Unkonforme Konformität. Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld „Mit Linken leben“

„Die Vergiftung der Gesellschaft mit dem Virus des ‚Kampfs gegen Rechts‘ hat die Leute auf das menschliche Niveau einer Erkennungssoftware abgewrackt.“ In der Tat beschreibt dieser Satz aus dem Buch Mit Linken leben ganz gut, was gegenwärtig die Stunde schlägt. Und auch sonst ist das Buch für manche Provokation gut. Aber bei Aussagen kommt es auf den Kontext an, und es ist hilfreich zu wissen, wer sie macht. Solchen Sätzen zuzustimmen, bedeutet nicht, automatisch den Personen sowie den Kontexten zuzustimmen.

Die Autoren Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz sind im Umfeld der Sezession und als Neue Rechte zu verorten. Man tut ihnen wohl nichts Böses an, wenn der Rezensent sich dieses Begriffes bedient. Im Gegenteil: sie selbst sehen diese Position nicht negativ, sondern als Auszeichnung und als Opposition zu einer meinungsmäßig immer gleichförmiger agierenden Gesellschaft. Sommerfeld ist zudem, das macht die Sache spritzig, mit dem eher links sich verortenden Kulturwissenschaftler Helmut Lethen liiert. (Zu Lethens Buch Der Schatten des Fotografen findet sich auf AISTHESIS eine Rezension.) Ich habe einen ziemlichen Faible für das Zusammengehen oder in diesem Falle eben das erotische Zusammenlieben von Gegensätzen.

Was für ein Buch ist Mit Linken leben? Vor allem aber: weshalb sollte man es lesen? Ein Sachbuch ist es mit Sicherheit nicht – wie etwa Thomas Wagners Die Angstmacher –, eher schon eine Kampfschrift, um die eigene Position für die eigene Gemeinde zu bestimmen und Freund von Feind zu scheiden. Also das, was Carolin Emcke oder das Missy Magazin für die andere Seite machen.

Das Buch, so die Autoren, dient als Leitfaden. Für die verschiedenen Arten von Linken haben die Autoren eine kleine Typologie entwickelt, und sie zeigen Redestrategien gegen linke Denkfiguren. Zudem ist es als Orientierungshilfe gedacht, wenn es um die Konfrontation mit links geht. Es können sich, so die Autoren, darin die Leser wiederfinden, um in ihrem Denken bestärkt zu werden – daß kluge Bücher eigentlich das Gegenteil leisten sollten, um freies Denken zu ermöglichen, steht auf einem anderen Blatt und ist das Problem nicht nur der Ratgeber für Rechte, sondern auch innerhalb der linken Erbauungsliteratur, bis hin zum Belehrungsjournalismus: Vorbetung und Predigt, wie die Emckesche Friedenspreis-Rede in Frankfurt. Nur hier eben von rechts. In diesem Sinne will das Buch – frei nach Gramsci, auf den sich mancher Neurechte inzwischen gerne beruft – den Kampf um kulturelle und politische Hegemonie aufnehmen, statt mit Argumenten zu streiten, wie dies etwa Leo/Steinbeis/Zorn in ihrem Buch Mit Rechten reden machen.

Es ist ein politischer Klimawandel im Gange und dies sehen die Autoren als Chance. Die Lager haben sich seltsam verdreht, es etablierte sich eine sehr eigentümliche Merkel-Linke, und da, wo früher Konservative für Verbote bestimmter Ansichten sich aussprachen, kommen heute Anti-Hatespeechkampagnen von links, die nicht bloß das treffen, was unters Strafgesetzbuch fällt, sondern mittlerweile genauso Ansichten verbannt sehen wollen, die ihnen nicht in den Kram passen. Daß sich beide Seiten immer weiter von der Grundlage sachlicher Argumente entfernen, kommt am Ende, was das politische Klima betrifft, den Rechten zugute. Die kulturalistische Linke merkt es nicht. Als Opfer des Gegners stilisieren sich beiden Seiten. Auch darin herrscht zwischen beiden Lagern Symmetrie.

In diesem Sinne will das Buch, so die Autoren weiter, unentschlossene Leser, die nicht wissen, wo sie stehen, auf ihre Seite ziehen. Pädagogischer Impetus sozusagen. Das freilich könnte fürs Buch nicht besonders gut ausgehen, sofern der Leser bereits einen kritischen Kopf mitbringt. Denn da wird er manche Ungereimtheit entdecken: Angefangen bei einem Essentialismus, der seine eigenen Voraussetzungen von Kultur nicht weiter begründen kann, sondern sie als Glaubenssache postulieren muß, bis hin zu gefühlter Wahrheiten, die genau wegen jener Fühligkeit weder Tatsachen und schon gar nicht Wahrheit sein können.

Dennoch lohnt die Lektüre. Wer aus erster Hand wissen will, wie diese Neue Rechte tickt und bisher Provokation von Götz Kubitschek und Tristesse Droite. Die Abende von Schnellroda nicht auf dem Schirm hatte, lese dieses Buch. Man erfährt einiges über deren Taktik und welche Strategien möglicherweise in the long run dahinterstecken. Manchmal ist das Buch sogar witzig. Die Bunkermentalität in Teilen des linken Lagers beschreiben die Autoren treffend, es findet sich eine feine kleine gemeine Liste, wie man Linke in Blasenwelten – ich nenne sie meist die kulturalistische oder evangelikale Linke – provozieren kann. Da sind lustige Sachen bei. Manche treffen unter die Gürtellinie, sind also böse, sehr böse. Das mag nicht jeder lustig finden.

Wir sollten jedoch in einer pluralen Gesellschaft wieder lernen, auch Meinungen auszuhalten, die nicht unbedingt konform sind. Allerdings sollten wir zugleich für die Ansichten Begründungen einfordern und nachhaken, was genau gemeint ist. Niemand ist gezwungen, für die Homoehe zu votieren, und ob man dann bei einer Schwulenheirat Blumen streut oder es sein läßt, ist Privatsache. Ich selbst differenziere nicht nach solchen Aspekten, sondern nach Arschloch und Nicht-Arschloch. Das vereinfacht in der Regel die Mechanismen der sozialen Auslese.

Trotzdem liegt das Buch in seiner Beschreibung in einigen Passagen richtig, wenn es an die Zuschreibungen geht, die Linke von Rechten machen und was heute bereits als rechtsextrem gelabelt wird. Da tauchen plötzlich liberale oder konservative Autoren wie Greiner, Mosebach, Safranski, Sloterdijk oder Baberowski im Reigen der Rechtsaußen auf. Und auch wer Heimat sagt statt Zuhause, wer offene Grenzen problematisch findet, ist von diesen Annahmen her nicht per se rechts. Ob man für solche Einsichten jedoch Mit Linken leben gebraucht hätte, ist fraglich. Dazu hätte auch die Lektüre dieses Blogs gereicht.

Bei Teilen dieser kulturalistischen Linken geht es in der Tat darum, unliebsame Meinungen moralisch zu labeln, anstatt sachlich nach den Kontexten zu fragen, in denen solche Sätze geäußert werden. Darauf deutet das Buch zu recht. Eine Linke im schrillen Daueralarm, das also, was, so die Autoren mit (richtigem) Verweis auf Arnold Gehlen, Hypermoral genannt wird: Indem ein Begriff von Moral, der partikular relevant sein mag, auf ein ungeheures Maß aufgeblasen wird. Jede Regung in einer Gesellschaft, jeder nur irgendwie geäußerte Satz oder ein vermeintlich falsches Sujet im Kunstwerk, wie ein Geschlechtsteil führen dann regelmäßig zu Empörungsdiskursen der vermeintlich Rechtschaffenen. Im Dauerton werden von beleidigten Leberwürsten Diskriminierungsabsichten gewittert und getwittert. Eingebaute AfD-Detektoren klingeln und wittern. Ich halte die jedoch für eine stupide Form des Denkens. Politischer Infantilismus macht sich breit statt kritischen Denkens.

Eigentlich ein trauriges Zeichen, daß man in solchen Fragen bereits Lichtmesz und Sommerfeld recht geben muß. Diese Art von „Linke“ sollte sich fragen, woher eigentlich solche Reflexe rühren. Aber dazu ist Reflexion erforderlich – was auch bedeutet Selbstdistanz einzunehmen und einmal aus der Blasenwelt des eigenen Milieus hinauszutreten. (Mit Rechten reden zeigt, wie das durchaus sinnvoll funktionieren kann.)

Ebenso benennt das Buch die intellektuelle Unzulänglichkeit jener puritanischen Linken konkret und korrekt:

„Nur wenige Linke gründen heute ihr Weltbild in der Lektüre von Marx und Engels, Adorno und Marcuse, Foucault und Derrida oder Debord und Chomsky; an die Stelle der linken Theoriebildung ist für die Masse der Linken die wesentlich einfacher zu handhabende Nomenklatur der ‚politischen Korrektheit‘ getreten. Hierin unterscheiden sich die zeitgenössischen in vielerlei Hinsicht von der klassischen Linken. Ökonomische Ungleichheiten werden immer mehr zugunsten einer Form der ‚Identitätspolitik‘ vernachlässigt, die immer neue ‚Opfer‘gruppen (…) vor ‚Diskriminierung‘ zu schützen oder ihnen soziales, symbolisches und kulturelles Ansehen zu verschaffen sucht.“

Doch verkehrt sich richtige Intuition ins Falsche, wenn die eine Sache gegen den anderen Aspekt ausgespielt wird. Auch wenn das Buch manche Mechanismen scheinlinker Diskurse richtig beschreibt, liegt es in seinen Bewertungen und vor allem in den Generalisierungen zu oft daneben und kontaminiert damit die eigentlich richtigen Ansätze. Es ist ja nicht so, daß wir seit 150 Jahren Schwulenbefreiung haben. Der Paragraph 175 galt bis zum 11. Januar 1994.

Aber das Buch ist eben keine linke oder liberale Kritik an der kulturalistischen Linken, sondern eine von ganz rechts her. Wendungen wie „Der Apparat der Tabuisierung und Einschüchterung“ (S. 56) für ein bestimmtes Milieu politischer Korrektheit ist eine solch unzutreffende Verallgemeinerung. Die politische Wirklichkeit ist pluraler und auch konservativer verfaßt, als es Lichtmesz/Sommerfeld ausmalen.

Kulturell mag es in bestimmten Kontexten eine Hegemonie dieses Milieus geben – wer je zu einer Vernissage mit Antaios-Tasche erscheint, dürfte sein blaues Wunder erleben, und was sich in den meisten Theatern tut, ist nicht die Inszenierung einer widersprüchlichen Gesellschaft, sondern wir schauen viel zu oft Erbauungsstücke für die eigenen Gemeinde, wo am Ende eine Art griechischer Chor noch dem letzten Dummen ins Ohr bläst, was er zu denken und wie er Pegida-Demonstranten einzuordnen habe. Kritisch ist das schon lange nicht mehr.

Politisch aber ist die herrschende Tendenz keineswegs links. Claus Kleber, Friede Springer und Liz Mohn sind mir nicht als Linksradikale bekannt. Hier überspitzt das Buch deutlich. Links-liberal bzw. links-grün regierten in der BRD gerade mal 20 Jahre (und auch da kann man lange streiten, ob das wirklich links ist). Konservative hingegen regierten rund 48 Jahre. Es gibt in der BRD im Politischen keine linke Hegemonie. Allein die Springer-Presse steht deutlich und seit Jahrzehnten als Beleg dagegen.

Und so findet sich in Mit Linken leben manche Verkürzung. Man kann das damit entschuldigen, daß dieses Buch eine Polemik sein will, und bekanntlich steckt in der Übertreibung die Veranschaulichung. Ich hege jedoch den Verdacht, daß hier gar nicht so sehr übertrieben werden soll, sondern daß diese Inhalte tatsächlich geglaubt und gut abgehangen auf Emotion heruntergerechnet werden. Diese mangelnde Differenzierung jedoch macht das Buch am Ende intellektuell unergiebig für jene, die keine große Lust haben, dieser oder irgendeiner anderen Sekte beizutreten.

Problematisch sind insbesondere die Dogmatismen sowie ein kultureller Essentialismus. Nationale wie auch kulturelle Identität lassen sich nicht einfach proklamieren, sondern hier handelt es sich um komplexe, komplizierte Prozesse, auch in bezug auf die Fragen der Assimilation bestimmter Gruppen. Wenn dann die Begründungen für einen absolut gesetzten Geltungsanspruch versagen oder nicht ausreichen, wird sich auf eine Autorität berufen, wird gar Goethe zitiert:

„‚Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen‘ Das hat mit ‚links‘ oder mit ‚rechts‘ an sich gar nichts zu tun; es ist eine Gegebenheit menschlicher Kommunikation, die nicht zu ändern ist.“ (S. 101)

Nur begründet eben solch ein Satz nichts. Da steht dann ein Meinen gegen ein anderes, wie Hegel schon in seiner „Phänomenologie“ spottete. Und eine Seite weiter geben die Autoren ganz unverhohlen zu, daß es ihnen um sophistische Tricksereien und nicht ums Argument geht. Da wird Schopenhauers eristische Dialektik, die „Kunst, Recht zu behalten“ bemüht. Dabei verkennen die Autoren freilich, daß Schopenhauer dieses Buch implizit in aufklärerischer Absicht schrieb und nicht bloß, wie man auf den ersten Blick glauben mag, als Anleitung zur geschickten Manipulation.

Wenn in den Angelegenheiten von Kultur und Identität keine Klarheit und Eindeutigkeit besteht, sondern sich bloß aufs vage Fühlen berufen werden kann, dann sind gedanklich ebenso andere Fühligkeitskonzepte möglich. Fundamentalismus führt sich selbst in den Widerspruch, es ist nicht das Fundament im starken Singular, sondern moderne Gesellschaften bestehen aus verschiedenen Bauteilen. Hier freilich – und das ist ja auch ihre erklärte Absicht – wollen die Rechten auf der Ebene der Gefühle ihren Kampf um die Deutung und damit um die politische Hegemonie aufnehmen, um jene Emotionen zu mobilisieren: Nation, Heimat, Identität. Begriffe, freilich, die nicht per se schlecht sind, weil sie von den Rechten benutzt werden. (Sieht man vom Begriff der Nation mal ab. Ich bevorzuge, in Hegelscher Tradition, den des Staates.)

Manches, was die Autoren schildern, trifft zu – unabhängig von den politischen Koordinaten. Aber die maßlosen Übersteigerungen führen am Ende auch dieses Verfahren ad absurdum. Nicht Argumente, sondern Stimmungen sind das Ziel: „Endlich sagt es mal jemand!“ Das sehe ich als problematisch, und zwar nicht wegen der einzelnen Themen, wie etwa Islam oder Flüchtlingsfrage, darüber kann man reden, sondern aufgrund einseitiger Zuspitzung, etwa in Begriffen wie Volkstod, Überfremdung, „zur Minderheit in seinem eigenen Heimatland“ werden, Umerziehung des Volkes: da möchte man dann um eine inhaltliche Präzisierung und vor allem um Argumente bitten, statt daß Emotionen durchgenudelt werden.

Aber es geht Lichtmesz/Sommerfeld nicht um rationale Diskurse oder um politische Argumente, sondern darum, das Kampfvokabular zu schärfen. Intellektuell unterlaufen Lichtmesz/Sommerfeld den von ihnen gesetzten Maßstab erheblich. Das mitanzulesen, macht wenig Freude. Es ist Mit Linken leben eine Ressentiment-Buch geworden, statt eines streitbarer Essay mit Sprachwitz – und was Nietzsche von der niederen Regung des Ressentiments schrieb, wissen wir. Das Buch enthält gedanklich kaum Subtiles. Daß es die Linke ins Schwitzen brächte, steht kaum zu befürchten. Zumindest nicht vom Argument her. Lesenswert ist es jedoch, um zu sehen, wie diese Neue Rechte tickt und in welcher Liga sie spielt.

Interessant freilich hätte das Buch an der Stelle werden können, wo Sommerfeld von ihrer Beziehung zu Helmut Lethen schreibt – da, wo das Private politisch wird. Wie mit solchen Gegensätzen in der Liebe umgehen? Leider streift sie diese brisant-spannende Frage nur in wenigen Absätzen. Schön dabei immerhin Sommerfelds Verweis auf den Humor, um qua Witz, diesem wunderbaren Ingenium, Disparates zusammenzuhalten. Der ist in solchen Liebesdingen in der Tat relevant. Aber dafür lese ich dann lieber Jean Paul oder Robert Gernhardt, dessen 80. Geburtstag ich hier im Blog leider versäumte. Wie auch den 220. vom geliebten Heinrich Heine. Vielleicht ist ja der Humor eine Exit-Strategie aus den allzurechten Verquickungen. Und auch mancher Diskussionsdisput in Freundeskreisen entschärft sich oft durch jene Prise Witz. In der Liebe sowieso.

Caroline Sommerfeld / Martin Lichtmesz: Mit Linken leben, Antaios Verlag 2017, 18,00 €, 336 S., ISBN 978-3-944-42296-1