Berlin bei Nacht – fast zumindest. Typologien des Trinkens (1)

Wenn der Sowjetische Stadtkommandant einmal ausfährt, von seiner unermüdlichen Arbeit ausruht, sich – selten genug – ins Nachtleben Berlins hineinwirft, so geschehen zu Pfingsten, dann gibt es Bilder zu sehen, da ich ohne Kamera selten aus dem Hause gehe. Klein, kompakt und verborgen muß diese Kamera allerdings sein. Aber ganz verborgen läßt es sich nie photographieren, weshalb zusätzlich zur schon bestehenden Ausstattung demnächst eine kleine Kamera angeschafft werden muß , die ausschaut wie eine Touristenknipse, aber im Grunde keine ist. Lumix oder Leica? Zu sehen gibt es in der Bilderserie auch das Portrait des freundlichen Bewohners des Grandhotel Abgrund als Fragment.

Und die Leser hätten, wären sie dabei gewesen, den Stadkommandanten und eine Freundin aus dem Bethanien am Mariannenplatz wanken, nein schreiten sehen können, den Rauch-Haus-Song grölend, wobei eher die Freundin grölte, während ich, an alte Zeiten politischen Protests denkend, vielmehr versonnen summte, denn mein Pegel war noch nicht hoch genug, um zu grölen und selbst bei starker Suffhöhe gröle ich eigentlich nicht. Der Rauchhaussong (Rauschhaussong schriebe man in diesem Falle besser) ist zugegeben politisch eher simpel und eben Pop in einer Welt, in der alle die gleichen Songs singen, aber so etwas wie einen Sänger kann der Alkohol, selbst in geringen Maßen genossen wie am Pfingstsamstag, nun einmal aus Menschen machen: nicht orphisch, aber exaltiert (jetzt noch die Assonanz zu orffisch hinbekommen und wir wären gut). Wir haben die Auswüchse des Alkohols vor einiger Zeit hier im Blog bei Dieblaueneu gesehen. Es war dies ein erschütternder Anblick. Nun ereignete es sich freilich letzten Samstagabend nicht gar so schlimm wie die trunken und faselnd in der Whisky-Bar sitzende Dieblaueneu.

Und eigentlich grölte die Freundin auch nicht, sondern sie sang. Ob der Betreiber des Restaurants es wohl genauso sah wie sie? Sie wird es ihm demnächst sicherlich erklären können.

Das Gute an gutem Wein ist, daß der Trinkende später keine Kopfschmerzen bekommt, sondern – theoretisch zumindest – morgens da weitermachen kann, wo er nachts aufhörte. Freilich kann es heikel sein, in einer Kreuzberger Kneipe Wein zu trinken. Da nützt es dann nichts, daß die zwei Karaffen Welschriesling (bzw. ihr Inhalt), die vorher am Mariannenplatz in den „3 Schwestern“ getrunken wurden, ausgesprochen nuanciert, lecker und vorzüglich waren. Es sind dort sowohl die Flaschen- als auch die Karaffenweine sehr gut trinkbar, das Essen ausgesprochen schmackhaft, der Kuchen hervorragend, störend nur die Weißweinkühler, wo das kühlende Eis-Wasser-Gemisch als bloßes Wasser auf den Tisch tropft, wenn man beim Einschenken sich nicht vorsieht oder Kunststücke vollführt – und wer paßt schon bei der zweiten Karaffe Wein noch auf? Also wurde der Tisch naß. Aber es ist das nicht mein Holztisch.

Zur Phänomenologie des Alkohol. Erste tentative Sichtung und Anlauf: Beim Konsum alkoholischer Getränke muß unterschieden werden zwischen dem Moment des reinen Genusses an einem Wein oder Whisky, so daß man sich sogar bei ein oder zwei Gläsern begnügt und dann aufhört, und dem Aspekt des reinen Rausches, der Ekstase und der Übersteigerung durch den Alkohol. Innerhalb des ersten Rahmens, der bei einer Weinprobe oder im Kreise sittsamer Menschen stattfindet – vorausgesetzt diese schenken guten Wein aus –, wo es unangebracht ist, nach einer zweiten Flasche zu gieren, weil das als Maßlosigkeit und Hang zum Alkoholismus ausgelegt würde, geht es um den Geschmack und das Kosten: der Rausch ist hierbei nur ein leichter, der Trinkende wird beschwingt, nimmt womöglich intensiver wahr, aber nichts ist im Übermaß, es ist dieser Zustand derselbe Ästhetizismus, mit dem ein leicht Fiebernder durch eine Stadt sich bewegt: geschwächt und gesteigert zugleich in der Fähigkeit zur Wahrnehmung. In diesem Fieber geraten die Dinge anders, verschieben sich in der Perspektive, aber um ein Winziges nur. Ein wenig nur in Absenz und in der nötigen Distanz zu den Dingen und den Menschen. In diesem Gang durch eine Stadt, in diesem Modus der Wahrnehmung – sei es im Rausch oder im leichten Fieber – liegt durchaus noch das apollinische Moment, es handelt sich um die Verfeinerung, ohne den Verlust. Und damit bin ich über den Begriff des Verlustes beim zweiten Aspekt, wo es um die zunächst vollständige Verausgabung im Rausch geht. Es dockt dieser Rausch zwar an das erste Moment an, jedoch will er mehr und noch viel mehr – sei es an Geschmack des Weins (oder des Whisky) oder an Intensität im Erleben; der Genuß soll in die Unendlichkeit hinein gesteigert werden, keiner Ökonomie und keiner Restriktion unterworfen – illusionäre Unmittelbarkeit, so ließe sich dieser Zustand nennen. Aber zugleich ist es mehr. „O reine Übersteigung!“ möchte man im hohen Ton der eher gemäßigten „Sonette an Orpheus“ sagen, wie es dort zum Anfang heißt. Rilke und Rausch? Na ja. Andererseits gibt es dieses Treibenlassen in den Straßen, diese Empfänglichkeit, das Verhältnis von Absenz und Beobachtung bei Rilke durchaus; in die Sprache gebracht in den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, die zudem ein Buch auch vom Ende der Kunst sind, im Geiste der Dekadenzanalye Nietzsches, was allerdings besser in einen anderen Themenbereich dieses Blogs hineinpaßt.

Bevor der oder die Trinkende sich aber in diesen Rausch der Verausgabung begibt, steht die Unterscheidung zwischen dem Trinken zu zweit, allein oder in einer Gruppe, da sich aus diesen Modalitäten heraus vielfältige und zugleich verschieden Aspekte des Rausches entwickeln lassen. Wer für sich trinkt, will anderes als jemand, der zu zweit oder in der Gruppe dem Alkohol zuspricht. Zudem muß die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten von Alkohol getroffen werden. Vom Moment des Geschmacks ist also auch hier nicht ganz abzusehen. Ich verbleibe aus zahlreichen Selbstversuchen heraus beim Wein; man kann freilich für diese Ausführungen auch andere Alkoholika nehmen. Allerdings, ich bekenne freimütig: Mir selbst sind andere Formen desselben suspekt, und im Grunde halte ich sie sogar für untauglich. Lediglich an den Whisky werde ich mich in absehbarer Zeit heranwagen und einen Ausflug zu einem Whisky-Händler unternehmen. Dazu wird es auf Aisthesis dann eine Story/Erzählung geben. Dies ist im Modus des Ausschlusses gesprochen und wird die mitlesenden Biertrinker womöglich ein wenig gegen mich aufbringen. Aber es gibt, neben den Hunden des Herren auch die Apodiktiker desselben. Und zu letzterem verdorbenem Orden gehöre halt ikke. Wobei dieser Herr negativ-theologisch emaniert, als Zentrum, das keines mehr ist; man kann sich dies so vorstellen wie Hamm im „Endspiel“. Allerdings möchte ich zugleich nicht Becketts Text und die negative Theologie derart umstandslos in eins bringen. Ob dies die Bier- oder Anderestrinker aber zu besänftigen vermag?

Um diese Momente des Rausches genauer in den Blick zu nehmen, um diese „künstlichen Paradiese“ im und am (literarisch-philosophischen) Detail zu analysieren, müßten freilich – paradigmatisch – zwei Namen genannt und deren Texte hier eingebracht werden: Edgar Allan Poe und insbesondere Charles Baudelaire. Daß die Literatur über Joseph Roth, Jack London, William Faulkner, Henry Miller, Upton Sinclair und viele mehr voll von „heiligen Trinkern“ ist, brauche ich nicht groß zu erwähnen. Bei Baudelaire spielt dieser Rausch jedoch auch innerhalb seiner theoretischen, also der ästhetischen Konzeption eine Rolle. Diesen theoretischen (zugleich aber auch praktischen) Rahmen behandele ich – vielleicht – einmal separat, wenn ich mich im Kontext der Lektüre Benjamins an die Schriften Baudelaires machen sollte.

Von all den guten Weinen, die über Pfingsten gekostet wurden, und noch sehr angetan, ist heute ein freudiger Tag, weil eine Kiste mit zwölf Weinen von einem Pfälzer Weingut eingetroffen ist. Ich freue mich bereits sehr auf den Samstagabend, den ich mit einem passenden Weißwein krönen werde. Und schon heute machte ich mir aus Vorfreunde heraus eine Flasche auf.

Am Wochenende folgt dann im Rahmen der theoretischen und ästhetischen Texte der dritte Teil von „Wozu Kunst?“. Es tut mir meinen Leserinnen und Lesern gegenüber ein wenig Leid, daß momentan die Theorie und die Ästhetik nicht so richtig in Text fließen wollen, insbesondere für die Stammgäste des Grandhotel Abgrund, die sich hier gerne und wohlwollend aufhalten. Aber zuweilen brauchen Dinge Zeit, und nicht immer ist der Betreiber dieses Blogs ein Mensch der reinen Theorie oder gut zum Schreiben aufgelegt.

Zum Ende dieses Beitrags hin müßte ich eigentlich „Die Radiotrinkerin“ von Max Goldt als Tonspur zum Wochenende geben. Da ich diesen Text aber nirgends finde, rate ich in diesem Falle zum Selberlesen.