Handkes Nobelpreis. Oder Der „Fall Handke“ ist ein „Fall Medien“

Handke hat ihn nun! Findet Euch damit ab! Da kann das Spiegel-Pin-up-Girl fürs Gekreische, da kann jene Jagoda Marinic, die Handke mit Höcke verglich, und da kann die Alida Bremer, die in dieser Debatte nicht ein Wort über Franjo Tudjman verlor, aber gerne den Namen Milošević, im Munde führt, noch so viel wüten. Und da kann Saša Stanišić in Frankfurt zur Buchmesse noch so viel Falschmeldung verbreiten. Sie kommen nicht ran, sie konnten es auch mit tausend Gerüchten nicht verhindern: daß Handkes Dichtung des Nobelpreises würdig ist.

„Und zur Zeit der Fels-und-Baum-Bilder, dreißig Jahre später, sagte er [Cézanne]: ‚Es steht schlecht. Man muß sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.'“ (Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire)

Diesen (Bild)Verlust inmitten einer voranschreitenden Moderne festzuhalten, ist nach Handke die Aufgabe des Dichters und darum ging es ihm ebenso in seiner Preisrede in Stockholm. Ja, es ist eine subjektive Poetik, die Handke entwickelt. Handke spricht in seiner Rede von einem Ich, spricht von sich und zugleich ist dieses vom Erzähler erzählte Ich ein erzählerisches Ich, das da spricht und also ein Teil der Erzählung – sich selbst erzählend und dazu die Möglichkeiten des eigenen Wahrnehmens. Nicht anders als Max Frischs „Montauk“ eben doch auch ein Wahrsprechen innerhalb der Literatur meint und das vermeintlich Authentische, dem sich Dichtung irgendwie approximativ oder im tolldreisten  Salto Mortale eines Friedrich Heinrich Jacobi („Erlebnis des Sprungs“, Handke, Die Lehre) annähern will, bleibt in der Vermittlung und ist Vermitteltes. Das Verhältnis von Erkenntnis und Bild bestimmt die Prosa Handkes in diesen Jahren und teils noch bis heute. Das Bild als eine Möglichkeit, die erzählerisch zu retten ist, und als die wahre Erkenntnis, als die poetische Erkenntnis und das Bild auch als Flamme des Bewußtseins wollten bereits die Surrealisten bannen, schreiben und zugleich freisetzen, so etwa Louis Aragon Mitte der 1920er in „Le Paysan de Paris“.

„Ich bin aufgewachsen in einer kleinbäuerlichen Umgebung, wo es Bilder fast nur in der Pfarrkirche oder an den Bildstöcken gab; so habe ich sie wohl von Anfang an als bloßes Zubehör gesehen und mir von ihnen lange nichts Entscheidendes erwartet. Manchmal verstand ich sogar Einrichtungen wie die religiösen oder staatlichen Bilderverbote, die ich dann auch mir, dem bloß abgelenkte Hinblickenden, gewünscht hätte. War ein in das Endlose fortsetzbares Ornament, indem es mein Unendlichkeitsbedürfnis ansprach, weiterleitete oder bekräftigte, nicht das richtige Gegenüber?“ (Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire)

Handke ist ein Beobachter, er ist ein Fragender. Handke sucht und er zweifelt. Und er macht etwas in seiner Prosa, was nicht unbedingt mehr üblich ist: er feiert die Schönheit. Die freilich liegt nicht immer offen zutage. Und auf seinen Balkanreisen, die Handke in seinen beiden Texten aus dem Jahr 1995 und 1996 beschrieb – nämlich „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, ein eher literarischer und wenig polemischer Text nebenbei, sowie dem „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterliche Reise“ findet sich dieses Schöne nur noch in ganz und gar ephemeren Szenen, etwa beim Abendessen, wenn Handke mit seinem Reisebegleiter bei dessen Eltern in einem fernen Dorf sitzt. Auch hier geht es um Bilder und Szenen, die Handke irgendwie festhalten möchte, ein anderes Jugoslawien.

Doch die Realität, auch die der medialen Darstellung bricht das Schöne. Wie also dabeisein und sehen?

„Denn was weiß man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern-)Sehbeteiligung ist? Was weiß man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissensbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann? Was weiß der, der statt der Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt oder, wie in den Fernsehnachrichten, ein Kürzel von einem Bild, oder, wie in der Netzwelt, ein Kürzel von einem Kürzel?“ (Handke, Winterliche Reise, S. 43)

Diese fragende Position Handkes, die in ihren Beobachtungen oft am Anschein und an dem in den Medien Dargestellten zweifelt, findet sich nicht nur in seiner Prosa, sondern ebenso in der prominenten, von Stanišić auf der Buchmesse genannten, Višegrad-Szene mit den barfüßigen Freischärlern, unter anderem jenem als Kriegsverbrecher verurteilten Milan Lukić. Handke fragte im Juni 1996 nach, was bei diesen Massakern, genau dort vor Ort und hinreisend, geschehen ist. Dabei kritisiert er insbesondere den Journalisten Chris Hedges, der mit seiner Reportage in der New York Times vom März 1996 Suggestionen erzeugt und Geschichten schreibt, die auf Sensation aus sind. Diese Art der Darstellung hinterfragt Handke in dieser Passage in Sommerlicher Nachtrag.

„Wenn man schon im ersten Satz eines so genannten Berichts die Tendenz und das Ressentiment spürt – für mich ist das unerträglich.“ (Handke, Der Standard, 10.06.2006, zit nach: Struck, Lothar, Der mit seinem Jugoslawien)

Handke bezweifelt eine bestimmte Form der Berichterstattung über Jugoslawien, insbesondere in der FAZ und im Spiegel in den 1990er Jahren. Handke zweifelt nicht an den Greueln an sich, er schreibt explizit, daß diese stattfanden, sondern an der Art und Weise, wie solcher Mord dargestellt wird. Dies geschieht freilich von einem subjektiven Blick her, dem des Reisenden, des Schriftstellers – und das ist Handkes gutes Recht als Privatperson und Autor. Wer Handke vorwirft, daß er Massaker oder gar Genozide leugnet, muß dies an belastbaren Textstellen in diesen Aufsätzen vornehmen. Und es sollte bei solchem Verfahren auch nicht der Kontext solcher Stellen außer acht gelassen werden: daß es sich nämlich in vielen dieser Passagen explizit um eine Medienkritik handelt.

Gleich im Anschluß an diese Massaker-Stelle im „Sommerlichen Nachtrag“, wo Handke von der „Tötung in der hiesigen Muslimgemeinde vor ziemlich genau vier Jahren“ schreibt, bezieht er sich auf jenen Bericht von Hedges. Auch ich habe diesen Bericht gelesen und finde dort eine suggestive Sicht: Emotionalisierungen und Storytelling – die Brücke von Višegrad im smaragdgrünen Wasser, ein Massenmörder, der auch mal barfuß durchs Dorf läuft:

“In Višegrad there is a graceful 400-year-old bridge, hewn of large off-white stones, that spans the emerald-green waters of the Drina River.”

Das ist für einen journalistischen Text Sprachkitsch, Hedges schreibt als Journalist fürs Gefühl, und das kritisiert Handke.

“The steep wooded hillsides that plunge to the river have for centuries also produced killers of appalling magnitude. Mr. Lukic, along with his group of some 15 well-armed companions, was the latest, according to more than two dozen survivors and witnesses.”

“Mr. Lukic, who often went barefoot, called the group the Wolves.”

Solche Zeitungsberichte und darin besonders der Stil sind es, die Handke ärgern. Hier wird mittels „Schreibe“ ans Gefühl appelliert und dieses Emotionalisieren, um Parteinahme für eine komplexe Sache zu schaffen und sie in diesem Zuge zu simplifizieren, ist der Relotius-Journalismus, den heute alle plötzlich niemals gewollt und von dem wir nichts gewußt haben wollten. Chris Hedges lieferte für solchen schlechten Stil die Blaupause. Das Prinzip ist alt und Handke hat mittels Chris Hedges‘ Story ein Problem benannt, das bis heute nachwirkt. Die dort verübten Verbrechen sind ohne Frage schlimm. Doch die Art, sie auszuschlachten und immer wieder nur auf eine Seite hin zu fokussieren, ist journalistisch fragwürdig.

Ich  verstehe nach der Lektüre und dem Stil solcher Reportage, was Handke mit den eingeflogenen Manhattan-Journalisten meint. Meine Kritik an Handke geht freilich in eine andere Richtung: Er steht vor diesem Text von Hedges hilflos und wie ein gebanntes Kind. Karl Kraus hätte diesen Hinterwäldlersinn aus den „steep wooded hillsides“ und dem „smaragdgrünen Wasser“, mit denen politische Emotionen gebastelt werden, von seiner Sprache her gnadenlos zerlegt. Das sind Dinge, die im Journalismus nichts zu suchen haben – nicht erst seit Relotius. Karl Kraus verfolgte, ganz zu recht, das Ausleben der kriegerischen Stimmung, seien das Reporter wie die blutrünstige Alice Schalek oder aber Hugo von Hofmannsthal, der sich einen bequemen Platz in der Schreibstube ergattert hatte: wenn man mit seinem Arsch im Warmen sitzt und den anderen Patriotismus und Heldenmut anempfiehlt, so trompetet es sich ungemein leicht kriegerisch wie patriotisch.

Karl Kraus bespottete solchen Heldenmut am Schreibtisch:

Auszeichnung eines Überlebenden

Er hat den Graben mit kühnem Handstreich genommen,
doch zerfetzt ist er auf dem Platze geblieben.
Der Siegfried, der es gehört und geschrieben,
hat dafür das Verdienstkreuz bekommen.

Handkes Text hingegen wird von Melancholie, Trauer und einer stillen Wut, aber nicht von der beißenden, harten Sprachkritik getragen, wie sie Kraus pflegte. Man mag dies Handke ankreiden, aber auch solcher Vorwurf ist insofern unredlich, weil wir Handke nicht an Ansprüchen messen können, die nicht die seinen sind. Kraus ist Kraus und Handke ist Handke. Sein Fragen ist ein anderes und dieses sollten wir zunächst mal versuchen zu begreifen.

Dieser Umstand, daß es sich bei dieser geschilderten Szene um eine, wenn auch wenig subtile, Medienkritik handelt, wird in der Bewertung Handkes meist ausgeblendet. Manchmal ist Handkes Sprache zwar drastisch, wenn er etwa den „nach Višegrad hinter die bosnischen Berge geheuerten Manhattan-Journalisten“ und damit eben die Variante des Journalismus kritisiert, der anschaulich zuspitzt und als Helikopter-Journalismus irgendwo einfliegt, um nach ein paar Schnappschüssen wieder fort zu reisen. Aber bei dieser Art teils suggestiver und einseitiger Darstellung, wie sie etwa in Deutschland In den frühen 1990ern prominent beim damaligen FAZ-Herausgeber Johann Georg Reißmüller erfolgte, ist ein gewisser Ton von Polemik verständlich.

Handke schreibt als Einzelner, er schreibt keine Medien-Studie zum Stand der Berichterstattung von Zeitungen im Jugoslawien-Krieg, sondern er berichtet subjektiv – als Autor und Reisender. Wer  eine konkrete Medienkritik zu dieser Art von Berichterstattung lesen möchte, der greife zu Jörg Becker/Mira Beham: „Operation Balkan: Werbung für Krieg und Tod“, im renommierten Nomos Verlag erschienen.

Ebenso scheitert die ausgewogene Darstellung, wenn man jenen Satz Handkes bei der Pressekonferenz am Freitag in Stockholm auf die Frage eines Journalisten nimmt, „ob er die Fakten der internationalen Kriegsverbrechertribunale über u.a. das Massaker in Serbien anerkenne und warum er sie nicht in seinen Büchern niederschreibe“ (Zitat nach „Kurier“) Handke antwortete: „Und ich sagen Ihnen allen, die hier Ihre Fragen stellen wie dieser Mann. Ich bevorzuge Toilettenpapier, einen anonymen Brief mit Klopapier, gegenüber ihren leeren und ignoranten Fragen. Ich nehme den Anlaß wahr, um mich für diese wundervollen Briefe, die ich nicht beantworten konnte, zu bedanken. Das war eine wundervolle Sache.“

Dies bezog sich auf Handkes vorhergehende Äußerung, daß er zahlreiche ermutigende Briefe von Lesern herhalten habe und nur einen einzigen anonymen Brief auf Toilettenpaper mit Kot: „a calligraphy of shit“ so Handke. Und diese Antwort bezog sich auf die Frage nicht von irgendeinem Journalisten, wie man vermuten könnte, wenn man die zahlreichen Berichte liest, sondern der Frager war Peter Maass, ein – nun ja -Journalist, der vor einigen Wochen einen denunzierenden Artikel über Handke verbreitete. Weiß man diesen Kontext nicht, könnte man annehmen, ein Choleriker säße dort. Kennt man die Hintergründe, bekommt diese Wut von Handke eine etwas andere Dimension.

Und genau das gleiche geschieht in einer Nachrichtensendung, von der eigentlich eine gewisse Ausgewogenheit im Bericht und eine Nachricht und keine Meinungsmache zu erwarten sein sollte: nämlich gestern, am 9.12. um 20 Uhr die Tagesschau. Doch weit gefehlt. Das  Zitat wurde aus dem Kontext gerissen, nicht eine Silbe dazu, an wen diese Antwort erging. Mindestens hätte man sagen müssen: „Handke antwortete dem Journalisten Peter Maass, der ihn einige Tage zuvor scharf angegriffen hatte“. Schon mittels dieser neutralen Meldung würde diese Antwort Handkes begreiflicher. So aber wird durchs Auslassen von Kontexten. bewußt eine bestimmte Stimmung erzeugt. Ebenso wurde Handke in der Tagesschau, in derselben Meldung gestern, unterstellt, daß er sich auf die Seite der serbischen Machthaber schlüge, was schlicht und ergreifend nicht stimmt und eine Falschbehauptung ist. Was die Tagesschau betreibt, ist keine objektive Berichterstattung, sondern hier werden dem Publikum Meinungen in den Kopf gesetzt. Manchmal muß man in der Tat Nachrichten zusammenfassen und vereinfachen. Aber wenn es schon mir, einen Fernsehlaien, gelingt, Meldungen zu schreiben, die einen gewissen Grad an Ausgewogenheit zeigen, dann frage ich mich schon, weshalb Profis das nicht machen.

Und immer wieder die „Müttern von Srebrenica“. Ja, was in Srebrenica geschah, ist entsetzlich, es war ein Massenmord. Es war dies schrecklicher Auswuchs eines verhängnisvollen Krieges, der freilich nicht wie ein unheilvolles Schicksal über die Menschen hereinbrach, weil böse Serben das Land überrollten, sondern dieser Krieg samt Massakern und grausamer Vernichtung auf allen Seiten entstand aus einer bestimmten Situation heraus. Und da waren vielfach Serben die Täter, aber eben nicht nur.

Doch Handke ist kaum für diesen Krieg verantwortlich, und insofern ist mir jene Wut und jener Haß, der sich bei Teilen der Öffentlichkeit und besonders bei Journalisten auf Handke entlädt unverständlich. Die „Müttern von Srebrenica“ und all jene, die da gegen Handke protestieren, täten gut daran, ihre Proteste genauso an die USA und an Deutschland zu adressieren, ebenso sollten sie den (toten) Kriegsverbrecher Franjo Tudjman anklagen und sie täten ebenso gut daran, die serbischen Opfer mitzunennen. Aber lieber legt man sich mit Handke an statt mit dem IWF, mit einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, die unter den Reaganomics entstand, die unter anderem mitverantwortlich für die Ethnisierung des Sozialen war und ebenso die vorzeitige und unsinnige Anerkennung Kroatien durch die BRD, was den Konflikt noch weiter verschärfte. Es gab also viele Faktoren und Handkes Kritik richtete sich gegen eine allzu einseitige Schuldzuweisung.

Wer diesen  Krieg aufarbeiten möchte, sollte alle Seiten nennen und sich nicht nur die bequemste Sicht herausgreifen, die zudem gut  ins politische Narrativ der Offiziellen der BRD sowie zahlreicher Medien paßt, die dieses Narrativ dann als vierte Gewalt zu verbreiten halfen. Mit Handke kann man sich für all seine eignen Irrationalitäten und die journalistische Blindheit eine herrliche Sockenpuppe basteln, auf die man drischt. Besonders bei jenen Journalisten, die gerne die Seite der bösen Serben herausstrich (und ja: die Serben waren ebenfalls Täter), aber die Taten der anderen einfach wegließ. Daß da von den bosnischen Muslimen Krankenhäuser und Moscheen bewußt als Schutzschilde genutzt wurden, um von dort aus Artillerie-Beschuß zu machen, daß man Menschen als Schutzschilde einsetzte. Man lese nur in dem Sammelband „Serbien muß sterbien“ von Peter Brock den Text „Meutenjournalismus“. Genau diese dort beschriebenen Dinge kreidete Handke im „Sommerlichen Nachtrag“ an. Und wer, auch für Europa, in dieser Sache so etwas wie Versöhnung und Einsicht erreichen möchte, der muß sich viele Seiten und viele Berichte anhören. Pamphlete, Haß und Propaganda, wie dies Alida Bremer macht, trägt dazu kaum etwas bei.Und er muß, wie Handke, die Ohren und die Augen öffnen. Und wenn dies die andere Seite ebenso macht, dann kann man auch Handke befragen, was er zu den Verbrechen von Serben sagt. Zu denen er sich übrigens sehr deutlich bereits in der „Winterlichen Reise“ äußerte.Und um es auf den Punkt zu bringen: Der Jugoslawienkrieg ist kein Fall Handke, sondern ein Fall Medien. Damals wie heute.

Patrick Modiano

Mich hinterlassen Preise und Auszeichnungen in der Regel ratlos. Unspezifisch und von den Kriterien der Auswahl her häufig nicht nachzuvollziehen. Hätte nicht Pynchon, hätte nicht Philip Roth …? Aber die Menschen freut’s. Mal mehr, mal weniger. Den Betrieb und die Verlage ebenfalls. Der mit dem Namen Hanser heute auf der Frankfurter Buchmesse war nicht sonders gut auf diese Nobelpreis-Überraschung vorbereitet und hatte keine Bücher des Schriftstellers zur Hand.

Immerhin aber liegt der zuletzt bei Hanser erschienene Roman „Der Horizont“ in meinem Stapelregal für die ungelesenen, aber demnächst zu lesenden Werke. Die Mühlen der Kritik mahlen langsam. Aber sie mahlen. So erscheint hier Besprechung um Besprechung. Irgendwann, demnächst, bald. So wie die Zeit vergeht und sich die Erinnerungen in den Hohlräumen und Spalten festsetzen. Diese Erinnerungen sind das Thema von Modianos Romanen – bereits „Horizont“ beschwört es in seinem ersten Satz. Wir blicken zurück. Auf Leben und Gelesenes. Am schönsten ist es, wenn beides sich verquickt und ununterscheidbar wird. Aber diese ausgezeichneten Zustände, Momente, Tage, irgendwo im Rausch der Diskurse, im Theoriegebälk, im Lebenssound, in den wenigen Stunden geschehen freilich selten, wenn Zauberberg und Zeitbegriff in wilder, verwegener, aufgeladener Konstellation zusammenschießen. Doch dazu gehören mindestens zwei. Meine Zeit für Zweisamkeit ist jedoch zu knapp bemessen. Es war zudem alles schon einmal da und muß nur noch erinnert werden. Der Rest ist Wiederholung. Nun gehen wir in die Kammern der Theorie, lesen, die Texte, die Philosophie, die Literatur. Bis tief in die Nacht hinein. Thomas von Aquin, Spinoza, Hegel. Unser Zustand ist die Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes zu betrachten, festzuhalten und in die Erkenntnis zu bringen. Kritik und Gesellschaft transformieren sich in ästhetische Theorie und Erkenntniskritik. Vielleicht derart, wie sie Walter Benjamin in seinem Buch zum Trauerspiel in seiner erkenntniskritischen Vorrede betrieb. Metaphysischer Materialismus. Um die Gehalte von Text und Gesellschaft angereichert.

„Das dialektische Bild ist ein aufblitzendes. So, als ein im Jetzt der Erkennbarkeit aufblitzendes Bild, ist das Gewesene festzuhalten. Die Rettung, die dergestalt – und nur dergestalt – vollzogen wird, läßt immer nur an dem, im nächsten Augenblick schon unrettbar verlorenen [sich] vollziehen.“
(Walter Benjamin, Passagenwerk)

Aber ich schweife vom eigentlichen Thema dieses Eintrags ab.

Schaue ich genau und gehe zur Ecke der Bibliothek, wo die Franzosen ihren Platz haben, bemerke ich, daß da noch „Sonntage im August“ sich schamvoll ins Regal drückt. Ungelesen natürlich.

Zum Literaturnobelpreis von Mario Vargas Llosa

Ich hät‘ ja mal Lust einen Artikel zu machen, den ich irgendwo anders komplett oder in Teilen abschriebe. Keine Eigenleistung, nichts ist von mir; ich hegemannisierte, wie das entsprechende Verb dazu lautet. Einfach abkupfern, wenn man selber nichts weiß. So könnte ich es heute beim diesjährigen Literaturnobelpreisträger tun: Denn ich muß zugeben, daß ich nicht eine einzige Zeile von ihm gelesen habe. Ich verwechsle die Südamerikaner und die Spanier mit ihren Nachnamen auch alle, weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe: Federico García Lorca, Mario Vargas Llosa. Ich brachte die immer durcheinander: Als ich die Nachricht vom Literaturnobelpreis hörte, wollte ich zuerst ausrufen: „Was?!: Der wurde doch im spanischen Bürgerkrieg umgebracht. Ist die Ehrung nicht ein wenig zu spät gekommen?“ Doch dann verstummte ich. In Gedanken. Denn hier, wo ich sitze, hört mir keiner zu.

Ein solches Bekenntnis spricht natürlich nicht für den Blogbetreiber, aber ich gestehe, daß ich kein intimer Kenner der südamerikanischen Literatur, kein intimer Kenner der südamerikanischen (Bildenden) Kunst und auch kein intimer Kenner südamerikanischer Frauen bin. Ich bin überhaupt kein Kenner Südamerikas. Als Vierzehnjähriger hatte ich lediglich für kurze Zeit ein Che Guevara-Plakat in meinem Zimmer hängen. Das nahm ich aber bald wieder von der Wand ab, weil Punkrocker nun einmal keine Che Guevara-Plakate haben. Und in meiner Bibliothek steht ein alter Band mit dem Titel „Stadtguerilla“, im Wagenbach Verlag erschienen. Da kommen auch die Tupamaros aus Uruguay vor. Dieses Buch benötigte ich seinerzeit für mein privates Theaterstück „Die Bürgerkinder probenden den Aufstand“.

Einzig von Borges, Cortázar, Fuentes, und García Márquez habe ich Bücher gelesen. Warum hat nicht einer von denen den Literaturnobelpreis erhalten? Ich hätte etwas schreiben können. Gut, Marques erhielt ihn bereits, das geht also nicht, und wenn Marquez ihn zweimal bekäme, müßte das Komitee in Schweden Beckett diesen Preis mindestens fünfzehn Mal überreichen. Doch Tote schlafen nicht nur fest, wie man so sagt, sondern sie sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Insofern bliebe nur noch Carlos Fuentes übrig, dessen Buch „Terra Nostra“ ich für bedeutend und genial halte.

Warum nicht Th. Pynchon oder Ph. Roth? Ich hätte etwas schreiben können. Oder Daniel Kehlmann? Das Komitee kürt zuweilen ja wundersame Literaturnobelpreisträger. Wie gerne schriebe ich einmal wieder einen richtig schönen Literaturverriß. Vielleicht nennt mir ja ein Leser oder eine Leserin Bücher von zu verreißenden Autoren?

So aber bleibt mir nur übrig zu schreiben, daß ich gar nichts schreiben kann.