahrt schloß mit einer anschließenden Penicilline-Behandlung, die ein technokratisch-sozialistischer Hotelarzt mir verabreichte. Wir haben keinen Pfennig dazubezahlt. (In diesem Falle waren es Lira.) Der Umstand, daß mir bereits zu diesem Zeitpunkt jener großartige Film mit Orson Welles, nämlich „Der dritte Mann“ bekannt war, trug sicherlich dazu bei, daß sich in mir eine gehörige Portion an Skepsis als Motor für Wahrnehmung und Denken breitmachte. Doch der Heilungserfolg stellte sich schnell ein. So wurde die Skepsis zu einer dialektischen und blieb nicht im Trug einer Freiheit des Selbstbewußtseins, bloß bei sich im Grübeln zu verharren, um zunächst als Stoizismus, dann als Skeptizismus und schließlich ins unglückliche Bewußtsein zu erstarren, wie Hegel das in seiner „Phänomenologie des Geistes“ recht klug und als Weg des Wissens und der Wahrheit entwickelte.

Die rumänischen Kekse sowie die Artenvielfalt im Modus des Bildes im Regal blieben mir in steter Erinnerung und zugleich hafteten sie als sympathisches Korrektiv gegen die Vielfalt des aufdesignten Schundes, der sich in den Regalen westeuropäischer Warenansammlungen türmt, wo sich – hüben wie drüben – nur noch die Frage „Sein oder Design“ stellt.

„Noch die Fassade verrät die Überholtheit der Marktwirtschaft. Die Reklameschilder in allen Ländern sind Monumente. Ihr Ausdruck ist lächerlich. Zu den Passanten sprechen sie wie törichte Erwachsene mit Kindern oder Tieren, in einem verlogen zutraulichen Jargon. Wie Kindern wird denn auch den Massen etwas vorgespielt: daß sie als selbständige Subjekte die Freiheit hätten, sich die Waren auszuwählen. Doch ist die Wahl schon weiterhin diktiert. Seit Jahrzehnten gibt es ganz Sphären des Verbrauchs, in denen bloß die Etiketten verschiedenen sind. Die bunte Welt der Qualitäten, an der man sich ergötzt, steht auf dem Papier.“ So schrieb und wußte Max Horkheimer bereits 1939.

Den eingefleischten Individualisten, die in der Mehrheit alle für Individuelle sich halten, ist der Mensch in der Masse unbekannt. Die Masse bleibt ihnen abstrakt, weil sie selber im Denken nie konkret wurden, sondern den Individualitätsschablonen den Götzendienst erwiesen. Wer in der Masse schwimmt, sieht sich nur ungerne als deren Bestandteil. Zu einer dialektisch-subversiven Betrachtung hin reicht es schon gar nicht. Die sich immerzu und pausenlos auf die individuellen Regungen aufs Leben berufen müssen, sind in ihrer Selbstvergewisserungssucht lange schon leblos.

Kaltes Herz der Moderne und die Kekswahl im Sozialismus.

„Das Bewußtsein hat erst in dem Selbstbewußtsein, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt, auf dem es aus dem farbigen Scheine des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.

[…]

Aber für es selbst bleibt das Tun und sein wirkliches Tun ein ärmliches und sein Genuß der Schmerz und das Aufgehobensein derselben in der positiven Bedeutung ein Jenseits. Aber in diesem Gegenstande, worin ihm sein Tun und Sein, als dieses einzelnen Bewußtseins, Sein und Tun an sich ist, ist ihm die Vorstellung der Vernunft geworden, der Gewißheit des Bewußtseins, in seiner Einzelheit absolut an sich oder alle Realität zu sein.“ (G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, aus dem Kapitel zum Selbstbewußtsein.)