Manfred Krug ist tot – „Wenn die Entlein übers Wasser sind geschwomma …“

Traurig bin ich, ich habe ihn als Schauspieler gemocht, er hatte in seinen Auftritten Charisma, er war eine Type – wenngleich ich ihn nur in wenigen Filmen und Serien sah. In seinem wohl bekanntesten Film „Spur der Steine“, der für mich immer noch großes Kino ist, aber ebenso in „Liebling Kreuzberg“, wofür Jurek Becker das Drehbuch schrieb. Da war bei Krug diese freche Klappe mit entsprechender Lässigkeit. Natürlich als Running Gag der grüne Wackelpeter, und ein wenig glaubte man sich nach jeder Folge in juristischen Dingen firm und kannte durch die Bilder ein Stückchen mehr von Berlin. Ja klar, das war Unterhaltung. Aber es war gute Unterhaltung. Ich habe das freilich erst spät begriffen, in den 80er und 90er Jahren schaute ich kaum Fernsehen. Ähnliches galt für den Hamburg Tatort. Muß man nicht viel Worte drüber verlieren: Es war gut gemacht, gut gespielt; Charly Brauer und Manfred Krug waren ein kongeniales Team. Das Singen ging irgendwann nur auf die Nerven. Beide hatten ein gutes Timing und beherzigten die Regel jedes Showstars: Wenn es am schönsten ist, aufhören. Einfach was anderes machen. Memories are made of this.

Was für eine Wucht aber war „Spur der Steine“, als wir den Film zum ersten Mal Anfang der 90er im Kino sahen. Ich mag diese Art des DDR-Kinos – Bau-auf-bau-auf –, ob nun Frank Beyer oder Heiner Caro. Erik Neutschs Roman zu verfilmen, barg einige Risiken. Literatur, die vorschreibt, wie zu denken, zu lesen, zu handeln und auch zu arbeiten sei, geht meist nach hinten los. Wie immer, wenn die gute Botschaft als Effekt billig einkalkuliert wird. Selbst wenn die Moral sozialistisch ist. Der Bitterfelder Weg mag den einen oder anderen guten Text hervorgebracht haben, aber am Ende erwiesen sich doch eher die zornigen Spaziergänger dieses Weges als die bessern Schriftsteller – allen voran die großartige Brigitte Reimann mit ihrem Roman „Franziska Linkerhand“. Ebenso eine Geschichte aus der Produktion. Aber auch Reimanns Briefe sind nicht zu verachten. Die an ihren Geliebten zum Beispiel. (Mit viel und unendlichem Dank für jenes eine Zitat, an jenem einen Tag. An die, die weiß, daß sie gemeint ist.) Was für eine schöne Leidenschaft findet sich im Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann: „Wär schön gewesen!“.

Ich komme ins Schweifen, bei all den feinen Sachen, die die DDR, neben viel, sehr viel Unsäglichem, hervorbrachte. Der Western also, der ein Eastern war, wenn die Brigade zum Showdown antrat. 1966 zur Premiere in Ostberlin gab es organisierte Proteste gegen den Film. Erst 1989 konnte er gezeigt werden. Was für ein Land, in dem Filme verboten sind, weil sie die eigene ideologische Verengung übersteigen. 1977 verließ Manfred Krug im Nachhall zur Biermann-Ausbürgerung, die sich ebenfalls in einigen Tagen zum 40. Mal nähert, die DDR. Die These dürfte wohl nicht ganz falsch sein, daß mit der Ausbürgerung Biermanns die DDR ihren ersten Todesstoß erhielt. Intellektuelles Leben in einem Staat benötigt den Widerstand. Wiederworte und Widerspenstiges. Auch das kann man aus diesen Geschichten lernen.

Nein, ich bin eigentlich kein Manfred Krug-Fan. Seiner Musik konnte ich nicht viel abgewinnen. In den 90er Jahren hörte ich sie einer Frau zuliebe aus Höflichkeit. Es gewährte mir das einige Einblicke. Freilich nicht in den Jazz.

Wenn Krug Werbung machte, war es so lalala, wie bei vielen Stars, wo ich mich frage: Weshalb tun die das? Aber gut, ich bin kein Besitzer einer Telekom-Aktie – da muß ich also nicht allzu böse sein.

Zum Schluß dieser fragmentarischen Würdigung sei der Trailer aus einem ganz wunderbaren Film gegeben. Vielleicht sind diese Szenen heute nur noch Geschichte. Denn die DDR, die gibt es nicht mehr. Und auch diese Art von Produktion, wie überhaupt diese Zeit – sie sind perdü. Zum Bitterfelder Weg freilich bleibt zu sagen, daß dieser am Ende doch manchem BRD-Schriftsteller guttun würde. Wegen anhaltender Ichlastigkeit und wegen Filterblasengeworfenheit: Ab in die Produktion.