Der Text Hölderlins oder das Praktischwerden der Kunst? „Kunst, Spektakel und Revolution“, Heft 4

Anzeige_KSR_4_kleinSoeben ist, wie ich den geneigten Leserinnen und den nicht weniger geneigten Lesern mitteilen möchte, die 4. Ausgabe von „Kunst, Spektakel und Revolution“ erschienen. Nicht anders als in den bisherigen Heften enthält auch diese Ausgabe eine Vielzahl an interessanten Beiträgen. Anzusehen hier unter dem Link. Dort befindet sich ebenfalls ein Bestellformular. Der Themenschwerpunkt des Heftes lautet „Die Verwirklichung der Poesie“. Darin veröffentlicht auch ein Aufsatz von mir, und zwar „Friedrich Hölderlin und das Werden im Vergehen. Hölderlin in der geschichtsphiloso-phischen Perspektive von Georg Lukács und Theodor W. Adorno“. Darin stehen Aspekte und Gedanken zur Dichtung Hölderlins, die es hier im Blog bisher nicht gab und die in einem Blog zudem schwierig abzuhandeln sind, weil es den Rahmen sprengen würde. Allenfalls als längere Serie kann ein solcher Text konzipiert werden.

Es wühlte, wirkte und regte sich im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts links des Rheins manches heftig. Aber während Le Peuple de Paris die Carmagnole tanzte und „Ah! Ça ira …“ nicht nur sang, sondern zum Leidwesen der überlasteten Laternen auch praktizierte, lagen die Deutschen Fürstentümer zur Zeit der Französischen Revolution praktisch im tiefen Schlummer. Immerhin jedoch: einige Jahre zuvor erschien eines der Bücher, die bahnbrechend fürs Denken sein sollten: Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Zwei ganz unterschiedliche und in der Epoche doch zusammenhängende Ereignisse. Praxis und Theorie. Die Zeit nach der Französischen Revolution war eine der Gärung – in ganz Europa. Es zitterten und wankten zwar nicht die übrigen Fürsten- und Köngsthrone, aber es trat ein Bewußtsein auf den Plan, das nicht mehr so leicht auszuschalten und aufzuhalten war.

Allüberall, auch rechts des Rheins schimmerte die Hoffnung auf eine andere Zeit, der Ruf des gallischen Hahns drang bis herüber in die Fürstentümer des Schlafmützenmichel-deutschlands: sei es im Sinne eines bereits wirtschaftlich saturierten Bürgertums, das auch politisch sein Stück vom Kuchen begehrte, oder aber als Realität eines Freiheitsbegriffes, der nicht nur die Freiheit zum ungehemmten Wirtschaften meinte, sondern gerechtes Tun und freies Denken umfaßte, wie dies anfangs und gemeinsam noch Hegel, Hölderlin und Schelling im Tübinger Stift als junge Männer proklamierten, während sie zum Jahrestag der Revolution einen Freiheitsbaum pflanzten. [Und Hegel pflegte bis ins hohe Alter an jenem Tage ein Glas Roten auf diese Revolution zu trinken.] Die Möglichkeit muß mit Notwendigkeit zur Wirklichkeit werden, so ließe sich ein Aristotelisches Dynamis-Konzept revolutionär umpolen. Nicht mehr nur die „Kritik der praktischen Vernunft“ deutete sich an, sondern eine Kritik der Praxis und der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt, in der der Mensch ein geknechtetes Wesen bleibt. In den deutschen Fürstentümern freilich sehr viel milder als in Frankreich. Heinrich Heine witzelte über diese Mentalität der Kopfgeburten und -revolutionen einige Jahrzehnte später recht herzlich. [Und im Tone direkt der Zorn: „Deutschland. Ein Wintermärchen“: Was für ein Gedicht!]

Lukács schrieb in seinem Aufsatz „Hölderlins Hyperion“: „Jeder dieser drei Jünglinge  (…) repräsentierte in seiner späteren Entwicklung eine typische Möglichkeit der deutschen Reaktion auf die Entwicklung in Frankreich.“ Hölderlin vertrat dabei die revolutionärste Variante. Das zeigte sich insbesondere in seinem „Hyperion“. Die Aufhebung der Kunst im Leben: die Tathandlung des Fichteschen Ichs soll nicht nur im Modus der Erkenntniskritik erstarren und harren, sondern praktisch werden. Dafür steht in Hölderlins „Hyperion“ die Figur des Alabanda. Jedoch endete diese Tat am Ende katastrophisch. Und das meint nicht: als eine Weise der Umkehr.

Eine andere Epoche brach mit dieser Revolution an: das spürte auch Goethe, der als Begleiter des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar an dem Feldzug von 1792 auf der Seite der Koalitionsarmee teilnahm. Und so ging dann jenes geflügelte und wohl auch wahre Wort nach der Kanonande von Valmy in die Welt: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ So schrieb Goethe in seinem autobiographischen Text „Die Kampagne in Frankreich“.

Lukács‘ und Adornos Texte über Heidegger verkörpern zwei Varianten geschichtsphilosophisch-dialektischer Lektüre. Was insbesondere an Georg Lukács hervorzuheben bleib, der seinen Hölderlin-Aufsatz im Jahre 1934 schrieb, ist der Umstand, daß er gegen eine deutschtümelnde, nationalistische Aneignung Hölderlins und seiner damit einhergehenden Entpolitisierung durchs konservative Bürgertum einen explizit politischen und revolutionären Hölderlin setzte. Auch gegen die Heideggersche Seinsinnerlichkeit in seinen Hölderlindeutungen der 30er und 40er Jahre sowie das Frömmelnde der Geschichtsferne des Biederbürgers ist hier unbedingt der Text Georg Lukács‘ hervorzuheben. Wenngleich Lukács teils der politischen Parteinahme verhaftet bleibt und die Poetik des Textes, das Gemachtsein und die ihm immanente Dialektik von Subjekt und Natur nur unzureichend liest.  Nicht anders als Heideggers Lektüre, die zudem eine der Referenzrahmenbestätigung ist: es wird genau das bei Hölderlin hineingepackt, was herauskommen soll: das Sein. Ich will die Heideggerlektüre nun gar nicht kleinreden, die aber doch im Sinne Hölderlins gegen Heidegger gelesen werden muß. Es sollten manche der Begrifflichkeiten Heideggers entschlackt und übersetzt werden. Der Gehalt des Heideggerschen Denkens, wenn er Hölderlin liest, sollte gerettet werden. Insbesondere gegen eine Ideologie des Bäuerischen, Erdhaften. Kein Denken der Scholle, sondern  eines des Offenen: Der freie Gebrauch des Eigenen bleibt eine Perspektive der Geschichtsphilosophie.

Gegen solche restaurative und Hölderlin entschärfende Lesart, wie sie etwa die hermeneutische Schule oder Heidegger betrieben, die in den 50er Jahren schwer in der Mode lagen, setzt sich Adornos Hölderlin-Deutung in seinem Aufsatz „Parataxis“ ab, ebenso aber gegen ein politisch engagierte Lektüre Hölderlins, die das materialistischen Korrelat lediglich von außen in den Text preßt.  (Trotzdem bleibt die Rettung Hölderlins für eine revolutionäre Poetik durch Lukács eine große Tat. Trotz alledem fehlt Lukács die Subtilität eines Adorno.) Für die heutige Zeit mögen solche Differenzen wie die zwischen restaurativer Hermeneutik samt Heideggerianismus und dialektisch-kritischer Philosophie nebensächlich erscheinen. Damals aber, im Jahre 1963, als Adorno auf der Jahresversammlung der Hölderlin-Gesellschaft diesen Text vortrug, war der Vortrag unter den tief konservativen Germanisten ein Skandal.

Aber es soll der Gang der Dinge sowie das, was Lukács und Adorno in ihren Texten entfalten, nicht weiter verraten werden, denn schließlich möchte ich geneigte Leserinnen und Leser dazu ermuntern, diese 4. Ausgabe von „Kunst, Spektakel und Revolution“ sich zu bestellen und zu lesen.

Kunst – Spektakel – Revolution. Der Aufstand der Sinne

Es ist nun die dritte Nummer der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen – eine Zeitschrift, in der Texte zu Kunst und Ästhetik dargeboten werden, und zwar zumeist in einer Weise, die Kunst, ästhetische Theorie und Gesellschaft in einem materialistischen, teils an Walter Benjamin orientieren Sinne verbindet. Eine ästhetische Theorie, die sich jeglicher Politik enthält und Gesellschaft ausscheidet oder auf ontologische Konstanten reduziert, wie es die fragwürdige Hermeneutik eines Gadamers betreibt, kann nicht im Bezirk materialistischer (oder auch materialer) Ästhetik liegen. Ebensowenig aber kann ästhetische Theorie im Sinne eines unmittelbaren Engagements Politik werden. Eingriffe – wie ein Textband von Adorno heißt – sind nur in der Vermittlung und als Vermittelte möglich beziehungsweise denkbar, und zwar qua theoretischer Bestimmung und Besinnung. Der Ort von Praxis ist nicht die unreflektierte, unidirektionale Praxis, sondern es sind Theorie und Praxis nicht voneinander zu trennen. Dieses Verhältnis gilt ebenso für die Ästhetik.

Es lassen sich Phänomene der Basis nicht im Verhältnis ein zu eins auf ihren gesellschaftlichen Überbau reduzieren, sondern sie führen im Kunstwerk samt der damit korrespondierenden Lektüre ein Eigenleben, das zwar nicht unbedingt subversiv sich gestalten muß, aber es folgt zuweilen doch ganz eigenen Gesetzen und erzeugt einen Gegensinn. Die Féerie der Warenwelt im Paris des 19. Jahrhunderts ist Traum und Hölle zugleich, Alptraum und Verheißung. Das dialektische Bild als kritisches durchdringt und vermittelt diese Momente und zugleich erzeugt es die Extreme. Das Verhältnis von Struktur, Diskurs und Empirie ist verschlungen. Sei das nun im Phänomen „Liebe“ oder beim Geschmack. Begriffe sind gesellschaftlich codiert und konnotiert. Der Mond der Antike ist – trivialerweise – nicht der Mond über Soho oder der in einem Baugerüst am Ende des 20. Jahrhunderts.

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Zentral in dieser dritten Ausgabe von „Kunst, Spektakel, Revolution“  sind die Vorträge, die im dritten Themenblock einer Vortragsreihe in der ACC-Galerie in Weimar gehalten wurden. Genaueres läßt sich der gleichnamigen Internetseite entnehmen. Es geht in diesem Heft um die fünf Sinne, und zwar im Zusammenhang mit einer materialistischen Ästhetik, die ebenso die gesellschaftliche Praxis mitbefaßt. Und wie es sich so schön fügt,  findet sich in dieser Ausgabe auch von mir ein Text wieder, und zwar „Über die Geschmacksbildung in der Kunst. Zum Verhältnis von Schmecken und Geschmack“. Ich empfehle den Kauf dieser Zeitschrift, nicht nur wegen meines Beitrags, sondern auch um anderer Texte willen.

Mein eigener Beitrag geht in mehreren Schritten vor: zum einen entfalte ich – freilich in vergröberten Zügen – wie sich der Begriff des Geschmacks als ästhetische Kategorie seit dem 18. Jahrhundert entfaltete, um Kunstwerke jenseits eines malerischem Regelkanons oder einer Regelpoetik in den Blick nehmen zu können. Sodann erfolgt eine historische Verortung des Geschmacksbegriffes, wobei ich mich auf einen Text von Christoph Menke („Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“) beziehe, der den Geschmacksbegriff als eine Art kommunikativen Vorgang der Selbstverständigung liest: im Geschmacksbegriff des 18. Jhds scheint ein (aufklärerisches) Moment der Befreiung durch. Die doch eher positive Sicht Menkes konfrontiere ich mit Adornos Kritik am Geschmacksbegriff unter den Bedingungen des Spätkapitalismus in einer Gesellschaft, die Bewußtsein und Empfindungen umfassend kolonialisierte, um dann Adorno wiederum mit Detlev Claussen gegenzulesen, dessen Text eine Art sensualistische Kritik eröffnet: weshalb der Geschmack auch eine Angelegenheit der Sinne ist, und zwar in jenem Sinn von Schmecken. (Detlef Claussen, Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens. Den Text kann man auf der Seite „beatpunk“ nachlesen.)  Zum Abschluß beziehe ich diese direkte sinnliche Erfahrung zurück auf Adornos mikrologischen Blick als eine Form von ethisch-ästhetischer motivierter Philosophie, wie er dies unter anderem in seinem genialen letzten Teil der „Negativen Dialektik“ entfaltet – den „Meditationen zur Metaphyisk“. Um sich in etwa vorstellen zu können, was dieses Zusammenspiel meint, sei programmatisch und als  pars pro toto auf die Madeleine-Episode aus Prousts „Recherche“ sowie an das (Text-)Geschehen, was sich dann um dieses Verhältnis von Schmecken und Erinnern gruppiert, hingewiesen.

Es ginge in den Vorträgen, die vom März bis Oktober 2011 in der ACC Galerie Weimar gehalten wurden, darum „über eine Auseinandersetzung mit den fünf menschlichen Sinnen einen spezifischen Zugang zur Ästhetik zu finden“ schreibt es Lukas Holfeld in seinem Vorwort mit dem fein mehrsinnigen Titel „‚Es rettet uns die Kunst!?‘“ in Anlehnung an einen Text von Marx in den „Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten“ Und es ist die uralte Frage der Philosophie nach dem Verhältnis von Sinnlichkeit und Vernunft, die sich hier als Kritik von Gesellschaft und Kunst neu stellt, um dabei verschiedene, teils sehr heterogene Ansätze und Perspektiven ins Spiel zu bringen. Eindringlich empfehle ich den Kauf dieses Heftes. Bestellt werden kann die Zeitschrift über das Kontaktformular des Blogs.

Den Macherinnen und Machern von „Kunst, Spektakel und Revolution“ sowie des Vortragsprogramms in der ACC Galerie sei hier an dieser Stelle für ihre sehr gute Arbeit und für ihre Mühe gedankt, ein derart anspruchsvolles Programm auf derart gutem Niveau auf die Beine gestellt zu haben.