Im Reigen der Bilderproduktion. Marie Rotkopf und Marcus Steinweg in „Fetzen. Für eine Philosophie der Entschleierung“

„Some of these days“ heißt ein Song von Shelton Brooks, der in dem existenzialphilosophisch angewehten Sartre-Roman „Der Ekel“ im Blick auf die jeweilige Gestimmtheit eine erhebliche Rolle spielt, und man kann nach der Lektüre des neuen Buches von Marie Rotkopf und Markus Steinweg existential gestimmt ebenfalls seufzen „Some of these books“. Ich vermag nach dem Lesen dieser Essay-und Fragmentsammlung einer Autorin und eines Philosophen leider nicht zu sagen, ob das ein Kompliment ist oder keines. Und ich vermag leider für meine Rezension auch nicht zu sagen, was ich von dem Buch halten soll: Ist es verschroben? Ist es Un-Sinn oder verspielte Leichtigkeit der sich ins Unendliche schraubenden Assoziationen? Die Leidenschaft zumindest will mich nach der Lektüre nicht anwehen.

Ich will es mit einer Anekdote beginnen: Ich erinnere mich in Hamburg, Anfang der 1990er Jahre im Studium, an jenen Professor in Germanistik, der uns literaturtheoretisch wie auch philosophisch Adorno, Derrida, Heidegger und Lacan beibrachte, wohlwollend und mit der Freude am Text, keine Ranküne gegen den sogenannten Poststrukturalismus und auch nicht gegen Heidegger, weil Nazi und solchen Reduktionismus, um sich vor der gedanklichen Auseinandersetzung mit dieser Philosophie zu schützen. Egal wie: als der gute Mann nach einer Habilitationsanhörung mir erzählte, wie dieser Vortrag derartig lacanös und unverständlich war und jenseits nicht nur von Gut und Böse, sondern auch jenseits der herkömmlichen Anforderungen an einen wissenschaftlichen Vortrag und daß man eigentlich, um es mit ähnlicher Münze, gleichsam mit Falschgeld, zurückzugeben, dem Vortragenden in genau dem gleichen Sound des Unverständlichen hätte antworten müssen, so daß dem Kandidaten ganz und gar nicht klar wäre, ob er nun angenommen oder nicht vielmehr abgewiesen sei. Eine quasi in die Prosa Kafkas versetzte Situation, und mit der Referenz auf Kafka und Beckett liegt man bei dem an der Staatlichen Akademie für Bildende Kunst in Karlsruhe lehrenden Philosophen Marcus Steinweg nicht falsch.

Was will und macht dieses Buch mit dem Titel „Fetzen. Für eine Philosophie der Entschleierung“? Von zwei Autoren verfaßt. Fetzen können das sein, was an Fleisch oder Stoff hängen bleibt, wenn etwas zerrissen wurde, ein Vorhang, ein Fetisch, Stoff oder Körper – das Dionysos-Motiv taucht leider meines Wissens in dieser Korrespondenz nicht auf, was schade ist, jener (wiedergeborene und wieder zerteilte) Dionysos-Zagreus und der von den Mänaden-Weibern zerfetzte Gott des Rausches: solch ein Spiel aus Fleisch, Begehren, Rausch und gegenseitigem Zerstören hätte ich mir zwischen beiden Autoren gewünscht. Jedoch: hemmungslos und den tatsächlichen Körper bedrohend und traktierend geht es in diesem Buch nur am Rande zu – wenn Rotkopf auf die Elftausend Ruten und die Heilige Ursula samt den 11.000 Jungfrauen kurz anspielt oder ein in Prosa phantasiertes Sexspiel (mit imaginierter Geschlechtswandlung) in einem Hotelzimmer, das eine Stunde zuvor noch von Didier Eribon und seinem Gefährten bewohnt war und wo die Erzählerin die Servicekraft bat, die Lacken nicht zu wechseln.

„Fetzen“, zumal in einem Dialog, kann freilich auch „Streiten“ bedeuten: Polemos, Widerstreit: Küsse und Bisse, das reimt sich, wie Kleist in der „Penthesilea“ zu dichten wußte und was für Achill nur bedingt gut ausging. Leider ist von einem Streit der Stimmen wenig zu vernehmen; allenfalls ein Entschleiern – freilich auf eine nicht allzu sinnliche Weise. Es ist ja auch Philosophie, kann man dem voyeuristischen Blick des Rezensenten entgegen, zumindest in dem, was Markus Steinweg macht. Womöglich bringt es, was die Lektüre des Buches betrifft, diese Textstelle auf den Punkt: „Vielleicht erschließt sich ein Buch erst durch das Wagnis, es nicht zu verstehen.“ Was als Nebensentenz im Reigen von Aphorismen im Blick auf Philosophie und Dichtung auftaucht, funktioniert hier möglicherweise ganz gut als Leseanleitung auch für „Fetzen“: „Vielleicht muss, wer zu lesen beginnt, den Mut zum Nichtverstehen aufbringen. Um das Risiko des Orientierungsverlusts auf sich zu nehmen.“ Es sind Sätze, die in diesem Reigen über vier Seiten mit einem „Vielleicht“ anfangen und eine Hilfe für die eigene Lektüre sein können: unsere alltäglichen Verstehensvollzüge aufzubrechen, gleichsam eine antihermeneutische Hermeneutik und Hermetik zugleich. Lektüre und Texte, die sich, wie es auch die Dichtung macht, ins Offene halten. Darin mag jene Philosophie (der Entschleierung) liegen. Tastend und vermutend. Text ist hier nicht unbedingt Sex, wenn der Leser ans Motiv der Enthüllung und des verdeckenden Fetischs aus Wäsche und Stoff denkt. Erschließen heißt zunächst einmal lesen und sich womöglich nicht als Hermeneutiker des Sinns zu vergewissern, um seiner habhaft zu werden, sondern sich dem, was im Buch steht, zu überlassen. Dies allerdings fiel mir bei meiner Lektüre, je länger ich im Buch las, zunehmend schwer.

Machen wir es also anders. Was steht in dem Buch? Es gibt einen Briefwechsel zwischen den Autoren und eine Reihung von philosophischen Aphorismen, Gedankenspielen, Notizen, Fragmenten, Gedichten und Erzählungen. Es sind Gespräche, Zwiegespräche, Monologe: über das Begehren, über Literatur, über Lacans Spiegelstadium. Wir lesen Texte und Sentenzen über unsere Verstrickungen ins System, in die Gesellschaft des Spektakels, den Neoliberalismus und eine Gesellschaft, die uns frißt, auffrißt, was auch immer. Es sind Phantasien über Sex, wenn die im Kopf von Marie Rotkopf sprechende Protagonistin, mal Mann (in die Rolle Didier Eribons schlüpfend), mal Frau, masturbiert und sich weiblich-männliche Orgasmen phantasiert. Das ist lustig, da möchte man gerne zusehen statt lesen – aber gut: es ist eben ein Buch, da muß man dann doch lesen. Die Idee ist witzig, aber in der kompositorischen Durchführung innerhalb des Buches reicht es mir nicht. Man kann solche Passagen als Assoziation und Punctum des Augenblicks mit den Mitteln der Phantasie fassen, wenn man es wohlwollend liest. Manches von Rotkopf erinnert vom Furor hier an ihr „Antiromantisches Manifest“ von 2017. Doch der Wille zur steilen These wird zu oft ruiniert durch das Überschießende des Gedankens. Übertreibungen können eine Sache anschaulich machen. Sie können aber ab einem bestimmten Punkt auch nerven.

Rotkopf schreibt gegen die deutsche Hybris und die Geschichtsvergessenheit – wobei ich beim Lesen mir denke, daß in kaum einem anderen Land derart die eigenen Verbrechen thematisch wurden, so daß mancher in der Schule bereits gähnte. Zudem ist diese Hybris womöglich gar nicht so deutsch. Und auch solche Sätze, im Blick auf die Shoah, sind einer Vergröberung geschuldet: „Die Europäische Union verwischt die deutsche Geschichte nicht, im Gegenteil; sie erbaut die Germania Magna.“ Hinzu kommt, was Rotkopf in ihren manchmal poetischen, manchmal leider nur haarsträubenden Assoziationen übersieht, nämlich die Dialektik der Nationen: Sie sind nicht nötig, wenn man den neoliberalen Strom der Waren und der Arbeitskräfte will, aber ein Sozialstaat, ein Staat, der gegen Neoliberalismus und den Abbau der Sozialsystem installiert ist, ist bisher und nach gegenwärtigen Maßgaben nur als Nationalstaat denkbar. In diesem Sinne kann man Rotkopfs Wut als heilsames Korrektiv zwar nehmen, um mittels Thymos-Energien eine Utopie anzusinnen, aber man sollte sie in der Sache weiterdenken.

Augenfällig ist die Diskrepanz zwischen beiden Autoren: Rotkopfs Stärke ist das Erzählen, aber nicht die Philosophie oder die (wenigstens halbwegs) konsistente Gesellschaftskritik. Steinwegs Stärke ist das Assoziieren und das Spielen und Kombinieren mit Theorien, mit Philosophie und Literatur: Marguerite Duras ist eine seiner zentralen Referenzen, zumal wenn es um das Zusammenspiel von Fiktivem und Tatsächlichem und um den Reigen der Bilderproduktion geht. Seine Gedankensprünge, Aphorismen und Sentenzen sind manchmal inspirierend, aber leider häufig auch so, daß ich mich frage, worauf diese Sätze hinauswollen. Der Funke springt oftmals leider nicht über – anders als in anderen Büchern von Steinweg. Das Begehren, das immer wieder thematisch wird, ist zuweilen ein trockenes Ding: klar, Philosophie, da wird es nicht immer feucht, auch nicht in der Bilderproduktion, aber ich dachte dann doch an Kants Satz, daß Begriffe ohne Anschauungen blind seien. Interessant wird es bei Steinweg da, wo er Philosophie und Literatur in eine Konvergenz bringt, wo er spekuliert, so etwa, wenn er darüber nachdenkt, was Adorno mit Heiner Müller verbindet: nämlich Chaosbejahung: „Im Schatten Nietzsches soll das Chaos einen tanzenden Stern gebären. Es unterläuft die Ordnungen = die Lügensysteme, die man Ideologien nennt. Das ist seine aufklärerische Funktion.“ Das Begriffslose eben mit den Mitteln des Begriffs aufzutun. Das aber ist zugleich, so würde ich ergänzen, Chaosbannung. Man muß vielleicht die Passagen der Autoren dialogisch lesen und ihnen die Stimme des Widerspruchs hinzufügen.

Nicht empfehlen kann ich das Buch all jenen, die klare Texte oder etwas „Wesentliches“ schwarz auf weiß gerne nach Hause tragen. Zu empfehlen ist das Buch allen, die gerne poetisch-ästhetisch und auf Ab- und Aberwegen der krummen Art denken. Dialektik ohne Dialektik, so kann man dieses poetische Verfahren von Steinweg vielleicht bezeichnen. Spannend ist, daß hier zwei unterschiedliche Stimmen, deren Tonart man bereits am Stil des Schreibens meist erkennt, ihre Bekenntnisse ablegen und sich entschleiern. Das mag auch eine erotische Komponente haben, wenngleich es im Diskurs des Begehrens zwischen den beiden Stimmen eher zu fremdeln scheint und die meisten Texte eher neben- und nicht miteinander laufen. Und ich würde zudem sagen: um mit dem Ton dieses Buches sowie dem Stil ihres Denkens bekannt zu werden, ist ratsam, ein paar andere Bücher von beiden vorher zu lesen. Von Rotkopf das „Antiromantisches Manifest: Eine poetische Lösung“ aus den Nautilus Flugschriften. Es ist dieses Buch eine Erregungssteigerung mit Beobachtungen, Fiktionen, Frechheiten. Man muß darin nicht alles teilen, aber der Verve und die Vehemenz amüsieren stellenweise – nicht Houellebecq, aber immerhin in Deutschland eine schimpfende Frau.

Von Steinweg zu empfehlen ist die „Philosophie der Überstürzung“ (bei Merve) und um in seine auch in den „Fetzen“ angespielte Quantenphilosophie hineinzugelangen das gleichnamige Buch bei Matthes & Seitz, 2021 erschienen.

Am Ende, so mein Eindruck, gibt das Buch zu verstehen, daß es nichts zu verstehen gibt. Es hätte auch „Enthauptung“ oder „Freispiel“ heißen können. Warm geworden bin ich beim Lesen nicht. Aber vielleicht funktioniert das Buch wie jene Kastanienwurzel, die Sartres antiheldischer Held Roquentin da im Park auf der Bank betrachtet: Bewußtsein von Sinnlosigkeit, der wir doch immer wieder einen Sinn geben wollen: sei es in der bildenden Kunst, mittels Dichtung oder Philosophie. Und manchmal eben erreicht uns etwas nicht.

Marie Rotkopf, Marcus Steinweg: Fetzen. Für eine Philosophie der Entschleierung
Matthes&Seitz, Berlin 2021, 205 Seiten, 15,00 €

Erfahrungshunger: Deutschland neuf zéro. Marie Rotkopfs „Antiromantisches Manifest“

Ein Manifest macht eine Sache sichtbar und offenbart sie – das zumindest ist die etymologische Bedeutung: manifestare, manifestus. Und darin steckt ebenso: etwas handgreiflich machen und das kann manchmal auch in einer vergröbernden Skizze und als Wutrede erfolgen. Ein Manifest ist keine Erörterung. Das prominenteste Manifest ist das der Kommunisten – von Marx und Engels als Programmschrift verfaßt. Es diente Marx und Engels dazu, unterschiedliche Menschen zu sammeln, die alle eines gemeinsam hatten, nämlich ihre Haut auf dem Markt feilbieten zu müssen. Und auf diese Weise des Sammelns sich zu organisieren und eine Partei zu gründen: nämlich die der Arbeiter. Das Manifest besaß insofern – unter anderem – eine politische Funktion. Die Manifeste der Dadaisten wiederum spielten mit dem Charakter des Manifests. Sie stellten diesen Charakter aus und stellten ihn damit zugleich in Frage. Denn wer Dadaismus als System betrieb und dazu Regeln und Manifeste schrieb, konnte im Grunde kein echter Dadaist sein. Die Surrealisten oder genauer gesagt André Breton, nahm in seinen Manifesten die Sache deutlich ernster. So ernst, daß die Bewegung der Surrealisten am Ende nur noch aus André und aus Breton bestand. Individualismus immerhin wie ich ihn schätze.

Nun gibt es von Marie Rotkopf, einer 1975 in Paris geborenen, und teils in Deutschland lebenden Autorin und Künstlerin, ein Buch mit dem Titel „Antiromantisches Manifest“ – erschienen 2017 im Hamburger Nautilus Verlag. Teils ist es lyrisch-prosaisch, teils ein politisches Manifest, das Zustände in Deutschland kritisiert, besonders den Nationalismus – zuweilen in polemischer Überspitzung. Teils ist es eine Wutrede geegn die Saturiertheit, die in Europa, die in Deutschland herrscht. Jene Betulichkeit.

Das antiromantische Manifest ist eine Sammlung von Texten bzw. unterschiedlichen Textformen, von Poesie, über Pamphlet und Polemik bis hin zu Kurzgeschichten, die in unterschiedlicher Weise um den Begriff Romantik kreisen und diesen kritisieren, ja mehr noch: ihn zermalmen. Es geht um Politik, in unterschiedlichen Konstellationen, es geht um Heimat, es geht um Deutschland und dessen Vergangenheit und das Vergessen. Und es geht vor allem – aus politischen wie ästhetischen Gründen – um ein Nicht-zu-Hause-sein, keine Heimat, kein Ort, nirgends, was ja wie man meinen könnte, auch die Utopie ist:

„Das Antiromantische Manifest ist ein Plädoyer für das Fremdsein als Fremdheit, als einzig mögliche Lebensform“

In gewisser Weise kann man dieses Manifest mit Walter Benjamins Schrift zum destruktiven Charakter zusammenschließen, dem es um ein „positives Barbarentum“ geht. Einreißen, um aufzubauen. Aber was bauen?

„Wir sind nicht empört, wir sind fertig mit dem Idealismus.

Wir verweigern die westliche Propaganda.
Wir verdammen die europäische und amerikanische Kommunikation.
Die Verdrehung des Geschichtsverständnisses,
die Obszönität der Diskurse verabscheuen wir.

Unser sehr tiefes Gefühl der Feindschaft ist zuerst einmal die Energie der Luzidität.

[…]

Aus dieser rettenden Asymmetrie in uns, dieser Opposition werden wir dann an der antiromantischen Zerstörung arbeiten.“

Fragmente der Destruktion, insbesondere aufgrund einer bösen und entsetzlichen europäischen und deutschen Vergangenheit. Die darauf folgenden Bestimmungen der Romantik, etwa als „Nostalgie für die Stände, das mittelalterliche Christentum“, „wo alles seine Ordnung haben muss, seinen Platz“ und daß Romantik eine Chiffre erschaffen habe, „um die Knechtung der Menschen zu begründen“, halte ich für eine (zudem falsche) Zuspitzung. Man kann solche Sätze, als literarische Form, dem Charakter des Textes als Manifests zuschreiben, insofern will ich sie nicht im Modus eins-zu-eins-lesen. Denn ansonsten wären sie falsch oder bedürften doch der Gegenworte. Man lese nur einmal Novalisʼ „Die Christenheit oder Europa“ oder die Schriften Friedrich Schlegels aus den 1790er Jahren: Aufklärungs- und Zeitkritik mit den Mitteln der Aufklärung und das ästhetische Bewußtsein für eine neue Zeit, die gerade nicht die Nation zum Zentrum erhob. Aufklärung ist in ihren Formen plural, auch in ihrer frühromantischen Form. „Romantik entschleiert“ heißt jenes Kapitel bei Rotkopf – es paßt der Titel insofern schön, weil es bereits jenem Novalis um den Schleier, die Entschleierung der Wahrheit und damit auch um das Bildnis zu Sais geht – und damit jenem Jüngling, der tot niederfiel, als er den Schleier hob. (Nietzsche, Nietzsche: auch dazu: das Spiel mit den Schleiern und die Wirkung der Frauen aus der Ferne, die Wahrheit als Weib, die Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen: auch eine Logik des Fetischismus. Aber das ist ein anderes Thema wieder.) Gegen solches Entschleiern richtete sich im übrigen einer der Züge der Romantik – aber nicht bloß, um in Mystik und im ungefähren zu verharren, sondern um einen anderen Begriff von Wahrheit ins Spiel zu bringen: Wo nicht mehr Zahlen und Figuren … Aber dazu weiter unten mehr.

Manche von Rotkopfs Polemiken treffen, so die über jenen deutschen Zynismus im Umgang mit Griechenland nach der Finanzkrise: ein deutscher Umgang, der „in der Weise zynisch [ist], wie die Deutschen vor siebzig Jahren die Kosten der Okkupation Griechenlands die Griechen selbst bezahlen ließen und wie Angela Merkel die Flüchtlingsfrage benutzte (und parallel alle Flughäfen Griechenlands verkaufen ließ), um sich eine Weile als Retterin des christlichen Europas zu krönen …“

Da stimme ich als Leser zu. Anderes scheint mir im Modus der Hyperbel oder eben im Modus der Ironie zugespitzt und verfehlt dadurch zuweilen bei mir seine Wirkung. Rotkopf polarisiert, macht sich lustig, so z.B. über Nationalismus und deutsche Misogynie:

„Im frauenfeindlichsten und antifeministischsten Land Europas: Deutschland.
Der Schoß aus dem diese Romantik, die wiederauferstandene Totale Demokratie kroch, inmitten des korrektesten und unterwürfigsten Volkes der Welt, ist fruchbar noch.“

Es erinnert die Übertreibungskaskade mich an Houellebecq, für Thomas Bernhard ist die Diktion zu französisch – was ich als Kompliment meine. Wobei ich wiederum nichts gegen Bernhard gesagt haben will, aber die Art und die Weise des Schimpfens und Bezichtigens haben vielleicht doch mehr mit der nationalen Prägung zu tun als wir es ahnen. Johann Gottfried Herder ein Stück vergröbert: der Volksgeist des Bezichtigens. Aber da die Textform Manifest heißt, liegt solche Wirkung auch in der Form gegründet. Ein Manifest ist keine theoretische Erörterung. Das ist, so denke ich mir, schon auch ein hochromantischer Zug. Die Wut, der Furor, aber auch Rotkopfs Zorn: Haß auf die Romantik. Klingt das Wort „Haß“ auf Deutsch oder auf Französisch angemessener und was gibt von der Aussprache her lautermalerisch jenen harten Untergrund besser wieder? In Französisch heißt es le haine. Das klingt weicher als der scharfe Haß. Wir Deutschen sind da vielleicht besser geeignet. Ich hätte hier gerne noch meinen romantisch-antiromantischen Liebling Kleist mit ein paar seiner Wutausbrüche zitiert, aber das führte dann nochmal fort in eine andere Richtung.

Manchmal lädt das Manifest mich gleichsam zum Gegenschimpfen ein. Auf eine mir inzwischen tief-verhaßte Linke – oder zumindest großer Teile derselben. Und in den anderen Lagern ist es ebensowenig besser: diese Erfahrung des Fremdseins teile ich womöglich mit der Autorin. Fremdsein ist übrigens eine zutiefst auch romantische Erfahrung – und dazu muß man nicht einmal Schuberts „Winterreise“ bemühen: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Und so merke ich, daß ich beim Lesen mit der Autorin in einen Dialog trete, ich ärgere mich an manchen Stellen, will Rotkopf widersprechen, Aspekte korrigieren. Romantik ist revolutionär, zumindest die Frühromantik aus Jena. Ja, auch das kann das Ziel eines Manifests sein: Sichtweisen zu irritieren, auch durchs Zuspitzen. Wie etwa dieses:

„Die konservative Rollenverteilung ist von der Mehrzahl der deutschen Paare gewollt, viel mehr noch als in den 1990er Jahren.“

Da spricht sie vermutlich eine Wahrheit aus und das mag insbesondere für Westfrauen gelten, bei den klugen Frauen aus der DDR höre ich andere Geschichten. Und bei einer auf der ganzen Linie versagenden Linken, die sich inzwischen die Identitätspolitik von irgendwelchen Binnen-Gruppen aufs Revers geschrieben hat: da tauchen die Leute, die man erreichen will, weg, werden ganz zu recht konservativ, machen es sich auf dem Sofaplaneten mit einer Decke oder einem Liebsten bequem oder sie werden zu recht unpolitisch oder geben lieber der FDP ihre Stimme als in Berlin der Linkspartei – was einfach nur sträflicher Leichtsinn wäre. Linke Politik hat dann Konjunktur, wenn sie die Leute überzeugt. Wer aber bereits alles hat, der will nicht Revolution, sondern seine Ruhe; und wer solche wie Till Raether, Mario Sixtus, Georg Diez, Sibel Schick, Stokowski, Bücker oder Paßmann sieht, der nimmt eher Reißaus, als daß er sich für Politik, Antirassismus oder für Emanzipation interessiert. Und das nicht wegen der Inhalte, sondern wegen deren Performanz. Die beste Waffe der Konservativen sind jene Weiber und Typen. Und auch gegen die teilt Rotkopf aus, sie karikiert einen lächerlichen Feminismus aus den Wohlstandsetagen von Spiegelhochhäusern:

„Fakt ist.
dass ihr seid eine Mischung aus Eva Braun, Judith Butler
und Yoko Ono
mit euren Tagen des Anderssein-Wollens
 in euren freien Ghettos
ihr merkt es nicht 
eure Referenzen,
eure Wiederholungen,
eure Kreistänze heutzutage

Ihr habt Angst vor allem
vor anderen Frauen.“

So in ihrem Gedicht „Toleranz“, das ein Wutausbruch ist und den Titel in eine schöne Paradoxie führt. Gegen die gepflegte Wohlfühllinke, die es sich in den Medien gut eingerichtet hat und sich auf Twitter jeden Tag gegenseitig masturbieren.

Gegen jene Hoffart einer identitär-kulturalistischen Linken, aber ebenso gegen einen dummen Nationalismus. (Die Jenaer Frühromantik übrigens war alles andere als ein nationales Projekt. ) Immer wieder ist bei Rotkopf jene deutsche Vergangenheit das Thema und es gibt aufgrund der Vergangenheit Deutschlands durchaus ernste Hintergründe, einen Exzeß mit Axt zu starten – zumal die Autorin jüdische Vorfahren hat; und ich wäre in diesem Falle mit dem Vergessen und Vergeben ebenfalls nicht allzu großzügig, ganz im Gegenteil. Subjektiv gesehen ist der teils kleistische Furor des Manifests verständlich. Und diese nicht mehr zu tilgende deutsche Geschichte und dieser Hintergrund motivieren den Ton dieses Manifest, und darin treffe ich mich womöglich auch mit der Autorin, wenngleich ich keine jüdischen Vorfahren, sondern nur kaschubische, hugenottische und norddeutsche habe. Andererseits gibt es wohl kaum ein Land, das – spätestens seit den frühen 1960er Jahren – derart intensiv sich mit dem schlimmsten Grauen beschäftigte. Selbst wenn dies vielfach nicht ausreichte und unter der Schicht der Normalität eben der Schrecken immer noch brodelte. So gibt es in Deutschland zahlreiche solcher Erinnerungsorte, unter denen einen andere Geschichte noch verborgen liegt, die hervorgeholt werden sollte. Wer einen Ort wie die berühmte Künstlerkolonie Worpswede bereist, wird vermutlich eher an schöne Bilder und freundliche Künstler denken, die da im eigenen Kreise in der Abgeschiedenheit von Natur und Mooren lebten und schufen.

Kritische Töne dazu – und nicht nur im Modus der Polemik gehalten – finden sich in dem „Tagebuch Worpsweder Frühling“. Rotkopf  schildert unter anderem eine Begegnung mit dem Lokalhistoriker Ferdinand Krogmann. Der zeigt ein etwas anderes Worpswede, einen befremdlichen Ort, der unter dem schönen Schein der Künstlerkolonie daliegt und was gerne in die Verdrängung gerät. Krogmann veranstaltet alternative Führungen durch die Siedlung, und diese Vergangenheit notierte Krogmann in seinem Buch „Worpswede im Dritten Reich“ (2011) und ebenfalls in „Landschaft, Licht und niederdeutscher Mythos. Die Worpsweder Kunst und der Nationalsozialismus“ (hrsg. v. Kai Artinger, Ferdinand Krogmann, Arn Strohmeyer) – was naturgemäß in Worpswede kaum mit Freude aufgenommen wurde. Solche Verdrängungen gibt es in Deutschland zahlreich und der Satz „Nun muß aber doch mal ein Schlußstrich gezogen werden!“ ist mir noch aus den 1980er Jahren bestens vertraut – nicht im Elternhaus zum Glück, aber doch vielfach im Umfeld. Von denselben Leuten meist, die nicht einmal im Ansatz überhaupt erst angefangen hatten. Was diese Leute zu wenig taten, machten wir im Übermaß. Als ob wir sie damit erlösten und sie erreichten. Aber man erreicht niemanden, der es nicht hören will. Am Ende regelt solche Dinge die Zeit. Generationen sterben aus und es kommen neue. Andererseits wurde Anfang der 1980er Jahre in der Schule das Thema derart exzessiv behandelt und das „Nie wieder!“ wurde derart zum Mantra, daß man die linken Lehrer in Zeiten des Punk nur noch mit einem „Kraft-durch-Freude“-Abzeichen am Revers des schäbigen Jacketts provozieren konnte. Zum Glück waren diese Lehrer nicht dumm und wußten, daß wir keine Nazis, sondern auf einer ähnlichen Seite standen. Womit wir, bei solchen Späßen, die vielleicht gar keine sind, auch beim Humor des französischen Satire-Magazins Hara-Kiri (dem Vorläufer von Charlie Hebdo) wären, das für Rotkopf eine wesentliche Inspiration war und mit dem sie in ihrer Kindheit aufwuchs. Und ich kann aus eigener Anschauung sagen, daß deren Witze hart, sehr hart und ganz und gar nicht politisch korrekt waren, sondern die heutige Linke würde weinend in die Ecke winseln, weil deren ganze Wokeheit hart getriggert wäre. (Zur Wokeness schrieb ich ein schönes Gedicht an dieser Stelle.)

Nein, keine Nationalromantik! Keine Wacht am Rhein und kein deutsches Wesen! Aber eine literarische Romantik aus Jena, die jenen von Rotkopf kritisierten Essentialismus auflöste, die zwar nicht die Existenz im Fragment propagierte, aber doch eine fluide und immer wieder die Fixierungen aufbrechende Sprache sang, so wie dies Novalis im „Heinrich von Ofterdingen“ tat:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die [freye] Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die [alten] wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.“

Eine Art ordo inversus. Ein anderer Ort. Auch dieses Gedicht weist auf eine Form von Fremdheit. Oder auch mit Eichendorff gesungen, aus einer nicht mehr jenensischen Zeit:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Der deutsche Jude oder der jüdische Deutsche Adorno, der seinen Rehrücken Baden-Baden liebte („In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden“ – Heimat mithin und heimisch sein), schrieb einen wunderbaren Essay über die Wunde Eichendorff, nein das war ein Scherz, einen Essay vielmehr „Zum Gedächtnis Eichendorffs“ schrieb er, und das soll und darf nicht unerwähnt gelassen werden. Adornos Rettung jener Romantik ist der Gegentext.

Rotkopfs Text ist zu großen Teilen zornig, sie rechnet mit einer Romantik ab, die sie kausal für das verantwortlich hält, was dann geschah: „Auf Vernichtung läuftʼ hinaus!“ Aber diese Dialektik der Aufklärung springt zu kurz. Es gibt aber auch schöne Sätze und gerade diese Beobachtungen und kleinen Szenen des Manifests sind es, die mir gut gefallen:

„Für gutes Essen und Trinken muss ich ein Budget haben, sonst habe ich immer den Eindruck, ich lebe nicht. In Paris versuchte ich ständig in Restaurants zu sein. Egal, auch wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt.“

„Ich würde das Leben feiern, schon am Mittag, am Abend auch, essen, saufen, in die Bars gehen, laut reden. Ich würde es wie meine Eltern machen. Wäre ich mit Freunden aus Paris hier, in einem dieser schönen Ateliers in Worpswede, wir würden Fleisch braten und es genießen, uns betrinken, drinnen rauchen, uns streiten und in die anderen Ateliers schauen, ob es nicht jemanden gibt, mit dem man sich amüsieren kann.“

Für diese Lust und die Freude am Lieben und Leben mag ich dieses Manifest. Diese Lust und Leidenschaft ist seine Stärke. Aber es nützt andererseits nicht viel, beim „Antiromantischen Manifest“ das Spiel „Stimme ich zu. Stimme ich nicht zu“ zu starten. Interessant ist die Struktur des Textes und was die unterschiedlichen Prosa-, Essay- und Lyrikteile dabei evozieren – was sie also mit dem Leser machen. Manche der Beiträge ärgern mich, weil sie vergröbern, andere sind witzig formuliert. Wieder andere auf eine gute Weise provokativ. Und so entsteht ein Dialog mit einem Leser, der in vielem nicht zustimmt. Und in anderem doch wieder.

Ob unsere „Weltanschauung“, wie Rotkopf es nennt, wirklich eine romantische Vision sei, bleibt – unabhängig auch von der problematischen Generalisierung –, dahingestellt. Und vielleicht ist eben ein Problem unserer unromantischen Zeit genau solche Generalisierung, die eine schlegelsche und novalisschen Romantik gerade aufzulösen trachten. Doch wenn man die Verbindungslinie Romantik – Nationalismus – Auschwitz ziehen will, so greift das in meinen Augen deutlich zu kurz. Vieles an der von Rotkopf aufgespießten politischen Kritik ist zwar richtig, oft schreibt sie mit galligem Witz, doch diese Zuspitzung der Romantik ist entweder von der Sache her falsch oder im Sinne der von Rotkopf geliebten und wunderbar-brutal-witzigen und zugleich tragisch-ernsten französischen Zeitschrift Hara-Kiri ein harter Trick in Subversion und romantischer Camouflage. Man kann nämlich Rotkopfs Schreibweise von der Form her genauso gut romantisch nennen, wenn man sich an die Aphorismen der Jenaer Frühromantiker, an Friedrich Schlegels Athenäum- und Lyceum-Fragmente erinnert und auch an den Spott des Jenaer Kreises über Schiller, den sie einerseits umschwirrten und über den sie sich zugleich belustigten. Über Schillers „Horen“ schrieb Friedrich Schlegel: „Manches kritische Journal hat den Fehler, welcher Mozarts Musik so häufig vorgeworfen wird: einen zuweilenn unmäßigen Gebrauch der Blasinstrumente.“ Und ebenso zeigen sich Parallelen, wenn man die utopische Perspektive nimmt: daß es eine Gesellschaft geben müßte, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wäre. Da mag womöglich Friedrich Schlegels Satz aus seinen Vorlesungen zur Transzendentalphilosophie greifen:

„Die Sehnsucht nach dem Unendlichen muß immer Sehnsucht seyn. Unter der Form der Anschauung kann es nicht vorkommen. Das Ideal läßt sich nie anschauen. Das Ideal wird durch Spekulation erzeugt.“

Und bleibt damit zugleich im Unerreichbaren, wenn man es politisch reifiziert und nicht im Philosophischen als Unendlichkeit, als Apeiron begreift, und doch beide Gebiete als vermittelt dachte, so wie dies später dann Hegels konzipierte. Da liegen die Probleme der Ebene und das, was Hegel dann in anderem Kontext die „Schöne Seele“ nennt, die sich in der Arbeit der Gesellschaft nicht mit der schnöden Wirklichkeit schmutzig machen will. Die bestimmte Negation, wie sie auch Rotkopf betreibt, ist in dieser Hinsicht eine Zwischenfigur: Kritik des Bestehenden, die zugleich damit aber das Bestehende um eine neue und damit wiederum das bestehende erweiternde Perspektive bereichert. Eine Art negativ-positive Dialektik, die Rotkopf fährt. Auch wenn sie das Wort „positiv“ vielleicht nur bedingt gerne hört.

Heimat ist ein Raum aus Zeit, wie der Titel eines Dokumentarfilms es schön sagt. Ein Raum, der schon ist und doch zugleich noch nicht ist und vor allem ist diese Heimat nicht an die Nation gebunden. Dies wußten bereits die Romantiker wie Novalis, wenn sie die blaue Blumen suchten, und in andere Weise schrieb das einer der Denker der Utopie, nämlich Ernst Bloch, und so lautet der letzte Satz aus „Das Prinzip Hoffnung“:

„…, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Heimat, so lautet das letzte Wort. (Es wäre schön, wenn „Nichts“ das erste Wort des Buches wäre. Das ist es aber nicht.) Nach solcher Heimat sucht auch Rotkopfs Manifest, und zwar auf eine eigene und eigensinnige und dabei schöne Weise. Trotz oder gerade wegen ihres Antiessentialismus.

Marie Rotkopf: Antiromantisches Manifest. Eine poetische Lösung
144 Seiten, 14,90 € 978-3-96054-044-1, Nautilus Verlag 2017