Clash of Civilisation oder was sind Nafris?

Mag sein, jene Idee vom Clash of Civilisation wurde nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von konservativen US-Thinktanks erfunden, um ein neues Freund/Feind-Schema zu installieren. Auf diese Weise sollte nach der Ausschaltung des ehemaligen Gegners eine neue Politik ins Spiel gebracht werden. Doch keineswegs ist diese Idee vom Kampf der Kulturen neu. Dieser Kampf herrschte zu archaischen Zeiten, und er ist uns schriftlich übermittelt, spätestens mit dem Beginn der Geschichtsschreibung unter Herodot und Thukydides. Perser und Helenen. Zwei Welten, die sich dennoch durchdrangen. Orient und Okzident. Geschichte denkt immer auch im Schema der Gegnerschaft, wenn die Völker aufeinander einschlagen.

Richtig sind solche Befunde, wenn sie die unterschiedlichen Regionen, die Differenz, die Dissonanzen der Kulturen und die unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten kennzeichnen. Solche Markierungen und Differenzieren fallen uns in der BRD inzwischen vermehrt auf. Lebten wir in der alten BRD noch unser beschauliches Inseldasein, von den „Eingeborenen von Trizonesien“ bis hin zum Wirtschaftswunder, „hier kommt das Wirtschaftswunder“,  mit einigen „Gastarbeitern“ aus anderen Ländern, die wir lediglich deshalb beachteten, weil sie für uns meist Personal waren, das putzte, kochte, servierte oder andere wenig geschätzte Tätigkeiten verrichtete, so hat sich die Situation inzwischen geändert. Die, von denen wir dachten, sie seien Gäste, blieben. Sie brachten ihre Kultur mit, und wie es bei Kulturen so ist, traten nicht nur die schönsten Seiten zutage. Die Gesellschaft – und das sind mithin wir – hat es schleifen lassen. In mehrfacher Hinsicht. In Berlin und auch in anderen Städten, z.B. im Ruhrgebiet, haben wir arabische Clans, die Kieze kontrollieren. Die Polizei rückt dort nicht mit Streifenwagen, sondern in Mannschaftsstärke an.

Wir finden in bestimmten Stadtteilen einen Islam vor, den wir in dieser Weise nicht haben wollen. Der Kampf gegen Kirche, Religion und Einschränkung durch Religion wurde von der Europäischen Aufklärung nicht deshalb geführt, damit solche Religion durch die Hintertür wieder hineinschlüpft. Und da gibt es eben Menschen, die das stört und die nicht in einer solchen Gesellschaft leben wollen. Wer kein Geld hat, muß in diesen Vierteln wohnen bleiben. Das erzeugt Unmut. Oft wird er heruntergeschluckt. Und er äußert sich auf unterschiedliche Arten. Das reicht hin bis tief in die sogenannten bürgerliche Mitte.

Ebenso gibt es den anderen Fall: Menschen lassen ihrem Haß auf solche, die anders aussehen, freien Lauf, stecken Menschen in Brand, schlagen den Schwarzen tot, obwohl sie eigentlich ganz gut biodeutsch unter sich leben und die Probleme in Kreuzberg, Neukölln, Marxloh oder Veddel nur am Rande und meist aus den Medien kennen. Nein, Clash of Civilisation als Begrifflichkeit trifft solche und andere Probleme nicht korrekt. Hier handelt es sich lediglich um Fragen des Zusammenlebens, um Fragen des wehrhaften Rechtsstaates und nach einer Justiz, die ggf. migrantische Straftäter konsequent in ihre Heimat zurückschickt, sofern sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. (Aus diesem Grunde war ich übrigens immer für den Doppelpaß.) Abschiebung, das klingt nicht schön. Jedoch, Meister Hegel formuliert es in seiner „Logik“ so:

„Die gewöhnliche Zärtlichkeit für die Dinge aber, die nur dafür sorgt, daß diese sich nicht widersprechen, vergißt hier wie sonst, daß damit der Widerspruch nicht aufgelöst, sondern nur anderswohin, in die Subjektive oder äußere Reflexion überhaupt geschoben wird, und daß diese in der That die beiden Momente, welche durch diese Entfernung und Versetzung als bloßes Gesetztseyn ausgesprochen werden, als aufgehobene und auf einander bezogene in Einer Einheit enthält.“

Und genau das geschieht in solchen unendlichen Disputen ohne Handeln. Die Widersprüche gehen nicht zu Grunde, sondern werden in die unendlichen Diskurse, in die sogenannte Kommunikationsgemeinschaft, ins Twitter- und Facebookgemenge vertagt, mithin in die äußere Reflexion verschoben. Andererseits bleibt, geschichtsphilosophisch gedacht, die antagonistische Gesellschaft antagonistisch, da kann ein Staat – korrekterweise – abschieben wie er mag. Nach Hegels Logik ist womöglich seine Rechtsphilosophie der bessere Stil. Nicht Moralität, sondern die Sittlichkeit einer Gemeinschaft dient als Vorlage, eine Variante kommunitaristischer Vergesellschaftung. Obgleich reiner Kommunitarismus mit Hegel gerade nicht machbar ist. Sondern zentral steht ein starker und wehrhafter Staat. In Hegels Falle der Preußens. Zu Silvester 2015 war von diesem Staat, von seiner Exekutive nichts zu spüren. Unter den Augen der Polizei fanden hunderte von Sexübergriffen statt und ein arabischer Mob tobte sich über Stunden vor dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof aus – da helfen auch die Ausnahmen einzelner Syrier nichts, die beschützend eingriffen. Wahrlich ein geschichtsträchtiger Ort und symbolisch zudem hoch aufgeladen.

Diese Diskursgemeinschaft als eine des Widerstreits samt ihrer unseligen Dispute – sie wird uns auch 2017 in Atem halten. Das Jahr ist noch jung und bereits jetzt bringen uns die jüngsten Ereignisse zu Silvester auf Trab: der gelungene Polizeieinsatz am Kölner Hauptbahnhof und die völlig unverhältnismäßige Kritik daran. In Köln wurde diesmal gehandelt, und zwar in diesem Falle richtig. Es gab, anders als im letzten Jahr, keine massenhaften Sexübergriffe, die in rund 450 Anzeigen zu Sexualdelikten und in knapp 700 angezeigten Diebstählen kulminierten. Statt aber sich darüber zu freuen, daß es diesmal besser lief und an diesem öffentlichen Ort verhältnismäßig wenige Frauen Opfer von sexueller Gewalt wurden, traten Simone Peter (Grüne) und Christoph Lauer (SPD), um nur zwei Namen programmatisch zu nennen, eine absurde Sprachdebatte los, stießen sich an dem Begriff Nafri und an vermeintlichem racial profiling; diesen Begriff undifferenziert einfach lancierend.

Da reisen hunderte Nafris und Araber nach Köln und wollen das fortsetzen, was sie Silvester 2015 begannen, und es regen sich Dauerempörte nicht über die Täter, über die Sexgewalt jener Araber auf, sondern über Begriffe und Polizeimaßnahmen. Eine absurde Szenerie. Postfaktisch at its best. Maßnahmen übrigens, die letztlich zum Erfolg führten, eine hochaggressive Gruppe junger Nordafrikaner und Araber einzudämmen. Nicht die Taten wildgewordener jugendlicher Migranten auf der Domplatte sind inzwischen das Thema, sondern ein Begriff aus der Polizeisprache für 140 Zeichen. Und angebliches racial profiling. (Das es in vielen Zusammenhängen durchaus geben mag, nur eben nicht in der Causa Köln, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet.) In Hamburg und auch in Köln hat es zu Silvester 2016 hochexplosive Lagen gegeben, im wahrsten Sinne des Wortes, und nun kommen Polizei-Dilettanten wie Simone Peter, Christoph Lauer oder Julia Schramm, klauben in Worten und wollen der Polizei erzählen, wie sie zu arbeiten hat.

Anlaßbezogene Personenkontrollen sind natürlich kein Rassismus, wenn von diesen kontrollierten Gruppen – in diesem Falle Nordafrikaner (Nafri) und Araber – eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht und diese sich bereits bei der Anreise und in Kontrollsituationen aggressiv verhalten. (Was als solches schon eine Eselei ist.) Es haben in Köln keine grauhaarigen, heterosexuellen, alten, weißen Männer gewütet, die ansonsten gerne als Pauschalbild herhalten müssen, und auch keine Vietnamesen. Insofern werden sowohl diese wie auch jene eben nicht vermehrt kontrolliert.

Ein paar gute Fragen an jene reisefreudigen Nafris, die es auch dieses Jahr wieder nach Köln zog, sogar von Frankreich und der Schweiz her, stellte Don Alphonso:

„Herzlich willkommen in meinem Heimatland. Warum bist Du dieses Jahr ausgerechnet nach Köln gefahren?

Gefällt es Dir in Dortmund, Bonn und Düsseldorf nicht?

Habt Ihr Euch etwa hier verabredet? Es sind so viele. Irgendwie glaube ich nicht ganz an einen Zufall.

Bist Du Dir ganz sicher, dass der Kölner Hauptbahnhof der ideale Ort ist, um an diesem Tag mit dieser Vorgeschichte dort aufzulaufen?

Warum geht von Dir und Deinen Freunden ‚Grundaggressivität‘ aus?

Warum habe ich als Begründung bislang nicht gehört, dass Du mit Deinen jugendlichen Freunden dort für ein paar Minuten eine spontanes Zeichen gegen Gewalt an Frauen und gegen Kriminalität setzen willst, obwohl das doch sicher eine gute Gelegenheit zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Einheimischen und Zuwanderern wäre?

Habt Ihr nicht auch ein wenig den Eindruck, dass Euer diesjähriges Kommen den Einheimischen, wie soll ich sagen, in gewisser Weise etwas renitent und unbelehrbar erscheint?

Wunderst Du Dich ernsthaft, dass die Polizei dann mit Personenkontrollen überprüfen will, wer da in Köln feiern möchte?

Was würde eigentlich die Polizei in Deiner Heimat bei so einer Gelegenheit tun, und würde sie Deine Rechte ähnlich wahren wie die Polizei bei uns?“

Fragen an jene Nordafrikaner, auf die viele gerne eine Antwort hätten. Populismus ist manchmal eine gute Sache, denn er bringt drängende Fragen auf den Punkt und spitzt die Widersprüche zu.

Simone Peter empfindet die Debatte um ihre Person inzwischen als „diffamierend und verletzend“ (SpON). Nun ja, erst denken, dann schreiben, möchte ich raten, wenn man zu Silvester mit seinem Hintern auf dem Sofa im Warmen hockt, statt als Politikerin vor Ort sich aufzuhalten und mal zu schauen, was in Köln sich zuträgt. Ein wenig die aggressive Grundstimmung dieser jungen Männer einfangen: Weshalb war Simone Peter Silvester nicht auf der Domplatte und am Hauptbahnhof und hat mit jenen zu hunderten angereisten Nafris gesprochen, vor allem um die ungehemmte Aggression dieser Leute zu beruhigen?

Und nun kritisieren zudem jene den Umgang mit Peter, denen es ansonsten eiskalt egal war, als Rainer Brüderles politische Existenz vernichtet wurde – allerdings nicht sofort, sondern strategisch kalkuliert, ein Jahr nach seiner flapsigen Äußerung. Im Gegensatz zu den 454 Sexübergriffen in Köln, wo über Stunden hinweg Finger in alle möglichen Körperöffnungen gesteckt wurden, handelt es sich bei Brüderles Äußerung, das muß man immer wieder festhalten, um eine – zudem noch unter vier Augen gesagte – Flapsigkeit. So hoch die Wellen bei Brüderles Verbalsalat schlugen, so verhalten die Reaktionen der Brüderle-Hetzer nach Köln 2016. Abwiegeln, kleinreden, schönfärben heißt die neue Diskurssport der Postfaktischen.

Die richtigen Fragen an Simone Peter stellt im „stern“ Tilman Gerwien.

1. Finden Sie es richtig und angemessen, dass eine grüne Parteivorsitzende in ihrer ersten Reaktion nach einem solchen Mammut-Einsatz vor allem Sprachwächterin spielt – anstatt sich vielleicht mal ein Wort des Dankes abzuquetschen für die vielen Tausend beteiligten Polizistinnen und Polizisten, die Silvester sicher auch lieber zu Hause gewesen wären (wie Sie es vermutlich waren)?
(…)
3. Waren Sie schon einmal bei einem Bundesligaspiel? Haben Sie dort gesehen, dass Fans der beiden Mannschaften, soweit sie als solche an ihren bunten Trikots und Schals erkennbar sind, von der Polizei zum Stadion eskortiert werden, was eine erhebliche Einschränkung der individuellen Bewegungsfreiheit bedeutet, obwohl nicht jeder Fan ein gewaltbereiter Hooligan ist? Finden Sie diese Praxis auch diskriminierend? Wo kann ich eine entsprechende Meinungsäußerung von Ihnen nachlesen?
(…)
5. Finden Sie zumindest Zugang zu dem Gedanken, dass die Kölner Polizei am Hauptbahnhof und auf der Domplatte vor allem Werte verteidigt hat, für die Ihre grüne Partei eintritt? Zum Beispiel das Recht von Frauen, zu feiern, wann und wo sie es wollen, bekleidet, wie sie es für richtig halten, in einer (männlichen) Gesellschaft, die sie sich selber ausgesucht haben – und das alles auch noch ohne betatscht, begrapscht, vergewaltigt und beklaut zu werden?
6. Ist es nicht ein wenig albern, dass Ihre Partei immer noch reflexartig bei jedem, aber auch wirklich jedem Vorschlag zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit die „Bürgerrechte“ in Gefahr sieht – wo es doch das vornehmste aller Bürgerrechte ist, von seinem Staat vor Kriminalität und Terror geschützt zu werden? Ist es nicht auch ein Bürgerrecht, als junge Frau abends im Park joggen zu können, ohne Angst haben zu müssen? Ist es nicht auch ein Bürgerrecht, auf einem Weihnachtsmarkt nicht von einem durchgeknallten Islamisten mit schwerem Lkw wie ein Insekt plattgewalzt zu werden? Ist die Freiheit, keine Angst haben zu müssen, nicht die wahre Freiheit? Und wer sollte diese Freiheit garantieren – wenn es nicht ein starker Staat tut? Selbst ernannte „Bürgerwehren“ etwa?
(…)
11. Können Sie ungefähr den Zeitraum veranschlagen, den Sie brauchen, um sich zu der Erkenntnis durchzuringen, dass eine multikulturelle Gesellschaft (wie Ihre Partei sie will, genau wie ich), einen starken Staat zu Bedingung hat? Einen starken Staat, der es durchsetzt, dass Nazis keine Flüchtlinge attackieren? Aber auch einen Staat, der durchsetzt, dass Frauen Frauen küssen und lieben können, auch in Berlin-Neukölln, ohne von jungen Arabern angespuckt zu werden, einen Staat, der es durchsetzt, dass junge Mädchen aus Migrantenfamilien selber entscheiden können, wann und wen sie heiraten, einen Staat, der durchsetzt, dass es nur einen Ort gibt, an dem in unserem Land Recht gesprochen wird – an deutschen Gerichten. Halten Sie mich auf dem Laufenden, was diesen, ihren Erkenntnisfortschritt betrifft?“

Dieses Jahr wird ein hartes Jahr, weltweit, europaweit und auch in der BRD. In der sozialen Frage wird zudem von einer gespaltenen Gesellschaft gesprochen. Das muß nichts Schlechtes sein. Die Frage ist vielmehr, wie sich die Widersprüche entäußern. Der CSU wäre zu raten, bei der Wahl im Herbst bundesweit anzutreten.

Für Europa wird die größte Herausforderung sein, wie sich ein aufgeklärter europäischer Islam etablieren kann und wie wir mit dessen totalitären Tendenzen umgehen. Sie zeigen sich zudem nicht schlagartig, sondern sie sickern Stück für Stück ein. Der Holocaust-Überlebende Imre Kertész ist skeptisch und hegt Mißtrauen:

„Europa wird bald wegen seines bisherigen Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht; und nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleichzeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle ausländischen Rassen und Religionen kennt. Ich würde darüber reden, wie Muslime Europa überfluten, besetzen und unmissverständlich vernichten; darüber, wie Europa sich damit identifiziert, über den selbstmörderischen Liberalismus und die dumme Demokratie. Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise seinen eigenen Feind anbetet.“ (Imre Kertész, The last Refugee)

Clash of Civilisation, in einen harten Dualismus gepreßt. Nur wird dieser nötige Kampf von Europa inzwischen gemieden. Eher wird gegenüber dem Feind an die eigene Integrationskraft geglaubt, an die einhegende Wirksamkeit der Demokratie, der Grundrechte, der Menschenrechte. Das, was  Kertész formuliert, liest sich extrem und ohne Ausweg. Aber zugleich sollten wir die Propheterien des Untergangs, jenes geschichtsphilosophische Menetekel, das Kertész uns mahnend an die Wand zeichnet, nicht im Modus eins-zu-eins lesen, sondern als ein Bild, das uns warnt, als eine Metapher für das, was noch nicht ist, was aber droht. Nicht anders als Walter Benjamins letztes Werk, das er kurz vor seinem Tode notierte, seine Geschichtsphilosophische Thesen, die angesichts des nicht mehr nur heraufziehenden Faschismus Zeichen setzten.

Wieweit sich geschichtsphilosophischer Pessimismus freilich in den Optimismus überführen läßt, bleibt weiterhin fragwürdig. Wieweit auf die sich auskristallisierenden neuen Totalitarismen eine „Dialektik der Aufklärung“ noch zutrifft, stellt sich jedoch als Frage weiterhin und perennierend: ein umfassender, entfesselter transnationaler Kapitalismus, das Erstarken nationaler Bewegungen und ein totalitärer, rückständiger Islam, der Jahrhunderte vor der sexuellen und geistigen Aufklärung Position bezieht und im Archaischen verharrt. Immerhin aber vermag er den Menschen das Gefühl von Gemeinschaft zu bieten und den Männern das von Stärke. Das Jahr 2017 wird zugegeben spannend. Wie jedes neue Jahr.

In Köln, vor Köln, nach Köln und um Köln herum

Drei Ereignisse von Gewalt stehen innenpolitisch gerade im Fokus, wovon zweie aus den Berichten herausfallen und nur marginal erwähnt werden – dazu am Ende des Beitrags mehr. Köln zunächst, die Szenen an Dom und Hauptbahnhof zu Silvester und Neujahr: Auf dünnem Eis bewegt sich der Mann, wenn er über Frauenrechte und Feminismus schreibt. Sowieso ist es nicht ganz leicht, hier differenziert zu berichten und zu analysieren. Festhalten zumindest läßt sich, daß es bei solchen Ereignissen kein „wir“ gibt, sondern nur verschiedene Perspektiven auftrumpfen und medialen Raum einnehmen möchten, aus denen heraus sich unterschiedliche Gruppen ihr eigenes Süppchen kochen, das sie für ihre jeweilige Ideologie zu mobilisieren gewillt sind.

Ob es ihnen tatsächlich immer um die Opfer geht, bleibt fraglich. Anti-Gender oder der islamophobe brummdeutsche Bierstammtisch, der sich ansonsten um Frauenrechte einen Scheißdreck schert, aber ebenso bestimmte Ausprägungen des Netzfeminismus – sie alle verfolgen sehr eigene Ziele. Solche wie Birgit „Mach-die-Bluse-zu“ Kelle, die auf der Internetplattform „NRW jetzt“, von ihrem Ehemannes Klaus Kelle betrieben, einen plötzlich denn doch fälligen „Aufschrei“ propagiert. Anlässe hätte es bereits vorher zuhauf gegeben. Als existierten auf dieser Welt unterschiedliche Arten von Begrapschen und von verbalem Übergriff: Von helleren Menschen – geht so, da kann die Frau sich wehren. Oder von solchen, die, mit unaufhebbar dunklerer Hautfarbe versehen, schnackseln, seien das Schwarze oder Araber – da scheint Gegenwehr schon schwieriger und der Ruf nach dem Rechtsstaat hallt laut, wo vorher Eigeninitiative angesagt war. Eine eigentümliche Diskrepanz wie auch Doppelmoral tut sich da auf. Nein, Frau Kelle geht es nicht um einen Aufschrei und um Frauenrechte, sondern darum, ihre Ressentiments abzulassen, die einem zutiefst autoritären Charakter geschuldet sind. Armseliges Geschreibsel.

Allerdings, dies ist richtig, die Qualität dessen, was sich zu Neujahr in verschiedenen Städten der BRD abspielte, ist eine andere als Begrapschen am Kopierer oder Bemerkungen über Oberweiten. Hätten sich gleiche Szene in anderem Rahmen zugetragen – und damit sind wir, pars pro toto, bei Anna-Mareike Krause, Margarete Stokowski, Anne „wie-wie-verkauf-ich-meine-Bücher“ Wizorek – fiele die Reaktion der Netzfeministen ganz gewiß harscher aus. Der seltendämliche, aus den US-Gefängnissen importierte Begriff der rape culture, der sexuelle Übergriffe von männliche Gefangenen auf andere männliche Insassen bezeichnete, wäre rasch ins Spiel der Meinungsdiskurse geworfen. Einfach nur von „Vorfällen“ zu sprechen, wie Wizorek, oder eine Relativierung nach der anderen bei Twitter herauszuhauen, wie Krause und Storkowski, indem in der Kindergartenlogik des „Die-aber-auch“ argumentiert wird, scheint mir wenig zielführend. Man stelle sich vor: Gleiche Szene, gleiche Delikte, aber anderes Umfeld, eher so biodeutsch, davon zwei Vergewaltigungen. Und ständig twitterte und schnatterte irgendwer über Indien, Pakistan oder Kairo. Groß wäre das Geschrei. Nein, der Vergleich zum Oktoberfest trifft es nicht im Ansatz, das analysierte Don Alphonso ganz richtig. „Wer #koelnhbhf und #Oktoberfest gleichstellt, beleidigt die Opfer und verharmlost die Täter.“ Ein guter Text vom Don findet sich auf dem FAZ-Blog „Deus ex Machina“.

Was Antje Schrupp im „Stern“ schrieb, scheint mir einer eher naiven Sicht geschuldet, zwar ausgewogen in der Tendenz und nett gemeint. Doch der Einfluß evangelischer Akademien erweist sich hier wieder mal mehr als unheilvoll, und schlecht akademisierte Religion ohne theologisch-philosophischeTiefenschürfung, die dann schreibend auch zum Einsatz kommt, als töricht. Szenen wie in Köln hat es bisher im öffentlichen Raum in diesem Ausmaß nicht gegeben. Das bleibt bei aller Perspektivität und bei allem gut Gemeinten festzuhalten. Egal ob das nun von Saulus-zu-Paulus- Maskulinisten instrumentalisierend benutzt wird. (Die dann morgen bei der alltäglichen Gewalt und bei Vergewaltigungen in anderem Rahmen ganz anders wieder sprechen werden.)

Daß es im öffentlichen Raum jedoch für Frauen zu bestimmten Zeitpunkten No-go-Areas gibt, bedeutet eine neue Qualität. Und um genau dieses Ausmaß, um diese neue Qualität geht es in der Analyse. Ebenso scheint es mir, auch aus kriminalsoziologischen Gründen, nicht ganz irrelevant, nach Tätergruppen zu fragen. Das „Egal-wer“ ist eine billige Ausflucht, wenn es um die konkreten Umstände einer Tat geht. Kein Anwalt, kein Jurist, kein Richter wird nach der Logik des „Egal wer“ sein Plädoyer oder sein Urteil abfassen. Dabei spielen eben auch kulturelle Kontexte und die Herkunft eine Rolle. Natürlich geht es in der Jurisprudenz ebenso um ein Gesetz, einen universalen Grundsatz, eine Regel, die ohne Ansehen der Person für alle gültig ist. Doch in der Urteilsfindung gilt auch für die Täter das Individualitätsprinzip, und konkret werden Regel und Gesetz nur in bestimmten Zusammenhängen. Das wiederum gilt ebenso ohne Einschränkung von Person, Religion und Hautfarbe. Ob weiß, dunkel oder irgendwo dazwischen. So zumindest sollte es in einer Art Max Weberschen idealtypischen Annahme funktionieren.

Interessant in diesem Kontext ist der Hinweis von Sascha Lobo – wie überhaupt diese Kolumne auf SpOn gut geschrieben, ausgewogene und klug beobachtet ist. Ausnehmend lesenswert:

„Zivilisiert zu sein bedeutet, nacheinander neun Schwarzhaarigen zu begegnen, die sich alle als Arschlöcher erweisen, und trotzdem dem zehnten Schwarzhaarigen nicht deshalb in die Fresse zu hauen. Es gibt nicht den einen Auslöser, nach dem Rassismus plötzlich okay ist. Wer angesichts der Kölner Attacken überlegt, ob rassistische Verallgemeinerungen vielleicht doch okay sind, war schon vorher Rassist und hat sich bloß nicht getraut, das zu kommunizieren.“

Doch es ist der Mensch nun einmal, wie Kant wußte, aus krummem Holz geschnitzt. Nachdem der Franzos zum dritten Male vom Deutschen überfallen ward und vorher wiederum der Welsche sich von Zeit zu Zeit in den deutschen Fürstentümern breitmachte und das schöne Heidelberger Schloß brandschatzend zum resteromantischen Fragment ramponierte, wurden beide Seiten hinreichend mißtrauisch. Es brauchte lange, bis sich das Denken öffnete. Solche Haltung, wie Lobo sie sich wünscht, erfordert ein hohes Maß an Gespür, Takt und Phronesis. Und es zeigt sich allemal: moralisches Verhalten lernt man sehr früh, meist in den Kinderjahren – da könnt man jetzt den Kohlberg und den Piaget nehmen und nennen. Oder eben man lernt sie gar nicht bzw. halbherzig, instrumentell. Danach ist es für die meisten zu spät. Aber das ist wiederum ein anderer Aspekt, der gleichwohl aber mit dieser Gewalt in Köln und anderswo sowie mit dem Medialen korrespondiert. Phronesis auch in den Textlektüren und in den Interpretationen. (Schopenhauer wußte für die Königsdisziplin der Philosophie, die Ethik, zumindest dies: wäre sie in der Philosophie akademisch lehrbar, so müßten insbesondere die Philosophen die tugendhaftesten sein, die beständig nach moralischen oder ethischen Grundsätzen handelten. Aber der Mensch ist eben aus krummem Holz. Und so wandte Schopenhauer sich der Willensmetaphysik zu.)

Bei aller Empörung und bei aller berechtigten Wut über das, was in Köln und in anderen Städten geschah, sollte nicht ganz vergessen werden, daß sich die meisten Männer, und insbesondere viele von denen, die nun entsetzt tun, um die alltäglichen sexuellen Übergriffe, um Gewalt und Vergewaltigungen in der Ehe und auch anderswo ansonsten wenig scheren. Gleiches gilt für die Übergriffe auf die Unterkünfte der Flüchtigen, die momentan an der Tagesordnung sind. Wäre ebenfalls ein Thema, das nicht nur plätschernd in die Öffentlichkeit gehörte. Das wie auch die eigentümlichen Relativierungen mancher sind die zwei Seiten der einen Medaille.

Sich nicht von den eigenen Vorurteilen in Handeln und Denken bestimmen zu lassen, ist nicht immer ganz einfach. Ich vermute, es wird den wenigsten gelingen. Meist ist es bequemer, sein Gegenüber erst einmal zu labeln.

Die beiden Themen, die etwas unter den Tisch fielen, waren die Messerattacke auf einen Politiker von „Die Linke“ in Wismar. Er wurde von einem Rechtsradikalen angegriffen und beschimpft. Und die Schüsse auf ein Flüchtlingsheim im hessischen Dreieich, wo eine vermummte Gestalt mit einer Handfeuerwaffe sechs bis siebenmal hineinschoß und einen Menschen verletzte. Man kann und soll Bedrohungen nie gegeneinander ausspielen. Doch diese Themen gehören sehr wohl zusammen.

Aber im Rauschen des Medialen ist es nun einmal so: zwischen Twitter, Facebook, Blogs und Online-Zeitungen fließen die Themen und Bezüge vorbei, nur weniges sticht heraus und bleibt hängen. Der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ im Zeichen der Nachrichtenvielfalt. Wie schrieb es Karl Valentin: „Es ist doch erstaunlich, daß jeden Tag genau so viel passiert, wie in die Zeitung paßt.“