Den Vorhang zu: Marcel Reich-Ranicki

Er war umstritten, sein Sinn für Literatur richtete sich nicht unbedingt und immer aufs Avancierteste. Eine bestimmte Art von Literatur, die experimentelle, die postmoderne, die in der Form überbordete, die nicht in der westlich-europäischen Welt spielte oder die mit ihrem Realismus zu sehr an und in der Gosse sich schrieb, war ihm ein Greuel. Hart waren seine Invektiven gegen Jörg Fauser beim Klagenfurter Bachmannpreis 1984. Brutal teils seine Verrisse und sein Ton scharf, wenn er ein Buch in die Tonne brachte. Er konnte himmelhoch loben und gnadenlos verreißen. Und dafür wurde er im medialen Zirkus, insbesondere im „Literarischen Quartett“ geschätzt.

Aber es gibt ebenso den Literaturkritiker der Schrift, der Rezensionen in der „Zeit“, damals, und in der FAZ (beste Tageszeitung der BRD, immer noch). Zahlreich und vielfach instruktiv sind seine Bücher, die er verfaßte. Auch dort polarisierend, schneidend, auseinanderlegend und sezierend. Und so hießen seine Bücher „Lauter Lobreden“, „Lauter Verrisse“ oder „Entgegnungen“. Auch in seinen Rezensionen positionierte er sich klar, manchmal laut und böse. Seine Worte trafen, konnten vernichten oder brachten nach oben, und zwar ohne (politisches) Standpunktdenken: Ein Buch war gelungen oder es war mißlungen oder so lala, dazwischen. Egal ob ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin nun Hermann Kant, Günter Grass, Ingeborg Bachmann oder Martin Walser hießen. Dieser Ton lag nicht jedem. Aber wer historisch denkt, Bewußtsein von (Literatur-)Geschichte besitzt und sich nicht bloß auf den Augenblick und die kleinen Befindlichkeiten subjektivistischen Leseverhaltens kapriziert, kommt an Marcel Reich-Ranicki nicht vorbei.

Er spaltete, er polarisierte, er polterte, manchmal simplifizierend: Dennoch lohnt es, sich an der Kritik dieses mir immer alten, wie aus einem vergangenen Jahrhundert erscheinenden und streitbaren Mannes abzuarbeiten. Denn Reich-Ranicki konnte schreiben. So schreiben, wie ich es in bei den meisten Literaturkritikerinnen und -kritikern vermisse. Jemand wie Iris Radisch in der „Zeit“ rezensiert nicht, sondern sie dümpelt. Georg Diez mit seiner Kritikerbrille war schon in der „Zeit“ ein unsäglicher Gefühlsschwätzer, beim „Spiegel“ hat es sich nicht gebessert. Mit Diez und Radisch ging das Feuilleton der „Zeit“ den Bach hinunter, hat sich im Grunde bis heute nicht davon erholt. Ja, das große Feuilleton war das Feuilleton dieser alten Männer: Kaiser, Raddatz, Reich-Ranicki – egal ob man sie von ihren literaturtheoretischen Positionen oder ihren Lese- und Lektürevorlieben schätzt oder verachtet. In jedem Fall bereitete es Vergnügen, sie zu lesen. Es war lehrreich, insbesondere in jenen frühen Jahren, als der sehr junge Stadtkommandant noch ein wilder Hund war und sich in der Welt der Literatur teils ziellos umtat. Dies lesend, das lesend, was so in den Kritiken der Feuilletons zur Sprache kam oder was ihm in den kleinen Buchhandlungen in die Hand geriet und seine Sinne fesselte. Denn in den sozialdemokratisch ausgerichteten Gymnasien fristete Literatur ein Nischendasein oder wurde aufs Gewöhnliche heruntergebrochen, damit alle mitkämen. So geriet ich an die Bücher von Marcel Reich-Ranicki. Wer eine Literaturgeschichte zur Literatur der 60er, 70er Jahre lesen möchte, jenseits der akademischen Einordnungen, der oder die lese Marcel Reich-Ranickis „Entgegnungen“. Marcel Reich-Ranicki prägte mit manchen seiner Besprechungen mein Leseverhalten – wenn auch vielfach ex negativo.

Wie es in der Welt der Kunst nun einmal ist: Literatur- und Kunstkritik polarisiert. Und das soll und muß sie auch. Alle großen Kritiker taten das: ob nun Friedrich Schlegel (Hegels Invektiven gegen seine Sicht waren vernichtend) Ludwig Börne, Heinrich Heine, Karl Kraus, Fritz J. Raddatz oder Hans Mayer (der Rechtsanwalt aus Köln, wie ihn Adorno nannte). Spaltet und polarisiert Literaturkritik nicht, so ist sie meist langweilig. Wenn Kritik nicht wehtut, taugt sie häufig nichts. Wer als Kritiker sich als Subjekt einbringen will – und jede gelungene Kritik wird von einem gehörigen Maß an Subjektivität und überschießender, über das Ziel sogar hinausschießender Emphase getragen – der oder die muß das gekonnt anstellen: am besten, indem vom Subjekt zunächst ganz und gar abgesehen wird und indem der Kritiker zugleich derart polemisch zuspitzt, daß Hobel und Späne gleichermaßen nur so umherfliegen. Denn nur mit gespitztem Bleistift schreibt es sich gut, scharf und treffend. Zumindest als noch mit solchen Gerätschaften geschrieben wurde. Die Gefühligkeiten, die Befindlichkeiten, weshalb ein Buch nun mit mir und meinem Wesen oder sonst einem Zug der zufälligen Existenz korrespondieren muß, weshalb ich es so unendlich gerne und versunken gelesen habe (und was es der Alltagsbanalitäten mehr gibt) ist so sterbenslangweilig, daß ich solche Kritiken, wie man sie leider häufig in der Welt der Blogs findet, abbreche. Und zack und schwupp oben rechts auf das Andreaskreuz getippt und fort ist die Seite. Es gibt leider keine gelungenen Literaturkritikblogs. Ich habe bisher nur wenige davon entdeckt.

Wer kritisiert, muß mit Florett und mit Revolver arbeiten. Alles andere bleibt seicht. Und das schätzte ich an Reich-Ranicki: die Emphase. Nicht unbedingt den Inhalt seiner Kritik, seine Positionierung, seinen Blick auf ein Werk. Häufig war er in seiner Lektüre nicht differenziert, und für die Prosa der Postmoderne hatte er wenig übrig. Rainald Goetz oder Thomas Meinecke waren ihm Rätsel geblieben, für die er, so steht zu vermuten, vernichtende Worte finden würde, müßte er eine Kritik schreiben, die Bücher in die ewige Verdammnis der Literaturhölle befördernd. Was er zu den Büchern von Clemens Meyer schriebe, den ich für einen der begabtesten Schriftsteller der Gegenwart halte, möchte ich besser nicht wissen. Ingeborg Bachmanns sicherlich an vielen Stellen nicht unproblematischer Roman „Malina“ blieb ihm ein Rätsel, ein „trübes Gewässer, das manche deshalb – und nur deshalb – auch für tief hielten.“ Doch er fand durchaus lobende Worte für ihren Erzählungsband „Simultan“. (Nein, es geht Marcel Reich-Ranicki nicht um diese so unsinnige und vom großen Hirnriß angefressene Kategorisierung von Literatur in männliche und weibliche – gar Frauenliteratur. Es gibt, so sehe auch ich dies, nur gelungene oder mißlungene Literatur. Wer mag, kann den wunderbaren Monolog der Molly Bloom zum Schluß von Joyces „Ullyses“ als ein Stück grandiosen Strom des weiblichen Denkens lesen. Und genau das ist dieser sich ergießende Monolog, der in der großen Bejahung mündet: es ist der Text, der Monolog einer Frau, die sich ihrer Lust aussetzt. Und dabei spielt es keinerlei Rolle, welches Geschlecht die Schreiberin oder der Schreiber dieser letzten Zeilen des Buches nun besitzt. Die einen sagen Joyce, die anderen sagen anders. Aber ich schweife aber ab.) Zumindest hielt Marcel Reich-Ranicki Ingeborg Bachmann für eine der bedeutendsten Dichterinnen der Epoche nach 1945: „Die Erzählerin Ingeborg Bachmann ist und bleibt – das sollte vor allem als Charakterisierung und weniger als Wertung verstanden werden – eine gefallene Lyrikerin. Und gefallene Lyriker erweisen sich meist als gefällige Prosaisten.“ Ein sicherlich pauschales, ein hartes Urteil, was Bachmanns Prosa anbelangt. Doch den Ton, den Rhythmus, das Metrum ihrer Lyrik hatte Reich-Ranicki sofort als Klang und Struktur vernommen und aus diesem Ton heraus diesen Willen zur Form. Lyrik auf der Höhe ihrer Zeit – jener „gestundeten Zeit“.

Wenn Marcel Reich-Ranicki lobend sichtete, dann kamen dabei zuweilen wunderbare Sätze zustande, so über Peter Rühmkorf:

„Fast ein Heimatautor – das ist er vielleicht auch, wenn wir dies Vokabel nur richtig verstehen. Rühmkorfs Heimat ist die Welt zwischen der Nordsee und der Lüneburger Heide, seine Heimat reicht von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu den Buckower Elegien, von Walther von der Vogelweide bis zu Gottfried Benn. Nicht Poetisches ist ihm fremd.

So ist Peter Rühmkorf immer auf der Suche nach einer schönen, einer verlockenden Blume. Ihre Umrisse verschwimmen in weiter Ferne, nicht einmal ihre Farbe läßt sich genau erkennen. Ist sie blau? Oder rot? Man kann nicht ganz sicher sein. Doch ob blau oder rot – es ist auf jeden Fall die Blume der Romantik.“ Dies schrieb Reich-Ranicki 1979 in der FAZ.

Heute ist einer der Letzten gestorben, die jene Epoche der deutschen Literatur nach 1945, nach Auschwitz als Literaturkritiker mit Stil und Florett, mit Gepoltere und Revolver prägte: Ein polnischer Jude, ein jüdischer Pole, ein deutscher Jude, ein jüdischer Deutscher, ein Mann, der in jener Welt von Goethe, Heine, Thomas Mann, Brecht und Kafka lebte und der nur mit Glück, Geschick sowie Fügung der deutschen Bestialität, den Gaskammern von Treblinka und Auschwitz-Birkenau entkam.