Nachblick Buchmesse sowie ein Vorblick auf Clemens Meyer

Was bleibt? Wie immer viele Manga-Mädchen, Manga-Boys, Fleisch, Haut, Lektüren, ein Freiabo von der Jungen Welt, was mir ein mißbilligendes Kopfschütteln sowie die Ausschimpfe der Frau an meiner Seite eintrug. Jugendliche, die in Scharen sich durch die Hallen schieben. Vermüffelte Luft. Auch Geschäftsmäßiges. Viel Volk und Business treibt in den Hallen und Gängen um. Der Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Sachbuch, geht an die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine interessante Wahl, wie ich finde. Einige Wochen vor der Nominierung von Stollberg-Rilinger habe ich mich mit jener einen Frau über Maria Theresia unterhalten. Wir sprachen über das weibliche Prinzip im allgemeinen – rede mit Frauen nie übers Weib oder nimm dazu die Peitsche mit, rate ich Dir als mittelalter Mann. Wir debattierten über das Weibliche in der Politik sowie über die Vorzüge dieser weiblichen Regentin gegenüber Friedrich II. Selten, daß wir in der Sache Maria so einhellig und traut beide einer Meinung waren. Haus Habsburg also. Es wird Zeit, daß man dieser Kaiserin und überhaupt Österreich und den Habsburgern einen Blick zuwendet. Dieses Reich vermochte es nämlich über die Jahrhunderte, einen Vielvölkerstaat zu regieren. Mein Favorit: Wien und nicht Berlin!

Der Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung geht an Mathias Enard. Ich habe sein Buch „Der Kompass“ noch nicht gelesen. Wobei mich, nach den Kritiken, dieses Buch nur mäßig interessiert. Sehnsüchtige Blicke wirft der Autor in die Vergangenheit. Das ist romantisch und sicherlich redlich gemeint, literarisch womöglich auch gut gemacht. Aber sind die verklärten orientalischen Nächte und der produktive Einfluß des Orients auf den Okzident im Augenblick tatsächlich das Thema, oder nicht vielmehr die schrecklichen Umbrüche und das Unheil, das im Namen der Religion dräut? Andererseits sollte Literatur im speziellen – zumindest als eines ihrer Momente – das verbindende wie auch trennende Moment herausstellen. Keiner registrierte dieses Verbindende in der Differenz besser als Goethe mit seinem West-östlichen Divan – Literatur als Weltliteratur. Nicht nur auf das Glück im stillen Winkel beschränkt. Das Sinnen des Dichters schweift in andere Welten. Aufgabe der Literatur ist es, diese Streifzüge in eine Geschichte oder eine Stimmung zu bringen, wofür sich hervorragend die lyrische Dichtung eignet. Hegel wußte das Divan-Werk in den höchsten Tönen zu loben:

„Dagegen ist es Goethe selber in einem weit tieferen Geiste gelungen, durch seinen West-östlichen Divan noch in den späteren Jahren seines freien Innern den Orient in unsere heutige Poesie hineinzuziehen und ihn der heutigen Anschauung anzueignen. Bei dieser Aneignung hat er sehr wohl gewußt, daß er ein westlicher Mensch und ein Deutscher sei, und so hat er wohl den morgenländischen Grundton in Rücksicht auf den östlichen Charakter der Situationen und Verhältnisse durchweg angeschlagen, ebensosehr aber unserem heutigen Bewußtsein und seiner eigenen Individualität das vollständigste Recht widerfahren lassen.“

Aber Hegel treibt den Gedanken in seinen Vorlesungen über Geschichte weiter, von der Literatur ins Politische hinein:

„Im Kampfe mit den Sarazenen hatte sich die europäische Tapferkeit zum schönen, edlen Rittertum idealisiert; Wissenschaft und Kenntnisse, insbesondere der Philosophie, sind von den Arabern ins Abendland gekommen; eine edle Poesie und freie Phantasie ist bei den Germanen im Orient angezündet worden, und so hat sich auch Goethe an das Morgenland gewandt und in seinem Divan eine Perlenschnur geliefert, die an Innigkeit und Glückseligkeit der Phantasie alles übertrifft. – Der Orient selbst aber ist, nachdem die Begeisterung allmählich geschwunden war, in die größte Lasterhaftigkeit versunken, die häßlichsten Leidenschaften wurden herrschend, und da der sinnliche Genuß schon in der ersten Gestaltung der mohammedanischen Lehre selbst liegt und als Belohnung im Paradiese aufgestellt wird, so trat nun derselbe an die Stelle des Fanatismus. Gegenwärtig nach Asien und Afrika zurückgedrängt und nur in einem Winkel Europas durch die Eifersucht der christlichen Mächte geduldet, ist der Islam schon längst von dem Boden der Weltgeschichte verschwunden und in orientalische Gemächlichkeit und Ruhe zurückgetreten.“

Einerseits kaum glaublich, daß diese Passage 180 Jahre alt ist. Andererseits bleibt festzuhalten, wie sehr die Lage sich wandelte. Mit der Ruhe ist es nicht so weit her. Vielleicht lese ich Enards Kompass und kontrastiere ihn mit Houellebecqs Unterwerfung. Ich suche nach zwei Perspektiven, sie treten im Verhältnis Schuß/Gegenschuß in Konfrontation, mit Glück durchdringen sie sich und schaffen einen neuen Blick. Andererseits interessiert mich Mathias Énards Der Alkohol und die Wehmut sehr viel mehr. Die Weite Rußlands und eine Reminiszenz an Tschechows Tristesse. Dieser kurze Prosatext handelt von einer Zugfahrt durch Rußland, von Moskau nach Novosibirsk, 3000 Kilometer rollt der Zug übers russische Gleis. Viel Melancholie und Drogen.

Wir begeben uns am Donnerstag auf die Messe, frühstücken vorher in der billigsten und ungemütlichsten Backstube von Lindenau. „Geben Sie Luxus, auf das notwendigste kann ich verzichten!“, so ähnlich scherzte Oskar Wilde, und gut denkt es sich an diesen Satz für die billigen Lage, wo wir Brötchen und Kaffee vertilgen. Das Steigenberger Hotel kostete zur Buchmesse rund 600 Euro pro Tag fürs Doppelzimmer. Immerhin etwas. Wir haben es deshalb nicht gebucht.

Zum Messe-Einlaß werden in einer Art Schleuse rechts und links des Bassins Taschenkontrollen gemacht, noch bevor wir die Halle betreten. Das gab es so bisher nicht. Wildes Treiben dann in den Gängen, aber wie uns scheint, deutlich leerer als die vorherigen Jahre. Am schönsten ist es – wie immer auf der Leipziger Messer – an den Ständen der Kunsthochschulen. Feines gibt es am Stand der Halleschen Burg Giebichenstein zu bestaunen, ebenso bei der HGB Leipzig und frech bis witzig Gezeichnetes und Unkonventionelles an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Ich wußte nicht, daß Braunschweig eine Hochschule für Künste hat. Gerne hätte ich etwas gekauft. Aber kostbare Drucke oder Zeichnungen in einer Tasche aus weichem Material zu transportieren, schien mir nicht ratsam.

Netterweise treffe ich durch Zufall Jochen Kienbaum von Lust auf Lesen. Passend und nicht anders zu erwarten am Stand der Arno-Schmidt-Stiftung. Auch schlendern wir zur Buchbloggerlauch. Sie liegt ein wenig abseits und im Verborgenen. Sozusagen ein Ruhebereich. Einlaß bekomme ich nicht, da ich bei der Messe nicht als Blogger akkreditiert bin, sondern wir mit Freikarten das Areal betreten. Da wir jedoch nur einen Tag die Messe besuchen, bleibt nicht viel Zeit. Weder für Literatur, noch für die Politik oder die Kunst. Die wesentlichen Ereignisse verpassen wir, weshalb diese Nachlese keine echte Nachlese ist, sondern ein Fake-News-Nachblick. Aber im Titel klingt „Nachblick“ schwungvoller als ein Bekenntnis zur nachlässigen Recherche: Wir waren niemals richtig da. Ronja Rönne läuft uns über den Weg. Ist der Schlafzimmerblick Attitüde oder ist sie wirklich verschnarcht? Ich habe ihre Bücher nicht gelesen. Wie ich hörte, soll schon wieder eines erschienen sein.

Statt Lesemarathon und Bloggerszene zog es uns abends in ein feines Restaurant in Plagwitz, wo wir uns mit Riesling zuschütteten und Leckeres in uns hineinschaufelten, um uns für Clemens Meyer zu stärken. Eine Lesung in der alten Baumwollspinnerei, aus seinem neuen Erzählungsband Die stillen Trabanten. Anklänge an Die Nacht, die Lichter, nun sind es jedoch keine Storys mehr, sondern die Prosa der Wirklichkeit ist zur Erzählungen gereift, im Ton gediegener. Meyer sei ruhiger geworden, meinte die Frau an meiner Seite. Wir hören, wir lauschen. Ich bin eingefleischter Fan von Clemens Meyers Prosa, hier jedoch, bei der Lesung, blieb ich verhalten, fragte mich, ob sich in diesen Texten nicht vielmehr der Ton und die Erzähllage wie auch das Sujet wiederholten. Während Meyer mit seinem Roman Im Stein eine neue fragmentierte Form erfand, scheint es, als springe dieses Erzählen wieder zurück, gleichsam ein Schritt in die Anfänge.

Andererseits geht es in der Literatur bzw. im Oeuvre eines Schriftstellers, denke ich mir, um eine sich entfaltende Kontinuität: Wie bildet die prosaische Dichtung Realitäten ab, auf welche spezifische Weise macht es der Autor; vor allem aber: wie schlägt sich diese Arbeit der Form als Text nieder? Das ist die dicke Frage, die seit dieser unseligen Knausgard-Eiferei des neuen Realismus und dem Hype um Melles Die Welt im Rücken den Ton der Debatten bestimmt. Meyers Realismus ist ungeschminkt und doch findet sich darin ein poetischer Ton. Ich bemerke, anders als bei Knausgards Abbildungs-Exzessen, die Arbeit der Konstruktion. Diese Prosa ist Fiktion. Oder auch nicht. Das spielt in diesen Texten zum Glück keine Rolle. Meyer erzählt und bildet Miniaturen von dieser Welt. Wobei Meyers Debüt-Roman Als wir träumten alles andere als eine solche Abbreviatur ist, sondern ein Wenderoman besonderer Art, der anhand einer wilden Jungensclique den großen Wurf wagt. Als wir träumten pointiert die Stimmung und diese Szenerie einer Zeit, in der alles wegbrach und die Kräfte einer erodierten Gesellschaft roh aufeinanderprallten, und je weniger sich deren Teilnehmer in den Komfortbereich aufhielten, desto heftiger schmerzte es. Leipzigs wilde Tage: Seinen genialen Wurf habe ich noch immer nicht hier im Blog besprochen.

In Die stillen Trabanten scheint sich ein anderer Ton als in seinem Roman anzubahnen, das alte Sujet von Die Nacht, die Lichter und auch dem Erzähl-Tagebuch Gewalten zwar aufgreifend, aber zugleich transformiert Meyer es im Stil. So zumindest mein Eindruck, als ich die Texte in der Lesung hörte. Trotzdem bleibt bei mir dieser erste Eindruck haften, daß sich in diesen Texten etwas wiederholt. Die genauere Lektüre seines neuen Bandes wird es zeigen, ob dieses Erzählen von Underdogs bzw. von Menschen aus jenem normalen Leben in durchschnittlicher Existenz eine Reprise ist oder ob Meyers Prosa in eine andere (oder zusätzliche) Richtung noch ausgreift

Wer solche Härten und Zeiten in einer ungeschminkten Prosa lesen möchte, greife sich von Sven Heuchert die Erzählungen aus dem Band Asche. Heuchert nennt diese Geschichten Storys, und in dieser Tradition stehen sie angemessen. Heuchert schreibt reduziert, berichtet uns vom Drastischen, und zwar nicht aus den Zonen verwahrloster Mittelstandsberliner mit irgendwas aus Sehnsucht, Flaneurgehabe und Medien, sondern dort, wo es wehtut und wo es kracht, weil Faust auf Fresse schlägt – real wie metaphorisch. Heuchert zeigt die Zonen und Zeiten der Desillusion. Darin deutlich in der Tradition Meyers. Aber um einiges roher noch und eigen. Von Ton und Sujet her würde ich sagen, daß sich beide Autoren ergänzen, und zwar in einer geographischen Weise des Literarisierens sozialer Härten. Vielleicht liegt es daran, daß ich um deren Herkunft weiß, aber bei Sven Heuchert lese ich deutlich den Ruhrpott und das Rheinische heraus, während Meyer den Ton des Ostens trifft. Jene, die die Wende als Menschenmüll zurückließ.

Im ganzen wieder einmal eine kurze Buchmesse, sozusagen ein Besuch als Short-Story. Ohne das Brimborium des Betriebes. Die Baumwollspinnerei liegt schön abseits und in den Gassen von Plagwitz und Lindenau ist es nachts wunderbar ruhig.

Leipzig Messe – Nachlese

Am Stand des Compact Verlags in der Halle 5 schaute es aus, als patrouillieren am Tresen die Ordner der NPD-Schutzabteilung. Breite Stiernacken, einer mit einem Tattoo, das eine SS-Rune genausogut darstellen könnte wie einen Blitz, der sich am Hals in die Richtung des Kinns hochzüngelt. Sympathisch. Die Szenerie am Stand wirkt bedrohlich und das soll sie sein, genau in dieser Weise soll es herüberkommen: Wir sind da! Was ich dort sehe, gefällt mir nicht. Keine zwanzig Schritte weiter befinden sich die linken Buchstände und Kollektive. (Wer mag sich diese Anordnung ausgedacht haben?)

Verlagseigene oder gedungene Schlägertrupps gehören nicht auf eine Messe. Dennoch bin ich gegen ein Verbot solcher Stände. Wohl aber für ein Verbot von Schutzstaffeln. Die Sicherheit obliegt der Polizei. Dumm nur, wenn Staatsorgane – ein Begriff nebenbei, der für mich einen Tick nach Geschlechtsorganen klingt – in einem ihrem Wasserwerfer auf einer Demo ein Magazin dieses Verlags demonstrativ hinter das Panzerplexiglasfenster positionieren. Die Polizisten wurden zur Strafe versetzt. Vermutlich zum Bewachen von Asylunterkünften.

Wenn schon im Literaturbetrieb nicht viel passiert und Streit sich in Grenzen hält, dann wenigsten das: Stefanie Sargnagel ätzt gegen Ronja von Rönne:

Sargnagel

Hahaha. Gehen 2 Nullen durch die Wüste und treffen eine 8. Fragt die eine Null: „Warum trägt die denn ʼnen Gürtel?“ Poser beide gleichermaßen, Sargnagel ist die Rönne Hegemanns. Zwei Seiten derselben Medaille. Aber das gehört nun einmal mit zum Betrieb. Nach den Großschlachten der weißen alten aussterbenden Männer machen  nun die jungen weißen Frauen bitchy Catfights oder dissen einander. Und wenn wir schon beim Mageren sind, ich müßte noch irgend etwas zu Benjamin von Stuckrad-Barre schreiben. Allein, es gibt sein Buch nichts her als dumm Tüch wie man in der von Drogerist Barre geschätzten Stadt Hamburg so vor sich hin sagt. Stuckrad-Barre – das ist die hohle Geste mit Krawatte. Wer nicht zum Dandy taugt, sollte es lassen.

Beim Messeschlendern bin ich am liebsten in der Halle 3 an den Ständen der Kunsthochschulen. Schöne Drucke und Bilder, feine Grafiken und Photos der Absolventen lassen sich dort entdecken. Kaufenswert auch die Kunstpostkarten. Diesmal nahm ich gegen Spende ein paar von der Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein. Wer es etwas ruhiger will, fernab des Messetrubels schaue dort. Viel Schönes gibt es zu betrachten, in Kunstbüchern läßt sich blättern. Für mich immer wieder der beste Ort auf der Messe.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAm 18.3. ging zudem das Online Magazin für Literatur namens tell an den Start und wurde in Leipzig vorgestellt. Ich schreibe das ein bißchen pro domo. Angestoßen durch die Debatte zur Lage der Literaturkritik im Perlentaucher im Sommer 2015 und durch die immer wieder in den Feuilletons aufflackernden Diskussionen zur Buchkritik. Und so zitierte die Gründerin und Initiatorin Sieglinde Geisel zur Auftaktsitzung im Juli 2015 in den Redaktionsräumen der Zeitschrift Merkur die Bremer Stadtmusikanten: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“ Denn all das Meta des Metas der Metakritik und das Verfallsschimpfen nützt nichts – es muß etwas getan werden. Ob das Projekt gelingt, wird sich zeigen. Doch wer nichts wagt, der gewinnt nichts und so lautet das Motto tells für diesen Anfang: „Woʼs not tut, Fährmann, läßt sich alles wagen.“ So heißt’s in Schillers Drama. Ergänzen möchte man gerne: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Nicht unbedingt stürzt die Bedeutung des Feuilletons, wohl aber ändert sich die Medienlandschaft, sie wird deutlich vielschichtiger. Darin spielen zunehmend auch Literaturblogger eine Rolle. Diese Buchmesse zeigte es, und leicht hektisch und mit einer gewissen Erregungsröte im Gesicht reagiert darauf mancher im klassischen Zeitungsfeuilleton, wie am Donnerstag in der Berliner Zeitung Sabine Vogel, die einen mäßig recherchierten Text zu Buchblogs schrieb. Argumentierte man in der Diktion Vogels so müßte man annehmen, die Redakteurin bloggte. Ijoma Mangold hingegen nahm auf einer Diskussion über das Verhältnis von Feuilleton und Literaturblog an, Blogs seien etwas, das der Vergangenheit angehöre. So recht ernst mochte er sie nicht nehmen. Immerhin ließ er sich aber herab, anzuerkennen, daß es sowas gibt. Irgendwo draußen, weitab von der Mangold-Welt. Der Versuch, zu bestimmen, was Blogs im Gegensatz zum Feuilleton leisten, erwies sich in der Debatte schwieriger als gedacht.

Als Schlußwort aus dem Publikum resümierte Jochen Kienbaum von „lustauflesen“ zu recht, die Szene der Literaturblogs sei derart plural verfaßt, daß es kaum möglich und auch nicht sinnvoll sei, im Sinne einer Definition Bestimmungen zu liefern: DEN Literaturblog gibt es nicht. Ich denke, wie bei allen Kollektivsingularen, daß sich darin Mannigfaltiges tummelt.

Ein umfassender Bericht zu dieser Veranstaltung unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“ findet sich auf der Homepage des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels.

Unsinnig scheint es mir das, das eine gegen das andere auszuspielen oder in Konkurrenz zum klassischen Feuilleton zu treten. Die Stärke wie auch die Schwäche von Blogs: das ist ihre Subjektivität. Im Gegensatz zu dem großen Passagierschiff oder dem Tanker Zeitung sind Blogs Schnellboote, manchmal mit netten Bordkanonen bestückt, auf die man mal auf Möwen, dann wieder auf Wale zielt. (Bin heute, in Hamburg weilend, maritim gestimmt: Call me Ishmael: der Erzähler als Überlebender einer Teufelsfahrt mit Malstrom.) Die Kunst der kleinen Form. Etwas aufgreifen, pointieren, zuspitzen, über Bücher schreiben, die kein Feuilleton bespricht. Aber wird diese Möglichkeit, auch abseits zum Betrieb Liegendes aufzugreifen, von den Bücherbloggern hinreichend genutzt? Radikalisiert Euch! Radix matrix: Wurzelgeflecht bilden.

Eigentlich mag ich Buchmessen nicht. Aber das Flanieren an den Ständen vorbei gefällt mir. Keiner kennt mich, keiner will etwas von mir, keiner sieht mich. Keiner spricht.

 

 

 

 

Notation mit Kiezgang

Kurz vor Beginn der Buchmesse. Mir graut vor der Fahrt im überfüllten IC, die Büchermenschengesichter, die Autoren, die Verleger, die Kritiker, die Lektoren, die Rollkoffer, wie jedes Jahr, ich hätte mit dem Auto fahren sollen, denke ich mir, dieses Mal hätte ich mit dem Auto fahren müssen. Immer die A 9 entlang, dann auf die A 14. Eine Symphonie von Bruckner im CD-Spieler. Aus Versehen verpasse ich die Abfahrt und reise einfach weiter in die Fränkische Schweiz zu Jean Paul und auf dem Rückweg halte ich in Schulpforta und Naumburg. Ich kaufe mir auf dem Weingut Kloster Pforta Kisten mit Riesling und Silvaner. Die Weine trinke ich behaglich auf meinem Essayistensofa, den Nietzsche in der einen, das Glas in der anderen Hand haltend. Nietzsche trank keinen Alkohol. Wie der Führer. Hat Carl Schmitt getrunken? Ich müßte in seinen Tagebüchern nachlesen. Darin berichtet er von seinen Einschlafstörungen und von onanistischer Tätigkeit.

Mir ist eigentlich eine Welt lieber, in der die Menschen still ihre Bücher lesen, sich darüber unterhalten, in Lesekreisen, in Salons, im geistreichen Gespräch unter Freunden debattieren und sich streiten. Eine Welt ohne Buchpreise und Messen. Als Auftakt für meine Besprechung von Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“, die ich im Laufe der Woche bringe, zeige ich einige Photographien aus Hamburg-St.-Pauli bzw. von der Reeperbahn. Die Zeiten haben sich gewandelt. Die Kiez-Welt der 70er Jahre ist eine völlig andere, als sie es heute ist. Ich erinnere mich noch an die gemalten Kinoplakate im „Aladin“, wenn ich als Kind im Auto des Vaters über die Reeperbahn fuhr und auf dem Rücksitz erwartungsvoll und mit Glanz in den Augen schaute. Auf eine Welt, die nicht die unsere war. Leuchtreklame, Tristesse, Winterlicht, und da hing in Übergröße ein Westernheld – in der Hand einen Revolver, dessen Mündung er dem Betrachter entgegenhielt. In Farbe. Nicht wie in unserem Fernseher, die Männer mit den rauchenden Colts in schwarzweißer Manier. Der Kiez war Puff, trinken, ficken. Für einen Jungen im Alter von acht Jahren genau das richtige. Musicals gab es noch nicht, höchstens das Operettenhaus, wo im Winter manchmal die Weihnachtsmärchen gespielt wurden.

Leipziger Buchmesse 2015

Preis der Leipziger Buchmesse 2015. Ursula Ackrill, „Zeiden im Januar“. Reiner Stach, „Kafka“

Morgen ist es wieder einmal soweit: Es werden wieder Preise verliehen. Es wird der unvermeidliche Hubert Winkels wieder sprechen, es werden wieder Reden und Elogen folgen und geschwungen. Es werden im lichtgefluteten Hallenfoyer viele Menschen auf hellen Stühlen sitzen und warten. In drei Kategorien gibt es Preise: Sachbuch, deutschsprachige Belletristik, Übersetzungen. Eine Neuerung allerdings brachte die Jury. Diesmal ist in der Auswahl ein Band mit Gedichten dabei, und zwar Jan Wagners „Regentonnenvariationen“. Das ist unüblich, als Idee und Ansatz aber nicht schlecht. Von der Prosa las ich Michael Wildenhains „Das Lächelnd der Alligatoren“. Ich hoffe, ich schaffe demnächst eine knappe Besprechung. Es ist ein politisches Buch, es ist ein Buch von Jugend, Liebe und Lebensweg, von den Zeiten des Widerstands und wie ungewünschtes Leben beseitigt wurde.

Gelistet ist zudem Teresa Präauers Roman „Johnny und Jean“, der mich vom Plot her zwar und sicherlich interessierte, denn das Leben der Berliner Bohème samt des unbedingten Willens zur Kunst, den freilich viele wollen, ist immer eine Ohrensesselreise wert. Doch erwarte ich am Ende wieder einen dieser raketenangelnden oder aus anderer Leute Blog klauenden Berlinromane, die im Dummstrom schwimmen. Herr, laß die Klischees zerklirren und verschone uns vor Künstlern und Dichtern, die sich selber wichtiger nehmen, als sie es sind. Ich hätte niemals geglaubt, diesen Ausruf zu tätigen, aber so geht es am Ende: Bitte schlagt in der Literatur einmal wieder den Bitterfelder Weg ein! Nur so zur Abwechslung und um in anderes Fahrwasser zu gelangen als die Blasenwelt eines verwöhnten Mittelstandes, der unendlich und im Echo-Narziß-Duo-Haivieh-Ton des unermüdlichen Dichters stereotopisiert. (Vielleicht aber irre ich mich in Teresa Präauers Text böse, alles ist ganz anders, und ich erliege meinem Vorurteil gegenüber der nivellierten Literatenmittelstandsgesellschaft.)


9783803132680 Weiterhin las ich Ursula Ackrills Debüt-Roman „Zeiden, im Januar“. Es ist das Buch in einer schreib-speziellen Weise konstruiert. Sein Ton irritiert: ein kreisendes, tastendes, zunächst und anfangs im Schreiblaut irritierendes, sich annäherndes Erzählen an ein Kapitel düsterer Geschichte in Rumänien. Lebenswelt und Verleugnung. Die Siebenbürger Sachsen und wie sie sich unter der faschistischen Diktatur verhielten. Faschistisches Rumänien und faschistisches Deutschland. Diese beiden Zentren bilden den Bruch in der Geschichte. Herrenvolk möchte jedes sein, die einen vom alten Rom sich ableitend, und es findet sich das Bündnis, in dem jedes seinen nationalen Mythos schmiedet und in Konstruktion fabuliert. Es ist das Jahr 1941, kurz vor Ausbruch des Krieges gegen die UdSSR, die meisten Prosa-Szenen des Buches kreisen um den 21. Januar 1941, und die Menschen dieses Ortes Zeiden spüren, daß zukünftig Übles hereinbricht und sich in ihrer aller Leben demnächst etwas entscheidend verändern wird.

Diese Sprünge und Fragmentierungen des Textes, das Mähliche dieser Geschichte, die zerklüftete Sprache, die manchem in der Rezeption Schwierigkeiten bereiten mag, sind allerdings der geniale literarisch-ästhetische Trick dieses Romans, um zu schildern: in Andeutungen und in Versatzstücken, fremdelnd, hart im Ton, Zeit aufsplittend, ohne, in chronologischer Reihenfolge ausgreifend, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, erzählen zu müssen, hinein in die Welt nach Kakanien, in jene k.u.k.-Habsburg-Monarchie schweifend und wieder zurück in die erzählte Gegenwart dieser 40er Jahre: Geschichte ist unendlich und erschöpft sich nimmer, und es lassen sich die Bezüge zurückschreiten bis in die Tiefen der Zeit. Andeutungen und Episoden konstituieren diese Prosa, schildern Zeit und fügen sich zu einem Bild, das sich in der Lektüre langsam aufbaut. Ein entwendeter Schreibtisch, ursprünglich aus dem Wien der Habsburgerzeit,  Design der Wiener Werkstätten, als Ding, als Objekt des Lebens, über Jahrzehnte, verbracht von Ort zu Ort und am Ende enteignet, um in der Schreibstube eines deutschen Offiziers der faschistischen Wehrmacht in Bukarest zu protzen – ausgerechnet aus den Wiener Werkstätten, die ein Vorläufer des Bauhaus waren. Bilder und Szenen schieben sich aneinander und bauen die Klimax auf, in die all das mündet.

Zwar sehen wir das entscheidende Bild, auf das es in dieser Prosa hinausläuft und in dem sich Grauen verdichtet, deutlich und kraß gezeichnet bereits in der ersten Szene des Romans, als IV. Kapitel firmierend, die in einem Transportwaggon der Deutschen Reichsbahn beginnt. Lauter junge Männer, neunzehnjährige Halunken, die als Hilfs-SS demnächst und nach Ankunft KZs bewachen werden, und eine Leontine Philippi, 1888 in Kronstadt geboren, die Heldin oder besser Protagonistin dieses Romans ist und die das Spiel des Nationalismus und des Deutschtums der Auslandsdeutschen nicht mitspielt. Sie ist keine Widerständlerin. Aber sie bleibt beharrlich und ist immun gegen einen unsäglichen Zeitgeist, einer alten Welt entstammend, die mit der k.u.k.-Monarchie und dem Vielvölkerstaat unterging.

Die Sprache, in der sich das Geschehen, die Geschichte herauskristallisiert, klingt zunächst trocken, ungewohnt in Satzbau und Grammatik, vielfach als wäre es falsches Deutsch, eigenwillig in der Syntax, manchmal holprig, sperrig, wenig sinnlich im Laut. Gegen den Strich gebürstet, fremd vielleicht deshalb, weil Fremdes thematisiert wird. Und genau aus diesem Grunde sind diese Sätze nicht schief willkürlich gebaut, als verstünde die Autorin die Grammatik des herkömmlichen Deutsch nicht gut, sondern sie behandeln eine uns unbekannte Welt – die der Siebenbürger Sachsen, die in einer Region siedelten, die zu verschiedenen Ländern gehörte, zu Habsburg, zu Ungarn, zu Rumänien, heimisch in ihrem Deutschtum. Eine Bevölkerung, die fünf Jahre später Vertriebene sein werden, die sich schuldig gemacht haben werden. Fremd. Diesen Sound, diesen Rhythmus versucht Ursula Ackrill in eine Literatur zu setzen. So spricht und klingt es im Dialekt – egal ob der nun erfunden ist oder ob es tatsächlich der Sprechton Siebenbürgener Sachsen sein soll. Gegen die Schreibschulenübungen aus Leipzig und Hildesheim bleibt das, was Ursula Ackrill machte, allemal erfrischend. Vor allem aber: endlich ein ungewohnter, verstörender Ton, der zudem ein Thema findet, das nicht unmittelbar auf der Schwelle approbierter Textvarianten abgelegt ist.

Die Fragmentierungen, das Versetzte und sich erst aus den Andeutungen und den gestreuten Geschichten Ergebende sind Programm dieses Buches. Fremdheit, Heimat, in der sich Menschen gegen andere behaupten müssen, um zu siedeln, und wie sich eine Geschichte Zug um Zug, in Wendungen zusammensetzt. Juden. Judenhaß der Rumänen, die faschistische Legion, in der seinerzeit in den 30ern auch E.M. Cioran mittat, die eingeschlagene Judenfresse des Judenbengels, dessen Vater in Bukarest enteignetes Judeneigentum an Reichsdeutsche Offiziere verhökert. Opfer und Täter in einem. Am Ende Opfer, nichts als Opfer. Das zersplittert sich in der Erzählart. Darin das junge Ding Maria, die Rumänin, gerade mal 17, quirlig nach Leben Ausschau hält in Zeiten, die dem Leben nicht allzu viel zu bieten haben. Es bleibt ihr der Blick auf Todesarten und das Grauen.

Hinzuweisen sei ebenfalls auf das Moment der Zeit, das sich über die genauen Datumsangaben im Roman, die teils bis in die Stunden reichen, ergibt, als setze sich da eine Regionalchronik zusammen, die protokollarisch von einem Ereignis berichten möchte. Und Marie, das rumänische Mädchen im Kreis von Leontine, das manchmal zu ihr zum Besuch kommt, um Deutsch zu lernen, sie vernimmt all dies, was geschieht – heimliche Chronistin und Überbleibende zum letzten Zug hin. „Im Garten vergräbt Maria im nächsten Sommer eine Schatulle mit Papieren, in ein Kleid gewickelt, das mit Blut und ausgeschmetterten Zähnen verfilzt ist. Drei Sommer später ziehen Russen durch Zeiden und fragen sie: ‚Wie weit bis Berlin‘“ Zähne eines Judenbengels. Ein Ende, in poetisch verdichteten Bildern, die auf’s Wesentliche zielen. Fremdheit und daß nichts behaust ist.

Auffällig bei der Leipziger Buchpreisauswahl scheint, daß drei nominierten Bücher ausgesprochen in der Geschichte bzw. im Politischen verhaftet sind. Ob nun Norbert Scheuers Roman „Die Sprache der Vögel“, der vom Krieg in Afghanistan handelt, oder in Wildenhains Roman, der jene BRD der 70er Jahre bis hinein in die 90er zur Geschichte macht, exemplarisch erzählt  als Liebesroman mit letalem Ausgang. Oder aber die 30er und 40er Jahre in Siebenbürgen, wie Ackrill sie verdichtet und beschreibt. „Juden raus“.

9a083fdbb60705ab7394feac01d43e2ev1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2Weiterhin in der Lektüre, in der Rubrik Sachbuch, befindet sich bei mir Reiner Stachs letzter Band seiner Kafka-Biographie, der die Jahre von 1883 bis 1911 beleuchtet. Es wäre der Sachbuchpreis sicherlich für diese voluminöse Gesamtleistung fällig, das Leben eines der facettenreichsten und bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, filmisch fast, mäandernd, erzählerisch-erfrischend und mit zahlreichen Abzweigungen und Nebenwegen versehen, in drei Bänden nachgezeichnet zu haben. Kafka – das ist Literatur als eine Kraft, als Intensität und Gewalt, sprachlich so einfach, wie eine Erzählung aus J. H. Hebels „Schatzkästlein“, nur unendlich verschachtelter, eine Prosa, wie sie später in den Formungen selten wiederkehrte und in der Lektüre uns ansprang.

u1_978-3-10-075130-0.36606182 Stach nimmt ein Wagnis auf sich, diese frühen Jahre in eine Biographie zu bringen, von denen kaum Dokumente existieren, die belastbar sind. Wenngleich ich, trotz dieses gewaltigens Versuchs, den jungen Kafka in einen Text zu bringen, gestehen muß, daß mich der dritte Band in bezug auf Kafkas Vita teils enttäuscht hat. Es ufert aus, ohne daß Material vorhanden ist. Was sich in den ersten beiden Büchern bereits andeutete, aber noch gedeckt war durch reichlich Dokumente und Zeugnisse, zerfranst sich im letzten Teil. Zu weit schweifen die Bezüge in Nebensächliches, und es verliert sich das Leben Kafkas in den Zwischentönen und in den Nebenströmen. Erzählerisch durchaus geschickt gebaut zwar. Obgleich das dann stellenweise weniger eine Kafka-Biographie ist als ein Panorama Prags und der k.u.k.-Monarchie, der jüdischen Lebenswelten, Stadtplanung im Judenviertel Prags, Gymnasialsystem, Sprachdisput zwischen Tschechisch und Deutsch, Reformbewegung, Franz Brentano-Kreis, Bürgertum, Judentum, samt Antisemitismus bei Tschechen und Deutschen, der Konflikt zwischen den Nationalcharakteren, und es deute sich an, daß eine Zeit auseinanderbricht. Kafka zwar dabei, aber als Gestalt bleibt er weitgehend leblos. Anders als in den ersten beiden Bänden. Im Strom von Stachs Text verliert sich das Objekt: Kafka. Je nach Perspektive mag man dieses Verschichtete und Ausschweifende in Stachs Biographie als Gewinn und Reichtum sehen, oder aber es verzetteln sich die Bezüge, sie ufern aus. Salomonisch würde ich sagen, daß man zuerst Wagenbachs Kafka-Monographie bei Rowohlt lesen sollte, und mit diesen Eckdaten läßt sich dann wunderbar ausschweifend und stöbernd bis ins Detail bei Stach wildern, lesen, versinken. Stach gebührt am 12.3.2015 für ein gigantisches Werk, für jahrzehntelange Recherche, für eine umfassende Biographie, die sprachlich ausholt, stilistisch geschliffen sich schreibt und nicht dröge Fakt auf Fakt schildert, dieser Preis.