Nachblick Buchmesse sowie ein Vorblick auf Clemens Meyer

Was bleibt? Wie immer viele Manga-Mädchen, Manga-Boys, Fleisch, Haut, Lektüren, ein Freiabo von der Jungen Welt, was mir ein mißbilligendes Kopfschütteln sowie die Ausschimpfe der Frau an meiner Seite eintrug. Jugendliche, die in Scharen sich durch die Hallen schieben. Vermüffelte Luft. Auch Geschäftsmäßiges. Viel Volk und Business treibt in den Hallen und Gängen um. Der Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Sachbuch, geht an die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine interessante Wahl, wie ich finde. Einige Wochen vor der Nominierung von Stollberg-Rilinger habe ich mich mit jener einen Frau über Maria Theresia unterhalten. Wir sprachen über das weibliche Prinzip im allgemeinen – rede mit Frauen nie übers Weib oder nimm dazu die Peitsche mit, rate ich Dir als mittelalter Mann. Wir debattierten über das Weibliche in der Politik sowie über die Vorzüge dieser weiblichen Regentin gegenüber Friedrich II. Selten, daß wir in der Sache Maria so einhellig und traut beide einer Meinung waren. Haus Habsburg also. Es wird Zeit, daß man dieser Kaiserin und überhaupt Österreich und den Habsburgern einen Blick zuwendet. Dieses Reich vermochte es nämlich über die Jahrhunderte, einen Vielvölkerstaat zu regieren. Mein Favorit: Wien und nicht Berlin!

Der Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung geht an Mathias Enard. Ich habe sein Buch „Der Kompass“ noch nicht gelesen. Wobei mich, nach den Kritiken, dieses Buch nur mäßig interessiert. Sehnsüchtige Blicke wirft der Autor in die Vergangenheit. Das ist romantisch und sicherlich redlich gemeint, literarisch womöglich auch gut gemacht. Aber sind die verklärten orientalischen Nächte und der produktive Einfluß des Orients auf den Okzident im Augenblick tatsächlich das Thema, oder nicht vielmehr die schrecklichen Umbrüche und das Unheil, das im Namen der Religion dräut? Andererseits sollte Literatur im speziellen – zumindest als eines ihrer Momente – das verbindende wie auch trennende Moment herausstellen. Keiner registrierte dieses Verbindende in der Differenz besser als Goethe mit seinem West-östlichen Divan – Literatur als Weltliteratur. Nicht nur auf das Glück im stillen Winkel beschränkt. Das Sinnen des Dichters schweift in andere Welten. Aufgabe der Literatur ist es, diese Streifzüge in eine Geschichte oder eine Stimmung zu bringen, wofür sich hervorragend die lyrische Dichtung eignet. Hegel wußte das Divan-Werk in den höchsten Tönen zu loben:

„Dagegen ist es Goethe selber in einem weit tieferen Geiste gelungen, durch seinen West-östlichen Divan noch in den späteren Jahren seines freien Innern den Orient in unsere heutige Poesie hineinzuziehen und ihn der heutigen Anschauung anzueignen. Bei dieser Aneignung hat er sehr wohl gewußt, daß er ein westlicher Mensch und ein Deutscher sei, und so hat er wohl den morgenländischen Grundton in Rücksicht auf den östlichen Charakter der Situationen und Verhältnisse durchweg angeschlagen, ebensosehr aber unserem heutigen Bewußtsein und seiner eigenen Individualität das vollständigste Recht widerfahren lassen.“

Aber Hegel treibt den Gedanken in seinen Vorlesungen über Geschichte weiter, von der Literatur ins Politische hinein:

„Im Kampfe mit den Sarazenen hatte sich die europäische Tapferkeit zum schönen, edlen Rittertum idealisiert; Wissenschaft und Kenntnisse, insbesondere der Philosophie, sind von den Arabern ins Abendland gekommen; eine edle Poesie und freie Phantasie ist bei den Germanen im Orient angezündet worden, und so hat sich auch Goethe an das Morgenland gewandt und in seinem Divan eine Perlenschnur geliefert, die an Innigkeit und Glückseligkeit der Phantasie alles übertrifft. – Der Orient selbst aber ist, nachdem die Begeisterung allmählich geschwunden war, in die größte Lasterhaftigkeit versunken, die häßlichsten Leidenschaften wurden herrschend, und da der sinnliche Genuß schon in der ersten Gestaltung der mohammedanischen Lehre selbst liegt und als Belohnung im Paradiese aufgestellt wird, so trat nun derselbe an die Stelle des Fanatismus. Gegenwärtig nach Asien und Afrika zurückgedrängt und nur in einem Winkel Europas durch die Eifersucht der christlichen Mächte geduldet, ist der Islam schon längst von dem Boden der Weltgeschichte verschwunden und in orientalische Gemächlichkeit und Ruhe zurückgetreten.“

Einerseits kaum glaublich, daß diese Passage 180 Jahre alt ist. Andererseits bleibt festzuhalten, wie sehr die Lage sich wandelte. Mit der Ruhe ist es nicht so weit her. Vielleicht lese ich Enards Kompass und kontrastiere ihn mit Houellebecqs Unterwerfung. Ich suche nach zwei Perspektiven, sie treten im Verhältnis Schuß/Gegenschuß in Konfrontation, mit Glück durchdringen sie sich und schaffen einen neuen Blick. Andererseits interessiert mich Mathias Énards Der Alkohol und die Wehmut sehr viel mehr. Die Weite Rußlands und eine Reminiszenz an Tschechows Tristesse. Dieser kurze Prosatext handelt von einer Zugfahrt durch Rußland, von Moskau nach Novosibirsk, 3000 Kilometer rollt der Zug übers russische Gleis. Viel Melancholie und Drogen.

Wir begeben uns am Donnerstag auf die Messe, frühstücken vorher in der billigsten und ungemütlichsten Backstube von Lindenau. „Geben Sie Luxus, auf das notwendigste kann ich verzichten!“, so ähnlich scherzte Oskar Wilde, und gut denkt es sich an diesen Satz für die billigen Lage, wo wir Brötchen und Kaffee vertilgen. Das Steigenberger Hotel kostete zur Buchmesse rund 600 Euro pro Tag fürs Doppelzimmer. Immerhin etwas. Wir haben es deshalb nicht gebucht.

Zum Messe-Einlaß werden in einer Art Schleuse rechts und links des Bassins Taschenkontrollen gemacht, noch bevor wir die Halle betreten. Das gab es so bisher nicht. Wildes Treiben dann in den Gängen, aber wie uns scheint, deutlich leerer als die vorherigen Jahre. Am schönsten ist es – wie immer auf der Leipziger Messer – an den Ständen der Kunsthochschulen. Feines gibt es am Stand der Halleschen Burg Giebichenstein zu bestaunen, ebenso bei der HGB Leipzig und frech bis witzig Gezeichnetes und Unkonventionelles an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Ich wußte nicht, daß Braunschweig eine Hochschule für Künste hat. Gerne hätte ich etwas gekauft. Aber kostbare Drucke oder Zeichnungen in einer Tasche aus weichem Material zu transportieren, schien mir nicht ratsam.

Netterweise treffe ich durch Zufall Jochen Kienbaum von Lust auf Lesen. Passend und nicht anders zu erwarten am Stand der Arno-Schmidt-Stiftung. Auch schlendern wir zur Buchbloggerlauch. Sie liegt ein wenig abseits und im Verborgenen. Sozusagen ein Ruhebereich. Einlaß bekomme ich nicht, da ich bei der Messe nicht als Blogger akkreditiert bin, sondern wir mit Freikarten das Areal betreten. Da wir jedoch nur einen Tag die Messe besuchen, bleibt nicht viel Zeit. Weder für Literatur, noch für die Politik oder die Kunst. Die wesentlichen Ereignisse verpassen wir, weshalb diese Nachlese keine echte Nachlese ist, sondern ein Fake-News-Nachblick. Aber im Titel klingt „Nachblick“ schwungvoller als ein Bekenntnis zur nachlässigen Recherche: Wir waren niemals richtig da. Ronja Rönne läuft uns über den Weg. Ist der Schlafzimmerblick Attitüde oder ist sie wirklich verschnarcht? Ich habe ihre Bücher nicht gelesen. Wie ich hörte, soll schon wieder eines erschienen sein.

Statt Lesemarathon und Bloggerszene zog es uns abends in ein feines Restaurant in Plagwitz, wo wir uns mit Riesling zuschütteten und Leckeres in uns hineinschaufelten, um uns für Clemens Meyer zu stärken. Eine Lesung in der alten Baumwollspinnerei, aus seinem neuen Erzählungsband Die stillen Trabanten. Anklänge an Die Nacht, die Lichter, nun sind es jedoch keine Storys mehr, sondern die Prosa der Wirklichkeit ist zur Erzählungen gereift, im Ton gediegener. Meyer sei ruhiger geworden, meinte die Frau an meiner Seite. Wir hören, wir lauschen. Ich bin eingefleischter Fan von Clemens Meyers Prosa, hier jedoch, bei der Lesung, blieb ich verhalten, fragte mich, ob sich in diesen Texten nicht vielmehr der Ton und die Erzähllage wie auch das Sujet wiederholten. Während Meyer mit seinem Roman Im Stein eine neue fragmentierte Form erfand, scheint es, als springe dieses Erzählen wieder zurück, gleichsam ein Schritt in die Anfänge.

Andererseits geht es in der Literatur bzw. im Oeuvre eines Schriftstellers, denke ich mir, um eine sich entfaltende Kontinuität: Wie bildet die prosaische Dichtung Realitäten ab, auf welche spezifische Weise macht es der Autor; vor allem aber: wie schlägt sich diese Arbeit der Form als Text nieder? Das ist die dicke Frage, die seit dieser unseligen Knausgard-Eiferei des neuen Realismus und dem Hype um Melles Die Welt im Rücken den Ton der Debatten bestimmt. Meyers Realismus ist ungeschminkt und doch findet sich darin ein poetischer Ton. Ich bemerke, anders als bei Knausgards Abbildungs-Exzessen, die Arbeit der Konstruktion. Diese Prosa ist Fiktion. Oder auch nicht. Das spielt in diesen Texten zum Glück keine Rolle. Meyer erzählt und bildet Miniaturen von dieser Welt. Wobei Meyers Debüt-Roman Als wir träumten alles andere als eine solche Abbreviatur ist, sondern ein Wenderoman besonderer Art, der anhand einer wilden Jungensclique den großen Wurf wagt. Als wir träumten pointiert die Stimmung und diese Szenerie einer Zeit, in der alles wegbrach und die Kräfte einer erodierten Gesellschaft roh aufeinanderprallten, und je weniger sich deren Teilnehmer in den Komfortbereich aufhielten, desto heftiger schmerzte es. Leipzigs wilde Tage: Seinen genialen Wurf habe ich noch immer nicht hier im Blog besprochen.

In Die stillen Trabanten scheint sich ein anderer Ton als in seinem Roman anzubahnen, das alte Sujet von Die Nacht, die Lichter und auch dem Erzähl-Tagebuch Gewalten zwar aufgreifend, aber zugleich transformiert Meyer es im Stil. So zumindest mein Eindruck, als ich die Texte in der Lesung hörte. Trotzdem bleibt bei mir dieser erste Eindruck haften, daß sich in diesen Texten etwas wiederholt. Die genauere Lektüre seines neuen Bandes wird es zeigen, ob dieses Erzählen von Underdogs bzw. von Menschen aus jenem normalen Leben in durchschnittlicher Existenz eine Reprise ist oder ob Meyers Prosa in eine andere (oder zusätzliche) Richtung noch ausgreift

Wer solche Härten und Zeiten in einer ungeschminkten Prosa lesen möchte, greife sich von Sven Heuchert die Erzählungen aus dem Band Asche. Heuchert nennt diese Geschichten Storys, und in dieser Tradition stehen sie angemessen. Heuchert schreibt reduziert, berichtet uns vom Drastischen, und zwar nicht aus den Zonen verwahrloster Mittelstandsberliner mit irgendwas aus Sehnsucht, Flaneurgehabe und Medien, sondern dort, wo es wehtut und wo es kracht, weil Faust auf Fresse schlägt – real wie metaphorisch. Heuchert zeigt die Zonen und Zeiten der Desillusion. Darin deutlich in der Tradition Meyers. Aber um einiges roher noch und eigen. Von Ton und Sujet her würde ich sagen, daß sich beide Autoren ergänzen, und zwar in einer geographischen Weise des Literarisierens sozialer Härten. Vielleicht liegt es daran, daß ich um deren Herkunft weiß, aber bei Sven Heuchert lese ich deutlich den Ruhrpott und das Rheinische heraus, während Meyer den Ton des Ostens trifft. Jene, die die Wende als Menschenmüll zurückließ.

Im ganzen wieder einmal eine kurze Buchmesse, sozusagen ein Besuch als Short-Story. Ohne das Brimborium des Betriebes. Die Baumwollspinnerei liegt schön abseits und in den Gassen von Plagwitz und Lindenau ist es nachts wunderbar ruhig.