Read on, my dear, read on! Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on

„Komm, lass uns was lesen gehen.
Atlantic sea salt on my tongue.

Somewhere in Ireland
Beigetreten Dezember 2016″
(Twitter-Account von @MlleReadOn)

 

Ich habe am 3. Juni, die Zeit vergeht schnell und doch kommt einem diese Phase von Sommer wie eine Ewigkeit vor, einen Beitrag zu Marie Sophie Hingst geschrieben, auch bekannt unter dem Bloggernamen „Fräulein Read on“. Marie Sophie Hingst hat sich am 17. Juni das Leben genommen, wie gestern zu lesen war. Eine tragische Verquickung sehr unterschiedlicher disparater Umstände. Der Spiegel berichtete seinerzeit über Unstimmigkeiten in ihrer Vita, indem er Hingst scheinbar zu einem Interview einlud, in Wahrheit aber ging es darum, Fräulein Read ons tatsächliche Identität zu klären und sie mit problematischen Fakten zu konfrontieren. Eine Zeitung muß einerseits davon berichten, wenn eine Biographie in Teilen ausgedacht oder zusammengereimt ist, wenn jemand sich jüdische Wurzeln gibt, die er möglicherweise gar nicht hat.

Wenn man als Redakteur jedoch bemerkt, wie problematisch es um die Psyche und die Konstitution dieser Person bestellt ist – was dann tun? Ich weiß es nicht, vielleicht haben Menschen versucht, diesem armen Menschenkind zu helfen. Vielleicht hat es die arme arme Mutter dieser Frau versucht, vielleicht gute Freunde, die ihr auch nach all dem, was war, blieben. Daran zeigen sich wahre Freunde: daß sie zu einem stehen, auch in der höchsten Not, und es scheiden sich die Mitläufer. Ich weiß es alles nicht, es ist für eine Mutter entsetzlich, ihr Kind zu verlieren. Das ist es, woran ich denke und wie so etwas geschehen kann und wie verzweifelt ein Mensch sein muß, wenn seine kleine und feine Welt zusammenbricht und wenn man sich mit alledem überhoben hat. Sich das Leben zu nehmen: Das Gegenteil von dem, was dieser Satz auch sagen könnte. Ein Fall für die Literatur und doch ist es das ganz traurige, das schäbige Leben. Es ist eben leider doch keine Literatur.

Der Titel „Zum Fall Read on“ ist nun doppelsinnig geworden: es wurde Marie Sophie Hingsts Fall, im wahrsten Sinne des Wortes. Schwierig dazu die passenden Gedanken zu finden.

Abgesehen von einigen polemischen Einstreuseln, über die man streiten kann, hat Don Alphonso auf seinem Blog „Rebellen ohne Markt“ einen bewegenden und persönlichen Text geschrieben.

Ansonsten stelle ich an dieser Stelle noch einmal meine Sicht dazu da – es handelt dieser Essay vom Authentischen, von den Fiktionen, vom Spiel mit Identität als Literatur und auch im Realen. Und im Rückblick handelt der Text eben auch von einer sich aufsteigernden Kommunikation, einem Sich-hoch-Schaukeln und einer solch breiten Öffentlichkeit, daß es einem in dieser Welt nicht mehr zu leben vergönnt ist. „Es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ (Franz Kafka, Der Proceß)

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Neu ist dieses Phänomen nicht: daß sich Menschen, die keine Juden sind, eine jüdische Identität andichten, wie etwa kürzlich Wolfgang Seibert in dem Städtchen Pinneberg im Nordwesten Hamburgs. Seibert log über seine jüdische Herkunft. Oder es präsentierten Menschen sich als Opfer des Holocaust, obgleich sie es nicht sind – prominent etwa beim Fall Binjamin Wilkomirski zu sehen, der tatsächlich unter dem Namen Bruno Dössekker aufwuchs und nie in einem KZ saß. Unter dem Namen Wilkomirski dichtete er sich zum KZ-Überlebenden um und schrieb mit „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ eine bei Suhrkamp veröffentlichte Autobiographie. Ähnlich gelagert der Fall Misha Defonseca, die ihre Vita fälschte.

Nun ist freilich nichts dagegen zu sagen, wenn sich Menschen Geschichten ausdenken oder sich ein anderes Leben erfinden, mithin Fiktionen produzieren. Sofern jedoch die Fiktion als eigene Vita ausgegeben wird und solchermaßen ein Stück der faktischen Realität wird, dann fängt es an problematisch zu werden, insbesondere wenn daraus ein moralischer Mehrwert geschlagen wurde oder man mit seinem eignen Leben als Beispiel anderen eine Mahnung sein will. Gut gemeint vielleicht, aber schlecht gemacht. Daß das Spiel zwischen Literatur und Wirklichkeit durchaus auch eine literarische und damit auch eine ästhetisch legitime Dimension hat, indem bis ins Empirisch-Faktische hinein die Rollen von Autor, Romanfigur und Lebensensemble ins Schwimmen geraten, ist uns schon früh von der Literatur her bekannt, gehört zum Repertoire der Moderne, nicht nur der ästhetischen, man nehmen bereits im frühen 17. Jahrhundert den Don Quichotte oder dann im 20. Jahrhundert Flann O’Brian, Raymond Queneau oder Italo Calvino, wo Romanfiguren ihren Büchern entsteigen und sich sogar mit ihrem Autor anlegen, oder eben Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“: ein Filmheld durchbricht die vierte Wand.

Freilich bleiben all diese Fälle in ihrem Medium. Selbst wer das Buch im Buch verläßt, tut dies im Buch. Gleiches beim Film. Und selbst in einem, wie man mutmaßen kann biographischen Roman wie „Vielleicht Esther“ bleibt es am Ende für die Lektüre unerheblich, ob Katja Petrowskaja hier tatsächlich die Vergangenheit ihrer Familie schilderte, tief in die deutsche Geschichte und damit bis nach Nazi-Deutschland reichend, oder ob das eine Fiktion ist. Petrowskaja betreibt kein Spiel mit den Ebenen, sondern sie erzählt uns eine spannende, verwickelte Geschichte. Auch zu den Fragen, was eigentlich Authentizität im Umgang mit unserer Vita bedeutet. Für das, was man in der Literatur den Plot bzw. den Inhalt nennt, ist der Bezug zur empirischen Wirklichkeit gleichgültig. Kann sein, daß die Geschichte tatsächlich so stattfand, kann auch nicht sein.

Primär geht es im literarischen Kunstwerk um ästhetische Stimmigkeit, um ästhetische Wahrheit und nicht um biographische Wahrhaftigkeit. (Das Thema „neuer Biographismus“ als Phänomen der Belletristik, also die Frage nach dem autobiographischen Schreiben bilden hier einen besonderen Bereich, intensiv diskutiert seinerzeit 2016 an den Phänomenen Knausgård, Melle und auch beim Popton von Stuckrad-Barre, führt aber von dem Thema fort, wieweit Fiktion in tatsächlich biographischen Texten oder Blogs erlaubt ist. Denn im Genre Literatur kommt es eben nicht auf faktische Wahrheit an, sondern deren Stimmigkeit ist eine andere. Selbst bei einem (vermeintlich) durch und durch autobiographischem Text wie Max Frischs „Montauk“, wo ein Autor es genau so schreiben will, wie es war.)

Anders sieht dieses Spiel mit der Referenz im Medium Internet aus, nicht nur, was die Kunst und künstlerische Inszenierungen betrifft. Dort finden wir eine neue Form von Darstellung, die den Begriff der personalen Authentizität ins Schwimmen bringt und kritisch hinterfragt. An solcher Stelle wird es postmodern, weil nämlich herkömmliche Unterscheidungen in den Zweifel gezogen bzw. auf ihren Grund befragt oder einfach simuliert oder parodiert werden. Wobei man freilich philosophiekritisch immer mit dazu sagen muß: zieht man die Differenz zwischen Schein und Wirklichkeit komplett ein und nimmt beides als unterschiedslos, so setzt bereits diese Entgrenzung bzw. das Vertauschen der Vorzeichen immer schon voraus, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit gibt, die dem Schein entgegensteht und an der die Verschiebung gemessen werden kann. Ansonsten hätte der Begriff des Scheins keinen Sinn und auch der der Wirklichkeit nicht. Solche Spiele sind also dialektisch verfaßt.

Im Ästhetischen, das sich in die Lebenswelt als Trug, als Posse oder als schöne Lüge und sogar als reale Fiktion oder fiktive Realität einschleicht, ergibt das Spiel von Realität und Fiktion, von Schein und Wahrheit literarisch spannende Konstellationen und Geschichten. Prominent und als einer der ersten Autoren, die dieses Changieren betrieben, ist Alban Nikolai Herbst und sein Blog „Die Dschungel.Anderswelt“ zu nennen. Bis heute hin wurde dieses Spiel zwischen realer Person, fiktivem Autor und literarischem Einschlag in seinem Blog und teils auch in seiner Literatur durchgehalten. Oftmals mit anregenden, klugen, witzigen Texten, die auch den Leser mit ins Spiel ziehen. Denn im Dschungel können wir Teil der Literatur werden. Herbst spricht, so etwa in seiner Heidelberger Poetikvorlesung, vom Kybernetischen Realismus. Parallelwelten, Echtzeitwelten, Schnittstellen.

Literatur darf das und wer sich auf Herbsts Blog einläßt, weiß auch, daß gespielt wird. Man wäre geneigt zu sagen: geschwindelt, aber es trifft dieser Begriff es nicht exakt. Literatur schwindelt nicht: ihr Fiktives ist real. Ähnliches seinerzeit mit der Schriftstellerin Aléa Torik (Claus Heck): eine junge rumänische Studentin, die in Berlin lebt. Ein spannendes Spiel der Ebenen zwischen ausgedachter Autorenvita und Roman, zwischen Leben und Netz, wo sich 2013 Leben und Literatur in einem seltsamen Strudel bewegten. (Meine Rezensionen zu ihren Büchern „Das Geräusch des Werdens“ und „Aléasʼ Ich“ finden sich hier im Blog.)

Langer Abschweif, kurzer Sinn: jetzt ist am Wochenende herausgekommen, daß die unter dem Namen Fräulein Read on bloggenden Historikerin Marie Sophie Hingst eine jüdische Vita sich ausdachte. Freilich war sie mir als Historikerin bisher nicht geläufig, sondern lediglich als Bloggerin. Mit Aplomb enttarnte der „Spiegel“ jenes Phänomen von biographischer Dichtung und genealogischer Wahrheit und konfrontierte sie in einem (fingierten) Interview mit den recherchierten Erkenntnissen. Leider wieder einmal in der stilisierten, typischen Spiegel- Dramaturgie, was in der Darstellung den üblichen Beigeschmack hinterläßt

„In die­sem Mo­ment muss Ma­rie So­phie Hingst er­kannt ha­ben, dass ihre Par­al­lel­welt nicht län­ger Be­stand ha­ben wür­de. Eine ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on: für ihr Selbst­bild – das of­fen­bar mit der fik­ti­ven Iden­ti­tät fast de­ckungs­gleich ge­wor­den war –, für ihre In­te­gri­tät und na­tür­lich auch für ih­ren Job als Pro­jekt­ma­na­ge­rin ei­nes in­ter­na­tio­na­len IT-Kon­zerns in Dub­lin, den sie im ver­gan­ge­nen Au­gust an­ge­tre­ten hat.“

Hingst betreibt – oder besser: betrieb muß ich schreiben – den Blog „Read on my dear, read on“. Inzwischen ist der Blog geschlossen. Fräulein Read on wurde 2017 zur Bloggerin des Jahres gekürt. Was ich von solchen Preisen halte und auch von den unsäglichen Reden, die dort abgesondert werden, brauche ich hier nicht groß zu schreiben. Dennoch habe ich den einen oder den anderen Artikel in ihrem Blog gerne gelesen, etwa zur „Stasi am Küchentisch“, wo es um den Mißbrauch von Vertrauen ging: wenn der, der in deiner Gegenwart sitzt und dir zuhört, brühwarm es ans Ministerium berichtet.

Nun also das. Und wie immer die Frage nach dem Glashaus und nach den inhaltlichen Kriterien: die doppelten Standards. Darf man faken? Darf man das in einem Blog? Ja, grundsätzlich schon. Aber eben nur, sofern man gewisse Ansprüche und Standards durchhält. Beim Täuschen gibt es Grenzen. Nicht immer leicht auszumachen, fallabhängig oft. In diese Sache aber ist einiges gründlich schief gelaufen, eine Inszenierung lief aus dem Ruder, weil ihre Autorin auf der Wahrheit dieser Inszenierung pochte. Insbesondere deshalb hat die Sache mehr als nur eine Schieflage, weil mit solchem Judentum und einer Holocaust-Vita ein bestimmter Anspruch verbunden ist.

Ob ich mich als Ästhetiker Bersarin im Grandhotel Abgrund mit Riesling und Büchern oder als rumänische Schriftstellerin fiktionalisiere, tut in der Regel niemandem weh und richtet keinen Schaden an. Solange ich in meinem Blog bleibe, solange meine Realitätsansprüche bescheiden sind. Wenn ich schriebe, daß ich im Club Berghain heftigst abtanzte, so tut das niemandem weh, wenn ich in Wahrheit zu Hause im gemütlichen Ohrensessel saß, Apfelsaft trank und für die Berghaingeher nur Lachen übrig hatte. Hinter den Internet-Namen ist es wie unter einer Burka: es könnte dein eigener Onkel darunterstecken, wie einmal eine Afghanische Burka-Punkband kritisch gegen den Repressionsstoff ansang.

Nun also wieder ein ausgedachter Jude. Es wäre freilich, auch literarisch genommen, interessant, ob es ebenso den umgekehrte Fall gibt: Sich eine Täterfamilien-Vita zu stricken, als Nachkomme eines Täters zu bloggen, Lagerarztgeschichten von Opa, Polizeibataillon Ost. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“, nur diesmal für den Blog und damit auch die Wirklichkeit. Ich habe solches Ausdenken von Nazi-Horror manchmal heimlich in der Phantasie zum Spaß gemacht und mir solche Dinge im Kopf zurechtgelegt. Aber solch Makaberes kann man nicht wirklich öffentlich erzählen oder am Ende sollte eben die Fiktion doch als solche irgendwie kenntlich sein. Also Literatur. Es scheint Grenzen zu geben, zumindest intuitiv, so empfinden wir. Es scheint in bestimmten Erzählungen auch eine moralische Schranke zu existieren.

Nein, neu ist dieses Phänomen in der Tat nicht, man sehe auf die oben geschilderten Fälle. Ich frage mich allerdings, was diese Bloggerin geritten hat und wie sehr man sich in seine eigene Geschichte verstricken kann. Ich las zwar bei „Read on“ selten, doch es war ein durchaus angenehmer Blog, teils gut geschriebene Texte, manchmal freilich zu zuckerig, wenn ich mich recht erinnere. Und ich frage mich, was jetzt in Fräulein Read on vorgehen mag. Wie sitzt man da, was denkt man? Das interessiert mich mindestens genauso wie die psychologischen oder biographischen Motivationen, sich eine solche Geschichte auszudenken. Es mag dies mit einer übermäßigen Opferidentifikation zu tun haben, vielleicht auch mit einer Selbsterhöhung oder einer missionarischen Ader, die Leute vor etwas zu warnen, vielleicht auch bezieht man einen hohen Teil seines Selbstwertgefühls aus solcher Mission. Viele Motive sind möglich, es bleibt Spekulation.

Doch das Davor scheint mir zumindest von der Struktur her klar: Jemand verstrickt sich in ein Netz aus Geschichten. Ein wenig auch Narzißmus, eine Geschichte, die langsam in den Kopf einsickert und man merkt nach den ersten Reaktionen der Leser: es fährt sich gut damit, die Leute wollen das. Relotius ist ebenfalls ein solcher Typus. Und man möchte nicht wissen, wie viele Juden, die keine Juden sind, sich in Foren wie haGalil bewegen und in moralischem Verve gegen den Goj, gegen den Schmock auftrumpfen. Aber was machen diese Leute danach? Was tun sie, wenn die Chose aufgeflogen ist? Was geht in Marie Sophie Hingst vor? Eigentlich bräuchten Hingst oder Relotius doch sofort eine professionelle Hilfe. Eine Welt, in der man bisher gut lebte, ist gebrochen. Für die Öffentlichkeit ist man unmöglich geworden. Weshalb ich, wo alle „Kreuzigt ihn!“ rufen, eine Tendenz zum Moderaten habe, sofern jemand sich im Gang der Dinge doch über seinen Fehlgriff klar wird. Ich finde das Danach sehr viel tragischer. Da beginnt für mich die eigentliche Geschichte. Manche schaffen es ja wieder nach draußen, ins Öffentliche. Tom Kummer etwa, der dieses Jahr in Klagenfurt lesen wird. Manche regt das auf, ich aber möchte schon noch die Ebenen unterschieden wissen. Und wenn für jemanden, der aus dem Knast kommt, gilt, daß er seine Strafe verbüßt habe, sollte dies auch für Personen gelten, die sich anderer Verfehlungen schuldig machten. Es gibt ein Recht auf Neuanfang.

Ich will damit das Verhalten nicht entschuldigen, denn willig sahnte man die Preise ab, ließ sich belobhudeln, sonnte sich im Glanz, der anderen eben nicht zuteil wurde: sei es Relotius, sei es Hingst – so unterschiedlich ihre Fälle ansonsten auch sind, der von Relotius ist zumindest für den Journalismus deutlich dramatischer und zeigt eine unheilvolle Tendenz, wie man in Redaktionsstuben gerne die Texte haben wollte, teils auch wieder in der Spiegel-Enthüllung zu lesen. Dennoch: beim Steine-Schmeißen macht es sich diese Gesellschaft viel zu leicht. All die Leser (oder zumindest viele) bekamen genau die Geschichten, die sie lesen wollten. Da hatten sich zwei gefunden. Rührseliger Opferschmonzes, so zumindest denkt man hinterher, dramatisch aufgepeppte Szenen. Texte fürs Gefühl – hätte ich in den Blog tiefer hineingelesen, wäre mir da ganz sicher aufgestoßen. Gegen den Kitsch der guten Gesinnung und das Eiapopeia mit Juden oder mit Negern bin ich grundsätzlich allergisch. Wir müssen lernen, kritisch zu lesen. Aber gegen Lügen, die glaubwürdig präsentiert werden, hat es eben auch das kritische Lesen schwer. Da lobe ich mir dann doch wieder die Literatur. Sie darf alles, sie kann alles. Nur eben darf sie nicht ästhetisch mißlingen.

Von den Opferfiktionen und ausgedachter Vita – Zum Fall Read on

Neu ist dieses Phänomen nicht: daß sich Menschen, die keine Juden sind, eine jüdische Identität andichten, wie etwa kürzlich Wolfgang Seibert in dem Städtchen Pinneberg im Nordwesten Hamburgs. Seibert log über seine jüdische Herkunft. Oder es präsentierten Menschen sich als Opfer des Holocaust, obgleich sie es nicht sind – prominent etwa beim Fall Binjamin Wilkomirski zu sehen, der tatsächlich unter dem Namen Bruno Dössekker aufwuchs und nie in einem KZ saß. Unter dem Namen Wilkomirski dichtete er sich zum KZ-Überlebenden um und schrieb mit „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“ eine bei Suhrkamp veröffentlichte Autobiographie. Ähnlich gelagert der Fall Misha Defonseca, die ihre Vita fälschte.

Nun ist freilich nichts dagegen zu sagen, wenn sich Menschen Geschichten ausdenken oder sich ein anderes Leben erfinden, mithin Fiktionen produzieren. Sofern jedoch die Fiktion als eigene Vita ausgegeben wird und solchermaßen ein Stück der faktischen Realität wird, dann fängt es an problematisch zu werden, insbesondere wenn daraus ein moralischer Mehrwert geschlagen wurde oder man mit seinem eignen Leben als Beispiel anderen eine Mahnung sein will. Gut gemeint vielleicht, aber schlecht gemacht. Daß das Spiel zwischen Literatur und Wirklichkeit durchaus auch eine literarische und damit auch eine ästhetisch legitime Dimension hat, indem bis ins Empirisch-Faktische hinein die Rollen von Autor, Romanfigur und Lebensensemble ins Schwimmen geraten, ist uns schon früh von der Literatur her bekannt, gehört zum Repertoire der Moderne, nicht nur der ästhetischen, man nehmen bereits im frühen 17. Jahrhundert den Don Quichotte oder dann im 20. Jahrhundert Flann O’Brian, Raymond Queneau oder Italo Calvino, wo Romanfiguren ihren Büchern entsteigen und sich sogar mit ihrem Autor anlegen, oder eben Woody Allens „The Purple Rose of Cairo“: ein Filmheld durchbricht die vierte Wand.

Freilich bleiben all diese Fälle in ihrem Medium. Selbst wer das Buch im Buch verläßt, tut dies im Buch. Gleiches beim Film. Und selbst in einem, wie man mutmaßen kann biographischen Roman wie „Vielleicht Esther“ bleibt es am Ende für die Lektüre unerheblich, ob Katja Petrowskaja hier tatsächlich die Vergangenheit ihrer Familie schilderte, tief in die deutsche Geschichte und damit bis nach Nazi-Deutschland reichend, oder ob das eine Fiktion ist. Petrowskaja betreibt kein Spiel mit den Ebenen, sondern sie erzählt uns eine spannende, verwickelte Geschichte. Auch zu den Fragen, was eigentlich Authentizität im Umgang mit unserer Vita bedeutet. Für das, was man in der Literatur den Plot bzw. den Inhalt nennt, ist der Bezug zur empirischen Wirklichkeit gleichgültig. Kann sein, daß die Geschichte tatsächlich so stattfand, kann auch nicht sein.

Primär geht es im literarischen Kunstwerk um ästhetische Stimmigkeit, um ästhetische Wahrheit und nicht um biographische Wahrhaftigkeit. (Das Thema „neuer Biographismus“ als Phänomen der Belletristik, also die Frage nach dem autobiographischen Schreiben bilden hier einen besonderen Bereich, intensiv diskutiert seinerzeit 2016 an den Phänomenen Knausgård, Melle und auch beim Popton von Stuckrad-Barre, führt aber von dem Thema fort, wieweit Fiktion in tatsächlich biographischen Texten oder Blogs erlaubt ist. Denn im Genre Literatur kommt es eben nicht auf faktische Wahrheit an, sondern deren Stimmigkeit ist eine andere. Selbst bei einem (vermeintlich) durch und durch autobiographischem Text wie Max Frischs „Montauk“, wo ein Autor es genau so schreiben will, wie es war.)

Anders sieht dieses Spiel mit der Referenz im Medium Internet aus, nicht nur, was die Kunst und künstlerische Inszenierungen betrifft. Dort finden wir eine neue Form von Darstellung, die den Begriff der personalen Authentizität ins Schwimmen bringt und kritisch hinterfragt. An solcher Stelle wird es postmodern, weil nämlich herkömmliche Unterscheidungen in den Zweifel gezogen bzw. auf ihren Grund befragt oder einfach simuliert oder parodiert werden. Wobei man freilich philosophiekritisch immer mit dazu sagen muß: zieht man die Differenz zwischen Schein und Wirklichkeit komplett ein und nimmt beides als unterschiedslos, so setzt bereits diese Entgrenzung bzw. das Vertauschen der Vorzeichen immer schon voraus, daß es so etwas wie eine Wirklichkeit gibt, die dem Schein entgegensteht und an der die Verschiebung gemessen werden kann. Ansonsten hätte der Begriff des Scheins keinen Sinn und auch der der Wirklichkeit nicht. Solche Spiele sind also dialektisch verfaßt.

Im Ästhetischen, das sich in die Lebenswelt als Trug, als Posse oder als schöne Lüge und sogar als reale Fiktion oder fiktive Realität einschleicht, ergibt das Spiel von Realität und Fiktion, von Schein und Wahrheit literarisch spannende Konstellationen und Geschichten. Prominent und als einer der erster Autoren, die dieses Changieren betrieben, ist Alban Nikolai Herbst und sein Blog „Die Dschungel.Anderswelt“ zu nennen. Bis heute hin wurde dieses Spiel zwischen realer Person, fiktivem Autor und literarischem Einschlag in seinem Blog und teils auch in seiner Literatur durchgehalten. Oftmals mit anregenden, klugen, witzigen Texten, die auch den Leser mit ins Spiel ziehen. Denn im Dschungel können wir Teil der Literatur werden. Herbst spricht, so etwa in seiner Heidelberger Poetikvorlesung, vom Kybernetischen Realismus. Parallelwelten, Echtzeitwelten, Schnittstellen.

Literatur darf das und wer sich auf Herbsts Blog einläßt, weiß auch, daß gespielt wird. Man wäre geneigt zu sagen: geschwindelt, aber es trifft dieser Begriff es nicht exakt. Literatur schwindelt nicht: ihr Fiktives ist real. Ähnliches seinerzeit mit der Schriftstellerin Aléa Torik (Claus Heck): eine junge rumänische Studentin, die in Berlin lebt. Ein spannendes Spiel der Ebenen zwischen ausgedachter Autorenvita und Roman, zwischen Leben und Netz, wo sich 2013 Leben und Literatur in einem seltsamen Strudel bewegten. (Meine Rezensionen zu ihren Büchern „Das Geräusch des Werdens“ und „Aléasʼ Ich“ finden sich hier im Blog.)

Langer Abschweif, kurzer Sinn: jetzt ist am Wochenende herausgekommen, daß die unter dem Namen Fräulein Read on bloggenden Historikerin Marie Sophie Hingst eine jüdische Vita sich ausdachte. Freilich war sie mir als Historikerin bisher nicht geläufig, sondern lediglich als Bloggerin. Mit Aplomb enttarnte der „Spiegel“ jenes Phänomen von biographischer Dichtung und genealogischer Wahrheit und konfrontierte sie in einem (fingierten) Interview mit den recherchierten Erkenntnissen. Leider wieder einmal in der stilisierten, typischen Spiegel- Dramaturgie, was in der Darstellung den üblichen Beigeschmack hinterläßt

„In die­sem Mo­ment muss Ma­rie So­phie Hingst er­kannt ha­ben, dass ihre Par­al­lel­welt nicht län­ger Be­stand ha­ben wür­de. Eine ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on: für ihr Selbst­bild – das of­fen­bar mit der fik­ti­ven Iden­ti­tät fast de­ckungs­gleich ge­wor­den war –, für ihre In­te­gri­tät und na­tür­lich auch für ih­ren Job als Pro­jekt­ma­na­ge­rin ei­nes in­ter­na­tio­na­len IT-Kon­zerns in Dub­lin, den sie im ver­gan­ge­nen Au­gust an­ge­tre­ten hat.“

Hingst betreibt – oder besser: betrieb muß ich schreiben – den Blog „Read on my dear, read on“. Inzwischen ist der Blog geschlossen. Fräulein Read on wurde 2017 zur Bloggerin des Jahres gekürt. Was ich von solchen Preisen halte und auch von den unsäglichen Reden, die dort abgesondert werden, brauche ich hier nicht groß zu schreiben. Dennoch habe ich den einen oder den anderen Artikel in ihrem Blog gerne gelesen, etwa zur „Stasi am Küchentisch“, wo es um den Mißbrauch von Vertrauen ging: wenn der, der in deiner Gegenwart sitzt und dir zuhört, brühwarm es ans Ministerium berichtet.

Nun also das. Und wie immer die Frage nach dem Glashaus und nach den inhaltlichen Kriterien: die doppelten Standards. Darf man faken? Darf man das in einem Blog? Ja, grundsätzlich schon. Aber eben nur, sofern man gewisse Ansprüche und Standards durchhält. Beim Täuschen gibt es Grenzen. Nicht immer leicht auszumachen, fallabhängig oft. In diese Sache aber ist einiges gründlich schief gelaufen, eine Inszenierung lief aus dem Ruder, weil ihre Autorin auf der Wahrheit dieser Inszenierung pochte. Insbesondere deshalb hat die Sache mehr als nur eine Schieflage, weil mit solchem Judentum und einer Holocaust-Vita ein bestimmter Anspruch verbunden ist.

Ob ich mich als Ästhetiker Bersarin im Grandhotel Abgrund mit Riesling und Büchern oder als rumänische Schriftstellerin fiktionalisiere, tut in der Regel niemandem weh und richtet keinen Schaden an. Solange ich in meinem Blog bleibe, solange meine Realitätsansprüche bescheiden sind. Wenn ich schriebe, daß ich im Club Berghain heftigst abtanzte, so tut das niemandem weh, wenn ich in Wahrheit zu Hause im gemütlichen Ohrensessel saß, Apfelsaft trank und für die Berghaingeher nur Lachen übrig hatte. Hinter den Internet-Namen ist es wie unter einer Burka: es könnte dein eigener Onkel darunterstecken, wie einmal eine Afghanische Burka-Punkband kritisch gegen den Repressionsstoff ansang.

Nun also wieder ein ausgedachter Jude. Es wäre freilich, auch literarisch genommen, interessant, ob es ebenso den umgekehrte Fall gibt: Sich eine Täterfamilien-Vita zu stricken, als Nachkomme eines Täters zu bloggen, Lagerarztgeschichten von Opa, Polizeibataillon Ost. Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“, nur diesmal für den Blog und damit auch die Wirklichkeit. Ich habe solches Ausdenken von Nazi-Horror manchmal heimlich in der Phantasie zum Spaß gemacht und mir solche Dinge im Kopf zurechtgelegt. Aber solch Makaberes kann man nicht wirklich öffentlich erzählen oder am Ende sollte eben die Fiktion doch als solche irgendwie kenntlich sein. Also Literatur. Es scheint Grenzen zu geben, zumindest intuitiv, so empfinden wir. Es scheint in bestimmten Erzählungen auch eine moralische Schranke zu existieren.

Nein, neu ist dieses Phänomen in der Tat nicht, man sehe auf die oben geschilderten Fälle. Ich frage mich allerdings, was diese Bloggerin geritten hat und wie sehr man sich in seine eigene Geschichte verstricken kann. Ich las zwar bei „Read on“ selten, doch es war ein durchaus angenehmer Blog, teils gut geschriebene Texte, manchmal freilich zu zuckerig, wenn ich mich recht erinnere. Und ich frage mich, was jetzt in Fräulein Read on vorgehen mag. Wie sitzt man da, was denkt man? Das interessiert mich mindestens genauso wie die psychologischen oder biographischen Motivationen, sich eine solche Geschichte auszudenken. Es mag dies mit einer übermäßigen Opferidentifikation zu tun haben, vielleicht auch mit einer Selbsterhöhung oder einer missionarischen Ader, die Leute vor etwas zu warnen, vielleicht auch bezieht man einen hohen Teil seines Selbstwertgefühls aus solcher Mission. Viele Motive sind möglich, es bleibt Spekulation.

Doch das Davor scheint mir zumindest von der Struktur her klar: Jemand verstrickt sich in ein Netz aus Geschichten. Ein wenig auch Narzißmus, eine Geschichte, die langsam in den Kopf einsickert und man merkt nach den ersten Reaktionen der Leser: es fährt sich gut damit, die Leute wollen das. Relotius ist ebenfalls ein solcher Typus. Und man möchte nicht wissen, wie viele Juden, die keine Juden sind, sich in Foren wie haGalil bewegen und in moralischem Verve gegen den Goj, gegen den Schmock auftrumpfen. Aber was machen diese Leute danach? Was tun sie, wenn die Chose aufgeflogen ist? Was geht in Marie Sophie Hingst vor? Eigentlich bräuchten Hingst oder Relotius doch sofort eine professionelle Hilfe. Eine Welt, in der man bisher gut lebte, ist gebrochen. Für die Öffentlichkeit ist man unmöglich geworden. Weshalb ich, wo alle „Kreuzigt ihn!“ rufen, eine Tendenz zum Moderaten habe, sofern jemand sich im Gang der Dinge doch über seinen Fehlgriff klar wird. Ich finde das Danach sehr viel tragischer. Da beginnt für mich die eigentliche Geschichte. Manche schaffen es ja wieder nach draußen, ins Öffentliche. Tom Kummer etwa, der dieses Jahr in Klagenfurt lesen wird. Manche regt das auf, ich aber möchte schon noch die Ebenen unterschieden wissen. Und wenn für jemanden, der aus dem Knast kommt, gilt, daß er seine Strafe verbüßt habe, sollte dies auch für Personen gelten, die sich anderer Verfehlungen schuldig machten. Es gibt ein Recht auf Neuanfang.

Ich will damit das Verhalten nicht entschuldigen, denn willig sahnte man die Preise ab, ließ sich belobhudeln, sonnte sich im Glanz, der anderen eben nicht zuteil wurde: sei es Relotius, sei es Hingst – so unterschiedlich ihre Fälle ansonsten auch sind, der von Relotius ist zumindest für den Journalismus deutlich dramatischer und zeigt eine unheilvolle Tendenz, wie man in Redaktionsstuben gerne die Texte haben wollte, teils auch wieder in der Spiegel-Enthüllung zu lesen. Dennoch: beim Steine-Schmeißen macht es sich diese Gesellschaft viel zu leicht. All die Leser (oder zumindest viele) bekamen genau die Geschichten, die sie lesen wollten. Da hatten sich zwei gefunden. Rührseliger Opferschmonzes, so zumindest denkt man hinterher, dramatisch aufgepeppte Szenen. Texte fürs Gefühl – hätte ich in den Blog tiefer hineingelesen, wäre mir da ganz sicher aufgestoßen. Gegen den Kitsch der guten Gesinnung und das Eiapopeia mit Juden oder mit Negern bin ich grundsätzlich allergisch. Wir müssen lernen, kritisch zu lesen. Aber gegen Lügen, die glaubwürdig präsentiert werden, hat es eben auch das kritische Lesen schwer. Da lobe ich mir dann doch wieder die Literatur. Sie darf alles, sie kann alles. Nur eben darf sie nicht ästhetisch mißlingen.