Januartag mit Kant

Zuweilen hat die Krankheit etwas für sich, denn in den aufblitzenden und schnell wieder verglühenden Momenten von Geistestätigkeit und Intensität, jenen kurzen Stunden, die der extremen Wachheit geschuldet sind und sich selbst bei Krankheiten – aber vielleicht ja gerade dort – einstellen wollen, komme ich dazu, die Dinge zu treiben, welche ansonsten fern liegen, in der Vergangenheit entrückt. So nahm ich – ohne jede theoretische Intention und Motivation, einer bloßen Laune folgend – Kants „Kritik der reinen Vernunft“ aus dem Regal und las darin einige Passagen, insbesondere über den Begriff des Ideals.

Na ja: so etwas klingt zunächst banal wie Thomas Manns Tagebucheinträge: „Heute morgen rasiert. Heute mittag spazieren gegangen. Gestern abend Feuchtwanger getroffen. Schrecklicher Mensch.“ Oder es mutet wichtigtuerisch an, um sich im Bildungsdünkel zu differenzieren und den feinen Unterschied zu setzen. Wie dem auch sei – ich stieß auf folgenden Satz, der zwar erkenntnistheoretisch bzw. hier sogar erkenntniskritisch motiviert ist, jedoch sehr gut in das Feld der Ästhetik paßt, zumal Kant mit einem Beispiel aus derselben kommt:

„Das Ideal aber in einem Beispiele, d.i. in der Erscheinung, realisieren wollen, wie etwa den Weisen in einem Roman, ist untunlich, und hat überdem etwas Widersinnisches und wenig Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche der Vollständigkeit in der Idee kontinuierlich Abbruch tun, alle Illusion in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen.“ (KdrV B.599)

Solche Versinnlichung gerät im Kunstwerk, gerät für beide Seiten nicht gut: weder für die Ethik, noch für die Ästhetik – wobei es mir für die erstere egal ist. Was Kant bereits 1781 respektive 1787 wußte und wie nebenbei aus dem Handgelenk heraus formulierte, hat sich in der Kunst teils bis heute nicht durchsetzten können. Ach, wenn ich nur genug Zeit hätte, die Ideenversinnlicher mit der Waffe der Kritik niederzumähen. Doch nächste Woche treibt es mich wieder zur Erwerbsarbeit.

Freilich: daß das Gute einer bloßen Erdichtung ähnlich sein könnte, hat für sich genommen schon seinen Reiz. Zuweilen erscheinen mir die Nebenstellen eines Textes als die besten.