Dichotomer Schematismus – Max Czollek „Desintegriert Euch!“

Das einzig Gute, das man Max Czolleks Streitschrift Desintegriert Euch! nachsagen kann, ist, daß der Verfasser mit diesem Titel einem breiteren Publikum bekannt wurde – gut allerdings nur für den Autor. Doch nützt auch Publicity nichts, wenn die Thesen Schieflage haben. Denn wesentlich zeichnet sich das Buch durch eine verengte Perspektivierung von Begriffen aus: Heimat, Leitkultur, Integration – dichotomer Schematismus. Ebenso wenig zielführend ist die von Czollek gewählte Leitdifferenz Mehrheitsgesellschaft/migrantische Gesellschaft. Solches Eindampfen komplexer Verhältnisse sowie ein selbstgefälliger und teils schriller Ton machen das Buch zu großen Teilen nicht nur fürs Lesen ermüdend, sondern vor allem ärgerlich, sofern man als Leser an der Sache interessiert ist. Komplexe gesellschaftliche Verhältnisse lösen sich nicht durch Naivität oder Zuspitzungen auf, sondern sie werden verständlich nur, indem man sie analysiert und dadurch ihre Verschlungenheit in den Blick bekommt und ausfaltet. Doch von Differenzierung ist bei Czollek nichts zu lesen, allenfalls wenn er auf die unterschiedlichen Formen jüdischen Lebens in Deutschland kommt, zeichnet sich eine gewisse Weite des Blicks ab. Das verliert sich aber, sobald der Autor auf die heterogene deutsche Gesellschaft blickt.

Hier könnte die Rezension zu Ende sein – das Buch verdient den Kauf nicht. Wer sich im Hinblick auf Judentum wie auch Migration für die Probleme dieser Gesellschaft interessiert, kann sich die Lektüre dieses Buches schenken. Da es aber in Rezensionen üblich ist, Gründe zu liefern, weshalb eine Lektüre lohnt oder nicht lohnt, will ich verraten, weshalb dieses Buch dem Leser ein Rundum-gescheitert-Paket liefert – selbst dort, wo Czollek zuweilen Bedenkenswertes äußert, reißt er diesen Ansatz durchs polemische Dauerfeuer wieder ein. Ärgerlich sind solche Werke vor allem deshalb, weil die Frage des Zusammenlebens in einer Gesellschaft durchaus einen erweiterten Blickwinkel sowie eine intellektuell und philosophisch vertiefende Analyse vertragen hätte.

Die Sache fängt bereits beim Buchtitel an. Er soll ein Thema zwar bündig machen, vielleicht auch rhetorisch pointieren, aber wenn solches Zuspitzen im Text nicht differenzierend eingelöst wird, funktioniert etwas nicht. Im Internet heißt dieses Phänomen Clickbaiting. Mittels reißerischer Slogans wird Zugriff generiert. Im gesellschaftlichen Diskurs nennt sich dies Populismus – der freilich kein explizit rechtes Phänomen ist, sondern eine bestimmte Form der Rede bezeichnet, die es im linken, im rechten, im konservativen, im liberalen Lager gibt. Es ist die Logik des Entweder-Oder, des „Die-oder Wir“. Populistisch gerät eine These etwa dann, wenn der Einzelfall fürs Allgemeine genommen wird, um an solches Reduzieren seine Agenda zu knüpfen. Solche populistischen Figuren finden sich in Czolleks Buch leider zuhauf.

Die komplexe deutsche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wird entweder als Gedächtnistheater abgetan oder als Wunsch nach Entlastung und Normalisierung, ohne Zwischentöne, ohne daß irgendwie die vielfältigen Aspekte und Debatten überhaupt noch in den Blick gelangen. Etwa die bereits lange vor den 68ern stattgefundenen öffentlichen Diskurse im Rahmen der Auschwitzprozesse und auch zur Frage nach der Verjährung von Verbrechen im Nationalsozialismus. Die eigene Blickverengung schafft die Czolleksche Wirklichkeit.

„Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten. Allerspätestens mit der Wahl der AfD in den Bundestag ist das unübersehbar geworden. Ich denke, es lässt sich eine Linie vom schwarz-rot-goldenen Exzess der WM 2006 zur Bundestagswahl 2017 ziehen, was selbstredend nicht der vorherrschenden Deutung entspricht.“

Belege für solche Thesen bleibt er schuldig: wer phantasierte da eine neue Normalität herbei? Wenn ich mir die Gedenkveranstaltungen ansehe, ist vielmehr das Gegenteil der Fall: ganz explizit wird die deutsche Schuld in solchen Szenarien zum Thema gemacht, selbst jene (oft unseligen und sachlich falschen) Parallelführungen zur Gegenwart im Blick auf die AfD bleiben häufig nicht aus.

Schattierungen gibt es bei Czollek nicht. Fans, die 2006 Fußballfahnen schwenkten: alle irgendwie gleich und Zeichen eines neuen Nationalismus und der Normalisierung. Daß zudem sehr unterschiedliche Menschen sich für einen Sport begeisterten, kommt in Czolleks Denken nirgends zum Ausdruck. Daß dieses Schwenken von Fahnen des eigenen Landes etwas ist, was für den Fußballsport spezifisch ist, entgeht Czollek. Im Artikel 22 des Grundgesetzes übrigens heißt es lapidar: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“

Czollekt macht genau das, was er seinem Gegner vorwirft: Schließt dieser von einigen salafistischen Muslimen oder grapschenden, messerbewehrten Arabern in Deutschland auf alle Moslems, so passiert dies Czollek ebenso: Aus „einige“ Deutsche wird „alle“ Deutsche und daraus wird dann eine „Mehrheitsgesellschaft“ konstruiert.

Bei einem Autor, der in der Selbstbezeichnung als Dichter auftritt, hätte man ein Vermögen zur Analyse komplexer Phänomene erwartet und ebenso die Fähigkeit, Schattierungen zu auszumachen. Beispiele für eindimensionales Denken und Pauschalisierungen ziehen sich jedoch durchs gesamte Buch und insofern sind solche Zitate nicht nur Nebenszenen:

„Wenn ich vom Integrationsdenken oder vom Integrationsparadigma schreibe, dann meine ich die Konstruktion eines kulturellen und politischen Zentrums, das sich implizit oder ausdrücklich als deutsch versteht. Ich behaupte, dass das Denken in Kategorien der Integration und Leitkultur die Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz nicht nur nicht verhindern kann, sondern seinen Anteil daran hat, dass diese Konzepte nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte bleiben, auf den sie gehören. Mit dem Konzept der Desintegration schlage ich ein Gesellschaftsmodell vor, das solche neovölkischen Vorstellungen unmöglich macht.“

Davon einmal ab, wie sich ein Land mit dem Namen Deutschland sonst verstehen soll als deutsch – doch sicherlich nicht als italienisch oder irisch –, impliziert ein Begriff wie Integration sehr unterschiedliche Aspekte und umfaßt zahlreiche Facetten. Gute wie weniger gute. Woher Czollek seine Konstruktion nimmt, diese Begriffe beflügelten Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz, möchte man schon gerne wissen und daß er hier mit Beispielen spart, die verallgemeinerungsfähig wären, macht die Sache blutleer. Rhetorische Zuspitzungen bestimmen Czolleks Verfahren, und es bleibt diese immer wieder auftauchende Pauschal-These in seinem Buch eine Behauptung ohne Beleg. Ohne diese Behauptung freilich fällt das Fundament seines Buchs in sich zusammen, und damit auch das tragende Gerüst. Solcher Grobschliff, selbst wenn er in polemischer Absicht erfolgen mag, ist für eine Debatte, die Czollek ersichtlich anzustreben scheint, kaum hilfreich – von der Selbstgerechtigkeit im Ton dieses Buches ganz zu schweigen. Wenn es Czollek denn tatsächlich um eine andere Form ginge, die das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen bestimmt, hätte ein Wechsel der Tonart dem Buch gutgetan. In diesem Sinne reiht sich dieses Buch in jene unrühmliche Werkreihe ein, die für die eigene Gemeinde predigen und von selbiger dann beklatscht werden. Man hört, was man gerne hören will.

Was aber will Czollek? Und weshalb „Desintegration“?

„Das Programm der Desintegration zielt zugleich auf ein jüdisches und ein gesamtgesellschaftliches Anliegen: auf die konkrete Art und Weise, wie Juden und Jüdinnen im deutschen Gedächtnistheater benutzt werden – und auf die Einsicht, dass die Überwindung des Gedächtnistheaters nicht ohne eine grundlegende Kritik am Integrationsdenken gelingen wird.“

Auch hier nimmt Czollek wieder einen Einzelaspekt und generalisiert ihn. Dabei müssen dann zwangsläufig diverse, unterschiedliche Ansätze unter den Tisch fallen, die sich mit der Shoah auseinandersetzen. Ironische Volte dabei ist, daß Czollek hier dicht bei Martin Walsers 1998 gehaltener Friedenspreisrede in Frankfurt ist: Kranzabwurfstellen und Redner, die Auschwitz instrumentalisieren. Ja, all das gibt es in der Tat. Und solches Ritualisieren von Gedenken als Entschärfen monierte bereits Walser in seiner Frankfurter Rede – so zumindest geht eine mögliche Lesart. Daß aber die Ritualisierung auch eine verbindende und verbindliche Funktion hat, entgeht dabei. Denn selbst bei solchen Gedenkritualen, die gleichsam einen zelebrierenden Charakter haben, wie man ihn auch von Gottesdiensten kennt, kann man entgegenhalten, daß bei solchen Veranstaltungen die Kraft und die Möglichkeit politischer Symbole als Kommunikationsmedien übersehen werden. Man kann sicherlich im Bundestag den 27. Januar einfach ausfallen lassen und im Tagesgeschäft fortfahren. Reflektiert ist all das, was Czollek ausführt nicht. Und diese Simplifizierung macht das Buch zu einer mehr als nur ärgerlichen Angelegenheit.

Sicherlich läßt sich, wie Czollek es tut, an der Art, wie nach dem Krieg die NZ-Verbrechen kaum angegangen wurden, vieles monieren. Die Weise jedoch wie Czollek Aspekte auch an Richard von Weizäckers Rede zum 8. Mai kritisiert, ist nicht zielführend. Hier bereits einen Wunsch nach Normalisierung herauszuhören, ist eine zwar mögliche, aber leider einseitige Perspektive. Denn grundsätzlich ist immer der Hinweis möglich, daß man sich mit dieser Art von Selbstkritik eigentlich nur reinwaschen will, um hinterher ungestört weitermachen zu können oder als moralisch integer sich zu präsentieren. Für Czollek steht das Ergebnis bereits vorher und per se fest. Das Problem solcher Form von Kritik jedoch liegt darin, daß der Autor für sich selbst apodiktisch den Ort des richtigen Blicks in Anspruch nimmt und dabei übersieht, daß dies keine absolute Position ist, sondern auch dieser Blick wiederum kritisierbar und in der Art, wie Czollek mit Rhetorik seinen Text auflädt, auch durchschaubar ist. In diesem Verfahren bestimmt dann zwangsläufig ein thesenartige Stakkato das Buch:

„Jedes Integrationsdenken behauptet ein Zentrum, das schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen  Realität entspricht, in der ich oder meine Freund*innen leben.“

Auch dieses angenommene Zentrum ist eine Unterstellung. Wo ist es? Selbst in der Parteienlandschaft – und auch innerhalb einer Partei – besteht in den Fragen zur Integration eine derartige Vielfalt, daß sich kaum von einem „Zentrum“ sprechen läßt. Argumentativ baut das Buch Scheingegner auf. Weil es einige solcher Vertreter gibt, die einen eingeschränkten und problematischen Begriff von Integration vertreten, bedeutet dies nicht, daß jedes Integrationsdenken in dieser unidirektionalen Weise verfährt. Czollek scheint es darum zu gehen, bestimmte ihm nicht genehme Begriffe, sei dies der der Integration oder der Heimat, intellektuell nicht mehr satisfaktionsfähig zu machen. Allerdings gibt es für jene, die nach Deutschland einreisen oder jene, die hier Asyl und Schutz suchen und auch bleiben wollen, ein paar Basics: das ist zunächst einmal die Rechtsordnung dieses Landes, aber ebenso dessen Geschichte. Man muß das nicht Integration nennen, man kann gerne auch andere Begriffe dafür finden. Zumindest aber geht es bei solcher Konfrontation unterschiedlicher Kulturen nicht darum, daß der Flüchtling Jodelkurse belegt und Trachtenjanker oder norddeutsches Fischerhemd trägt, , sondern zentral ist zum einen die Rechtsordnung der BRD, das Grundgesetz, der Passus der Religionsfreiheit, wozu eben auch gehört, seine alte Religion abzulegen, die Freiheit der Kunst und der Gleichheit von Mann und Frau. Weiterhin auch die deutsche Sprache.

Da, wo Czollek für sich selbst und für Minderheiten eine fein ziselierte Differenzierung einfordert, spricht er sie seinem Gegenüber ab: Die ganz unterschiedlichen Haltungen etwa auf der Seite von Deutschen, auch migrantischen, und jüdischen Deutschen, auch bei denen, die zur WM 2006 Deutschlandfahnen trugen, werden bei Czollek in eins gepackt. Pluralität wird, wie leider in linken Diskursen sehr oft, für sich selbst zwar in Anspruch genommen, während man das Gegenüber eindimensional und verkürzt darstellt. Daß vielleicht auch das Gegenüber vielfältiger in seinen Ausprägungen sein könnte, darauf kommt Czollek nicht.

Auch was den von Czollek kritisierten Begriff der Leitkultur betrifft, so wird dieser gesellschaftlich kontrovers diskutiert, selbst von solchen, die dem Begriff positiv gegenüberstehen, aber nicht den CSU-Ton anschlagen mögen. Czollek stellt eine Lesart dar und verabsolutiert seinen Horizont. Allein der Hinweis darauf, daß die deutsche Gesellschaft kulturell plural verfaßt ist, reicht nicht aus, um diesen Begriff über Bord zu werfen – zumindest kann Czollek mit Argumenten nicht plausibel machen, weshalb der Begriff ungeeignet ist. Zumal es durchaus noch andere Lesarten gibt, die Leitkultur nicht gegen Pluralität ausspielen, sondern hier einen anderen Sinn setzen. Etwas den Geist der Kritik, der sich von der Kantischen und Hegelschen Aufklärung her bis in die Gegenwart dieses Staatsgebildes, etwa der Kritischen Theorie wie auch im Denken eines Jürgen Habermas, bewahrt hat. Bei einer solch komplexen Perspektivierung würde dann übrigens auch mancher AfDler nicht mehr der Leitkultur entsprechen. In diesem Sinne wäre es also hilfreich, genauer auf die Begrifflichkeiten zu schauen, um zu sehen, was damit gemeint ist.

Übrigens könnte man – Ironie der Sache – gerade bei der Leitkultur sagen, daß hier von Czollek unter der Hand eine neue Leitkultur eingeführt werden soll: nämlich der Begriff einer von der Kultur, der Religion und der Herkunft her pluralen Gesellschaft. Insofern ist es mit solchen Begriffen, die auf den ersten Blick unliebsam erscheinen und die man bannen möchte, nicht einfach. Diese Komplexität bekommt man in der Regel in Polemiken nicht in den Griff. Einem Buch von über 200 Seiten hätte es gutgetan, ab und an die Tonart zu wechseln. Nicht mehr die irgendwie noch fundierte Gegenwartsdiagnose mit sachlichem Ertrag ist das Ziel, sondern ein Pointendauerfeuer. Solche Polemik würde dann noch irgendwie funktionieren, wenn wenigstens die Argumente funktionierten.

Am Thema interessierte Leser wie mich hat Czollek mit seiner schlichten Dichotomisierung bereits in der Einleitung verloren. Ich finde hier das Nölen, das ich bereits von den kulturalistisch-identitären Linken und häufig auch bei Belehrungs-Taz höre. Der Erkenntnisgewinn geht gegen null. Das Buch häuft Klischees und darin gleicht Czollek auf fatale Weise seinen Gegnern.

Einen Titel wie Desintegriert Euch! kann man schreiben, wenn einer bereits voll in die plurale Gesellschaft integriert ist. Czollek steckt mit beiden Beinen im offiziellen Kulturbetrieb Deutschlands, um dann von dieser hohen Warte aus einen Ratschlag zu erteilen, der den meisten Migranten zum Verhängnis wird.

Im literarischen Quartett sagte Marcel Reich-Ranicki einmal „Wissen Sie wo der Lektor war? Ich weiß es! Es hat ihn gar nicht gegeben.“ Hier sollte vom Hanser Verlag ein Buch für den Zeitgeist geschrieben werden. Es ist mit heißer Nadel gestrickt.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser Verlag, München 2018, ISBN 9783446260276, gebunden, 208 Seiten, 18,00 EUR