Liebe als Passion. Liebe als eine Art von Übung

Es läßt sich, was ich Anfang der Woche zum Lesen schrieb, ebenfalls auf den Begriff der Liebe übertragen. Es ist das Lesen von Literatur wie auch die Romanform an gesellschaftliche Bedingungen gebunden. Und ebenso knüpft Liebe sich an solche Konditionierungen. Gefühle und Intimität sind codiert. Und wer den Code kennt, der weiß zwar nicht die Lösung oder wie es geht, und genauso wenig ist diese Kenntnis eine Garantie dafür, am Geheimnis teilzuhaben. Aber die Beobachter zweiter Ordnung sehen zumindest das, was die Beteiligten selber nicht sehen können (oder wollen), weil sie zu nahe dran sind

Niemand liebt bedingungslos, was nichts weiter bedeutet als: ohne Bedingungen. Dennoch empfinden wir dieses Sich-Verlieben wie einen Tunguska-Impaktor – dieser eine Mensch, an diesem einen Ort, während dieses einen Moments. Jenes Dies-da, das als Augenblick und in seiner Einmaligkeit wirkt und funktioniert und das dennoch sehr unterschiedlich sich ausbildet: Liebe in der Zeit der Antike liebt anders als zu Zeiten der Aufklärung oder im 21. Jahrhundert. Anders als die Liebe zu den Menschen im Kreuzestod: dort, wo sich das Opfer innerhalb der Religion, als letztes Opfer dargebracht, selbst abschafft. Liebe als die Passion Christi verdichtet sich hier als ein religiöser Text, transportiert sich in Text und mündlicher Wiedergabe, die dann fixiert wird, und Liebe als Leidenschaft vermittelt sich medial:

„In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird. Schon im 17. Jahrhundert ist, (…), bei aller Betonung der Liebe als Passion völlig bewußt, daß es um ein Verhaltensmodell geht, das gespielt werden kann, das einem vor Augen steht, bevor man sich einschifft, um Liebe zu suchen; das also als Orientierung und als Wissen um die Tragweite verfügbar ist, bevor man den Partner findet, und das auch das Fehlen eines Partners spürbar macht, ja zum Schicksal werden läßt.“
(Niklas Luhmann, Liebe als Passion)

Um sich nach Kythera einzuschiffen, muß man den Fahrplan ebenso wie die Bekleidungs- und Schicklichkeitsregeln kennen. Es gibt keine Unmittelbarkeit. Das was als das Unmittelbarste und Direkteste am Individuum gesetzt wird, das Gefühl, auch und zuweilen genannt: das Bauchgefühl oder die Intuition, ist dasjenige, was zutiefst vermittelt, durchdrungen und konditioniert ist.

Weshalb um alles in der Welt glauben Menschen beständig an die Macht der Gefühle und der unmittelbaren Regungen, verteidigen die Annahme, diese Zugangsweise zum anderen sei eine direkte und unverstellte, mit Händen, Klauen und Zähnen? Was wirkt da? In seinem kleinen Büchlein „Liebe. Eine Übung“, das 1969 entstand, zeigt Luhmann unter dem Blickwinkel einer funktionalisierten Soziologie sowie einer sich ausbildenden Systemtheorie, wie sich der Liebesbegriff, wie sich die Semantik der Liebe, wie sich Liebe als Kommunikationsmedium im geschichtlichen Prozeß entfaltet u nd wandelt und wie dieser Wandel zu deuten sei. Obwohl Liebe ein sozialer Tatbestand mit weitreichender Bedeutung ist, sei‘s im Leben, sei‘s in der Literatur, zog das Phänomen Liebe kaum die soziologische Forschung auf sich, so Luhmann. Was fehlt, ist eine anspruchsvolle theoretische Behandlung dieses Themas. 13 Jahre später, im Jahre 1982, lieferte Luhmann dann dieser Bestimmung: es erschien jenes hochkomplexe, grandiose Werk „Liebe als Passion. Zur Codierung der Intimität“, das in seiner Abstraktion und in seiner Gelehrsamkeit – Luhmann war ein Freund der großen Zettelkastensammlung – weit ausholt.

Dieses Büchlein „Liebe. Eine Übung“ nun kommt mit weit weniger aus. Es liest sich auch für die, welche nicht unbedingt mit allen Wassern systemtheoretischer Soziologie gewaschen sind, gut. [Um mal wieder ein Zugeständnis an die Lesbarkeit zu machen. Wenngleich mir Bücher lieber sind, die nicht ganz einfach und direkt zugänglich sind.]

Lange war dieses Manuskript zu diesem Buch in Luhmanns Nachlaß verschollen, es verschwand im Konvolut seiner Notizen. Erst im Jahre 2008 fand man dieses Manuskript und publizierte es sofort.

Wer sowohl einen kleinen Einblick in die Welt der Systemtheorie (und das heißt hier: in Luhmanns Textwelt) geboten bekommen möchte, wer etwas über Liebe im Feld der Soziologie wissen möchte, der lese dieses Buch. Es ist ein Gewinn, wenngleich man dieses Buch zugleich gegen den Strich lesen muß, um die teils gesellschaftsaffirmativen Passagen in eine angemessene andere Lesart zu bringen. Jedoch birgt dieses kleine Buch auf der Ebene der Beschreibung – im Sinne eines Foucaultschen „fröhlichen Positivismus“ – reichlich Potential für Überlegungen und Andockpunkte. Was wollen Leserin und Leser, die begierig auf die Tücken und Freunde der Liebe sind, mehr? Zuweilen soll und kann ein solches Buch sogar den Bewohnerinnen von Zauberbergen Erkenntnisse verschaffen, derer sie ansonsten nicht teilhaft werden. Ausgenommen natürlich, sie haben eine hochkomplex-klugen Geistes- und Denkpartner an ihrer Seite. Was selten vorkommt. Geist und Körper als Passion.

Niklas Luhmann, Liebe. Eine Übung, erschienen im Suhrkamp Verlag

Ausblick auf das Jahr 2013. Sowie ein kleiner Seitenblick auf Rainald Grebes Dada-Performance

Es stöhnt der Kaiser zur Kaiserin: „Madame, bin ich schon tiefer drin?“
Drauf haucht die Sissi zum Kaiser: „Ich komme meistens leiser!“

Doch es hat nicht sollen sein. Elisabeth Amalie Eugenie oder kosenamlich Sisi gerufen, geschrieben freilich wie in jenem legendären Film-Dreiteiler mit zwei s, gebar vier Kinder. Aber keines ihrer Kinder lebte lange, keines wurde Thronfolger oder gar Thronfolgerin. Statt dessen war ein Neffe von Franz-Josef I. für den Thron der kakanischen Monarchie vorgesehen, der seinen Namen nach einer Schottischen Musikkapelle erhielt. Der Regent in spe wurde 1914 erschossen. Die Folgen dieses Ereignisses sind bekannt. Das Lied vom Lindenbaum … 1913: Ein Jahr vor Krieg. Der Zauberberg erwies als Illusion sich.

Insofern steht dieser Blog teils im Zeichen des letzten Jahres, bevor die Welt ins 20. Jahrhundert gelangte. 1913/2013 – einhundert Jahre. 1913 – Das Jahr vor der Zeitenwende, ein durchaus reizvolles Jahr. Und es begeht auch „Aisthesis“ dieses Datum, feiert, jubelt, würdigt, zerreißt, zerfetzt und zerstört. Als einen der ersten Texte wird es zum Auftakt eine Besprechung von Florian Illies „1913“ geben. Weiterhin nimmt der Blogbetreiber die Kunst in die Kritik und wird seine Serie zum Ende der Kunst fortsetzen. Die Avantgarden der Klassischen Moderne liefen in diesem Jahren zum Höhepunkt auf. Und 1916 nähern sich 100 Jahre Dada: Das legendäre „Cabaret Voltaire“ in Zürich, Spiegelgasse 1.

Im Rahmen dessen sei zudem auf eine (gelungene und witzige) Dada-Performance in Berlin hingewiesen, die Rainald Grebe im Maxim Gorki-Theater gibt. Diese Dada-Show ist unterhaltsam, es macht Spaß, sie sich anzusehen, ich spreche da gerne eine Empfehlung aus, denn Kabarett und Intelligenz paaren sich in dieser Inszenierung. Der Zuschauer lacht nicht bloß über die dargebotenen Späße und Absurditäten, sondern es stellt sich zugleich die Frage nach dem Status von Kunst, wenn es in der Kunst alles schon einmal gab, „in der Kunst alles schon einmal gemacht wurde. Aber eben nicht von allen“, wie Grebe es formuliert. Was ist dann eigentlich noch Avantgarde? Im Grunde handelt es sich hierbei genau um mein Thema. Insofern ist dieses Stück kein bloß homagehafter, historisierender Rückblick auf den Beginn von Dada: en avant Dada, sondern dieser Abend erweitert das Feld und zieht das Absurde, das Sinnlose in die Jetztzeit hinein. So wie wir es von Rainald Grebe gewöhnt sind und es lieben, mögen und schätzen. Das, was wir heute TV-Shows nennen, ist im Grunde eine Variante von Dada. Nur bemerken dies die Betreiber und die Zuschauer nicht. Oder wollen das Absurde, was ihnen medial untergejubelt wird, nicht sehen.

Sehr gelungen zeigt sich in dieser Show die Parodie des großartigen (Fernseh-)Malers Bob Ross. Denn das, was einst als Avantgarde und – souverän oder autonom – als Kunst (der Überbietung) antrat, erweist sich auf genau dieses Level heruntergebrochen: Kunst und Kitsch fusionieren. Und die einst ernsthaft gemeinten Phrasen vom reinen Ausdruck (freilich schwingt bereits in den Schriften Kandinskys der arge Kitsch samt des Abgedroschenen schon mit), das Gerede von der Korrespondenz zwischen innen und außen, der inneren Stimme der Kreativität ihren Lauf zu lassen und ihr Raum zu geben und was der Sätze mehr sind, läuft im Reich der Ästhetik und der Kunst mittlerweile auf die Parodie hinaus. Kunst dient bloß noch als Ausdrucksmedium für die Gefühligkeit und als Simulation von Erfahrung: Die Phrasen der Kreativitätsindustrie, die an der Markt- und Arbeitsoptimierung des Subjekts mitarbeitet: „Lassen Sie sich treiben, seien Sie sie selbst, denken Sie nicht groß nach, sondern tun sie einfach! Der Weg ist das Ziel! In der Reduktion erfahren Sie sich selbst! Erfinden Sie sich selbst! Füllen Sie die freien Flächen des Bildes aus! Alles in der Welt ist im Fluß und ebenso auch im Gleichgewicht.“ Biopolitik in großem Maßstab, es wird in die Köpfe und in die Körper der Subjekte eingegriffen, ohne daß diese es groß noch bemerken. Work hard – play hard. Von der Disziplinargesellschaft geht es hin zur Kontrollgesellschaft, wie es Deleuze in Anlehnung an Foucault in jenem Aufsatz formulierte.

Bob Ross ist der wahre Künstler des 21. Jahrhunderts. Aber ich schweife ab. Was wird es bei „Aisthesis“ im Jahre 2013 sonst noch geben?

Vielleicht folgt eine halb-ernste, halb-satirische Besprechung der drei Sissi-Teile, in denen Romy Schneider als die Lieblingsschauspielerin der 50er Jahre avancierte. Im Diskurs des Friedvollen und Rührseligen könnte ich des weiteren eine Analyse von „Ich denke oft an Piroschka“ geben.

Vielleicht auch fällt, sozusagen als Kontrastprogramm, ein Blick auf Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, welcher an einem Augusttag des Jahres 1913 seinen Lauf nahm, als ein barometrisches Minimum sich über dem Atlantik befand, das ostwärts wanderte, auf ein über Rußland lagerndes Maximum zu: ein schöner Augusttag im Jahre 1913. Alles ist wie immer, die Welt geht ihren Gang.

Was gibt es noch? Die Verlobung-Entlobung Franz Kafkas, diese Literatur-Leben-Konstellation, die sich in den Briefen an Felice Bauer niederschlägt. Kafkas Heiratsantrag im Juni 1913 ist im Grunde keine Liebeserklärung, sondern ein Bankrott oder aber: ein großangelegter Versuch der Distanzierung. Wie kann man eine Frau in einen Text überführen?

Im Referenzbereich der Liebe wird es, weil ich es jemand ganz bestimmtem versprach, einen oder mehrere Texte zu Luhmanns „Liebe als Passion“ geben, möglicherweise mit einem Ausflug hin zu Eva Illouz‘ sehr lesenswertem Buch „Warum Liebe weh tut“ – eine der anregendsten Gegenwartssoziologinnen. Es lohnt sich, mit Illouz sich kritisch auseinanderzusetzen, insbesondere im Hinblick darauf, wie unsere Liebes- und Romantikdiskurse (Romantik auch im umgangssprachlichen Sinne genommen) von der Logik des Kapitalismus gesteuert werden.

Auch die Hegellektüren sollen hier im Blog (naturgemäß) nicht zu kurz kommen. Und wie immer erfolgen auch im Jahre 2013 Besprechungen von Ausstellungen zur Photographie und zur Bildenden Kunst. Weiterhin plane ich einen Text zur Ästhetik Leni Riefenstahls.

Alles wie immer und in bewährter Weise also auf Ihrem Service- und Qualitätsblog „Aisthesis“. Freilich mit dem Fokus auf das Jahr 1913.

Jenseits der Liebe – Strukturalisierungen jenes Unaussprechlichen

In der „Zeit“ vom 20. September entdeckte ich ein Gedicht des Schriftstellers Richard Brautigan. Mir war er bisher aus den 80er Jahren durch seine wild-versponnenen, teils surrealen Romane bekannt, in einer Sprache der hard boiled Short-Story geschrieben: lakonisch erzählt, fließt die Prosa in knappen Sätzen schnell dahin. So etwa in seinem Roman „Träume von Babylon. Ein Detektivroman“. Brautigan schreibt in der Tradition von Chandler und Hammett, spickt diese Weise des Erzählens aber mit jenem Schuß an Hippiewestküstensound sowie Ironie und surrealen Elementen, die die Story überborden lassen. In meiner Lesart liegt er damit sehr in der Tradition eines Boris Vian. Der Geist der Zeit eben, der sich über die Kontinente erstreckt. Die Romane erschienen seinerzeit in den 80ern im Eichborn Verlag und sind nur noch antiquarisch erhältlich. Ein eigenwilliger Schriftsteller, der in den 80ern in der BRD einen gewissen Kult- und Underground-Status genoß, dann aber in Vergessenheit geriet.

Brautigan interessierte sich für die japanischer Kultur, setzte sich mit der Haiku-Dichtung auseinander. Er ist ein vielschichtiger, leider unterschätzter und in Vergessenheit geratener Schriftsteller. Sicherlich nicht die erste Liga nordamerikanischer Literatur, aber seine Prosa ist doch aberwitzig genug, ihn zu lesen. Der Sound seiner Texte klingt teils lakonisch und, von seiner Vielschichtigkeit her, gleichzeitig leicht wie ein Haiku. In diesen vermeintlich so einfachen Sätzen eines Haikus oder der lakonischen Konstatierungen des Sachverhalts stecken die Schwierigkeiten und die verzwickten Stellen dann wieder im Detail. Richard Brautigan nahm sich im Jahre 1984 das Leben. Er war dem Alkohol zugetan.

Hier aber das feine, kleine Gedicht:

„Es ist schön,
morgens ganz allein aufzuwachen
und keinem sagen zu müssen, dass man ihn liebt
wenn man ihn nicht mehr liebt“

Kurz und schmerzlos. Wie jede Erkenntnis, die sich mit Gewißheit ins Denken einschreibt, einritzt, eingräbt, so tritt dieses Wissen auf. (Freilich, ein wenig fehlt dem Text die Gegenwendigkeit der Brechtschen Liebesgedichte.) Aber ist sowas überhaupt ein Gedicht? Und nicht vielmehr ein Aphorismus, eine Wahrheit, die still daliegt, sich als Wissen im Kopf ausbreitet, wenn die Leere einsetzt. Es gibt, im Blick des Denkens, keine Liebe, es gibt Strukturen der Liebe, in denen diese sich als Romanze oder wilde Leidenschaft zu entfalten vermag. Zumindest verhält es sich im Rahmen perspektivischer Philosophie so, wenn wir diese Dinge in einer Beobachtung zweiter Ordnung kalt konstatieren. Es kann niemand zugleich in und über den Dingen liegen, und es können nur wenige Menschen in einer Frau oder einem Manne stecken und zugleich im Akt des Vollzuges mit dem Geist darüber schweben, um als Beobachter/in zweiter Ordnung die Rahmungen zu ordnen. (Ausgenommen an den Tagen – vielleicht –, wenn es schlecht läuft. Da geht es dann so ab, wie in jener Sexszene bei Woody Allens „Der Stadtneurotiker“, wo der Geist des Subjekts über den Liebenden schwebt und die Dinge, die da geschehen, kommentiert. Allerdings: nicht analysiert, sondern nur kommentiert und beschriebt.)

Niklas Luhmann führt diesen Diskurs der Liebe, die Bedingungen seiner Möglichkeit, diese Beobachtung zweiter (und teils auch dritter) Ordnung auf anregende Weise in seinem aufschlußreichen Buch „Liebe als Passion“ vor. (Der Untertitel ist aufgrund seiner oxymoronischen Verfassung fast noch besser: „Zur Codierung von Intimität“. Eine fein gebaute Sentenz, die von der passio zur Struktur sich bewegt.) Und bereits sehr früh, zuerst in einer 1969 gehaltenen Vertretungs-Vorlesung in Frankfurt – ausgerechnet als Vertretung Adornos, der im Urlaubssemester weilte und dann starb – gab Luhmann im Sommersemester „Liebe. Eine Übung“. Das klingt grotesk-komisch, ein wenig nach Anleitung und Praxis, die sich am Ende, in letzter Konsequenz und im letzten Blick in die Theorie vertagt.

Es geht in diesem schlanken Büchlein um die Bedingung von bestimmten Diskursen und Mustern: Wie ist in einer übermäßig komplexen und kontingenten Welt ein solch unwahrscheinliches Ereignis wie das Sich-Verlieben überhaupt möglich? Ein eigentümliches Spiel und ein Changieren, das die Liebe bietet: einerseits vergewissert sich das Subjekt in der Liebe seiner selbst, weil es bedingungslos so geliebt und angenommen werden will wie es ist, ohne sich funktional verstellen oder sich anders geben zu müssen als es sein will, andererseits eröffnet es sich der Fremderfahrung – hin zu einem ganz anderen, das nicht es selbst ist, mit allen Tücken, Verstrickungen und auch den Aporien. In der Liebe eröffnet sich eine Weise der Einzigartigkeit von Subjektivität. Die Emphase der Liebe samt dieser Singularität, das, was wir unter dem Decknamen der romantischen Liebe führen, ist ihrer Entäußerung und in ihren Handlungsweisen aber auf Diskursrahmen angewiesen, unter denen dieser im Grunde unwahrscheinliche Fall einer uneigennützigen Begegnung zweier Subjekte möglich wird, funktioniert und in eine Form von (besonderer) Kommunikation überführt werden kann: Einer Begegnung, die nicht (primär) an der Zweckrationalität sich orientiert, sondern zunächst das ganz andere, das Versprechen von Symbiose bei gleichzeitiger Differenz in einem als Gegenbild zur Welt hervorzaubern und als Instanz gelingenden Lebens setzen möchte – und dies gilt (nebenbei gesprochen) sowohl für die hetero(normativ)gepolte Liebesweisen, wie auch für die, welche gleichgeschlechtlich oder andersgeschlechtlich verlaufen, weshalb es manchem Genderdiskurs gut täte, den Blick (auch) auf strukturale Bedingungen zu werfen. Die schwule oder lesbische Liebesweise ist genauso dem Diktat eines universalen, die Bezüge sowie die Daseinsweise tangierenden und determinierenden Diskurses unterworfen, der – mit Max Weber gesprochen – am Stahlgehäuse kapitalistisch organisierter Rationalität hängt. Was nicht heißt, das diese gleichgeschlechtlichen oder andersgeschlechtlichen Formen von Liebe deshalb keinerlei Diskriminierung und Abwertung erführen. Im Gegenteil. Die (vermeintliche) Abweichung dient dazu, sich des eigenen Status zu vergewissern. Gerade diese Mechanismen der (vielfachen) Entwertung gleichgeschlechtlicher Liebe müssen im Rahmen einer Systemtheorie der Liebe im Gegenzug zum strukturalen Blick, der auf die Mechanismen schaut, wiederum mitgedacht werden. Formales und inhaltliches Moment bedingen einander. Diese Ausrichtung nun fehlt der Luhmannschen Liebeskybernetik vollständig.

Dennoch: Was ich an Luhmann schätze, ist der kalte Blick auf die Funktionsweisen. In einem bestimmten Sinne handelt es sich bei der Systemtheorie um jene von Adorno festgestellte „Mimesis ans Tödliche“.

Aber was soll‘s? Aisthesis wird die Liebe sowie die Diskurse und Strukturierungsweisen solcher Liebe immer wieder streifen, umkreisen, in Verrückungen und Kontexte bringen. Manchmal reicht dazu bereits ein harmloses Gedicht oder ein Aphorismus hin.

Morgen lassen wir dann in einer längeren Passage Luhmann selber zu den Paradoxien der Liebe sprechen. Um dann Ende der Woche mit unserer Hegellektüre fortzufahren. Dessen Philosophie ist ganz und gar nicht frei vom Phänomen der Liebe.