Brit Mila. Zirkumzision. Lichtschnitte in Sprache

Alles ist weniger, als
es ist,
alles ist mehr.
(Paul Celan)

Eine schöne und angenehme Tradition ist es, den Weihnachtsbaum und seine Dekorationen, sofern sie denn stilvoll und klassisch-alt ausfällt, ansonsten ist’s überflüssig, bis Purificatio Mariae bzw. unser Lieben Frauen Lichtweihe stehen zu lassen. Dieser Brauch ist mir bis vor einem Jahr noch unbekannt gewesen, dann sprach mir vorletzten Januar jene eine davon.  Anfangs lachte ich, als sie erzählte, daß der Baum bei ihr erst Anfang Februar abgeschmückt würde. Dann aber gefiel mir diese Art des Umgangs mit dem Weihnachtsschmuck, zumal es in der Familie bei uns mindestens vier Stunden dauert, bis ein Tannenbaum anständig ausstaffiert wird. Weshalb also all dieses Schöne und Glitzernde, das Silberflirren des alten Lametta so früh schon abräumen? Wer lesen möchte, wie es solch einem Tannenbaum ergeht, der im Wald stehend diesem großen Glanz des Heiligen Abends immer schon entgegenfieberte und wie dieser Tannenbaum sich im Gedankenspiel und Vorfreunde auf diese hohe Zeit vorbereitet, der darauf schielt und sich unbändig auf dieses Lichterspiel freut, der lese die wunderbar-traurige Geschichte von Hans Christian Andersen: Der Tannenbaum.

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[Ein feiner Brauch also, den Baum lange zu belassen. Ob ich wohl auf meine alten Tage noch zum Katholizismus übertrete oder doch protestantisch werde wie jene eine? Gilt nicht immer noch Pascals Wette? Denn gibt es keinen Gott, habe ich nichts verloren und es ist sowieso egal. Existiert jedoch ein solches Wesen, so kann ich nur unendlich viel gewinnen. Das Göttliche, das Himmelreich jedoch schon jetzt auf die Erde zu versetzen, mag ebenfalls eine Verlockung sein.  Manche meinen freilich, es sei Hybris.]

Bis Maria Lichtmeß also, Darstellung des Herrn. Die Brit Mila, die Zirkumzision erfolgt nach einem festgelegten Ritus. Jenes Stück Haut, das entfernt wird, ringartig, als sichelförmiger Schnitt und als Erkennungszeichen getätigt. Aber das trifft, ziert und zeichnet nicht nur den Körper als Wunde – eben dieses eine Mal.

Es gibt zugleich eine Poetik der Beschneidung, denn das dichterische Wort ist – zumindest im Kontext der Lyrik Paul Celans – das beschnittene Wort oder zumindest handelt diese Lyrik vom beschnittenen Wort. Jene Beschneidung kann einen Bund stiften, so wie sie genauso eine klaffende Wunde und eine Leerstelle erzeugen kann. Celan führt dieses Sprechen an der Grenze und hin zum reinen Ausdruck, ein poetisches Sprechen, das zugleich zum Sprachlosen reiner Zeichen gerinnt, in einem seiner Gedichte vor:

EINEM, DER VOR DE TÜR STAND, eines
Abends:
ihm
tat ich mein Wort auf –: zum
Kielkropf sah ich ihn trotten, zum
halb-
schürigen, dem
im kotigen Stiefel des Kriegsknechts
geborenen Bruder, dem
mit dem blutigen
Gottes-
gemächt, dem
schilpenden Menschlein.

Rabbi, knirschte ich, Rabbi
Löw:

Diesem
beschneide das Wort,
diesem
schreib das lebendige
Nichts ins Gemüt,
diesem
spreize die zwei
Krüppelfinger zum heil-
bringenden
Spruch.
Diesem.
…………………
Wirf auch die Abendtür zu, Rabbi.
…………………
Reiß die Morgentür auf, Ra- —

Zugleich wird in diesem Gedicht die Differenz zwischen Gesprochenem und der Schrift deutlich. Es sind diese bedeutungstragenden Zeichen, die Striche und Punkte, kaum sprechbar und in einer Rezitation darstellbar zu machen, ausgenommen durch eine zeitliche Zäsur oder indem ein Rezitator dazu entsprechende Geräusche fabriziert. (Aber welche?) Abgehakt ist das Gedicht, beschnitten, deiktisch-reduziert fast (Diesem). Punktiert. In den Lichtflur und ins Sprachlose mündend. Ra – ägyptischer Sonnengott oder einfach nur das brennende Glutlicht, das aus dem Körper die zerstreute Asche macht und diesen Rest erledigt. Sprachlos. Dies wäre der Einsatz der Musik. Celloeinsatz oder Singbarer Rest wie zwei andere Gedichte Celans heißen. Was bleibt, ist eine Schrift. Ein Text, ein Gewebe aus Wörter. Beschneidungen bedeuten immer auch Verwundung, und sie wirkt zugleich als Zeichen, Schibboleth, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. (Sei es, derer, die das Wort achten, lesen oder sprechen können. Jenes Wort.) Es schließt sich eine Tür, eine andere wird aufgerissen. Zwischen dem Abend und dem Morgen wirkt die Nacht. Das weist auf eine eschatologische Perspektive. Bilderloses Bild einer Utopie. Oder eben einer Dystopie. Brandofen, Glutofen. Das, was sich im Licht der Sprache entzieht.

Nach solcher Lyrik gibt es kaum noch Töne und Sätze, die zu schreiben wären. Es bleiben Zeichen.