Berliner Kulturbetrieb, Identitätspolitik und die Frage: Wer ist Jude?

Sich als Jude zu inszenieren, ohne einer zu sein, ist kein neues Thema: Binjamin Wilkomirski (ursprünglich Bruno Dössekker), Misha Defonseca, die Künstlerin Rosemarie Koczy, Wolfgang Seibert: mit solchen Erfindungen haben wir es immer einmal wieder zu tun, teils traurig und sicherlich irgendwie auch in guter Absicht getätigt. Und kürzlich der traurig-tragische Fall der Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich nach ihrer Enttarnung das Leben nahm.

Es gibt aber auch den Grenzfall: sich als Jude zu bezeichnen, weil man großväterlicherseits durch Abstammung einen solchen Juden in der Familie weiß, ohne aber ansonsten, außer beim Gebrauch von ein paar Begriffen wie Schabbes und Jom Kippur, die als Spielmarken eingesetzt werden, irgend etwas mit dem Judentum zu tun zu haben, geschweige, daß man beschnitten oder Mitglied der Gemeinde ist und die jüdischen Rituale mitgemacht hat. Vor einigen Wochen hat Maxim Biller in seiner ZEIT-Kolumne eine Debatte angefacht, darin er dem deutschen Autor Max Czollek ein erborgtes bzw. inszeniertes und ostentativ zur Schau gestelltes Judentum vorwarf.

„Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. Dann schrieb er noch: „Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen.“ Sehr gut, dachte ich, als ich das las, ich habe ihm wehgetan, und jetzt denkt er nach. 

Auf der Terrasse der Akademie hatte Max sogar noch wütender reagiert, als ich ihn mit ein paar Sätzen aus dem exklusiven Judenclub ausgeschlossen hatte. Die Sonne verschwand langsam und widerwillig hinter dem Brandenburger Tor, unten auf dem Pariser Platz löste sich gerade eine Demonstration auf, und er sagte: „Spielst du Judenpolizei mit mir?“ „Ja, genau“, erwiderte ich, „weil ich Leute wie dich, die zurzeit als Faschings- und Meinungsjuden den linken Deutschen nach dem Mund reden, kaum noch aushalte.“ Ich fand mich etwas zu ernst, aber die Sache war ja auch ernst, weil inzwischen zu viele deutsche Intellektuelle in ihre gojischen Biografien jüdische Episoden und Leitmotive hineinredigierten.“

So Biller in der ZEIT vom 12. August. Wer dieses Zur-Schau-Stellen nachvollziehen will, der greife entweder zu Czolleks Buch „Desintegriert Euch!“ oder lese bei ihm auf Twitter mit oder schaue in seine ansonsten von ihm getätigten politischen Publikationen. Jedoch: anders als bei jenen oben genannten Dössekkers kann Czollek auf einen jüdischen Großvater zurückblicken, nämlich Walter Czollek. Der war in Anfang der 1950er Jahre Lektor beim DDR-Verlag „Volk und Welt“ – Fritz J. Raddatz berichtet über diese Zeit und die Arbeit mit ihm in seiner Biographie „Unruhestifter“. Walter Czollek war Kommunist und legte unter dem Druck Stalinschen Antisemitismus 1954 sein Judentum ab, so Wikipedia.

Nun gibt es im Kulturbetrieb eine Debatte, die eigentlich uninteressant wäre, wenn es sich bei Czollek nicht um jemanden handelte, der dieses Judentum teils instrumentell einsetzt. Wer also ist Jude? „Falsche Identität. Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein“ so übertitelte die WELT gestern einen Artikel von Jacques Schuster und ebenfalls griff Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Max Czollek an und warf im Täuschung vor.

Warum Leute wie Max Czollek, die mit einem moralisch hochfahrenden und belehrendem Ton gerne in Debatten auftreten, mir derartig auf die Nerven gehen – das ist jetzt die höfliche Formulierung -, bringt dieser Artikel von von Schuster in einigen Aspekten gut auf den Punkt und das will ich im folgenden auch noch einmal selbst ein wenig ausformulieren. Zunächst Jacques Schuster:

„Es gibt kaum einen Tweet, kaum einen Text, in welchem der 1987 in Ost-Berlin geborene Publizist nicht sein angebliches Jüdischsein erwähnt. Mal erinnert er an den nahenden Sabbat, mal an Jom Kippur, wo seine Kritiker sich bei ihm entschuldigen müssten.

Der Schriftsteller Maxim Biller hat Czollek Mitte August in der „Zeit“ in seiner wie üblich schonungslosen und jederzeit zur Kränkung bereiten Schnoddrigkeit enttarnt – und damit eine Debatte ausgelöst. Biller sprach aus, was viele wussten: Czollek hat nur einen jüdischen Großvater und ist daher nicht jüdisch.“

Dennoch gibt sich Czollek als Jude. Daß er es nicht ist, ist im Berliner Kulturbetrieb, hinter vorgehaltender Hand gesprochen, schon längere Zeit bekannt. Czollek besitzt eine gewisse Inszenierungsqualität, und weil die Dinge, die er sagt, für seine Gemeinde so wichtig sind und Labwasser wie Heilige Quellen, spricht man nicht darüber, daß der Czollek keine Kleider anhat.

Allein weil ich als Kind das Jesuskreuz in der Stube meiner geliebten Urgroßmutter oftmals innig mit den Händen umfaßte und auch das Polnisch der Urgroßmutter bezaubernd fand, müßte ich im Sinne Czolleks wohl Kaschube und hochgradiger Katholik sein, sofern ich mich denn derart inszenierte – obgleich nicht getauft und keiner Kommunion teilhaftig. Nur eben: Schauspielerische Leistung und Inszenierungsqualitäten mögen für die Kunst gelten und auch im Kinderspiel haben solche Inszenierungsqualitäten ihr Recht, etwa wie es Karl-Heinz Bohrer in seiner Autobiographie „Granatsplitter“ zeigte, darin Bohrer erzählt, wie er, fasziniert vom (katholischen) Hochamt, dieses auf dem Dachboden in Köln mit seinen Freunden nachinszenierte und selber dann den Priester spielte.

Doch tatsächliche praktizierte Religion ist weder Kinderspiel noch Wünsch-dir-was und „Heute machen wir mal Jom Kippur oder Abendmahl“. Zur Religion gehört Ritual, das nach Regeln abläuft. Weiterhin ist dieses Ritual an Zugangsvoraussetzungen gebunden, es ist keine Kostümfeier. So sehr ich auch am katholischen Abendmahl teilnehmen möchte, so werden sich dennoch der Leib Christi und sein Blut für mich und in mir nicht ergießen, solange ich nicht Teil der Gemeinde bin. So sehr mich der Katholizismus ästhetisch auch reizt, etwa wenn ich Vierzehnheiligen genial schön und erhebend finde, und so sehr ich manchmal inszenatorisch mit dem Katholischen kokettiere, so wenig bin ich deshalb Katholik oder habe gar das Recht, mich in katholischen Fragen und in Belehrung der vermeintlichen Glaubensbrüder zu äußern. Freilich ist es jedem erlaubt, seine Privatreligion zu haben oder einem difusen Glauben nachzuhängen. Nur muß und sollte man sich dann nicht Katholik nennen. Denn das Katholischsein ist, wie auch das Jüdischsein, an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Max Czollek ist nicht Jude, sondern zunächst mal ein brummdeutscher in der DDR geborener Junge. Gefühlsreligion ist nach den Regeln der Gemeinde keine Religion. Ob sie es vor Gott ist, mag nur jener Gott wissen.

Mich erinnern solche Leute wie Czollek an jene, die in den 1990er Jahren nach „Schindlers Liste“ irgendein Judesein simulierten (Judenranwanzen nannten wir das damals und das schreibe ich als studentischer Celanforscher damals), weil das irgendwie chique war und man damit als Opfer besser durchkommt. Schusters Vorwurf freilich, daß sich Czollek der „Definition des Jüdischen“ aus „den Nürnberger Gesetzen vom September 1935“ bedient ist hart. Ob das stimmt weiß ich nicht. Ich würde es wohl nicht so drastisch formulieren, weil das Ungutes insinuiert und man damit genau das macht, was ich an Leuten wie Czollek kritisiere. Was mich aber ungemein stört, ist dieser im ganzen moralisch so hochtourige Habitus von Leuten wie Czollek. Und im Zweifelsfall kann man dann dem Kritiker gerne auch noch Antisemitismus reinwürgen. (Auch das ist leider ein Option, derer sich Czollek bedient, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß.)

Und sowas wie den unten abgebildeten Tweet kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken, es sei denn, man wollte einen irgendwie komischen Autor in einer Erzählung von Max Goldt oder bei Eckhard Henscheid persiflieren. Vielleich meint Czollek das ironisch, aber nach allem, was ich von ihm bisher las, geht ihm der Hang zur Ironie oder zur doppelbödigen, vielschichtigen Kommunikation eher ab.

Das schlimme ist weniger, daß Leute wie Czollek sowas machen – jeder nach seinem Pläsier -, sondern vielmehr, daß Autoren wie Czollek im Berliner Kulturbetrieb bestens vernetzt sind und dort eine gewichtige Stimme haben, die sie dann auch einzusetzen wissen. Und zwar genau mittels dieses Instrumentariums. Man ist quasi „Experte“ in einer Sache qua einer inszenierten Identität.

Wer aber ist nun Jude und wer ist es nicht? Jüdische Stimmen können vielfältig sein. Das ist wohl eine Sache, die Juden und die jüdische Gemeinde unter sich ausmachen, wer nach den Gesetzen Jude ist und wer nicht und wie die Konvertierung aussieht – denn hier handelt es sich ja nun einmal um eine Religion und nicht um eine Freizeitveranstaltung, bei der jeder mal Kapitän sein darf. Meines Wissens ist Czollek nicht konvertiert. Ich habe ansonsten beim Gefühlsjudentum von ansonsten brummdeutschen Menschen erhebliche Bedenken. Und es ist bei solcher Sache allerdings mehr als problematisch, wenn Czollek als wichtige jüdische Stimme dargestellt wird und sich auch selber so darstellt. Darin steckt eine Menge Inszenierung. Natürlich kann sich jeder als das sehen, was er mag. Ich kann mich als wichtige kaschubisch-katholische Stimme in Stellung bringen. Nur: das alles muß mir niemand abkaufen.

Wenn etwa Mirna Funk in der FAZ schreibt: „Die aktuelle Debatte ist eine innerjüdische. Sie muss innerjüdisch geführt werden“, so ist das zwar einerseits richtig. Doch wenn jemand wie Czollek mit einem derartigen moralischen Anspruch öffentlich auftritt und vor allem: auftrumpft – man lese nur „Desintegriert Euch!“ -, dann ist das eine Sache, die über die jüdische Gemeinde hinausgeht. Ums noch einmal zu pointeren: Jeder kann sich als das sehen, was er möchte: Wer meint, er sei ein Eichhörnchen oder ein Panther und müsse nun Animal Moves machen – was zur Zeit en vogue ist übrigens -, dann sollen sie oder er das ruhig tun, solange sie ansonsten dies für sich tun und aus ihrem Verhalten nichts weiter ableiten. Wer aber mittels seines eingesetzten Judentums eine gewisse Diskurshoheit beansprucht und daraus für sich auch eine gewisse Sprecherrolle ableitet, muß sich schon noch befragen lassen, wie es um diese Rolle bestellt ist. Und diese Frage stellte Biller, wenn auch in einer eher schnodderigen Art.

Gershom Scholem ist ein jüdischer Intellektueller, weil er Jude war und zum Judentum auch forschte und schrieb und dieses nicht als Maskerade einsetze. Czollek ist kein jüdischer Intellektueller. Sein Großvater war Jude. Nicht mehr und nicht weniger. So wie ich auch kein katholischer Intellektueller bin. (Und zwar unabhängig von Verfolgungen, derer die Katholiken nicht, die Juden aber sehr wohl ausgesetzt waren, sondern im Sinne von Identitätssetzungen und Rollenzuschreibungen, aber auch von Regelwerk und Bedingungen von Zugehörigkeit zu einer Geminschaft.)

Wie man politisch wirken kann, ohne ein angebliches Judentum instrumentell einzusetzen – und darum geht es mir – zeigte der Liedermacher Wolf Biermann, der, wie auch Czolleks Eltern und Verwandte, in der DDR lebte. Dessen Vater wurde in Auschwitz ermordet, was Biermann immer wieder zum Thema macht, jenes Motiv des Rauchs in den Lüften. Keineswegs aber erkaufte sich Biermann damit und mit dem Jüdischsein seines Vaters in der DDR und später in der BRD einen besonderen Status, um dadurch sich vor Kritik zu immunisieren, sich eine moralische Autorität anzukleben oder gar um die DDR-Oberen des Antisemitismus zu zeihen. Nie war davon bei ihm ein Wort zu hören, obwohl Biermann ansonsten den Inszenierungen und der großen Rede nicht abhold ist, wie jeder, der einmal eines seiner Konzerte besuchte, sicherlich erlebt hat.

In bezug auf Czollek mag man fragen, ob es nicht ausreiche, ihn wegen dem, was er sagt und schreibt zu kritisieren. Ohne Bezug aufs Judentum. Doch das Was und das Wie von Czolleks Rede stehen gerade bei ihm in einem Verhältnis, und bei Czollek ist es eben auch das Wie, die Art, wie da eine jüdische Herkunft teils mit großem moralischen Verve inszenatorisch eingesetzt wird. Ich will das nicht mit Binjamin Wilkomirski vergleichen, wie Biller das tut – wenngleich Wilkomirski vermutlich auch Gründe hatte, seine Inszenierung derart auszustellen. Dennoch hat auch diese Art und diese Performanz von Czollek etwas Unangenehmes. Bei Czollek hängt vieles seiner Darstellung an genau solcher Inszenierung und dem damit korrespondierenden moralischen Überlegenheitsgestus und deshalb ist das eine nicht vom anderen zu trennen.

In meiner Kritik an Czolleks Buch „Desintegriert Euch!“ damals kritisiere ich diesen Aspekt des Judentums übrigens nicht, obwohl Czollek diesen Bezug zum Judentum gleich im ersten Satz seines Buches aufscheinen läßt und mit diesem Thema erheblich hausieren geht, sondern ich bezog mich rein auf die Sache, auf die Thesen seines Buches. Und widersprach zudem einem Kommentator, der ein antisemitisches Narrativ bediente: „Jüdische Autoren können schreiben was sie wollen – kein Verlag wird sie ablehnen.“ Um all das geht es nicht. Czollek kann glauben, was ihm beliebt. Aber die moralische Instrumentalisierung von Religion und Ritual in politischen Fragen ist verlogen. Und damit tut er auch dem Judentum in Deutschland keinen Gefallen. Sowenig wie jene sogenannten Faschingsjuden und jene, die sich aus was für hehren Gründen auch immer, eine Opferidentität andichten. Sich jüdisch fühlen, ist nicht jüdisch sein. Nach jahrelanger Celan-, Kafka-, Szondi-, Benjamin, Scholem-Lektüre fühlte auch ich mich irgendwie mal jüdisch. Und bemerkte schnell: nee, laß sowas mal besser sein. Du bist nur ein Leser von Texten, die von sehr unterschiedlichen Juden geschrieben wurden.

Aktivisten wie Czollek würden vermutlich bei sowas und in anderen Fällen von Posertum mit jenen Beteiligten hochmoralisch ins Gericht und in Anklage gehen und ihnen aufs Schärfste jenes Verhalten als verwerfliche Cultural Approbiation vorhalten. Während bei anderen die Maßstäbe grundsätzlich aufs strengste angelegt werden – zum Anbräunen, um den anderen als Nazi diskursunmöglich zu machen, reichen bereits Petitessen -, ist man in der eigenen Causa und in der eigenen Gemeinde eher locker.

PS: Hingewiesen wurde ich auch auf das wie mir scheint interessante Buch von Eike Geisel: „Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken“ erschienen der Edition Tiamat und ihm einem Vorwort des Verlegers Klaus Bittermann versehen.

Photographie: CCC-Lizens, neuköllner

Dichotomer Schematismus – Max Czollek „Desintegriert Euch!“

Das einzig Gute, das man Max Czolleks Streitschrift Desintegriert Euch! nachsagen kann, ist, daß der Verfasser mit diesem Titel einem breiteren Publikum bekannt wurde – gut allerdings nur für den Autor. Doch nützt auch Publicity nichts, wenn die Thesen Schieflage haben. Denn wesentlich zeichnet sich das Buch durch eine verengte Perspektivierung von Begriffen aus: Heimat, Leitkultur, Integration – dichotomer Schematismus. Ebenso wenig zielführend ist die von Czollek gewählte Leitdifferenz Mehrheitsgesellschaft/migrantische Gesellschaft. Solches Eindampfen komplexer Verhältnisse sowie ein selbstgefälliger und teils schriller Ton machen das Buch zu großen Teilen nicht nur fürs Lesen ermüdend, sondern vor allem ärgerlich, sofern man als Leser an der Sache interessiert ist. Komplexe gesellschaftliche Verhältnisse lösen sich nicht durch Naivität oder Zuspitzungen auf, sondern sie werden verständlich nur, indem man sie analysiert und dadurch ihre Verschlungenheit in den Blick bekommt und ausfaltet. Doch von Differenzierung ist bei Czollek nichts zu lesen, allenfalls wenn er auf die unterschiedlichen Formen jüdischen Lebens in Deutschland kommt, zeichnet sich eine gewisse Weite des Blicks ab. Das verliert sich aber, sobald der Autor auf die heterogene deutsche Gesellschaft blickt.

Hier könnte die Rezension zu Ende sein – das Buch verdient den Kauf nicht. Wer sich im Hinblick auf Judentum wie auch Migration für die Probleme dieser Gesellschaft interessiert, kann sich die Lektüre dieses Buches schenken. Da es aber in Rezensionen üblich ist, Gründe zu liefern, weshalb eine Lektüre lohnt oder nicht lohnt, will ich verraten, weshalb dieses Buch dem Leser ein Rundum-gescheitert-Paket liefert – selbst dort, wo Czollek zuweilen Bedenkenswertes äußert, reißt er diesen Ansatz durchs polemische Dauerfeuer wieder ein. Ärgerlich sind solche Werke vor allem deshalb, weil die Frage des Zusammenlebens in einer Gesellschaft durchaus einen erweiterten Blickwinkel sowie eine intellektuell und philosophisch vertiefende Analyse vertragen hätte.

Die Sache fängt bereits beim Buchtitel an. Er soll ein Thema zwar bündig machen, vielleicht auch rhetorisch pointieren, aber wenn solches Zuspitzen im Text nicht differenzierend eingelöst wird, funktioniert etwas nicht. Im Internet heißt dieses Phänomen Clickbaiting. Mittels reißerischer Slogans wird Zugriff generiert. Im gesellschaftlichen Diskurs nennt sich dies Populismus – der freilich kein explizit rechtes Phänomen ist, sondern eine bestimmte Form der Rede bezeichnet, die es im linken, im rechten, im konservativen, im liberalen Lager gibt. Es ist die Logik des Entweder-Oder, des „Die-oder Wir“. Populistisch gerät eine These etwa dann, wenn der Einzelfall fürs Allgemeine genommen wird, um an solches Reduzieren seine Agenda zu knüpfen. Solche populistischen Figuren finden sich in Czolleks Buch leider zuhauf, wie ich weiter unten mittels Zitaten zeigen werde.

Solches Pauschalisieren fängt bereits dort an, Czollek. kritisiert, in welcher Weise sich die Deutschen mit der NS-Zeit auseinandersetzen: Die komplexe deutsche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit wird entweder als Gedächtnistheater abgetan oder als Wunsch nach Entlastung und Normalisierung, ohne Zwischentöne, ohne daß irgendwie die vielfältigen Aspekte und Debatten überhaupt noch in den Blick gelangen,die seit Jahrzehnten und seit den 1950er Jahren in der BRD geführt wurden. Etwa die bereits lange vor den 68ern stattgefundenen öffentlichen Diskurse im Rahmen der Auschwitzprozesse und auch zur Frage nach der Verjährung von Verbrechen im Nationalsozialismus. Die eigene Blickverengung schafft die Czolleksche Wirklichkeit.

„Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten. Allerspätestens mit der Wahl der AfD in den Bundestag ist das unübersehbar geworden. Ich denke, es lässt sich eine Linie vom schwarz-rot-goldenen Exzess der WM 2006 zur Bundestagswahl 2017 ziehen, was selbstredend nicht der vorherrschenden Deutung entspricht.“

Belege für solche Thesen bleibt er schuldig: wer phantasierte da eine neue Normalität herbei?  Wenn ich mir die Gedenkveranstaltungen ansehe (und teils auch die unsäglichen Zerknirschungsdiskurse von Kirchentag über Schule, Uni oder Politgruppe), ist vielmehr das Gegenteil der Fall: ganz explizit wird die deutsche Schuld in solchen Szenarien zum Thema gemacht und genau auf diese Weise zum Anlaß genommen, etwa in den Fragen des Einsatzes der Bundeswehr erst gar keine Normalität aufkommen zu lassen. Und bei diesen Auseinandersetungen mit der NS-Zeit und mit Weimar bleiben selbst jene (oft unseligen und sachlich falschen) Parallelführungen zur Gegenwart im Blick auf die AfD häufig nicht aus. Ohne der neuen Lage Rechnung zu tragen. Hier wäre keine neue Normalität, sondern vielmehr ein differenzierteres Denken erforderlich.

Schattierungen gibt es bei Czollek nicht. Fans, die 2006 Fußballfahnen schwenkten: alle irgendwie gleich und Zeichen eines neuen Nationalismus und der Normalisierung. Daß zudem sehr unterschiedliche Menschen sich für einen Sport begeisterten, kommt in Czolleks Denken nirgends zum Ausdruck. Daß dieses Schwenken von Fahnen des eigenen Landes etwas ist, was für den Fußballsport spezifisch ist, entgeht Czollek ebenfalls. Im Artikel 22 des Grundgesetzes übrigens heißt es lapidar: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“

Czollekt macht genau das, was er seinem Gegner vorwirft: Schließt dieser von einigen salafistischen Muslimen oder grapschenden, messerbewehrten Arabern in Deutschland auf alle Moslems, so passiert dies Czollek ebenso: Aus „einige“ Deutsche wird „alle“ Deutsche und daraus wird dann eine „Mehrheitsgesellschaft“ konstruiert.

Bei einem Autor, der in der Selbstbezeichnung als Dichter auftritt, hätte man ein Vermögen zur Analyse komplexer Phänomene erwartet und ebenso die Fähigkeit, Schattierungen zu auszumachen. Beispiele für eindimensionales Denken und Pauschalisierungen ziehen sich jedoch durchs gesamte Buch und insofern sind solche Zitate nicht nur Nebenszenen:

„Wenn ich vom Integrationsdenken oder vom Integrationsparadigma schreibe, dann meine ich die Konstruktion eines kulturellen und politischen Zentrums, das sich implizit oder ausdrücklich als deutsch versteht. Ich behaupte, dass das Denken in Kategorien der Integration und Leitkultur die Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz nicht nur nicht verhindern kann, sondern seinen Anteil daran hat, dass diese Konzepte nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte bleiben, auf den sie gehören. Mit dem Konzept der Desintegration schlage ich ein Gesellschaftsmodell vor, das solche neovölkischen Vorstellungen unmöglich macht.“

Davon einmal ab, wie sich ein Land mit dem Namen Deutschland sonst verstehen soll als deutsch – doch sicherlich nicht als italienisch oder irisch –, impliziert ein Begriff wie Integration sehr unterschiedliche Aspekte und umfaßt zahlreiche Facetten. Gute wie weniger gute. Woher Czollek seine Konstruktion nimmt, diese Begriffe beflügelten Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz, möchte man schon gerne wissen und daß er hier mit Beispielen spart, die verallgemeinerungsfähig wären, macht die Sache blutleer. Rhetorische Zuspitzungen bestimmen Czolleks Verfahren, und es bleibt diese immer wieder auftauchende Pauschal-These in seinem Buch eine Behauptung ohne Beleg. Ohne diese Behauptung freilich fällt das Fundament seines Buchs in sich zusammen, und damit auch das tragende Gerüst. Solcher Grobschliff, selbst wenn er in polemischer Absicht erfolgen mag, ist für eine Debatte, die Czollek ersichtlich irgendwie anzustreben scheint, kaum hilfreich – von der Selbstgerechtigkeit im Ton dieses Buches ganz zu schweigen. Wenn es Czollek denn tatsächlich um eine andere Form ginge, die das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen bestimmt, hätte ein Wechsel der Tonart dem Buch gutgetan und vor allem ist dieser moralisch hochfahrende Ton  selbstgefällig (aus der Rubrik: „Wer im Glashaus sitzt“ zudem) und erheblich von Eitelkeit getragen. In diesem Sinne reiht sich dieses Buch in jene unrühmliche Werkreihe ein, die für die eigene Gemeinde predigen und von selbiger dann beklatscht werden. Man hört, was man gerne hören will. Zudem steht darin nicht das Argument, sondern die Selbstinszenierung des Autors  im Vordergrund. Auch dieser Umstand macht den Stil des Buches hochunangenehm.

Was will Czollek? Und weshalb „Desintegration“?

„Das Programm der Desintegration zielt zugleich auf ein jüdisches und ein gesamtgesellschaftliches Anliegen: auf die konkrete Art und Weise, wie Juden und Jüdinnen im deutschen Gedächtnistheater benutzt werden – und auf die Einsicht, dass die Überwindung des Gedächtnistheaters nicht ohne eine grundlegende Kritik am Integrationsdenken gelingen wird.“

Auch hier nimmt Czollek wieder einen Einzelaspekt und generalisiert ihn. Dabei müssen dann zwangsläufig diverse, unterschiedliche Ansätze unter den Tisch fallen, die sich mit der Shoah auseinandersetzen. Ironische Volte dabei ist, daß Czollek hier dicht bei Martin Walsers 1998 gehaltener Friedenspreisrede in Frankfurt ist: Kranzabwurfstellen und Redner, die Auschwitz instrumentalisieren. Ja, all das gibt es in der Tat. Und solches Ritualisieren von Gedenken als Entschärfen monierte bereits Walser in seiner Frankfurter Rede – so zumindest geht eine mögliche Lesart. Daß aber die Ritualisierung auch eine verbindende und verbindliche Funktion hat, entgeht beiden gleichermaßen. Denn selbst bei solchen Gedenkritualen, die einen zelebrierenden Charakter haben, wie man ihn auch von Gottesdiensten kennt, kann man entgegenhalten, daß bei solchen Veranstaltungen die Kraft und die Möglichkeit politischer Symbole als Kommunikationsmedien übersehen werden. Man kann sicherlich im Bundestag den 27. Januar einfach ausfallen lassen und im Tagesgeschäft fortfahren. Reflektiert ist all das, was Czollek ausführt nicht. Und diese Simplifizierung macht das Buch zu einer mehr als nur ärgerlichen Angelegenheit.

Sicherlich läßt sich, wie Czollek es tut, an der Art, wie nach dem Krieg die NZ-Verbrechen kaum angegangen wurden, vieles monieren. Die Weise jedoch wie Czollek Aspekte auch an Richard von Weizäckers Rede zum 8. Mai kritisiert, ist nicht zielführend. Hier bereits einen Wunsch nach Normalisierung herauszuhören, ist eine zwar mögliche, aber leider einseitige Perspektive. Denn grundsätzlich ist immer der Hinweis möglich, daß man sich mit dieser Art von Selbstkritik eigentlich nur reinwaschen will, um hinterher ungestört weitermachen zu können oder als moralisch integer sich zu präsentieren. Für Czollek steht das Ergebnis bereits vorher und per se fest. Das Problem solcher Form von Kritik jedoch liegt darin, daß der Autor für sich selbst apodiktisch den Ort des richtigen Blicks in Anspruch nimmt und dabei übersieht, daß dies keine absolute Position ist, sondern auch dieser Blick wiederum kritisierbar und in der Art, wie Czollek mit Rhetorik seinen Text auflädt, auch durchschaubar ist. In diesem Verfahren bestimmt dann zwangsläufig ein thesenartige Stakkato das Buch:

„Jedes Integrationsdenken behauptet ein Zentrum, das schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen  Realität entspricht, in der ich oder meine Freund*innen leben.“

Auch dieses angenommene Zentrum ist eine Unterstellung. Wo ist es? Selbst in der Parteienlandschaft – und auch innerhalb einer Partei – besteht in den Fragen zur Integration eine derartige Vielfalt, daß sich kaum von einem „Zentrum“ sprechen läßt. Argumentativ baut das Buch Scheingegner auf. Weil es einige solcher Vertreter gibt, die einen eingeschränkten und problematischen Begriff von Integration vertreten – etwa wenn  sie von dem heftig kritisierten Begriff der „Leitkultur“ sprechen -, bedeutet dies nicht, daß jedes Integrationsdenken in dieser unidirektionalen Weise verfährt. Czollek scheint es darum zu gehen, bestimmte ihm nicht genehme Begriffe, sei dies der der Integration oder der Heimat, intellektuell nicht mehr satisfaktionsfähig zu machen. Allerdings gibt es für jene, die nach Deutschland einreisen oder jene, die hier Asyl und Schutz suchen und auch bleiben wollen, ein paar Basics: das ist zunächst einmal die Rechtsordnung dieses Landes, aber ebenso dessen Geschichte. Man muß das nicht Integration nennen, man kann gerne auch andere Begriffe dafür finden. Zumindest aber geht es bei solcher Konfrontation unterschiedlicher Kulturen nicht darum, daß der Flüchtling Jodelkurse belegt und Trachtenjanker oder norddeutsches Fischerhemd trägt, sondern zentral ist zum einen die Rechtsordnung der BRD, das Grundgesetz, der Passus der Religionsfreiheit, wozu eben auch gehört, seine alte Religion ablegen zu dürfen, die Freiheit der Kunst und der Gleichheit von Mann und Frau. Weiterhin auch die deutsche Sprache.

Da, wo Czollek für sich selbst und für Minderheiten eine fein ziselierte Differenzierung einfordert, spricht er sie seinem Gegenüber ab: Die ganz unterschiedlichen Haltungen etwa auf der Seite von Deutschen, auch migrantischen, und jüdischen Deutschen, auch bei denen, die zur WM 2006 Deutschlandfahnen trugen, werden bei Czollek in eins gepackt. Pluralität wird, wie leider in linken Diskursen sehr oft, für sich selbst zwar in Anspruch genommen, während man das Gegenüber eindimensional und verkürzt darstellt. Daß vielleicht auch das Gegenüber vielfältiger in seinen Ausprägungen sein könnte, darauf kommt Czollek nicht.

Auch was den von Czollek kritisierten Begriff der Leitkultur betrifft, so wird dieser gesellschaftlich kontrovers diskutiert, selbst von solchen, die dem Begriff positiv gegenüberstehen, aber nicht den CSU-Ton anschlagen mögen. Czollek stellt eine Lesart dar und verabsolutiert seinen Horizont. Allein der Hinweis darauf, daß die deutsche Gesellschaft kulturell plural verfaßt ist, reicht nicht aus, um diesen Begriff über Bord zu werfen – zumindest kann Czollek mit Argumenten nicht plausibel machen, weshalb der Begriff ungeeignet ist. Zumal es durchaus noch andere Lesarten gibt, die Leitkultur nicht gegen Pluralität ausspielen, sondern hier einen anderen Sinn setzen. Etwas den Geist der Kritik, der sich von der Kantischen und Hegelschen Aufklärung her bis in die Gegenwart dieses Staatsgebildes, etwa der Kritischen Theorie wie auch im Denken eines Jürgen Habermas, bewahrt hat. Bei einer solch komplexen Perspektivierung würde dann übrigens auch mancher AfDler nicht mehr der Leitkultur entsprechen. In diesem Sinne wäre es also hilfreich, genauer auf die Begrifflichkeiten zu schauen, um zu sehen, was damit gemeint ist.

Übrigens könnte man – Ironie der Sache – gerade bei der Leitkultur sagen, daß hier von Czollek unter der Hand eine neue Leitkultur eingeführt werden soll: nämlich der Begriff einer von der Kultur, der Religion und der Herkunft her pluralen Gesellschaft. Insofern ist es mit solchen Begriffen, die auf den ersten Blick unliebsam erscheinen und die man bannen möchte, nicht einfach. Nur daß Czolleks neue Leitkultur nicht trägt. Und diese Komplexität von Gesellschaft bekommt man in der Regel in Polemiken nicht in den Griff. Einem Buch von über 200 Seiten hätte es gutgetan, ab und an die Tonart zu wechseln. Nicht mehr die irgendwie noch fundierte Gegenwartsdiagnose mit sachlichem Ertrag ist das Ziel, sondern ein Pointenpredigerdauerfeuer. Solche Polemik würde dann noch irgendwie wirken, wenn wenigstens die Argumente funktionierten. Aber das tun sie, wie gezeigt, nicht.

Am Thema interessierte Leser wie mich hat Czollek mit seiner schlichten Dichotomisierung bereits in der Einleitung verloren. Ich finde hier das Nölen, das ich bereits von den kulturalistisch-identitären Linken und häufig auch bei Belehrungs-Taz höre. Der Erkenntnisgewinn geht gegen null. Das Buch häuft Klischees und darin gleicht Czollek auf fatale Weise seinen Gegnern. Die Sellnerisierung und Verlichtmeszung  und damit eine (linke) Identitätspolitik, die fatal der rechten gleicht, nämlich die eigene Gruppe oder Ethnie zum Maß zu machen.

Einen Titel wie Desintegriert Euch! kann man nur schreiben, wenn einer bereits voll in die plurale Gesellschaft integriert ist. Czollek steckt mit beiden Beinen im offiziellen Kulturbetrieb Deutschlands, um dann von dieser hohen Warte aus einen Ratschlag zu erteilen, der den meisten Migranten zum Verhängnis wird.

Im literarischen Quartett sagte Marcel Reich-Ranicki einmal „Wissen Sie wo der Lektor war? Ich weiß es! Es hat ihn gar nicht gegeben.“ Hier sollte vom Hanser Verlag ein Buch für den Zeitgeist geschrieben werden. Es ist mit heißer Nadel gestrickt.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser Verlag, München 2018, ISBN 9783446260276, gebunden, 208 Seiten, 18,00 EUR